Prof. Julian Nida-Rümelin
1. Mai 2008 | Von marek | Kategorie: InterviewsEin Gespräch über zivilgesellschaftliches Engagement und die Bedeutung von Nichtregierungsorganisationen mit Prof. Julian Nida-Rümelin, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Europäischen Akademie der Wissenschaften sowie Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin, Kuratoriumsvorsitzender des Deutschen Studienpreises und 2001 und 2002 Kulturstaatsminister Mitglied der Bundesregierung.
Für eine bessere Welt: Was ist eigentlich Moral, bzw. Moralbewusstsein?
Prof. Nida-Rümelin: Einfach ist die Frage nicht zu beantworten. Ich glaube, man muss unterscheiden zwischen den Äußerungen, einschließlich Büchern und Aufsätzen zum Thema Moral und Ethik, und der Moral als ein Element unserer alltäglichen Praxis. Ganz unabhängig davon ob wir darüber reflektieren, äußern wir mit unserem Verhalten eine Vielzahl von wertenden Einstellungen. Dazu gehört das Akzeptieren von Normen und Regeln. Viele von diesen Normen und Regeln sind nirgendwo festgehalten, sondern sind Regeln die wir gewissermaßen implizit befolgen, die auch oft gar nicht einfach zu beschreiben sind.
Die Sprachphilosophie beschäftigt sich mit bestimmten konstitutiven Regeln, mit solchen sprachlichen Institutionen wie der des Versprechens. Also Sprechen oder jedenfalls Verständigung ist normativ. Ich gebe ein Versprechen heißt, ich gehe eine Verpflichtung ein. Aber was genau, unter welchen Bedingungen, in welchem Umfang das der Fall ist, ist gar nicht einfach zu beantworten. Es gibt gewissermaßen eine implizite Moralität, die sich in der Praxis äußert und das ist die eigentlich relevante, in meinen Augen. Und dann gibt es zweitens die Ebene des Redens über Moralität. Wenn das voneinander zu entkoppelt ist, wenn das Reden über Moralität den Charakter von Sonntagsreden annimmt oder von philosophischen Oberseminaren, und ohne Bezug zur Praxis bleibt, dann sehe ich das als Problem an.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt : Sie sprachen gerade vom impliziten Moralbewusstsein. Ist dies dem Menschen angeboren? Ist der Mensch an sich ein moralisches Wesen?
Prof. Nida-Rümelin: Wenn man unter dem Begriff Mensch jetzt die Spezies Mensch, die biologische Spezies Mensch, versteht, dann ist das schwierig zu beantworten. Dann muss man Anthropologen fragen, die dann Funde aus grauer Vorzeit heranziehen, um solche Fragen zu beantworten. Das kann ich gar nicht tun, da bin ich der Falsche. Wenn man Mensch in einem engeren Sinne versteht, nämlich als das Subjekt der Kulturgeschichte, einer überschaubaren Zeit, also da wo wir auf jeden Fall schriftliche Dokumente haben, nehmen wir mal das, dann spricht alles dafür, dass es keine jedenfalls uns bekannte Gesellschaft gegeben hat, die ohne Moralität existiert hat….
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt : Kann man also sagen, dass moralische Verhaltensrichtlinien überall ähnlich sind? Denn daraus ließe sich ja ableiten, dass es ein Grundverständnis gibt, egal in welcher Kultur wir aufwachsen, das uns Menschen zu eigen ist.
Prof. Nida-Rümelin: Ja, das ist natürlich ein ganz zentrales Problem. Eine zentrale Fragestellung, die auch von der Ethik sehr kontrovers diskutiert wird. Da ist das Stichwort Universalismus versus Partikularismus. Das sind die Moralitäten, die in den verschiedenen Kulturen und Gesellschaften zum Ausdruck kommen. Sind die jeweils gebunden an das Spezifische, an die spezifische Tradition, an die vielleicht auch sozial-ökonomischen Bedingungen in denen sie entstehen? Oder gibt es, unabhängig von der starken Varianz auf der Oberfläche, eine tiefer liegende Gemeinsamkeit? Ich tendiere, ich bin da sehr vorsichtig weil es letztlich eine empirische Frage ist, zu der Auffassung dass die Gemeinsamkeiten auf einer etwas tiefer liegenden Ebene auffälliger sind als die Unterschiede. So gibt es zum Beispiel in uns allen bekannten Kulturen die Institution des Versprechens, um noch mal dieses Beispiel zu nehmen.
