26 Mai 2010

Buchtipp: Blackwater - Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt

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Jeder kennt die­ses ver­schro­bene und etwas nebu­löse Bild des Söld­ners, der für ein paar Scheine eine Waffe in die Hand nimmt und in den zieht. Töten als Dienst­leis­tung sozu­sa­gen. Eine Stei­ge­rungs­stufe sind die kom­plett pri­vat orga­ni­sier­ten Armeen der Welt die von den Regie­run­gen (genau genom­men den dahin­ter ste­hen­den Kon­zer­nen) bezahlt und in den Krieg geschickt wer­den, um ihre »Ange­le­gen­hei­ten« zu regeln. (Xe) ist eine die­ser Pri­vat­ar­meen mit der Lizenz zu töten. Dabei scheint es keine Rolle zu spie­len, wo die Ursa­chen für die Waf­fen­gänge lie­gen, wer Schuld daran ist und wer viel­leicht unschul­dig. Auf­trag ist Auf­trag. Haupt­sa­che die Kasse stimmt. In sei­nem Buch »Black­wa­ter - Der Auf­stieg der mäch­tigs­ten Pri­vat­ar­mee der Welt« erzählt Jeremy Sca­hill die Geschichte des Söld­ner­kon­zerns der in nur weni­gen Jah­ren trau­rige Berühmt­heit erlangte.

Als ich vor eini­gen Jah­ren in einem Film hörte, wie jemand die Theo­rie ver­trat, dass irgend­wann keine Län­der mehr gegen­ein­an­der Krieg füh­ren wer­den - son­dern nur noch große, welt­weit ope­rie­rende Kon­zerne - war das für mich eine ganz neue Dimen­sion poli­ti­scher (vor allem mili­tär­po­li­ti­scher) Zusam­men­hänge. Gut, dass ist bereits über 30 Jahre her und die Rea­li­tät hat die Fan­ta­sie mehr als ein­ge­holt. Nicht, dass nicht zu allen Zei­ten Kriege ledig­lich klei­nen Krei­sen dien­ten… Es ging um Macht, um Ein­fluss und um Geld - so wie es ja immer um diese drei Fak­to­ren zu gehen scheint, wenn der gesunde Men­schen­ver­stand nicht mehr hin­ter­her kommt.  Da die Regie­run­gen und gro­ßen Ver­wal­tun­gen der Staa­ten­bünde wie der EU nicht wirk­lich sou­ve­rän, son­dern in Abhän­gig­keit gro­ßer Kon­zerne han­deln, wun­dert es über­haupt nicht, dass nicht nur die Poli­tik heut­zu­tage von pri­vat­wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen nur Weni­ger anhän­gig ist, son­dern selbst  Sol­da­ten einer »Com­pany« ange­hö­ren kön­nen. Mit­ar­bei­ter einer Firma. Einem Pri­vat­un­ter­neh­men - wie Black­wa­ter (seit 2009 Xe). In nur weni­gen Jah­ren wurde aus einem klei­nen Söld­ner­un­ter­neh­men ein mili­tä­ri­scher Riese, fähig ganze Regie­run­gen im Allein­gang zu zertrampeln.

Der 10. Sep­tem­ber 2001 - ein neur­al­gi­sches Datum
Was für ein Zufall. Einen Tag vor dem Angriff auf World Trade Cen­ter und Pen­ta­gon, rief der dama­lige - gerade frisch geba­ckene - Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter , in einer sei­ner ers­ten Reden unter der George W. Bush-Administration dazu auf, sich gegen die »Büro­kra­tie im Pen­ta­gon« zu ver­wen­den. Er sprach zu jenen Füh­rungs­kräf­ten im Pen­ta­gon, die für die Ver­gabe der äußerst lukra­ti­ven Auf­träge an Pri­vat­un­ter­neh­men zustän­dig waren. Was war damit gemeint? Rums­feld beschrieb diese Büro­kra­tie als einen Feind, sit­zend »in einer der welt­weit letz­ten Bas­tio­nen zen­tra­lis­ti­scher Pla­nung…« Alles klar? Man braucht nur 1 und 1 mit­ein­an­der zu ver­bin­den und schon wird deut­lich, wo der Hase lang wollte. Die von Rums­feld aus­ge­ru­fene Dok­trin zur stär­ke­ren Ein­bin­dung der Pri­vat­wirt­schaft in die ame­ri­ka­ni­sche Kriegs­füh­rung diene ledig­lich dem Schutz des Pen­ta­gons vor sich selbst. Über­setzt: Je stär­ker die­ser pri­vat­wirt­schaft­li­che Ein­fluss ist, desto bes­ser für alle.

