Ausgewachsen

buch_jacklondon.jpgAch, was waren wir immer stolz auf Deutschland, stolz auf uns, die Exportweltmeister. Das jedoch eine einseitige Ausrichtung auf Exportgeschäfte auch erhebliche Gefahren in sich birgt, war kein Thema. Die Arglosigkeit beginnt sich zu rächen. Denn wer soll nun all die schönen Produkte kaufen? Angesichts der Krise diskutieren wir, ob es nicht besser sei, nur noch inländische Waren zu erstehen und ob man hierzu nicht sogar gezielt den Konsum durch kleine Geldgeschenke an die Bevölkerung ankurbeln solle. Doch niemand macht sich daran, die eigentlichen Wurzeln des Übels infrage zu stellen: Endloswachstum, Überproduktion und die brutale Mechanik entfesselter Märkte. Ein Problem, dessen Folgen der berühmte Autor Jack London bereits 1906 erkannte und in seinem visionären Roman „Die eiserne Ferse“ beschrieb. Ein Buch, dass kaum aktueller sein könnte…
Die Geschichte scheint sich stets zu wiederholen – und das trotz aller schlechten Erfahrungen. Oder wie anders kann man erklären, dass wir bereit sind, dieselben Fehler noch mal zu machen, nur da wir selbst kurzfristige Vorteile daraus ziehen? Wie kann man sonst erklären, dass wir uns abermals in einer weltweiten Wirtschaftskrise befinden, obwohl dies nicht die erste ist? Die Erfahrungen aus der großen Depression gelten als gemacht und es gibt tatsächlich Wirtschaftswissenschaftler, die uns für geläutert halten, für vernünftiger und besonnen. Pustekuchen…

Das globale Finanz- und Wirtschaftsdesaster, vielleicht sogar ein Kataklysmus von umwälzendem Charakter, kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern war absehbar. Der Kapitalismus, in der Form wie er weltweit praktiziert oder zumindest angestrebt wurde (und wird), die aggressive Expansionspolitik der immer größer werdenden Akteure kann nur im Fiasko enden. Jeder, der nur halbwegs angestrengt darüber nachdenkt wird dies erkennen, denn es hat nichts mit links oder rechts zu tun, nicht mit politischen Ideologien oder Systemtheorien – sondern mit purer Logik. Der Kapitalismus, den wir kennen oder zu kennen glaubten, diese aberwitzige Vision unendlichen Wachstums, war unsinnig bis dumm. Wer ihn verteidigt, so muss man annehmen, hatte mehr seine eigenen Vorteile im Blick. Denn der Reichtum und Wohlstand der letzten Jahre und Jahrzehnte ist auf Ungerechtigkeit und Ausbeutung aufgebaut. Denn wann immer der eine seinen Reichtum mehrt, verliert ihn anderswo ein anderer. Unser Wohlstand war – mit diesem System – nur möglich, weil wir auf Kosten anderer lebten.

In seinem Roman „Die eiserne Ferse“ beschreibt Jack London, den man ja sonst eher nur für seine Naturromane kennt, die fiktive Geschichte der Zukunft. Er schrieb das Buch im Jahre 1906, zu einer Zeit, in der die Industrialisierung bereits tiefe Spuren in der Gesellschaft „moderner“ Staaten hinterlassen hatte. In Russland war gerade eine Revolution blutig niedergeschlagen worden und auch bei uns in Deutschland, wie zum Beispiel in Hamburg, setzte eine große Streikbewegung ein. Die Arbeiter waren die großen Verlierer der Entwicklungen und wussten sich nicht anders zu helfen, als in den Streik zu treten oder sich mit ihren Fäusten gegen die sich entfaltende Macht der großen Produzenten und Händler zu wehren. Je mehr die Maschinen in die Fertigungsprozesse und Werkshallen Einzug hielten, desto weniger war ihrer eigener Hände Arbeit wehrt. Doch bereits der erste echte Aufstand, der als „Weberaufstand von 1844“ in die Geschichtsbücher einging, hatte keine Besserung gebracht. Maschinen und später Fließbänder brachten die Massenproduktion in Schwung, setzten aber nach und nach Menschenmassen außer Gefecht. Der Wunsch die Profite zu maximieren erzeugte auf der anderen Seite große Armut. Doch auch in sich war das Prinzip unsinnig, kurz gedacht und damit alles andere als sozial. In seinem Buch beschreibt London den immer heftiger werdenden Kampf zwischen Kapital und Arbeit, sowie die unausweichlichen Folgen, in einem Dialog der Hauptfigur Ernst mit Vertretern der Wirtschaft. Hier ein Auszug:

Die Mathematik eines Traums
…Es ist nicht nur unvermeidlich, dass Sie, die Kleinkapitalisten, untergehen, auch der Untergang der Großkapitalisten und der Trusts ist unvermeidlich. Vergessen Sie nicht, dass die Flut der Entwicklung nie rückwärts fließt. Sie fließt immer weiter, vom freien Wettbewerb zum Verband, vom kleinen Verband zum großen, vom großen zum riesigen, und sie ergießt sich schließlich in den Sozialismus, den riesigsten aller Verbände.

Sie sagen, dass ich träume. Schön. Ich werde Ihnen die Mathematik meines Traumes darlegen; und ich fordere sie von vornherein auf, mir zu beweisen, dass meine Mathematik nicht stimmt. Ich werde Ihnen zeigen, dass der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems unvermeidlich ist, und ich werde die Unvermeidlichkeit dieses Zusammenbruchs mathematisch beweisen. Ich beginne, und bitte Sie nur, etwas Geduld mit mir zu haben, wenn ich anfangs ein wenig weitschweifig bin.

Lassen Sie uns zunächst einmal einen einzelnen Industriezweig ins Auge fassen, und wenn ich irgend etwas behaupten sollte, mit dem Sie nicht übereinstimmen, so bitte ich Sie, mich zu unterbrechen. Nehmen wir eine Schuhwarenfabrik. Diese Fabrik kauft Leder und verarbeitet es zu Schuhen.

Sagen wir, es wären für hundert Dollar Leder. Es geht durch die Fabrik und kommt in Form von Schuhen wieder heraus, die einen Wert von, sagen wir, zweihundert Dollar haben. Der Wert des Leders hat sich also um hundert Dollar vermehrt. Wie ist das gekommen? Lassen Sie uns sehen. Kapital und Arbeit haben also den Wert um hundert Dollar gesteigert. Das Kapital stellt die Fabrik, die Maschinen und kommt für alle Auslagen auf. Arbeit liefert Arbeit. Durch vereinte Kraft von Kapital und Arbeit wurde der Wertzuwachs von hundert Dollar geschaffen. Sind wir soweit einig? «

Die Tafelrunde nickte zustimmend.

»Arbeit und Kapital haben also diese hundert Dollar verdient, und nun gehen sie daran, zu teilen. Die Statistiken dieser Teilung rechnen mit Brüchen: wir wollen der Bequemlichkeit halber runde Zahlen nehmen. Das Kapital nimmt fünfzig Dollar als seinen Anteil, und die Arbeit erhält fünfzig Dollar in Lohn als ihren Anteil. Wir wollen hier nicht auf die Streitigkeiten bezüglich der Teilung eingehen . Wie sehr man sich auch streiten mag, zu irgendeinem Prozentsatz muss die Teilung doch vorgenommen werden. Und bedenken Sie, dass das, was für diesen einen Industriezweig in Frage kommt, auch für alle ändern Fabrikationszweige zutrifft. Habe ich recht?«

Wieder nickte der ganze Tisch zustimmend.

»Und nun setzen wir den Fall, dass die Arbeit, die ihre fünfzig Dollar erhalten hat, ihrerseits Schuhe kaufen wollte.
Sie kann das nur im Wert von fünfzig Dollar. Das ist klar, nicht wahr?

