20 Jul 2008

Achim Ritzmann

1 Kommentar Interviews

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Geld gibt es ja bekannt­lich genug - doch irgend­wie scheint es zu sel­ten bei denen anzu­kom­men, die es wirk­lich am meis­ten brau­chen… elargio.de sam­melt Geld für gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tio­nen - und zwar auf eine beson­dere Weise: Jeder kann über die Web-Plattform eine aus­schrei­ben. Bei­spiels­weise wenn man einen Mara­thon läuft, eine Party fei­ert - oder sich etwas Außer­ge­wöhn­li­che­res ein­fal­len lässt. Andere kön­nen über die Platt­form wie­derum spen­den - und elar­gio sorgt dann dafür, dass diese Spen­den an ent­spre­chende Orga­ni­sa­tio­nen wei­ter gelei­tet wird. Wie es zu der Idee kam, was die bei­den Grün­der Achim Ritz­mann und Tho­mas Stolze zu ihrem risi­ko­rei­chen »Social Star­tup« bewegt hat - und wie elar­gio unsere Welt ein biss­chen bes­ser machen kann, könnt ihr im fol­gen­den Inter­view lesen…

Für eine bes­sere Welt: Wie ist die Idee zu elar­gio ent­stan­den?
Ritz­mann: Wir hat­ten einige Ideen, wie man im Bereich NGO, und Mar­ke­ting etwas Neues machen könnte – auch mit Hilfe des Inter­net. Wir haben also viele Ideen durch­ge­spielt und ver­wor­fen, weil sie nicht umsetz­bar und prak­ti­ka­bel waren. Schließ­lich sind wir auf die Idee des indi­vi­du­el­len Fund­rai­sings gesto­ßen, wie wir es mit elar­gio anbie­ten, und waren über­zeugt, dass das funk­tio­nie­ren wird.

Für eine bes­sere Welt:
Und hat­tet ihr dafür Vor­bil­der?
Ritz­mann: Ja, das hat­ten wir. Eine eng­li­sche Firma hatte damit ange­fan­gen: just­gi­ving (www.justgiving.com). Ähnli­che Platt­for­men gibt es mitt­ler­weile auch in Ame­rika, Aus­tra­lien und Neu­see­land – also über­all im englisch-sprachigen Raum.

Für eine bes­sere Welt: Wel­che Ziele und Visio­nen habt ihr für die Zukunft von elar­gio? Und was könnte das gesell­schaft­lich bewir­ken?
Ritz­mann: Eine schöne Frage, auf die man viele schöne Sachen ant­wor­ten kann. Rea­lis­tisch gese­hen wären wir froh, wenn sich das Enga­ge­ment in den nächs­ten Jah­ren in Deutsch­land eta­bliert – in wel­cher Form auch immer. Auch in einer ganz ein­fa­chen und für jeden mög­li­chen Form, etwa über den Sport. Ein Bei­spiel: Jeder, der in Deutsch­land einen Mara­thon läuft, kann über elar­gio dar­aus eine Aktion machen und Spen­den­gel­der für NPOs sam­meln.
Gleich­zei­tig wür­den wir uns natür­lich freuen, wenn elar­gio das Enga­ge­ment ganz all­ge­mein mehr in den Fokus rückt, sodass es noch mehr hono­riert wird. Ob das nun Leute sind, die einen Mara­thon lau­fen oder für den Welt­frie­den knut­schen, für ein Jahr nach Indien gehen, um dort ehren­amt­lich tätig zu sein, oder jeden Sams­tag im Alten­heim unter­wegs sind. Wenn wir das errei­chen, dann ist schon sehr viel geschafft.

Für eine bes­sere Welt: Das würde natür­lich auch bedeu­ten, dass sich auf der ande­ren Seite – auf der der Spen­der näm­lich – etwas tut, oder? Schließ­lich es muss ja min­des­tes so viele Spen­der wie Enga­gierte geben.
Ritz­mann: Ja, wobei man nicht sagen kann, dass wir Deut­sche wenig spen­den. Aber das Spen­den ist noch etwas ungleich inner­halb der Gene­ra­tio­nen ver­teilt und meist auch noch an den Dau­er­spen­der gebun­den. elar­gio ver­sucht daher – durch den Kon­takt zwi­schen Spen­der und Akti­vis­ten – neue Schich­ten zu errei­chen und zu begeis­tern. Näm­lich, dass jeman­den mit Spen­den zu unter­stüt­zen genauso Spaß machen kann, wie etwas ande­res zu leisten.