Nur einen Tag spä­ter, am 11. Sep­tem­ber, konnte er sei­nen Ver­laut­ba­run­gen Taten fol­gen las­sen. Die gesamte Poli­tik des Pen­ta­gons wurde nun ver­stärkt auf den »Pri­vat­sek­tor, ver­deckte Ope­ra­tio­nen, neu­este Waf­fen­sys­teme sowie den ver­mehr­ten Ein­satz von Son­der­ein­hei­ten und pri­va­ten Dienst­leis­tern« aus­ge­rich­tet. Ganz Ame­rika befand sich nun in einem glo­ba­len »Krieg gegen den Ter­ror«. Ein prak­tisch gren­zen­lo­ser und nie enden wol­len­der Krieg, wenn man wollte - und man wollte natür­lich. Die große Stunde für eine zunächst wenig bekannte Firma aus North Caro­lina: Black­wa­ter . Sym­pa­thi­scher Name, oder? Was dann folgte, war der bei­spiel­lose Auf­stieg von einer nicht allzu bedeu­ten­den Sicher­heits­firma - die sich bereits im ers­ten Golf­krieg und wäh­rend des Bal­kan­kon­flikts erste »Spo­ren ver­dient« hatte - zu einem mili­tä­ri­schen Rie­sen der welt­weit die Keule schwin­gen durfte - und das straffrei.

Gegrün­det wurde Black­wa­ter von einem gewis­sen Erik Prince, einem Mul­ti­mil­lio­när, der bereits die Wahl­kämpfe von George W. Bush unter­stützt hatte. Heute mischt das Unter­neh­men in diver­sen Krie­gen und ver­deck­ten Ope­ra­tio­nen mit. Autor Jeremy Sca­hill beschreibt in sei­nem Buch Auf­stieg und Wer­de­gang der Söld­ner­or­ga­ni­sa­tion, nennt Unter­stüt­zer und Pro­fi­teure. Denn eins lässt sich sagen, seit 2001 wuchs Black­wa­ter stän­dig wei­ter und das natür­lich dank der lukra­ti­ven poli­ti­schen Ent­wick­lung weltweit.

Ultima Ratio?
Krieg wird oft als eine Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln bezeich­net, als letzte Lösung, wenn nichts mehr geht und alle ande­ren Stri­cke geris­sen sind. Tat­säch­lich ist es ein Geschäft; ein sehr Gewinn­brin­gen­des noch dazu. So wun­dert es nicht, dass durch die Pri­va­ti­sie­run­gen der Armeen Krieg nicht als letz­ter Aus­weg betrach­tet wird, son­dern als erste Option. Je mehr Krieg desto bes­ser. Desto mehr Geld fließt schließ­lich in die Kas­sen der , die sich wie­derum bes­ser aus­rüs­ten und dann noch »attrak­ti­ver« in kom­mende Ver­trags­ver­hand­lun­gen gehen können.