Es gibt sehr große Unterschiede was die Gleichheitsvorstellungen angeht.
Aber in so gut wie allen uns bekannten Kulturen gibt es so was wie individuelle Rechte. Nicht im Sinne gleicher Menschenrechte, aber im Sinne von Ansprüchen die Einzelne an die Gemeinschaft und an Andere haben. Und eine wichtige Rolle spielt auch die Verständigung, jeweils in den moderneren Kulturen, über solche Ansprüche und Rechte. Das heißt, es gibt Konflikte und diese Konflikte werden nicht immer jeweils mit Gewalt gelöst und Macht, sondern oft auch mit dem Argument. Und das ist schon mal eine ganz wesentliche Gemeinsamkeit. Man könnte das jetzt mit dem philosophischen Terminus „Deliberative Charakter der Moralität“ bezeichnen. Das scheint mir weitgehend ein universelles Eigenmerkmal zu sein und kein Phänomen der europäischen Aufklärung.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Ich weiß nicht, ob es auch in Ihren Wissensbereich hinein fällt: In manchen Situationen sehen wir ja im Fernsehen wirklich großes Leid und fühlen uns nicht angesprochen. Wir sind vielleicht betroffen, fühlen uns aber nicht berufen wirklich was zu tun, zu helfen und uns zu engagieren. In anderen Fällen, wie bsp. der Tsunami-Katastrophe oder auch wenn hier irgendwo etwas direkt vor unserer Nase auf der Straße passiert, fühlen wir uns angesprochen und werden vielleicht auch aktiv. Was ist denn der Unterschied? In welchen Situationen handeln wir und in welchen nicht.
Prof. Nida-Rümelin: Ja, das sind eher Fragen nach der Empirie. Dafür bin ich in der Tat kein Experte. Ich kann da auch nur Vermutungen äußern. Durch die mediale Situation in der wir heute leben, werden wir mit einer Vielzahl von Notsituationen, mit oft unermesslichem menschlichem Leid, auch quantitativ in der Zahl der Betroffenen, praktisch täglich konfrontiert: Terroranschläge, Erdbeben u.s.w. Es würde jede einzelne Person völlig überlasten, wenn sie zu all diesen Informationen was menschliches Leid und Hilfsbedürftigkeit angeht persönlich reagieren wollte. Das heißt: Ein gewisser Abstumpfungseffekt durch die massenmediale Situation ist überlebensnotwendig.
Das ist ein Unterschied zu früheren Zeiten, in denen das Leid was man erfahren hat in der Regel ein Leid war im Nahbereich. Das heißt, man hat davon Kenntnis genommen und wusste dann auch, kann ich helfen oder kann ich es nicht. Jedenfalls war das auch eine überschaubare Anzahl von Fällen, außer vielleicht im Dreißigjährigen Krieg und bei ähnlichen, menschlichen Katastrophen. Das hat sich jetzt durch die Informationslage natürlich grundlegend verändert. Man könnte ja meinen, was man immer auch noch mal liest, in Artikeln und auch in philosophischen Aufsätzen, zum Beispiel auch bei so bedeutenden Ethikern wie Hans Jonas, wir seien Nahbereichsethiker, eine Nahbereichsethik dominierte, d.h., wir kümmern uns um das Leid der uns Nahestehenden, vielleicht Familienmitgliedern und Freunden, aber nicht mehr um das der Fernstehenden. Das ist offenkundig empirisch falsch. Das ist ein interessantes Phänomen, weil es mit den Vorurteilen nicht leicht in Einklang zu bringen ist.
Sie haben ein Beispiel genannt, die Tsunami-Katastrophe betraf uns weitgehend fremde Kulturen. Gut, manche haben dort vielleicht mal Urlaub gemacht, in Ostasien und Südasien. Die Bindungen waren recht schwach, trotzdem war das Spendenaufkommen ganz immens. Ich glaube auch nicht, dass das primär damit zu tun hatte, dass auch deutsche Urlauber davon im hohen Maße betroffen waren, sondern diese Katastrophe war so unfassbar, so jenseits jeder Norm und quantitativ so unglaublich groß, dass sich doch sehr viele persönlich angesprochen fühlten.