Und nun nehmen wir statt dieses einzelnen Zweiges die ganze Summe aller industriellen Zweige in den Vereinigten Staaten, die die Herstellung des Leders selbst, die Lieferung der Rohstoffe, den Transport und den Verkauf, kurz, alles einschließen. Nehmen wir, um eine runde Summe zu nennen, an, dass die Gesamtproduktion an Sachwerten in den Vereinigten Staaten vier Milliarden Dollar jährlich beträgt. In derselben Zeit hat die Arbeit einen Lohn von zwei Milliarden Dollar erhalten. Vier Milliarden sind produziert worden. Wie viel kann die Arbeit hiervon zurückkaufen? Zwei Milliarden. Darüber kann es keine Meinungsverschiedenheit geben, das ist sicher. Im übrigen ist der Teilungssatz, den ich angenommen habe, sehr hoch, denn in Tausenden von kapitalistischen Unternehmungen kann die Arbeit bei weitem nicht die Hälfte der Gesamtproduktion zurückkaufen. Wir wollen aber annehmen, dass die Arbeit zwei Milliarden zurückkaufen kann. Das heißt, dass die Arbeit nur zwei Milliarden verbrauchen kann. Wir müssen also mit zwei Milliarden rechnen, die die Arbeit nicht zurückkaufen und verbrauchen kann.«

»Die Arbeit verbraucht ihre zwei Milliarden nicht«, unterbrach ihn Herr Kowalt. »Täte sie es, dann gäbe es keine Ersparnisse in den Sparkassen.«

»Die Ersparnisse der Arbeit in den Sparkassen sind nur eine Art Reservefonds, der ebenso schnell wieder verbraucht wird, wie er sich anhäuft. Die Ersparnisse sind für Alter, Krankheit und unvorhergesehene Fälle sowie für Begräbniskosten gemacht. Sie sind einfach ein Stück Brot, das man wieder in den Schrank gelegt hat, um es erst am nächsten Tage zu essen. Nein, die Arbeit verbraucht alles, was ihr Lohn von der Produktion zurückkauft.

Zwei Milliarden verbleiben dem Kapital. Verbraucht das Kapital, nachdem es alle seine Ausgaben bestritten hat, den Rest? Verbraucht das Kapital seine ganzen zwei Milliarden? «

Ernst hielt inne und richtete die Frage an verschiedene Herren. Sie schüttelten die Köpfe.

»Ich weiß es nicht«, sagte einer von ihnen freimütig.

»Natürlich wissen Sie es«, fuhr Ernst fort. »Denken Sie einen Augenblick nach. Wenn das Kapital seinen Anteil verbrauchte, könnte die Gesamtsumme des Kapitals nicht wachsen. Sie würde konstant bleiben. Wenn Sie die ökonomische Geschichte der Vereinigten Staaten betrachten wollen, werden Sie sehen, dass die Gesamtsumme des Kapitals beständig gewachsen ist. Das heißt, dass das Kapital seinen Anteil nicht verbraucht. Erinnern Sie sich noch der Zeit, als England einen großen Teil unserer Eisenbahnaktien besaß? Mit den Jahren kauften wir diese Aktien zurück. Was heißt das? Dass der unverbrauchte Teil des Kapitals die Aktien zurückkaufte. Was bedeutet die Tatsache, dass heute die Kapitalisten der Vereinigten Staaten Hunderte und aber Hunderte von Millionen Dollar in mexikanischen, russischen und griechischen Aktien besitzen? Das bedeutet, dass diese Hunderte und aber Hunderte Millionen von ihrem Kapitalanteil nicht verbraucht wurden. Seit Beginn des kapitalistischen Systems hat das Kapital seinen Anteil nie völlig verbraucht.