Als im Herbst 2007 in Bag­dad von Black­wa­ter 17 Zivi­lis­ten auf offe­ner Straße erschos­sen wur­den, hör­ten viele Men­schen zum ers­ten Mal von jener maro­die­ren­den Sol­da­teska die im Auf­trag der ame­ri­ka­ni­schen Regie­rung hier ihr blu­ti­ges Geschäft ver­rich­tete. Bis heute wurde nie­mand zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen, gewährte das US-Verteidigungsministerium Schutz vor straf­recht­li­cher Ver­fol­gung. Ultima Ratio? Oder ein­fach nur Kal­kül? Denn eine die quasi unter Immu­ni­tät ope­rie­ren kann und kei­ner ande­ren öffent­li­chen Stelle gegen­über Rechen­schaft schul­dig ist, kann sich im Kriegs- und Kri­sen­sze­na­rio alles erlau­ben. Ein Prä­ze­denz­fall also, der zeigt, wie stark der Ein­fluss der Poli­tik tat­säch­lich ist. Auf die Ver­ant­wort­li­chen »pri­vat­wirt­schaft­li­chen« Akteure war­tet also keine Strafe, son­dern ledig­lich ein gro­ßer Scheck und die Gewiss­heit in nächs­ter Zeit noch viel zu tun zu bekommen.

Die Geschäfts­leute des Krie­ges sehen - wie sollte es auch anders sein - ihre »Dienst­leis­tun­gen« als Zei­chen des patrio­ti­schen Stol­zes. Dabei spielt das Hin­ter­fra­gen der Gründe und Ursa­chen keine Rolle. Hier wird nicht gezwei­felt, son­dern gehan­delt und das mit ethisch, stolz geschwol­le­ner Brust. Geg­ner ist natür­lich stets das Böse (und alle seine Freunde, oder Ver­däch­tige die zu Sym­pa­thi­san­ten die­ser Freunde wer­den könn­ten, oder Unbe­tei­ligte die viel­leicht die Motive der Sym­pa­thi­san­ten ver­ste­hen, oder…).

Lesen und Ärgern
Das Buch ist in jedem Fall sehr auf­schluss­reich und räumt mit anti­quier­ten Vor­ur­tei­len und Aus­re­den auf.  Gut und Böse, Recht und Unrecht sind gar nicht mehr so ein­deu­tig, wenn man weiß, dass von der jewei­li­gen Defi­ni­tion Mil­li­ar­den abhän­gen. Mil­li­ar­den für Men­schen die Kriege gut hei­ßen, zumin­dest aber schnell einen guten Grund zur Hand haben, um sie zu recht­fer­ti­gen. Am Bei­spiel Black­wa­ters kann man also auch ins­ge­samt die Ent­wick­lung der Pri­va­ti­sie­rung des Kriegs­hand­werks able­sen. Allein in knapp einem Jahr­zehnt wuchs hier ein hoch gefähr­li­ches Mons­ter heran, das dem wil­lig folgt der es gut bezahlt - und das in jede denk­bare Schlacht.

Je mehr man über Details erfährt und sich beginnt in die Welt der Kriegs­in­dus­trie hin­ein zu den­ken, desto mehr wirft dies wei­tere Schat­ten auch auf unsere Bereit­schaft Kriege zu füh­ren und dafür zu bezah­len. Deutsch­land, mit sei­nen knapp 2 Bil­lio­nen Euro Schul­den, aber auch das neue Europa des Lis­sa­bon Ver­tra­ges, zei­gen ganz unver­blümt, dass sie mit­mi­schen wol­len, wo auch immer der Geld­sack klim­pert. Wenn man sich den wirt­schaft­li­chen und sozia­len Zustand Euro­pas anschaut, die ja beide eher geeig­net sind Gewalt zu schü­ren als abzu­bauen; und wenn man dann noch über­legt, wie insta­bil eine über­schul­dete Welt nun mal ist, dann macht die unsee­lige Ver­mi­schung von Krieg, Staats­schul­den und Söldner-Interessen wirk­lich ärger­lich. Es gäbe so viele Pro­bleme zu lösen und es hat immer weni­ger den Anschein als wenn die Ver­ant­wort­li­chen der Natio­nen einen ande­ren Aus­weg wüss­ten (oder woll­ten) als  die Jungs aus North Carolina.

Taschen­buch: 400 Sei­ten
Preis: 11 Euro
Ver­lag: rororo; Auf­lage: 2 (1. Sep­tem­ber 2009)
ISBN-10: 3499624869
ISBN-13: 978-3499624865

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Geschrieben von
Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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