Achim Ritzmann

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Geld gibt es ja bekanntlich genug – doch irgendwie scheint es zu selten bei denen anzukommen, die es wirklich am meisten brauchen… elargio.de sammelt Geld für gemeinnützige Organisationen – und zwar auf eine besondere Weise: Jeder kann über die Web-Plattform eine Aktion ausschreiben. Beispielsweise wenn man einen Marathon läuft, eine Party feiert – oder sich etwas Außergewöhnlicheres einfallen lässt. Andere können über die Plattform wiederum spenden – und elargio sorgt dann dafür, dass diese Spenden an entsprechende Organisationen weiter geleitet wird. Wie es zu der Idee kam, was die beiden Gründer Achim Ritzmann und Thomas Stolze zu ihrem risikoreichen „Social Startup“ bewegt hat – und wie elargio unsere Welt ein bisschen besser machen kann, könnt ihr im folgenden Interview lesen…

Für eine bessere Welt: Wie ist die Idee zu elargio entstanden?
Ritzmann: Wir hatten einige Ideen, wie man im Bereich NGO, Fundraising und Marketing etwas Neues machen könnte – auch mit Hilfe des Internet. Wir haben also viele Ideen durchgespielt und verworfen, weil sie nicht umsetzbar und praktikabel waren. Schließlich sind wir auf die Idee des individuellen Fundraisings gestoßen, wie wir es mit elargio anbieten, und waren überzeugt, dass das funktionieren wird.

Für eine bessere Welt:
Und hattet ihr dafür Vorbilder?
Ritzmann: Ja, das hatten wir. Eine englische Firma hatte damit angefangen: justgiving (www.justgiving.com). Ähnliche Plattformen gibt es mittlerweile auch in Amerika, Australien und Neuseeland – also überall im englisch-sprachigen Raum.

Für eine bessere Welt: Welche Ziele und Visionen habt ihr für die Zukunft von elargio? Und was könnte das gesellschaftlich bewirken?
Ritzmann: Eine schöne Frage, auf die man viele schöne Sachen antworten kann. Realistisch gesehen wären wir froh, wenn sich das Engagement in den nächsten Jahren in Deutschland etabliert – in welcher Form auch immer. Auch in einer ganz einfachen und für jeden möglichen Form, etwa über den Sport. Ein Beispiel: Jeder, der in Deutschland einen Marathon läuft, kann über elargio daraus eine Aktion machen und Spendengelder für NPOs sammeln.
Gleichzeitig würden wir uns natürlich freuen, wenn elargio das Engagement ganz allgemein mehr in den Fokus rückt, sodass es noch mehr honoriert wird. Ob das nun Leute sind, die einen Marathon laufen oder für den Weltfrieden knutschen, für ein Jahr nach Indien gehen, um dort ehrenamtlich tätig zu sein, oder jeden Samstag im Altenheim unterwegs sind. Wenn wir das erreichen, dann ist schon sehr viel geschafft.

Für eine bessere Welt: Das würde natürlich auch bedeuten, dass sich auf der anderen Seite – auf der der Spender nämlich – etwas tut, oder? Schließlich es muss ja mindestes so viele Spender wie Engagierte geben.
Ritzmann: Ja, wobei man nicht sagen kann, dass wir Deutsche wenig spenden. Aber das Spenden ist noch etwas ungleich innerhalb der Generationen verteilt und meist auch noch an den Dauerspender gebunden. elargio versucht daher – durch den Kontakt zwischen Spender und Aktivisten – neue Schichten zu erreichen und zu begeistern. Nämlich, dass jemanden mit Spenden zu unterstützen genauso Spaß machen kann, wie etwas anderes zu leisten.