Und nun kommen wir zur Hauptsache. Vier Milliarden Werte werden jährlich in den Vereinigten Staaten produziert. Hiervon kauft die Arbeit zwei Milliarden zurück und verbraucht sie. Das Kapital verbraucht die ihm verbleibenden zwei Milliarden nicht. Es verbleibt also ein großer, unverbrauchter Überschuss. Und was geschah mit diesem Überschuss? Was geschieht mit ihm? Die Arbeit kann nichts davon verbrauchen, denn sie hat ihren Lohn ja bereits ausgegeben. Das Kapital verbraucht diesen Überschuss ebenfalls nicht, weil es naturgemäß soviel, wie es konnte, verbraucht hat. Aber der Überschuss ist noch da. Was kann damit geschehen? Was ist damit geschehen?« »Er geht ins Ausland«, meinte Herr Kowalt. »Sehr richtig«, stimmte Ernst ihm zu. »Dieser Überschuss verursacht unsern Bedarf an ausländischen Abnehmern. Er wird exportiert. Er muss exportiert werden. Es gibt keine andere Möglichkeit, ihn loszuwerden. Und dieser unverbrauchte und exportierte Überschuss wird zu dem, was wir unsere günstige Handelsbilanz nennen. Sind wir soweit einig?«

»Es dürfte Zeitverschwendung sein, uns dieses Abc des Handels auseinanderzusetzen«, sagte Herr Calvin mürrisch. »Das verstehen wir alle.«

»Und gerade durch dieses Abc, das ich Ihnen so genau auseinandergesetzt habe, werde ich Sie aufrütteln!« erwiderte Ernst. »Das ist das Schöne daran. Und ich fange jetzt gleich an.

Die Vereinigten Staaten sind ein kapitalistisches Land, das seine Hilfsquellen aufgeschlossen hat. Zufolge seinem kapitalistischen System in der Industrie hat es unverbrauchte Überschüsse, die es abstoßen muss, und zwar ins Ausland. Und was von den Vereinigten Staaten gilt, gilt von jedem kapitalistischen Staate mit erschlossenen Hilfsquellen. Jedes dieser Länder hat einen unverbrauchten Überschuss. Vergessen Sie nicht, dass sie schon miteinander Handel getrieben haben, und dass diese Überschüsse doch geblieben sind. Die Arbeit in allen diesen Ländern hat ihre Löhne ausgegeben und kann von dem Überschuss nichts kaufen. Das Kapital in allen diesen Ländern hat auch schon verbraucht, was es ausgeben konnte. Und immer bleiben noch Überschüsse. Gegenseitig können diese Länder sich die Überschüsse nicht verkaufen. Wie werden sie sie also los?«

»Sie verkaufen sie an Länder mit unerschlossenen Hilfsquellen«, meinte Herr Kowalt.

»Sehr richtig. Sehen Sie, meine Beweisführung ist so klar und einfach, dass Sie sie selbst in Ihren Gedanken weiterführen. Und weiter. Gesetzt, die Vereinigten Staaten verkauften ihren Überschuss an ein Land mit unerschlossenen Hilfsquellen. Sagen wir, Brasilien. Was erhielten nun die Vereinigten Staaten von Brasilien als Gegenwert?«

»Gold«, sagte Herr Kowalt.

»Aber es gibt nur soundso viel Gold auf der Welt, und nicht allzu viel«, warf Ernst ein.

»Gold in Gestalt von Sicherheiten, Aktien und so weiter«, ergänzte Herr Kowalt.

»Da haben Sie’s«, sagte Ernst. »Die Vereinigten Staaten erhalten von Brasilien als Gegenwert Aktien und Sicherheiten. Und was bedeutet das? Das bedeutet, dass die Vereinigten Staaten dann Besitzer von Eisenbahnen, Fabriken, Bergwerken und Ländereien in Brasilien sein werden. Und was bedeutet das wiederum?«

Herr Kowalt überlegte und schüttelte den Kopf.

»Ich will es Ihnen sagen«, fuhr Ernst fort. »Das bedeutet, dass die Hilfsquellen von Brasilien erschlossen werden. Und nun weiter. Wenn Brasilien unter dem kapitalistischen System seine Hilfsquellen erschlossen hat, wird es selbst einen unverbrauchten Überschuss haben. Kann es diesen Überschuss an die Vereinigten Staaten loswerden? Nein, denn die Vereinigten Staaten haben selbst einen Überschuss. Können die Vereinigten Staaten ihren Überschuss an Brasilien loswerden wie bisher? Nein, denn jetzt hat Brasilien einen Überschuss.

