Geschichtsfenster öffnen
27. Juni 2008 | Von marek | Kategorie: Brennpunkt
Es ist eine turbulente Zeit in der wir leben. Eine widersprüchliche, verrückte und wohl auch gefährliche Zeit. Und doch, das kennt jeder von uns aus eigener Erfahrung, sind es gerade die Krisen und auf den ersten Blick noch schmerzlichen Momente im Leben, aus denen wir am meisten (über uns selbst) lernen und aus denen wir gestärkt hervorgehen können, um es beim nächsten Mal besser zu machen - wenn wir die Chancen die in ihnen liegen ergreifen.
Und so kann man förmlich spüren, wie jetzt immer mehr Menschen nach Alternativen suchen und auch neu Wege gehen möchten.
Wer sich auch nur einen kurzen Augenblick umschaut und sieht, was in der Welt geschieht, kann schnell den Mut verlieren – oder auch ziemlich wütend werden. Und zugegeben, die meisten Menschen, mit denen man spricht, reagieren genauso: Entweder sie ballen die Fäuste in der Hosentasche und überlegen, auf welchem Weg sie aktiv werden könnten, um sich gegen den Quell Ihres Ärgers und ihrer Ängste zur Wehr zu setzen. Oder sie ziehen den Kopf ein, geben sich dem vermeintlich Unvermeidlichen hin.
Kämpfen oder fliehen?
Der Mensch neigt dazu, sich – auch ohne Dazutun des Kopfes – bei Gefahr ganz instinktiv zu entscheiden: Sieht er die Gefahr als übermächtig an, flieht er. Muss er sich ihr stellen, wirft er sich ihr entgegen. Das steckt in ihm drin, schon seit er sich in Höhlen zurück zog, am Feuer saß und sich gemeinsam mit anderen zur Jagd aufmachte. Da denkt er nicht lange nach, sondern entscheidet intuitiv, innerhalb weniger Sekunden.
Bei Gefahr zu fliehen muss nicht heißen, dass man davon läuft. In einer Mediengesellschaft reicht es vollkommen aus, innerlich zu fliehen, sich in sich selbst zurück zu ziehen und in der Ablenkung seine Sicherheit zu finden: “Die da oben sind korrupt und denken nur noch an sich. Da haben wir sowieso keine Chance - und konzentrieren uns lieber auf die kleinen, schönen Dinge des Lebens.” So oder ähnlich hört man die meisten sprechen, die sich bemühen, irgendwie ungeschoren durchzukommen oder sich aber sogar mit den gegebenen Verhältnissen zu arrangieren, vielleicht sogar von ihnen zu profitieren. Eine Flucht vor der gesellschaftlichen Verantwortung.
Kämpfen bei Gefahr muss nicht heißen, dass man wirklich eine reelle Chance hätte. Doch der Unmut ist so groß und nagt so stark an der Seele, dass es keinen anderen Weg zu geben scheint. Das kann einerseits die Aufklärung anderer sein – das Ziel der Wahrheitsbewegung, die auf die Hintergründe und Missstände aufmerksam machen will. Aber genauso bei den zahlreichen Organisationen und Bewegungen, Vereinen und Initiativen, die sich den großen und kleineren Problemen dieser Welt widmen, wie beispielsweise der Armut, Einsamkeit oder Diskriminierung in unserer Gesellschaft.
Paradox: Spricht man mit den “Fliehenden”, so hört man schnell deren Abscheu gegen die “Kämpfenden” heraus - und umgekehrt. Spricht man mit den Kämpfern, so wird oft schnell deutlich, dass sie sich zwar mit dem Moment ihres Widerstandes auseinandersetzen. Doch selten denken sie an die mediale und exekutive Übermacht, gegen die anzutreten nicht selten dazu führte, das sich ihr edles Ansinnen (das Kämpfen für eine bessere Welt) schnell als medialer Bumerang erweist und sie denjenigen entfremdet, die sie als “Angsthasen” und “Opportunisten” sehen – den Fliehenden. Irgendwie scheint es keine Schnittmengen zu geben, scheinbar zumindest.