Für eine bessere Welt: Wie sichert ihr eigentlich, dass die Spenden auch tatsächlich da landen, wo sie auch hinkommen sollen?
Ritzmann: Alle Spenden, die bei uns eingehen, werden gesammelt und einmal im Monat als Sammelüberweisung an die jeweilige Organisation weiter geleitet. Zum einen bekommen die Organisationen eine Abrechnung und zum anderen werden wir am Ende des Jahres von Wirtschaftsprüfern kontrolliert. Drittens haben wir einen Beirat, der uns nicht nur allgemein unterstützt und berät, sondern auch für Sicherheit und Seriosität steht. Viertens sind wir Mitglied im Deutschen Spendenrat und haben daher eine Reihe von Verpflichtungen unterschrieben. Und fünftens werden wir gegebenenfalls das DZI-Spendensiegel beantragen.

Für eine bessere Welt: Stichwort Geld und Finanzierung – wie finanziert sich das Projekt eigentlich?
Ritzmann: elargio hat eine Anschubfinanzierung durch private Geldgeber erhalten, soll sich aber in Zukunft durch die Einnahmen von Werbung, Sponsoring und die Einbindung von Unternehmen in Aktionen – Stichwort Corporate Social Responsebility – finanzieren.

Für eine bessere Welt: Wie definiert ihr euch: Seid ihr eine NPO, NGO oder Social Entrepreneurs?
Ritzmann: Wir sind ganz klar Social Entrepreneurs. Wir wollen weder als Nicht-Regierungsorganisation wahrgenommen werden, noch mit den vielen Initiativen, Organisationen und Vereinen in Konkurrenz treten, die es in Deutschland gibt. Wir sind quasi ein Service-Provider. Auf der einen Seite für Organisationen, denen wir eine Projektionsfläche für Engagement anbieten. Auf der anderen Seite für jeden Einzelnen, der sich hier darstellen und Spenden sammeln möchte.

Für eine bessere Welt: Euer Konzept basiert ja sehr stark auf dem Web 2.0. Welche Bedeutung hat es für Social Entrepreneure, welche Potentiale bietet es und sind sie schon alle erkannt?
Ritzmann: Ganz allgemein gibt es durch das Internet – ob man es nun 1.0, 2.0 oder X nennt – natürlich mehr Möglichkeiten. Wir sind besser vernetzt, wir können mit einer relativ günstigen Technik bundesweit agieren und so weiter. Dennoch ist es nicht ganz einfach, nachhaltige Strukturen im Web aufzubauen. Viele Menschen haben noch Berührungsängste gegenüber Dienstleister im Bereich Spenden – da liegt noch viel Überzeugungsarbeit vor uns

Für eine bessere Welt: Warum sind Dienstleister wie elargio notwendig? Haben die NGOs die Potentiale des Web noch nicht erkannt?
Ritzmann: Viele Organisationen haben das schon erkannt, einige setzen dies auch schon um. Aber es gibt hier zwei Punkte, die man beachten muss: Auf der einen Seite ist es eine Frage des Budgets. Wenn Sie die großen Organisationen in Deutschland nehmen, eine der Top 5, dann ist es für sie überhaupt kein Problem, so etwas selbst umzusetzen. Doch kleine Organisationen können das schlicht nicht leisten. Eine Seite wie elargio aufzuziehen – mit der Administration, der Technik, den Sicherheitsaspekten und vielem mehr – kostet viel Geld. Außerdem muss eine solche Plattform betrieben und vermarktet werden. Das könnten die Tausende von kleinen Organisationen in Deutschland nicht leisten. Für sie ist elargio die ideale Ergänzung.
Aber auch für große NGOs ist es immer noch die Frage, ob sie etwas wie elargio alleine auf ihrer Website anbieten. Denn die Menschen, die sich engagieren möchten – gerade wenn es um Unbekannte oder Drittspender geht –, landen nicht unbedingt auf einer x-beliebigen Website. Sondern die landen auf der Website, auf der sich alle tummeln. Letztlich profitieren alle angeschlossenen Organisationen von einer zentralen Plattform, weil die Multiplikation viel höher ist. Das ist wie bei Studie VZ oder Youtube. In diese Richtung wollen wir mit elargio auch.