Was geschieht nun? Die Vereinigten Staaten und Brasilien müssen sich andere Länder mit unerschlossenen Hilfsquellen suchen, um ihren Überschuss an sie abzugeben. Und wenn das geschieht, werden auch diese Länder ihre Hilfsquellen erschließen, dann bekommen auch sie Überschüsse und suchen sich ihrerseits wieder Absatzgebiete in anderen Ländern. Jetzt, meine Herren, passen Sie auf. Unser Planet hat nur eine bestimmte Größe. Es gibt nur soundsoviel Länder auf der Welt. Was geschieht, wenn alle Länder der Welt, selbst das kleinste und letzte, mit einem Überschuss in der Hand allen anderen Ländern, die ebenfalls Überschüsse haben, gegenüberstehen?«

Er machte eine Pause und sah die Zuhörer an. Die Bestürzung in ihren Mienen war belustigend. Aber auch Schrecken lag in ihnen. Durch abstrakte Begriffe hatte Ernst eine Vision beschworen. Und jetzt, da sie sie sahen, wurden sie von Schrecken gepackt.

»Wir sind vom Abc ausgegangen, Herr Calvin«, sagte Ernst listig. »Ich habe Ihnen jetzt das ganze Alphabet hergesagt. Es ist sehr einfach. Das ist das Schöne daran. Sie haben gewiss die Antwort bereit. Also bitte, wenn jedem Land der Erde ein unverbrauchter Überschuss bleibt, wo bleibt dann Ihr kapitalistisches System?«

Aber Herr Calvin schüttelte ärgerlich den Kopf. Er überlegte augenscheinlich, in der Hoffnung, einen Irrtum in Ernsts Beweisführung zu finden.

»Wir wollen die Sache noch einmal kurz durchsprechen«, sagte Ernst. »Wir gingen von einem einzelnen Industriezweig, der Schuhwarenfabrikation, aus. Wir sahen, dass die Produktionsteilung dort der aller anderen industriellen Betriebe ähnelt. Wir sahen, dass die Arbeit mit ihrem Lohn nur einen gewissen Teil der Produktion zurückkaufen konnte, und dass das Kapital den ihm verbleibenden Anteil nicht ganz aufbrauchte. Wir sahen, dass immer noch ein unverbrauchter Überschuss blieb, nachdem die Arbeit ihren ganzen Lohn, und das Kapital alles, was es benötigte, verbraucht hatte. Wir wurden uns darüber einig, dass dieser Überschuss nur an das Ausland abgesetzt werden konnte, dass infolgedessen die Hilfsquellen dieses Landes aufgeschlossen wurden und dieses Land binnen kurzem selbst einen unverbrauchten Überschuss haben musste. Wir dehnten diesen Vorgang auf alle Länder der Erde aus, bis jedes Land jährlich und täglich einen unverbrauchten Überschuss produzierte, den es nicht mehr an das Ausland absetzen konnte. Und nun frage ich Sie noch einmal: Was fangen wir mit diesem Überschuss an?«

Noch immer antwortete niemand.

»Herr Calvin?« fragte Ernst.

»Das geht über meinen Horizont«, gestand Herr Calvin.

»Ich habe mir solche Dinge nie träumen lassen«, sagte Herr Asmunsen. »Und jetzt scheinen sie mir so klar wie gedruckt .«
Zum ersten Mal hörte ich nun die Auslegung der Lehre Marx vom Mehrwert; Ernst entwickelte sie, und zwar so einfach, dass auch ich bestürzt und wie vom Donner gerührt dasaß.

»Ich will Ihnen sagen, wie Sie den Überschuss loswerden können«, fuhr Ernst fort. »Werfen Sie ihn ins Meer. Werfen Sie jedes Jahr Hunderte von Millionen Dollar in Schuhen, in Weizen , in Kleidern, in sämtlichen Handelsartikeln ins Meer. Wäre das nicht eine Lösung?«

»Zweifellos«, antwortete Herr Calvin. »Aber es ist abgeschmackt von Ihnen, so zu reden.«
Ernst wandte sich blitzschnell gegen ihn.

