21 Jun 2009

Unzensiert: Die Befürworter der Netzsperre

3 Kommentare Datenschutz & Demokratie

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Die erhitzt die Gemü­ter. Gleich mehr­fach bri­sant wird es dadurch, dass sie am Thema Kin­der­por­no­gra­fie auf­ge­hängt wurde und daher jede Dis­kus­sion zu einem Draht­seil­akt wird - zumin­dest publi­zis­tisch. Denn wer sich gegen eine Liste auf der die zurecht ver­hass­ten Por­no­sei­ten gesam­melt wer­den und das rote Stopp­schild davor des­halb auf­regt, weil allzu schnell auch andere unlieb­same Webin­halte geäch­tet wer­den könn­ten, gerät schnell in den Ver­dacht selbst Por­no­sei­ten zu kon­su­mie­ren. Eine sim­ple, aber Dis­kus­sion tötende Logik. Es scheint ganz gleich, dass es hier nicht wirk­lich um eine Sper­rung der Sei­ten, son­dern um die Regis­trie­rung ihrer Besu­cher geht. Und es scheint ebenso unin­ter­es­sant, dass die ein­schlä­gi­gen Inter­es­sen­ten und Kon­su­men­ten die­ser Sei­ten, die »Sperre« mit nur gerin­gem Auf­wand umge­hen und sich der Ver­fol­gung damit ent­zie­hen kön­nen. Wer sich aber mal zufäl­lig ver­klickt oder durch eine PopUp-Werbung auf sol­che Sei­ten gelangt, wer also ahnungs­los ist, lan­det auf der schwar­zen Liste.

Dis­kus­sion Fehl­an­zeige
In der öffent­li­chen Dis­kus­sion, sofern man über­haupt davon spre­chen mag, kamen die Kri­ti­ker kaum zu Wort. Ihre Argu­mente wur­den nicht dis­ku­tiert. Poli­ti­ker, auf Unstim­mig­kei­ten des Netz­sper­ren­kon­zep­tes ange­spro­chen, lavier­ten sich mit dem Kil­ler­ar­gu­ment - wie könne man das Leid die­ser Kin­der wol­len - aus der Affaire. Warum man aber ledig­lich ein Warn­hin­weis vor die schänd­li­chen Sei­ten hänge, aber nicht den Betrei­bern zuleibe rücke, diese Frage wurde über­hört, genauso wie man auf die aus­ge­spro­chene Befürch­tung, was geschähe, wenn irgend­wann eine sol­che Sperre auch auf unlieb­same, kri­ti­sche Sei­ten aus­ge­wei­tet würde, gab es nicht mehr als vor­wurfs­volle Bli­cke. Doch tat­säch­lich, das Instru­men­ta­rium könnte sehr schnell dazu miss­braucht wer­den - ins­be­son­dere vor den Bun­des­tags­wah­len - kri­ti­sche Webin­halte los zu wer­den. Da spielt es auch keine Rolle, dass jetzt in den Main­stream­me­dien kom­mu­ni­ziert wird, dass nie­mand mit Straf­ver­fol­gun­gen zu rech­nen habe. Ja, warum aber denn das alles?

Man fragt sich, ob die hier­für ver­ant­wort­li­chen Poli­ti­ker, wel­che sich für Netz­sperre aus­ge­spro­chen haben, über­haupt so weit gedacht und die Stim­men der Kri­tik in ihre Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen haben. Fest steht, dass es hier nicht allein um den Kampf gegen Kin­der­por­no­gra­fie han­delt. Kaum ein Poli­ti­ker hat sich für ein Ver­bot von Sex­tou­ris­mus oder eine inter­na­tio­nale Rege­lung zur schärfs­ten Ver­fol­gung der Betrei­ber eben­sol­cher Sei­ten aus­ge­spro­chen. Kaum einer hat sich dar­über geäu­ßert, wie ver­hin­dert wer­den soll, dass die­ses Über­wa­chungs­in­stru­men­ta­rium in fal­sche Hände fällt. Ent­we­der also wurde nicht weit genug gedacht - oder noch wei­ter als wir uns vorstellen…

Unwis­sen­heit ist Stärke
Der freie Mei­nungs­aus­tausch und das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung, wel­ches das Deut­sche Grund­ge­setz gewährt, ist vie­len Poli­ti­kern und noch mehr Wirt­schafts­stra­te­gen ein Dorn im Auge. »Unwis­sen­heit ist Stärke«, die­ser Satz drängt sich einem auf - und er kommt einem doch von irgendwo her bekannt vor. Das Volk soll lie­ber Talk­shows gucken und in den Läden unnüt­zes Zeugs kau­fen, anstatt sich zu infor­mie­ren, kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, zu dis­ku­tie­ren oder gar auf ihre Recht zu bestehen.