Für eine bessere Welt: Sie haben vorhin Wert darauf gelegt, als Social Entrepreneur wahr genommen zu werden. Warum?
Ritzmann: Mir ist die Abgrenzung zu NGOs wichtig, weil wir keine implementierende Organisation im klassischen Sinne sind. Das heißt wir sammeln Geld, um damit andere Organisationen zu unterstützen, implementieren selbst aber keinerlei Projekte. Das heißt auch, dass eine Organisation als gemeinnützig anerkannt sein muss, um Mitglied bei elargio werden zu können. Wir verstehen uns also schon als Unternehmer im weitesten Sinne, die hier eine Dienstleistung anbieten.
Wir sehen, dass wir in gewisser Weise unternehmerisch auftreten müssen, denn eine Plattform wie elargio muss finanziert werden. Es sind Anfangsinvestitionen nötig – auch mit einem hohen unternehmerischen Risiko – und es sind weitere Geldmittel nötig, um sie am Laufen zu halten.

Für eine bessere Welt: Es gab im Juli 2008 zum ersten Mal das Social Camp in Berlin, die Internet-Experten und NGOs zusammen bringen wollte. Würden Sie sagen, dass diese Veranstaltung dokumentiert, dass es mittlerweile eine neue Generation von Social Entrepreneurs im Web gibt?
Ritzmann: Ja, das kann man sehen. Es war gut, diese Entwicklung im Social Camp zu organisieren. Die Veranstaltung war sehr produktiv und hat deutlich gemacht, wie viele Menschen sich mit Hilfe des Netzes engagieren. Es ist sehr schön zu sehen, was da alles entsteht und man kann nur hoffen, dass das Netz auch in Zukunft diesen Initiativen noch genug Raum lassen und genug Unterstützung bringen wird. Hier sind natürlich auch die Unternehmen und die öffentliche Hand gefordert. Sie sollten sich diesem neuem Bereich etwas genauer widmen und schauen, was hier an Kultur, Ideen, aber auch an tatsächlicher Wirtschaftskraft entsteht. In der Politik ist – ganz allgemein gesprochen – noch nicht angekommen, dass es hier neue Unternehmer gibt, die gesellschaftliche Anliegen unterstützen und fördern möchten. Eine Entwicklung, die sich der Staat ja nur wünschen kann. Bei allen Diskussionen um fremdenfeindliche, pornografische und anderen problematischen Inhalten im Netz kann man ja heilfroh sein, dass es Hunderte gibt, die das Netz nutzen, um die Gesellschaft ein Stück lebenswerter zu machen.

Für eine bessere Welt: Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch!

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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Eine Antwort auf "Achim Ritzmann"

  1. […] Es gibt noch etliche weitere – beispielsweise weltretter.org oder eben auch die vielen Vorbilder aus dem angelsächsischen Raum, wie etwa i-genius.org, wearewhatwedo.org, amazee.com oder justgiving.org. Zumindest hierzulande verstehen sich die meisten jedoch keineswegs als NGO oder NPO – sondern als das, was man im Neudeutschen „Social Entrepreneurs“ nennt. Also Unternehmer, die die Umsatz- und Gewinnmaximierung nicht als einziges und allem anderen vorrangiges Unternehmensziel erkennen, sondern mit ihrer Unternehmung genauso die Lösung sozialer, gesellschaftlicher Probleme anstreben. Noch steht die Finanzierung dieser „Social-Web-Services“ in der Regel noch nicht auf wirklich sicheren Füssen – aber es gibt eine Reihe von Finanzierungskonzepten, die sinnvoll und machbar erscheinen. In den kommenden Tagen und Wochen werden wir die Interviews veröffentlichen, die wir mit den Gründern und Machern geführt haben. Ein erstes mit Achim Ritzmann von elargio findet ihr hier. […]

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