Terrorakte geschehen in der Regel nicht mit dem Ziel Menschen zu töten, die sie als Feinde empfinden oder als Repräsentanten einer Kultur die sie ablehnen, sondern die fundamentalistischen Terroristen kalkulieren auf das Medienecho. Das heißt, der Terrorakt selbst macht nur Sinn, wenn das Medienecho eintritt. Und die Medien spielen da mit. Das setzt allerdings voraus, dass die Menschen immer noch entsetzt sind. Und dieses Entsetzen variiert sehr häufig offenkundig nach Zahlen. Das heißt, ein zwei Opfer fordernder Anschlag schafft es kaum in die Schlagzeilen. Der vierzig Personen, hundert oder zweihundert Menschenleben opfernde Anschlag der schafft es. So dass die Tatsache offenbar einen wesentlichen Unterschied macht, ob es eine Naturkatastrophe ist, Tsunami ist ein Beispiel dafür. Aber wenn solch eine Naturkatastrophe, ein Erdrutsch oder so etwas ein paar Tote fordert, sind die Menschen weniger entsetzt als wenn ein Anschlag die gleiche Anzahl Toter fordert. Das heißt, hier wird offenbar auch nach Ursachen stark entschieden und ich meine sogar zu Recht, weil es einen Unterschied ausmacht, ob anonym Todesfälle aufgelistet werden von denen ich weiß, es gibt keinen personell Verantwortlichen oder ob von Morden oder jedenfalls Totschlag, Tötungen von Menschen an Menschen berichtet wird Das macht einen Unterschied aus – auch wenn das Leid der Betroffenen gleich groß sein mag.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Wobei es ja dann auch wieder Beispiele gibt wie mit diesem Kind das da verschwunden ist aus diesem portugiesischen Ferienlager. Da ging es ja eigentlich „nur“ um einen einzelnen Menschen und trotzdem gibt es ein riesiges Echo und Hilfsbereitschaft.
Prof. Nida-Rümelin: Das geht natürlich wieder in die Richtung Nahbereich, weil die Eltern so präsent in den Medien waren, dass die gewissermaßen zur Familie gehören - ich übertreibe etwas – zu uns vertrauten Personen wurden. Das Leid hatte ein Gesicht in Gestalt dieser beiden Eltern. Und da werden in uns wieder ganz andere Emotionen angesprochen.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt : Also gibt es praktisch die zwei Faktoren: Entweder es scheint uns persönlich zu betreffen, aus unserem näheren Umfeld, oder es hat ein solches Ausmaß, dass man ob der Größe der Katastrophe betroffen ist.
Prof. Nida-Rümelin: Ja. Das hängt natürlich leider auch sehr stark davon ab, ob Bilder da sind oder nicht. Lediglich der Bericht wirkt weniger, wenn nicht Filmmaterial das unterstützt. Das ist natürlich auch viel Irrationalität mit im Spiel. Das ist mir klar.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Was uns auch noch interessieren würde, das ist ja auch der Grundtenor unserer Serie: Lohnt es sich, sich für eine bessere Welt einzusetzen – und wie lohnt es sich, sich einzusetzen? Sie waren ja Kulturstaatsminister und damit auch in der Politik tätig. Was wir gern wüssten ist, wie würden Sie es aus Ihrer Erfahrung heraus einschätzen: Ist es sinnvoller sich in Nichtregierungsorganisationen zu engagieren also rein zivilgesellschaftlich oder würden Sie sagen, es ist sinnvoller und zielgerichteter sich in einer Partei einzubringen? Wenn man es gesamtgesellschaftlich betrachtet.
Prof. Nida-Rümelin: Ich glaube so ein „Entweder-Oder“ macht wenig Sinn, denn das hängt ja auch von den persönlichen Fähigkeiten und Interessen ab. Es muss ja passen zur eigenen Person. Es gibt Menschen die viel mehr bewirken können bei einer örtlichen Initiative, wo auch ihre persönliche Betroffenheit eine Rolle spielt. Die sich da auch entsprechend emotional einbringen. Und andere tun sich leichter, wenn sie die strukturellen Probleme versuchen in den Griff zu bekommen. Durch Gesetze zum Beispiel oder durch eine veränderte Politik.