Eine Allianz aller ist gefragt
Wer flieht darf sich nicht wundern, wenn ihn die Geschichte bestraft und er zum Opfer der gesellschaftlichen Entwicklungen wird, die er fürchtet. Wenn er sich zum Erfüllungsgehilfen des Systems macht, es mit trägt und eigentlich auch mit verantwortet, darf er sich nicht wundern, wenn dieses Handeln irgendwann auf ihn zurück fällt. Selbst wenn er es schafft, materiell reich zu werden, wird es sich irgendwann für ihn rächen, nur listig nicht aber weise gewesen zu sein – nicht an andere, sondern nur an sich gedacht zu haben.
Wer kämpft darf sich nicht wundern, wenn er dem “Gegner” gute Gründe liefert, noch schärfer gegen ihn vorzugehen, ihn anzugreifen und zu kriminalisieren. Wenn er das System erschüttern will, so darf er nie vergessen, dass dieses nicht allein mit der kleinen Gruppe Mächtiger gleichzusetzen ist, die irgendwo die Fäden ziehen. Er stellt sich damit auch gegen die ganze Gesellschaft. Und selbst wenn er es schafft, Achtungserfolge zu erzielen oder sogar tatsächlich Veränderungen herbei zu führen, so wird er letztlich an der Trägheit, der Gier und dem Eigennutz all derer scheitern, die von eben diesem System profitieren.
Was also tun? Aufklärungsarbeit leisten - in der Hoffnung, dass die Fliehenden sich damit wirklich auseinander setzen? Auf die Strasse gehen - in der Hoffnung, dass man gesehen und nicht medial verdammt wird? Was tun, ohne letztlich das Gegenteil des Gewünschten zu erreichen? Was ist wirksam, was funktioniert? Diese Frage hat wohl schon so manche nächtelange Diskussion entfacht. Kann man ein System ändern, wenn man sich mittendrin befindet? Oder beginnt die Veränderung nicht beim beim Individuum, bei jedem Einzelnen in der Gesellschaft?
Wie jeder Einzelne diese Frage auch für sich beantworten mag, eines scheint gewiss: eine Gesellschaft, die sich an den Rand des Abgrunds laviert (wie es die Geschichte immer wieder zeigt), hat nur dann eine Chance, sich neu zu finden und auszurichten, wenn alle an einem Strang ziehen, die mit ihr nicht zufrieden sind. Auf die Nutznießer wird man verzichten müssen, zunächst einmal. Aber der große und überwiegende Teil der Ängstlichen und Ohnmächtigen steht nicht auf der anderen Seite, sondern ist eben nur ängstlich und ohnmächtig. Hier einen Graben auszuheben und als “Aktivist” die Zaghaften zu verdammen, nimmt uns die Chance, für die eigene (gute) Sache eine breite Basis herzustellen.

Bildquelle: Weltsozialforum – eine andere Welt ist möglich
Weltweit nimmt die Anzahl der Menschen, die sich für eine gute Sache einsetzen, zu. Sie setzen sich ein, um die wachsenden Missstände in Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft zu lindern, Auswege zu finden oder einfach nur ihrem Unmut Luft zu machen. Gleichzeit engagieren sie sich in Nichtregierungsorganisationen, Bürgerbewegungen und Initiativen. Daneben wächst die Zahl derer, die versuchen hinter die Fassade zu schauen und dort nach einer anderen Wahrheit zu suchen, sprich die “Buhmänner” auszumachen. Es passiert etwas, das kann man spüren. Doch wie in jedem anderen Bereich des gesellschaftlichen Lebens regieren Uneinigkeit. Wertvolle Energie verpufft in Debatten, in denen jeder Recht behalten und das Gegenargument auskontern will. Was fehlt ist die gemeinsame Basis, auf der sich alle Seiten begegnen. Eine Basis, die Handlungsfähigkeit schafft – auch wenn man im Detail unterschiedlicher Meinung sind. Zu oft fehlt die Bereitschaft, den Anderen zu akzeptieren und zu kooperieren. In einer Welt von Individualisten ist das sicher die größte Herausforderung der nahen Zukunft.
Eine Allianz muss her, die weit über politische und ideologische Konzepte hinaus geht, die sich nicht im Klein Klein zahlloser Grabenkämpfe verliert. Eine Allianz, die in der Lage ist, eine gemeinsame Vision zu entwickeln, die jeder mittragen kann. Eine Allianz der guten Kräfte sozusagen, die einerseits jedem Einzelnen und jeder Organisation das Recht auf eine individuelle Meinung zugesteht – und dennoch zusammenwächst in dem Gedanken, dass die Motive aller stets dieselben sind.