Für eine bes­sere Welt: Wie sichert ihr eigent­lich, dass die Spen­den auch tat­säch­lich da lan­den, wo sie auch hin­kom­men sol­len?
Ritz­mann: Alle Spen­den, die bei uns ein­ge­hen, wer­den gesam­melt und ein­mal im Monat als Sam­mel­über­wei­sung an die jewei­lige Orga­ni­sa­tion wei­ter gelei­tet. Zum einen bekom­men die Orga­ni­sa­tio­nen eine Abrech­nung und zum ande­ren wer­den wir am Ende des Jah­res von Wirt­schafts­prü­fern kon­trol­liert. Drit­tens haben wir einen Bei­rat, der uns nicht nur all­ge­mein unter­stützt und berät, son­dern auch für Sicher­heit und Serio­si­tät steht. Vier­tens sind wir Mit­glied im Deut­schen Spen­den­rat und haben daher eine Reihe von Ver­pflich­tun­gen unter­schrie­ben. Und fünf­tens wer­den wir gege­be­nen­falls das DZI-Spendensiegel beantragen.

Für eine bes­sere Welt: Stich­wort Geld und Finan­zie­rung – wie finan­ziert sich das Pro­jekt eigent­lich?
Ritz­mann: elar­gio hat eine Anschub­fi­nan­zie­rung durch pri­vate Geld­ge­ber erhal­ten, soll sich aber in Zukunft durch die Ein­nah­men von Wer­bung, Spon­so­ring und die Ein­bin­dung von Unter­neh­men in Aktio­nen – Stich­wort Cor­po­rate Social Respons­e­bi­lity – finanzieren.

Für eine bes­sere Welt: Wie defi­niert ihr euch: Seid ihr eine NPO, NGO oder Social Entre­pre­neurs?
Ritz­mann: Wir sind ganz klar Social Entre­pre­neurs. Wir wol­len weder als Nicht-Regierungsorganisation wahr­ge­nom­men wer­den, noch mit den vie­len Initia­ti­ven, Orga­ni­sa­tio­nen und Ver­ei­nen in Kon­kur­renz tre­ten, die es in Deutsch­land gibt. Wir sind quasi ein Service-Provider. Auf der einen Seite für Orga­ni­sa­tio­nen, denen wir eine Pro­jek­ti­ons­flä­che für Enga­ge­ment anbie­ten. Auf der ande­ren Seite für jeden Ein­zel­nen, der sich hier dar­stel­len und Spen­den sam­meln möchte.

Für eine bes­sere Welt: Euer Kon­zept basiert ja sehr stark auf dem Web 2.0. Wel­che Bedeu­tung hat es für Social Entre­pre­neure, wel­che Poten­tiale bie­tet es und sind sie schon alle erkannt?
Ritz­mann: Ganz all­ge­mein gibt es durch das Inter­net – ob man es nun 1.0, 2.0 oder X nennt – natür­lich mehr Mög­lich­kei­ten. Wir sind bes­ser ver­netzt, wir kön­nen mit einer rela­tiv güns­ti­gen Tech­nik bun­des­weit agie­ren und so wei­ter. Den­noch ist es nicht ganz ein­fach, nach­hal­tige Struk­tu­ren im Web auf­zu­bauen. Viele Men­schen haben noch Berüh­rungs­ängste gegen­über Dienst­leis­ter im Bereich Spen­den – da liegt noch viel Über­zeu­gungs­ar­beit vor uns

Für eine bes­sere Welt: Warum sind Dienst­leis­ter wie elar­gio not­wen­dig? Haben die NGOs die Poten­tiale des Web noch nicht erkannt?
Ritz­mann: Viele Orga­ni­sa­tio­nen haben das schon erkannt, einige set­zen dies auch schon um. Aber es gibt hier zwei Punkte, die man beach­ten muss: Auf der einen Seite ist es eine Frage des Bud­gets. Wenn Sie die gro­ßen Orga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land neh­men, eine der Top 5, dann ist es für sie über­haupt kein Pro­blem, so etwas selbst umzu­set­zen. Doch kleine Orga­ni­sa­tio­nen kön­nen das schlicht nicht leis­ten. Eine Seite wie elar­gio auf­zu­zie­hen – mit der Admi­nis­tra­tion, der Tech­nik, den Sicher­heits­as­pek­ten und vie­lem mehr – kos­tet viel Geld. Außer­dem muss eine sol­che Platt­form betrie­ben und ver­mark­tet wer­den. Das könn­ten die Tau­sende von klei­nen Orga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land nicht leis­ten. Für sie ist elar­gio die ideale Ergän­zung.
Aber auch für große NGOs ist es immer noch die Frage, ob sie etwas wie elar­gio alleine auf ihrer Web­site anbie­ten. Denn die Men­schen, die sich enga­gie­ren möch­ten – gerade wenn es um Unbe­kannte oder Dritts­pen­der geht –, lan­den nicht unbe­dingt auf einer x-beliebigen Web­site. Son­dern die lan­den auf der Web­site, auf der sich alle tum­meln. Letzt­lich pro­fi­tie­ren alle ange­schlos­se­nen Orga­ni­sa­tio­nen von einer zen­tra­len Platt­form, weil die Mul­ti­pli­ka­tion viel höher ist. Das ist wie bei Stu­die VZ oder Youtube. In diese Rich­tung wol­len wir mit elar­gio auch.

