Krise oder Chance?

9. Oktober 2008 | Von ilona | Kategorie: Brennpunkt

krise_chance.jpg Die Angst geht um in Deutschland: Unser Geld scheint nicht mehr sicher. Wie sich in einer Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft von Menschen die Panik so richtig schön breit machen kann (sei sie berechtigt oder nicht) beleuchtet der HR2 in seiner Der Tag-Sendung “Keine Panik! – wie man Lemingen Beine macht” in seiner – wie immer – absolut unterhaltsamen und informativen Art. Doch mal abgesehen davon, ob uns die große Krise nun tatsächlich dräut oder nicht, so scheint mir die derzeitige Angst ums Geld auch in gewisser Weise wiederum den Grund der Krise überhaupt wieder zu spiegeln: Wir alle wollen Geld und wollen immer noch mehr und noch mehr – es aber auf gar keinen Fall verlieren! Diese Gier hat die Krise überhaupt erst heraufbeschworen. Diese Gier kann sie zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung machen.

Dabei könnten wir diese Krise auch als das sehen, was jede Krise zwangsläufig ist: als eine Chance. Eine Chance, um sich über das ein oder andere – was man in normalen Zeiten immer als so selbstverständlich hin nimmt – Gedanken zu machen. Zum Beispiel: Wie wichtig ist Geld wirklich? Und welche Rolle spielt es in unserem Leben? Und geben wir ihm eigentlich die richtige Priorität?

Geld sei nur etwas für Arme, meint der Autor und Filmemacher Erwin Wagenhofer in einem Interview anlässlich seines neuesten Films “Let’s Make Money” (wir haben übrigens ein Audio-Interview mit ihm dazu geführt): Einerseits für diejenigen, die wirklich kein Geld haben, und sich deshalb zwangsläufig sehr viele Gedanken darum machen müssen. Andererseits für diejenigen, die irgendwie – wie soll man sagen – arm an Phantasie und Weisheit sind. Denn sie beziehen den Sinn ihres Daseins und ihr Selbstwertgefühl mehr oder weniger nur aus dem Reichtum, den sie anzuhäufen versuchen.

Es ist keine Frage, dass man mit Geld eine ganze Menge wirklich guter Dinge bewegen kann: Menschen helfen, Leben retten, Zukunftschancen sichern. Aber die Frage, wie viel Geld und Konsum jeder Einzelne von uns eigentlich wirklich braucht, wird viel zu selten gestellt. Und nur wenige schaffen es, sich dem allgemeinen Gruppenzwang des exzessiven Konsums zu entziehen – oder gar die persönliche, geistige Weiterentwicklung der beruflichen Karriere (und dem Geldverdienen) überzuordnen.

Doch wie würde es aussehen, wenn es zum “Schlimmsten” kommt? Wenn das Ersparte futsch und die Wirtschaft am Boden ist? Wir (mein Mann und ich) haben uns neulich abends mal zu Gedankenspielen verleiten lassen: Würden wir es fertig bringen, Gemüse anzubauen, um uns selbst zu ernähren? Was könnten wir herstellen, wenn kein Mensch mehr Zeitschriften liest? Wie könnten wir unsere Nachbarschaft so organisieren, dass wir eine funktionierende Gemeinschaft zustande bringen, die sich selbst verwaltet, und in der sich die “Starken” um die “Schwachen” kümmern?

Nachdem wir unseren Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten und Nachbarn in diesem Gedankenspiel die unterschiedlichsten “Notfall”-Funktionen zugewiesen hatten, stellten wir fest: Ganz so grauenvoll und hoffnungslos erschien uns diese Fiktion nicht. Natürlich malten wir uns ein recht idealisiertes Bild aus – aber dennoch: Die Vorstellung von einer Welt, in der es wesentlich weniger bis gar nicht mehr darauf ankommt, wie viel oder wenig jemand “auf Tasch” hat – von einer Welt, in der die Menschen wieder enger zusammen rücken, weil sie nicht anders können – diese Welt hat uns doch irgendwie gefallen.

Es wäre eine Welt, in der jeder Einzelne wieder aufgerufen würde, im wahrsten Sinne des Wortes kreativ zu werden: Das Leben ließe sich nicht mehr nach 0815-Plan gestalten. Produkte gäbe es nicht mehr einfach so im Laden zu kaufen – die müsste man sich schon selbst ausdenken – übrigens eine Entwicklung, die bereits seit einiger Zeit von etlichen Menschen unter dem Motto “Eigenbau statt Massenproduktion” verfolgt wird.

Gedankenspiel hin oder her. Ob wir eine Krise – egal ob persönlicher oder, wie hier, gesellschaftlicher Art – als Chance begreifen können, hängt nicht zuletzt auch von unserer Lebenseinstellung ab. Werner Tiki Küstenmacher, der ja schon seit Jahren mit seiner “Simplify-your-Life“-Philosophie durch die Lande zieht, fragt: “Wie sähe Ihr Leben aus, wenn Sie mit Gewissheit auf das Gute in Ihrem Leben vertrauen könnten? Wenn Sie keine Sorgen und Ängste vor der Zukunft oder wichtigen Entscheidungen hätten? Würden Sie das Gleiche tun, dass Sie heute – jetzt gerade – tun? Würden Sie einen Laden eröffnen? Würden Sie woanders wohnen? Würden Sie sich Dinge zutrauen, vor denen Sie vielleicht sonst zurückschrecken würden? Und eine ganz wichtige Frage: Hätten Sie dann vielleicht sogar den Mut, weniger zu arbeiten und das Leben einfach mehr zu genießen?”

Fragen, die angesichts der aktuellen Situation zum einen angebracht, zum anderen aber auch provokant sind. Die uns aber unweigerlich dazu bringen, Abstand zu gewinnen und unser Augenmerk auf die Dinge zu lenken, die wir außer dem Geld so in unserem Leben haben. Dinge, Menschen, Beziehungen, Augenblicke die vielleicht viel wichtiger sind. Dieser Abstand könnte uns aber auch dazu bringen, mal zu überlegen, ob wir nicht jetzt – gerade in diesem Augenblick – jemandem helfen könnten, der unter genau diesen Umständen lebt, vor denen wir uns alle so sehr fürchten. Denn für viele ist die Krise schon längst Realität. Der – hauptsächlich von uns Industrieländern verursachte – Klimawandel sowie die – unter anderem durch Spekulationen – in die Höhe geschnellten Lebensmittelpreise haben Menschen in anderen Ländern schon längst in ein viel tieferes Elend gestürzt. Das sollten wir uns – bei aller Angst um die Zukunft – doch endlich vor Augen führen.

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