Da sich die Poli­tik mal wie­der vor der öffent­li­chen Dis­kus­sion gedrückt hat, uns jedoch mit der For­de­rung und Durch­set­zung nach einer und womög­lich weit­rei­chen­den Inter­net­zen­sur alle zu poten­zi­el­len Fein­den des Sys­tems erklärt, die es zu über­wa­chen und not­falls mund­tot zu machen gilt, haben sich einige an den kom­men­den 27. Sep­tem­ber erin­nert - den Tag der Bun­des­tags­wahl. Mögen sie auch vor­her noch etwas Kreide fres­sen und sich uns im Wahl­kampf freund­lich, für­sorg­lich und wohl­mei­nend von der bes­ten Seite zei­gen… An ihren Taten erken­nen wir sie. Selbst wenn sie ihr Han­deln nicht über­schauen soll­ten und viel­leicht aus gutem Gewis­sen han­deln, so set­zen sie sich doch über unsere Köpfe hin­weg und leis­ten - mög­li­chen - kom­men­den, restrik­ti­ven (euro­päi­schen) Regie­run­gen den Steig­bü­gel und ihrem Volk einen Bärendienst.

Wer ist dafür?
Auf der Web­site »Hat mein Abge­ord­ne­ter für Netz­sper­ren gestimmt« macht sich jemand die Mühe, sich die Stimme eines jeden Abge­ord­ne­ten näher anzu­schauen und ihn dazu noch sei­nem Wahl­kreis zuzu­ord­nen. So kann jeder sehen, wer von ihnen für oder gegen die Sper­ren ist. Immer­hin will JEDER von ihnen gewählt werden.

Die ein­zige Mög­lich­keit einer gerech­ten Lösung - erscheint zumin­dest mir - wäre eine öffent­li­che Dis­kus­sion, in der auch die Kri­ti­ker, Fach­leute und Men­schen aus ande­ren Län­dern (in denen es sol­che und ähnli­che Sperr­lis­ten bereits gibt) zu Wort kom­men. Wei­ter­hin gäbe es die drin­gende Not­wen­dig­keit, sich die tech­ni­sche Effi­zi­enz der Tech­no­lo­gie näher anzu­se­hen, zu fra­gen, wie wirk­sam sie ist, ob man sie leicht umge­hen kann und wen sie tat­säch­lich trifft. Und nicht zuletzt scheint ein juris­ti­sches wie auch gesell­schaft­li­ches Instru­men­ta­rium, um den Betrei­bern die­ser Por­no­sei­ten das Hand­werk zu legen. Wie sieht es aus mit Kin­der­pro­sti­tu­tion (auch bei uns in Europa!), wie mit dem Men­schen­han­del, Zwangs­pro­sti­tu­tion oder pädo­phi­len Ten­den­zen inner­halb der Gesell­schaft, die die Poli­tik hier vor­gibt schüt­zen zu wol­len. Wie ich gele­sen habe, ist es eini­gen Hackern gelun­gen einige der Sei­ten ein­fach aus dem Netz zu fegen. Ein ver­schäm­tes Schild davor zu hal­ten, aber das Gesche­hen selbst nicht zu bekämp­fen, erscheint mir sehr frag­wür­dig und… doppelmoralisch.

Wie gesagt: Am 27. Sep­tem­ber sind Wah­len und bis dahin kön­nen die Poli­ti­ker nicht anders als so zu tun, als sei ihnen unsere Mei­nun­gen und Sor­gen, unsere Wün­sche und War­nun­gen etwas wert. Also sollte man sie ganz per­sön­lich dar­auf anspre­chen und sie zur Rede stel­len. Warum tra­gen sie dazu bei, das zu kon­trol­lie­ren? Warum geben sie sich und ihren Namen dafür her?

Und nicht zuletzt: Warum soll­ten wir sie dann wählen?

Web­sites:
Hat mein Abge­ord­ne­ter für Netz­sper­ren gestimmt?

Warum Netz­sper­ren ein unge­eig­ne­tes Instru­ment sind erklärt die AKZens_r

Peti­tion gegen Netz­sperre im Bundestag.

Bild­quelle:
Gerd Alt­mann (ger­alt), Pixelio.de

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Geschrieben von
Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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3 Antworten to “Unzensiert: Die Befürworter der Netzsperre”

  1. Grüner Typ
    AntwortenTschüss SPD, Hallo Piraten: Abgeordneter Tauss zieht wechselt wegen Netzsperren-Gesetz die Fronten | freshzweinull +++ says:

    […] bleibt. Das sollte man beden­ken, bevor man ein­zelne Abge­ord­nete an den Pran­ger stellt, wie einige Blog­ger das in den ver­gan­ge­nen Tagen getan […]

  2. AntwortenKristen says:

    Ich bin für die Sper­rung gewis­ser sei­ten aller­dings soll­ten sie kom­plett aus dem netz verschwinden!

  3. AntwortenHans Dampf says:

    Kris­ten: »Ich bin für die Sper­rung gewis­ser sei­ten aller­dings soll­ten sie kom­plett aus dem netz verschwinden!«

    Klaro, aber wer ent­schei­det wel­che Sei­ten das sind? Die einen mögen dies nicht und die ande­ren das nicht. Man müsste also alle sper­ren und raus neh­men. Es geht ja nicht nur um Straf­ta­ten, son­dern auch um Mei­nun­gen und Mei­nungs­frei­heit. Wo zieht man den Schlußstrich?

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