Eine positive Kraft
Nichts ist stärker als die Zuversicht. Diese gilt es zu fördern und auszubauen. Denn sie kann - noch eher als die Frage nach Schuldigen - zum größten Antriebsmotor aller Gesellschaften, nicht nur unserer, werden. Zuversicht, die man nur dann erreicht, wenn man den Hoffnungslosen Hoffnung, den Mutlosen Mut und den Ohnmächtigen Alternativen gibt. Man sollte diese positive Kraft nicht unterschätzen, denn sie ist es, die Dinge bewegen kann. Sie ist es, die einerseits neue Wege ermöglicht, andererseits - und das scheint noch wichtiger - eine gesellschaftliche Veränderung bewirken kann.
Eine Krise kann wach rütteln, wenn sie nicht dazu führt, dass jeder nur noch angstvoll seinen Vorteil sucht. Eine Krise kann eine Gesellschaft komplett neu definieren und eine Wandlung hervorrufen, ein mitmenschliches Verhalten, eine neue Lebensethik, an der der “Gegner” schlichtweg zerschellt. Eine Krise kann entzweien oder aber zusammenschweißen. Jeder kennt das aus seinem ganz persönlichen Umfeld, aus der Partnerbeziehung oder dem Berufsalltag. Die Nachkriegszeit in Deutschland zeigt, dass dies auch über eine Gesellschaft hinweg möglich ist. Krisen sind nicht nur schlecht, sie haben auch ein gewaltiges Potenzial. Es liegt an uns, was wir aus ihnen machen - und was wir durch sie mit uns machen lassen.
Der ausgestreckte Zeigefinger und das Suchen nach Schuldigen wird zwar manchen aufrütteln, doch keinesfalls die Zuversicht mehren. Viel wichtiger ist in dieser Phase unserer Geschichte der Zusammenhalt und die Überwindung eben genau der Grenzen, die uns in diese Situation brachten. Es geht nicht um die Schuldigen, nicht um die Verschwörungen im Hintergrund, sondern darum, wie wir uns innerlich positionieren. Es geht letztlich nicht um Kampf, sondern um den Frieden, den wir als Gesellschaften des 21. Jahrhunderts so dringend benötigen. Es geht um ein Weltgewissen, dass sich der Kritik von Außen allein dadurch entzieht, dass sie nicht ideologisch ist und die Definitionen der Trennung überwindet.
Es geht nicht um links oder rechts, um Alte oder Junge, um Reich oder Arm - es geht um die Grundsätzlichkeiten menschlichen Miteinanders, die uns ein Überleben als Spezies sichern und helfen, uns untereinander und mit der Umwelt zu befrieden. Wer heute noch in Gegensätzen denkt, trägt vielleicht zur Durchsetzung von Interessen einzelner bei, leistet aber keinen Beitrag zur notwendigen Gemeinsamkeit.
Die Lösung kann nur darin liegen, sich gegenseitig positiv zu beeinflussen, sich zu stützen und sich der Schwachen und verzagten anzunehmen, um damit eine gesellschaftlich akzeptierbare Basis zu schaffen, die allgemein toleriert und unterstützt wird. Hierfür bedarf es positiver Stimulation, Nachrichten, Vorbilder – wirklicher Vorbilder und Vorreiter, die bereit sind, dort neue Wege zu finden, wo sie die meisten nicht mal vermuteten. Das Fenster der Geschichte öffnet sich, denn die alten Systeme greifen nicht mehr, zerfallen und entgleiten somit denen, die von ihnen profitierten. Doch es wird sich auch wieder schließen – deshalb sollten wir die Chance JETZT nutzen!
Es ist eine turbulente Zeit. Eine Zeit mit großen Potenzialen für eine bessere Welt. Zeit, sich gegen das Chaos und für eine neue innere Ordnung zu entscheiden, die in jedem von uns auf seine Weise wirken kann. Eine Zeit, die uns die Gelegenheit gibt, unsere Ziele, Ideale und Methoden zu überdenken; und unser Menschsein neu zu entdecken. Ein neues Weltgewissen kann entstehen und es könnte zum Anfang einer ganz neuen Ära der Menschheitsgeschichte werden - wenn wir bereit, über manchen Schatten zu springen. Ein Ziel das sich lohnt.