Ich würde sagen, beides sollte man nicht gegeneinander ausspielen. Es gibt ja im Übrigen genug Menschen die auch beides machen. Auch bei mir hat das politische Engagement lange vor den Ämtern die ich innehatte (da tritt man ja dann in die Öffentlichkeit) immer eine Rolle gespielt im Leben. Ich habe mich auch wegen Umweltfragen, Energiepolitik und Friedensprojekten eingesetzt – ganz außerhalb von politischen Institutionen im engeren Sinne, auch Parteien. Ich bin da ein homo politicus. Ich sehe natürlich immer auch die politischen Verantwortlichkeiten, und deswegen halte ich eine bloße Beschränkung des Engagements auf das Außerpolitische, eventuell im Sinne von Anti-Parteien-Politik, für verfehlt. Als Transmissionsriemen spielen dann letztlich nun mal die Parteien in der Demokratie, jedenfalls in der parlamentarischen Demokratie eine wichtige Rolle. Und ganz ohne die kann es nicht gehen.
Aber ich würde das nicht gegeneinander ausspielen. Wenn jemand sagt, ich setze mich ein für Umweltprojekte aber die Umweltprojekte in den Parteien die interessieren mich eigentlich nicht, dann ist das völlig legitim.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Warum gibt es dann so etwas wie NGOs? Warum reichen Parteien nicht und welche Bedeutung hat dann so ein ehrenamtliche Engagement in unserer Gesellschaft?
Prof. Nida-Rümelin: Also, Parteien reichen auf keinen Fall! Man darf das weder unter- noch überschätzen, manche sagen, ach wäre das schön hätten wir keine Parteien, die stören irgendwie mit ihren Polemiken u.s.w. Das ist so eine Nostalgie, die besonders in Deutschland eine wichtige Rolle spielt, auch eine gewisse Politikfeindschaft des Bürgertums. Das hängt damit zusammen, dass die erste deutsche Demokratie, also die Weimarer Republik, nicht das Ergebnis eines bürgerlichen Aufbegehrens war, sondern das Ergebnis eines verlorenen Weltkrieges und eines Aufstands der Arbeiterschaft. Und das hat eine Distanz des Bürgertums gegenüber den demokratischen Institutionen mit sich gebracht, die bis heute nachwirkt. Und die nicht ungefährlich ist. Die Politik als schmutziges Geschäft – igitt, da macht man nicht mit.
Das ist die eine Fehlhaltung.
Die andere Fehleinschätzung, die nicht sehr weit verbreitet ist, wäre: Die Parteien allein reichten aus. Das auf keinen Fall, und zwar schon deswegen nicht, weil sich nur ein kleiner, winziger Prozentsatz der Bevölkerung wirklich politisch engagiert; das ist ein dünner Firnis. Mitglieder gibt es einige, aber engagiert sind davon höchstens zehn Prozent, eher weniger – mit fallender Tendenz in den letzten Jahren. Die Wenigen die aktiv sind, sind auch zeitlich mit einer Vielzahl von Themen so eingebunden, dass sie sich um einzelne Themen kaum mehr intensiv kümmern können, vor allem Politiker in Ämtern. Da hängt gewissermaßen das ganze politische System am Tropf der Anstöße von außen, der Informationen die ihnen gegeben werden. Auch die Betroffenheit der Menschen die unmittelbar mit der Sache zu tun haben, und nicht nur die distanzierte Betrachtung eines Problems, wie es in der Politik ja ab Landesebene aufwärts - in der Kommune ist es noch ein wenig anders – üblich ist.
