Nachdem sich nun die USA bereit erklärt haben den Abgang von Husni Mubarak vorzubereiten, werden auch bei uns die Politiker lauter. Mubarak sorgt derweil für seine Macht-Inszenierung: Das obere, manipulierte Bild für die ähyptische Presse zeigt ihn als der Anführer, Obama folgt. Das Original darunter zeigt etwas ganz anderes: Mubarak läuft gerade mal am Rande mit.

Zuerst hatten sich etliche von ihnen hinter den Diktator von US-Gnaden gestellt. Dann riefen sie die Demonstranten zur Mäßigung auf (und natürlich nicht die Schwadronen Mubaraks). Als dann die Menschenmenge größer und nicht kleiner wurde, blieben sie einen Augenblick still – und schauten wohl sorgenvoll zum Großen Bruder in den USA. Nun, nach dem Barack Obama zumindest ganz leise dem Despoten zum Rücktritt riet, stellen sie sich hinter die demokratische Bewegung. Dafür lassen sie die Medien die Angst vor dem “islamischen Gottesstaat” schüren. Dabei handelt es sich hier in erster Linie um einen Aufstand des unterdrückten Volkes gegen die Unterdrücker. Diese wehren sich schamlos und mit brutalster Gewalt. Eine politische Groteske, die kein gutes Licht auf den “freien Westen” wirft. Doch zum Glück gibt es dann Internet…

Es gibt Fotos auf denen Angela Merkel mit glücklichem Grinsen Mubarak feste die Hand schüttelt. Da war die Welt noch in Ordnung…? Auch Außenminister Guido Westerwelle verstand sich anscheinend ausgezeichnet mit ihm. Frank-Walter Steinmeier. Joschka Fischer. Obama… die Liste ist lang. Doch während die Politiker aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland diplomatisch immer erst mal auf die USA schauen, waren diese stets aktiv damit beschäftigt, Mubarak an der Macht zu halten. So wie sie es übrigens mit etlichen anderen Diktaturen in der Welt taten und noch immer tun: Saudi Arabien, Jordanien, Marroko, Jemen, Kuwait, Oman, Thailand uswusf. – auch diese Liste kann sich sehen lassen. Nicht, dass es Russland hier anders halten würde, doch im Falle Ägypten wundert man sich doch sehr, dass eine Weltmacht wie die USA, die sich ja immerhin moralisch nicht nur zum Platzhirsch aufspielen, sondern auch gern mal ohne UNO-Mandat “Willige” um sich scharren, um gegen Nationen Krieg zu führen, zum Öffner der Hintertür aufspielen kann – und kaum jemand aufmuckt. Und Deutschland macht alles mit.

Erst hüh, dann hott

Wird hüben “hüh” gerufen, dann ruft man auch bei uns “hüh”, ruft man dort “hott”, so stimmen auch hier in das “hott” mit ein. Das hat mit Moral doch nichts mehr zu tun. Rückgrat ist was anderes. Und auch die Presse führt einen einzigen Eiertanz auf. Am Anfang wurden Horrorgeschichten über die mögliche Gewalt der ersten Demonstranten verbreitet, dann wurde die Angst vor dem islamischen Gottesstaat geschürt. Das wir, Deutschland, uns 1989 in einer ebenso unklaren Situation befanden, womöglich die Panzer hätten rollen und einen Flächenbrand hätte verursachen können, scheint vergessen. Denn zwar mag es ideologische Bestrebungen geben, doch in erster Linie geht es um die Unterdrückung durch eine korrupte Minderheit. Genau die Art Menschen, die vorher die politische “Stabilität” garantierten.

Mit Mubarak konnte man eben prima Geschäfte machen, Waffengeschäfte, Geschäfte mit Billiglöhnern usw. Der Westen hatte gar nichts dagegen, sich an der Ausbeutung der ägyptischen Bevölkerung zu beteiligen. Mehr noch, ganze Touristen- und Gewerbecamps wurden von der so verursachten Armut durch riesige Mauern und Zäune getrennt. Man blieb in den Hotelburgen unter sich, genoss die schönsten Gegenden. ließ sich bedienen und versuchte sich nicht von der drastischen Armut den Urlaub vermiesen zu lassen. Ist das weit weg vom Verhalten der Kolonialzeit?

Der Mubarak-Clan seinerseits konnte sich freuen, wurde geschützt, machte Geschäfte und bekam sozusagen für Jahrzehnte eine Machtgarantie. Tja, so läuft das nun mal. Und genau das meinen unsere Politiker, wenn sie von stabilen politischen Verhältnissen und Demokratie sprechen? Das ist die reinste Heuchelei und wirft ein schlechtes Bild auf sie. Es sind rein wirtschaftliche Interessen um die es hier geht und immer ging.