»Ist es auch nur im geringsten abgeschmackter als das, was Sie Maschinenstürmer reden, wenn Sie die Rückkehr zu den vorsintflutlichen Methoden Ihrer Vorfahren fordern? Welche Vorschläge machen Sie, um die Überschüsse loszuschlagen? Sie würden der ganzen Frage einfach aus dem Wege gehen, indem Sie keinen Überschuss produzierten. Aber wie wollen Sie den Überschuss vermeiden: durch Rückkehr zu einer primitiven Produktionsweise, die so verworren, unordentlich und vernunftswidrig, so zeitraubend und kostspielig ist, dass es unmöglich wäre, einen Überschuss zu produzieren !«

Herr Calvin schluckte. Der Hieb saß. Er schluckte mehrmals und räusperte sich.

»Sie haben recht«, sagte er. »Ich bin geschlagen. Es ist abgeschmackt. Aber wir müssen etwas tun. Für uns vom Mittelstand ist es eine Frage auf Leben und Tod. Wir wollen nicht zugrunde gehen. Lieber wollen wir abgeschmackt sein und zu der sicher rohen, primitiven und unökonomischen Methode unserer Vorfahren zurückkehren. Wir wollen die Industrie auf das Vor-Trust-Stadium zurückführen. Wir wollen die Maschinen stürmen. Und was wollen Sie dagegen machen?«

»Aber Sie können die Maschinen nicht stürmen«, erwiderte Ernst. »Sie können die Flut der Entwicklung nicht rückwärts lenken. Ihnen stehen zwei Mächte gegenüber, deren jede allein stärker ist als der Mittelstand. Die Großkapitalisten, die Trusts verlegen Ihnen den Rückweg. Sie wollen nicht, dass die Maschinen zerstört werden. Und größer noch als die Macht der Trusts ist die der Arbeit. Sie erlaubt Ihnen nicht, die Maschinen zu stürmen. Die Weltherrschaft, und mit ihr die Maschine, liegt zwischen Trust und Arbeit. Dort ist die Schlachtfront. Auf keiner Seite will man die Vernichtung der Maschinen, auf jeder Seite aber ihren Besitz. In diesem Kampf ist kein Raum für den Mittelstand, der ist ein Zwerg zwischen zwei Riesen. Sie müssen einsehen, dass Sie, die Angehörigen des armen, dem Untergang geweihten Mittelstandes, zwischen zwei Mühlsteine gepresst sind, und dass das Mahlen soeben begonnen hat.

Ich habe Ihnen mathematisch bewiesen, dass der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems unvermeidlich ist. Wenn jedes Land mit einem unverbrauchten und unverkäuflichen Überschuss in der Hand dasteht, wird das kapitalistische System unter dem schrecklichen Profitgebäude zusammenbrechen, das es selbst errichtet hat. Dann aber wird es für den Mittelstand ganz unerträglich werden. Für die Vereinigten Staaten, für die ganze Welt wird ein neues, gewaltiges Zeitalter anbrechen. Statt von den Maschinen zermalmt zu werden, wird das Leben durch sie angenehmer, glücklicher und schöner gestaltet werden. Sie vom untergegangenen Mittelstand und der Arbeiter — es wird dann nur noch Arbeiter geben — Sie und alle Arbeiter werden die Produkte der wunderbaren Maschinen gerecht verteilen. Und wir alle werden neue und noch wunderbarere Maschinen bauen. Und es wird keinen unverbrauchten Überschuss geben, weil es keinen Gewinn gibt.«

»Gesetzt aber, in diesem Kampf um die Herrschaft über die Maschine und die Welt würden die Trusts siegen?« fragte Herr Kowalt.