Eine vitale Demokratie ist ohne dieses Ferment von Engagement außerhalb der Parteien nicht denkbar. Ich meine jetzt auch Vereine nicht nur Initiativen, bis hinein in ehrenamtliche Tätigkeiten auch für den Sport z.B. Das ist auch ein Ferment der Gesellschaft, ohne das ich mir eine vitale Demokratie nicht vorstellen kann. Wenn die Leute in erster Linie Konsumbürger sind, außerdem noch Wahlbürger und vielleicht noch Parteimitglieder wie ein kleiner Prozentsatz, dann ist das keine vitale Demokratie.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Auch stark verbunden mit diesem Thema „sich für eine bessere Welt einzusetzen“ ist, zumindest als Argument vieler die sich nicht engagieren, dass man das Gefühl hat, es gäbe so viele Probleme auf der Welt, dass man schlichtweg nichts dagegen tun könne. Würden Sie denn sagen, dass es sich lohnt? Also, sind wir in der Lage, diese Probleme zu bewältigen und ist da jeder Einzelne wichtig?
Prof. Nida-Rümelin: Wie hat sich das in den letzten Jahrzehnten entwickelt, denken Sie beispielsweise an den Bereich Umwelt, da tauchen in den 6oer Jahren Gruppen auf, vor allem in den USA, dann in Europa, die den Eindruck haben, dass die jetzige Art des Wirtschaftens und des Umgangs mit natürlichen Ressourcen unverantwortlich ist und unserer Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen nicht gerecht wird. Das man etwas tun muss. Das sind zunächst Gegenbewegungen, das sind Alternativbewegungen die sich zum Teil ja auch aus der Mehrheitsgesellschaft dann selber in radikaleren Formen heraus nehmen. Denken Sie an ökologische Landkommunen. Und die werden dann oft von der Mehrheitsgesellschaft belächelt, weil sie andere Stoffe tragen, weil diese ihnen ökologieverträglicher erscheinen.
Oder denken Sie an die Vegetarierer oder gar Veganer, die aus Rücksicht auf die Tiere eine andere Lebensweise pflegen. Und dann dauert das einige Jahre, manchmal Jahrzehnte - das kann man bedauern, dass das so lange dauert - und es wird auf einmal eine Bewegung daraus, die weite Teile der Bevölkerung erfasst. Also: Artgerechte Tierhaltung ist unterdessen ein Thema, was sehr viele auch in ihren Kaufentscheidungen berücksichtigen. Und die relative Stärke der Umwelttechnologien in Deutschland, wir sind in mancher Hinsicht sogar führend weltweit, denken Sie zum Beispiel an Windkraftwerke, erneuerbare Energien und Fotovoltaik-Anlagen auf den Hausdächern. Das ist undenkbar, ohne vorausgegangene Umweltbewegung, die oft gegen den Mainstream Themen hochgebracht hat, die den Menschen nachdenklich gemacht haben.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Engagement lohnt sich also, auch wenn man dabei einen langen Atem braucht?
Prof. Nida-Rümelin: Ja, Untersuchungen zeigen, dass die Bereitschaft zu längerfristigem Engagement zurückgeht. Nicht die Bereitschaft zum Engagement überhaupt, aber zu längerfristigem Engagement. Eine Art Kurzatmigkeit. Das ist die Gefahr, wenn dann irgendein Ziel nicht gleich erreichbar war, dann gibt man es eben auf oder kümmert sich nicht mehr darum. Diesen langen Atem, und NGOs haben Sie angesprochen, ich meine Amnesty International oder Transparency International und solche NGOs, die sind in vieler Hinsicht sehr erfolgreich – sind vor allem erfolgreich in der Bewusstmachung von Problemen. Sie sind nicht immer erfolgreich in der Durchsetzung von Strategien, aber in der Bewusstmachung von Problemen sind sie sehr erfolgreich.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Also auch wenn die Vertreter der NGOs – was ja oft kritisiert wird - nicht demokratisch gewählt wurden, ist es trotzdem eine wichtige Form, weil es organisiert ist und damit auch langfristig?
Prof. Nida-Rümelin: Ja genau. Amnesty ist ja sehr straff organisiert oder auch Greenpeace. Also Amnesty ist dezentral, Greenpeace ist zentralistischer organisiert, aber beide sind funktionierende Organisationen, die großen Wert darauf legen dass sie nicht von heute auf morgen zerfallen. Sonst hätten sie auch nicht diesen Erfolg weltweit.