Die Facebook-Aktivisten

Jahrzehntelang hat das System funktioniert, konnten Diktatoren bestimmen, wie ihr Volk die Welt sehen sollte. Denn die Medien hatten das Monopol auf Informationen und damit auch auf die daraus resultierenden Meinungen… Doch mit dem Internet, genauer durch das Internet der Web 2.0-Äre, durch Twitter, Facebook und YouTube ist es damit vorbei. Es gibt Tausende, nein Millionen Nachrichtenkanäle – jeder wird zum Informant und kann unmittelbar aus seiner Umgebung berichten. Da gibt es auch viel Unsinn, doch in der Masse entstand eine Schwarmintelligenz deren Quantität eine panische Gründlichkeit in der Beleuchtung der Realität an den Tag legt.

Mehr und mehr werden die neuen Kanäle genutzt und auch in Ägypten wäre die Revolution (zumindest die Revolte) nicht möglich gewesen – zumindest nicht so schnell und umfassend. Kein Wunder, dass Mubarak das Internet einfach abschaltete und den Zugang zu diesen Seiten trennte. Dennoch: Es gibt immer Wege und deshalb war die Menge nicht mehr zu bremsen. Da half es auch nicht, dass man in den Medien gezielt Desinformationen verbreitete, zum Beispiel erzählte, dass die Proteste wieder abnehmen würden und der “Aufstand” fast vorbei sei. Überhaupt haben sich die Medien mal wieder nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber wen wundert das noch?

DOWNLOAD

Das Web 2.0 krempelt die Machtverhältnisse um

Das “Jetzt-Web” bringt eine neue Qualität in den weltweiten Aktivismus. Gerade Plattformen wie Facebook die es ermöglichen, Texte, Bilder und Filme bei der Vernetzung mit anderen Menschen einzubringen, entwickeln sich zur treibenden Kraft bei den Unterdrückten auf unserem Planeten. Kein Wunder, dass die Medien (auch hier bei uns) mit Skepsis auf diese neue Form politischer Kommunikation starren. Man hat ihnen einfach den Meinungszepter aus der Hand genommen.

Auf der Website von DigiActive finden die Menschen sogar einen Guide der ihnen dabei hilft, sich über Facebook zu organisieren. Was den Despoten dieser Welt wohl einen kalten Schauer über den Rücken treibt, wird mehr und mehr zum Strohhalm für alle Unterdrückten.

Diese wissen sich, wie in Ägypten, nur dadurch zu helfen, dass sie mit brutaler Härte dazwischen schlagen. Wie jetzt in Ägypten, wo sich Pro Mubarak-Kräfte als Zivilisten tarnen und ihrerseits mit Messern und Dachlatten die Mubarak-Gegner angreifen. Wie soll die Macht auch anders reagieren? Sie hat gar keine Wahl…

Das Internet merkt sich jedoch alles und nur deshalb kann man auch Jahre später nachlesen, was Politiker früher sagten, mit welchen Diktatoren sie auf Kuschelkurs gegangen sind und wie sie sich in den Krisen verhielten. Das Internet wird zu einem Register ihrer Schandtaten.

Nun heißt es die Kurve kriegen

Hoffentlich wird es aber auch zu einem Fundus an friedlichen Alternativen, an ehrlichen Alternativen und politischen Visionen die sich am Ende als besser erweisen als ihrer Vorgänger. Diesen Beweis haben Twitter & Co. noch nicht antreten können. Und man mag sich nicht vorstellen, was geschieht, wenn sich das Web 2.0 gegen die Menschen wendet, wenn die mächtigsten Kanäle unserer Zeit in falsche Hände geraten… vielleicht ohne das wir es bemerken…

Zum jetzigen Zeitpunkt kann man sagen, dass die Hoffnung überwiegen sollte. Denn Menschen nur deshalb die Möglichkeit auf bessere Zeiten abzusprechen, da man dann mit ihren Ländern keine so guten Geschäfte mehr machen kann, oder aber weil man eine unliebsame Regierung in Kauf nehmen müsste, ist menschenverachtend, zynisch und im hohen Maße egoistisch.

Es gibt derzeit über 1 Mrd. Menschen die auf unserem Planeten hungern und weitere Milliarden in bitterster Armut – diesen gebührt eine Chance. Uns ging es Jahrzehnte gut – zumeist auf ihre Kosten. wann, wenn nicht jetzt, sind sie mal dran!