Für eine bes­sere Welt: Sie haben vor­hin Wert dar­auf gelegt, als wahr genom­men zu wer­den. Warum?
Ritz­mann: Mir ist die Abgren­zung zu NGOs wich­tig, weil wir keine imple­men­tie­rende Orga­ni­sa­tion im klas­si­schen Sinne sind. Das heißt wir sam­meln Geld, um damit andere Orga­ni­sa­tio­nen zu unter­stüt­zen, imple­men­tie­ren selbst aber kei­ner­lei Pro­jekte. Das heißt auch, dass eine Orga­ni­sa­tion als gemein­nüt­zig aner­kannt sein muss, um Mit­glied bei elar­gio wer­den zu kön­nen. Wir ver­ste­hen uns also schon als Unter­neh­mer im wei­tes­ten Sinne, die hier eine Dienst­leis­tung anbie­ten.
Wir sehen, dass wir in gewis­ser Weise unter­neh­me­risch auf­tre­ten müs­sen, denn eine Platt­form wie elar­gio muss finan­ziert wer­den. Es sind Anfangs­in­ves­ti­tio­nen nötig – auch mit einem hohen unter­neh­me­ri­schen Risiko – und es sind wei­tere Geld­mit­tel nötig, um sie am Lau­fen zu halten.

Für eine bes­sere Welt: Es gab im Juli 2008 zum ers­ten Mal das Social Camp in Ber­lin, die Internet-Experten und NGOs zusam­men brin­gen wollte. Wür­den Sie sagen, dass diese Ver­an­stal­tung doku­men­tiert, dass es mitt­ler­weile eine neue Gene­ra­tion von Social Entre­pre­neurs im Web gibt?
Ritz­mann: Ja, das kann man sehen. Es war gut, diese Ent­wick­lung im Social Camp zu orga­ni­sie­ren. Die Ver­an­stal­tung war sehr pro­duk­tiv und hat deut­lich gemacht, wie viele Men­schen sich mit Hilfe des Net­zes enga­gie­ren. Es ist sehr schön zu sehen, was da alles ent­steht und man kann nur hof­fen, dass das Netz auch in Zukunft die­sen Initia­ti­ven noch genug Raum las­sen und genug Unter­stüt­zung brin­gen wird. Hier sind natür­lich auch die Unter­neh­men und die öffent­li­che Hand gefor­dert. Sie soll­ten sich die­sem neuem Bereich etwas genauer wid­men und schauen, was hier an Kul­tur, Ideen, aber auch an tat­säch­li­cher Wirt­schafts­kraft ent­steht. In der Poli­tik ist – ganz all­ge­mein gespro­chen – noch nicht ange­kom­men, dass es hier neue Unter­neh­mer gibt, die gesell­schaft­li­che Anlie­gen unter­stüt­zen und för­dern möch­ten. Eine Ent­wick­lung, die sich der Staat ja nur wün­schen kann. Bei allen Dis­kus­sio­nen um frem­den­feind­li­che, por­no­gra­fi­sche und ande­ren pro­ble­ma­ti­schen Inhal­ten im Netz kann man ja heil­froh sein, dass es Hun­derte gibt, die das Netz nut­zen, um die Gesell­schaft ein Stück lebens­wer­ter zu machen.

Für eine bes­sere Welt: Ein schö­nes Schluss­wort. Vie­len Dank für das Gespräch!

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Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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Eine Antwort to “Achim Ritzmann”

  1. Grüner Typ
    AntwortenSocial Startups « Für eine bessere Welt says:

    […] Es gibt noch etli­che wei­tere – bei­spiels­weise weltretter.org oder eben auch die vie­len Vor­bil­der aus dem angel­säch­si­schen Raum, wie etwa i-genius.org, wearewhatwedo.org, amazee.com oder justgiving.org. Zumin­dest hier­zu­lande ver­ste­hen sich die meis­ten jedoch kei­nes­wegs als NGO oder NPO – son­dern als das, was man im Neu­deut­schen „Social Entre­pre­neurs“ nennt. Also Unter­neh­mer, die die Umsatz- und Gewinn­ma­xi­mie­rung nicht als ein­zi­ges und allem ande­ren vor­ran­gi­ges Unter­neh­mens­ziel erken­nen, son­dern mit ihrer Unter­neh­mung genauso die Lösung sozia­ler, gesell­schaft­li­cher Pro­bleme anstre­ben. Noch steht die Finan­zie­rung die­ser „Social-Web-Services“ in der Regel noch nicht auf wirk­lich siche­ren Füs­sen – aber es gibt eine Reihe von Finan­zie­rungs­kon­zep­ten, die sinn­voll und mach­bar erschei­nen. In den kom­men­den Tagen und Wochen wer­den wir die Inter­views ver­öf­fent­li­chen, die wir mit den Grün­dern und Machern geführt haben. Ein ers­tes mit Achim Ritz­mann von elar­gio fin­det ihr hier. […]

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