Und das mit der mangelnden demokratischen Legitimation, das kann mich nun überhaupt nicht beeindrucken, denn es geht ja jetzt nicht darum, dass diese Organisationen für uns Entscheidungen treffen. Die Entscheidungen werden ja dann, hoffentlich jedenfalls, in den dafür legitimierten Instanzen getroffen. Also, wenn es um Änderungen von Gesetzen geht. Es ist eher umgekehrt. Auf der internationalen, auf der globalen Ebene, da gibt es so gut wie keine demokratische Legitimation. Die verschiedenen Verhandlungen, etwa bei der WTO (World Trade Organization), stellen sich keiner kritischen Weltöffentlichkeit, die das kommentiert, oder jedenfalls einer nur sehr schwach ausgeprägten. Und die Akteure die dort Verträge eingehen, die sind nur schwach kontrolliert durch die Parlamente. Aber ich kann das auch als ehemaliges Mitglied einer Bundesregierung sagen: Das ist nur begrenzt demokratisch legitimiert, was in solchen Organisationen am Ende vereinbart wird. Darin sehe ich eher das Problem.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Das sehe ich genauso.
Und gibt es denn Ihrer Meinung nach dann eine Pflicht sich für eine bessere Welt einzusetzen?
Prof. Nida-Rümelin: Sie meinen für jeden Einzelnen?
Für eine bessere Welt: Ja.
Prof. Nida-Rümelin: Nein. Denken Sie an die vielen Menschen, die gerade mit ihren persönlichen Problemen, die vielleicht gerade mit Kindererziehung und zugleich Berufstätigkeit, und allein stehend über die Runden kommen müssen. Denen allen aufzuerlegen, sich auch zu engagieren, das wäre, finde ich, unzulässig. Aber diejenigen die die Möglichkeit haben. Also, wer an einer vitalen Demokratie interessiert ist und daran interessiert ist, dass Zukunftsinteressen schon heute demokratisch berücksichtigt werden, der sollte sich engagieren. Der Markt allein ist zukunftsblind. Der Markt allein schafft das nicht und die Politik ist relativ kurzfristig angelegt.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Uns würde auch Ihre ganz persönliche Meinung noch interessieren : Wie sehen Sie die Zukunft? Also, sind Sie Optimist und sagen Sie, in unserer Demokratie wie sie sich mit Parteien, NGOs etc. gebildet und organisiert hat werden wir die Probleme auch meistern können? Oder würden Sie eher sagen: Man muss da auch dagegen ankämpfen, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das auch tatsächlich hin bekommen werden?
Prof. Nida-Rümelin: Also ein Optimist im Sinne von Erwartungen. Ich bin vom Naturell eher Optimist, ja. Aber ich sehe schon die Gefahr, dass die Globalisierung die wir gegenwärtig erleben und die auch viele positive Seiten hat, wenn wir zum Beispiel daran denken, dass China massiv die Massenarmut zurück fährt, sie ist immer noch extrem hoch, aber immerhin. Der Rückgang der Allerärmsten weltweit hat hauptsächlich mit China zu tun. In anderen Ländern ist das sehr schwach ausgeprägt. Und das hängt wiederum mit dem Erfolg der chinesischen Exportwirtschaft zusammen. Und das ist wiederum eine Folge der Globalisierung. Die Globalisierung hat also zweifellos auch Vorzüge und nicht nur für die, die damit unter Umständen viel Geld machen und große Firmen hoch ziehen, sondern auch für viele andere.
Trotzdem sehe ich das Risiko zumindest, dass die Nationalstaaten ihre Funktion als Rahmen demokratischer Entscheidungsfindung verlieren. Das haben sie zum Teil schon. Das der Ersatz durch so etwas wie die Europäische Union nicht funktioniert, da die Europäische Union zunehmend zu einer Freihandelszone verkommt. Das hängt jetzt von der weiteren Entwicklung ab. Die Neuaufnahmen haben das Problem eher noch mal zugespitzt. Es gab immer ein Problem mit Großbritannien, aber jetzt ist Polen auch gegen weitere Maßnahmen der stärkeren Integration der Europäischen Union und es müssen ja alle Mitgliedsländer mitgenommen werden. Also eine gewisse Gefahr der Degeneration der Europäischen Union zu einer rein markt- und wirtschaftsorientierten Gemeinschaft. Ich will jetzt den Teufel nicht an die Wand malen, aber diese Auflösung der demokratischen Institutionen durch einen globalen Markt der alle politischen Anstrengungen, Sozialstandards, Umweltstandards unterläuft und diejenigen belohnt, die möglichst niedrige Standards setzen, möglichst niedrige Steuern erheben, möglichst wenig für die öffentlichen Güter tun. Das wäre ein besorgniserregendes Szenario.
Das andere Szenario ist auch denkbar. Und als Optimist würde ich sagen, auch eine Spur wahrscheinlicher, dass nämlich die ersten Elemente einer kritischen Weltöffentlichkeit, da spielen die NGOs und andere Initiativen eine wichtige Rolle, schrittweise den Aufbau einer, was ich „Globale Zivilgesellschaft“ nenne, ermöglicht. Das heißt also Formen der globalen, internationalen Kooperation, und zwar nicht nur von Mensch zu Mensch, das ohnehin, sondern auch institutionell, durch Regeln. Das klingt jetzt sehr abstrakt, deshalb gebe ich ein Beispiel: Wenn man sich zum Beispiel nicht nur auf Zölle und Tarife verständigt, sondern auch auf Umwelt- und Sozialstandards, Verbot der Kinderarbeit, Produkte, die durch Kinderarbeit hergestellt werden, sind nicht exportfähig u.s.w., dann würde so etwas entstehen wie eine globale Zivilgesellschaft. Zivil meint jetzt einfach eine globale Bürgerschaft die Einfluss nimmt auf die Regeln des weltweiten wirtschaftlichen und sozialen Geschehens. Und ich hoffe mal, dass dieses zweite Szenario eine Chance hat sich gegen das erste Szenario durchzusetzen.
……………………………………………………………………………………………………………………………………
Für eine bessere Welt: Zum Abschluss nun noch eine Frage zu Ihrer persönlichen Arbeit im Bereich Ethik. Womit haben Sie sich denn da genau beschäftigt? Und gibt es Erkenntnisse, die in diesem Zusammenhang auch noch interessant wären?
Prof. Nida-Rümelin: In dem von mir konzipierten Handbuch „Angewandte Ethik“ (Kröner: Stuttgart 2005) geht es um das ganze Spektrum ethischer Kriterien, also von der Ökologie, Umweltethik, über Medizinethik, Tierethik – sogar zwei Kapitel -, Umgang mit Gentechnik, den Umgang mit den neuen Möglichkeiten mit menschlichen und nicht menschlichen Leben umzugehen, also dem Wert des Lebens, auch Gender-Ethik, dem Verhältnis der Geschlechter zueinander, Rechtsethik, politische Ethik. Es ist der Versuch, in diesen verschiedenen menschlichen Handlungsfeldern Kriterien zu entwickeln. Das ist nicht so einfach. Das kann nicht einfach die Philosophie machen. Die Philosophie kann für begriffliche Klarheit sorgen und sie kann bestimmte Grundkriterien entwickeln. Aber sie kann nicht im Einzelfall entscheiden, was ist richtig und was ist falsch. Das ist eine gesellschaftliche Sache. Da sind dann unter anderem auch wieder Initiativen, NGOs, Parteien, die Öffentlichkeit und die Bürger zu beteiligen. Aber einen gewissen Rahmen zu setzen für diesen Prozess, das ist das Ziel gewesen dieses Handbuches.
Für eine bessere Welt: Wir danken ganz herzlich für das Gespräch.
© Marek Rohde/Ilona Koglin 2007
Buchtipp
Angewandte Ethik
Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch
Alfred Kröner Verlag
Aktuelle Veröffentlichungen
Humanprojekt
Berlin: De Gruyter 2007
Neue Buchreihe herausgegeben von Detlef Ganten, Volker Gerhardt und Julian Nida-Rümelin.
Philosophie der Gegenwart
Stuttgart: Kröner 2007
Herausgegeben mit Elif Özmen, 3. neubearbeitete und aktualisierte Auflage.
Klassiker der Philosophie des 20. Jahrhunderts
Stuttgart: Kröner TB 2007
Herausgegeben mit Elif Özmen.
Website: Persönliche Website