»Dann«, antwortete Ernst, »werden Sie und die Arbeiter und wir alle von der eisernen Ferse der unbarmherzigsten, furchtbarsten Despotismus, den die Geschichte der Menschheit je gesehen hat, zermalmt werden. Diesen Despotismus würde man treffend mit dem Namen >Die Eiserne Ferse< bezeichnen.« (Seite 131 – 140)

Also, was nun? Es wundert eigentlich nicht, dass dieser Roman nur noch antiquarisch erhältlich ist (ansonsten aber auch noch komplett im Internet ;-). Denn er steckt voller Warnungen und prangert zugleich das unbarmherzige und egoistische System an. Jack London warnt ausdrücklich vor den Folgen – bis hin zur Diktatur – und das vor über 100 Jahren. Und er nahm die Entwicklungen der Weltgeschichte des letzte Jahrhunderts bereits vorweg.

Was also tun? Sollen wir tatsächlich jedem Bürger einige Euro-Scheine in die Hand zu drücken? Warum tun wir nicht viel lieber das Nahe liegende und erhöhen die elend geringen Hartz-IV-Sätze…? Oder geben eine Hartz-IV-Weihnachtssonderzugabe aus und sorgen so für ein bisschen mehr soziale Gerechtigkeit? Oder eigentlich noch besser: Warum stecken wir nicht das Geld in unsere Infrastruktur? In all die Projekte, die stets mit dem Vorwand abgeschmettert wurden, es sei kein Geld da? Dieses Geld käme zum Beispiel kleinen Betrieben vor Ort zu und letztlich der gesamten Gemeinschaft zugute. Es wäre dringend überfällig, nicht nur um die Infrastrukturen zu stärken, sondern auch im Sinne der Gerechtigkeit. Denn über Jahre haben wir die soziale Verantwortung des Kapitals verpönt, haben uns für den Reichtum einiger Weniger entschieden und gegen eine gerechte Verteilung sowie einer ökologisch und sozial hohen Lebensqualität.

Als Exportweltmeister haben wir den Binnenmarkt und die Infrastruktur vernachlässigt und Privatinteressen geopfert. Und so wie es aussieht, denken die Politiker nicht im Traum daran, das wirklich zu ändern. Ihnen geht es nur darum, die große Maschine zu ölen und wieder zum Laufen zu bringen. Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir sie daran messen sollten, ob wir uns ihre Worte und Gesichter merken sollten, damit sie nicht später sagen, sie hätten es schon vorher gewusst. Denn gehandelt haben sie nicht danach. Man erinnert sich noch an den letzten Versuch die Diäten zu erhöhen erinnern, der am öffentlichen Aufschrei scheiterte – und nicht am eigenen Gewissen. Doch gerade dieses ist in diesen Zeiten gefragt, ansonsten werden alle Maßnahmen im Sande verlaufen.

Quelle:
Die Eiserne Ferse – online

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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4 Antworten auf "Ausgewachsen"

  1. Bunker 9 Jahren ago .Antworten

    I read a few topics. I respect your work and added blog to favorites.

  2. Hans Dampf 9 Jahren ago .Antworten

    Ein bemerkenswertes Buch für alle die noch Hirn im Kopf und ein Herz in der Brust haben!!!

    Gruß,
    Hans D.

  3. Nibiru 10 Jahren ago .Antworten

    Dieses Buch von Jack London kannte ich gar nicht und habe noch mal tiefer in die Online-Ausgabe hinein gelesen. Danke für den Tipp! Es ist absolut zeitlos und passt in die heutige Situation. Allerdings sieht der Autor die Zukunft gar nicht rosig.

    Solche Bücher sollten Pflicht an den Unis in BWL und VWL sein.
    Stattdessen wird es nicht mehr verlegt…

    Nibiru

  4. Gregor 10 Jahren ago .Antworten

    Ich habe eben in den Nachrichten gesehen, dass Annette Schavan, unsere Bundesministerin für Bildung und Forschung fordert, das nächste Förderungsprogramm auch in die Renovierung unserer Schulen fließen zu lassen. Und Baldpräsident Barack Obama will ebenfalls in die Infrastruktur investieren und flächendeckend die Schulen mit Computern ausstatten. Mal sehen… wäre aber wirklich gut.

    Nicht die Autokonzerne brauchen Milliarden, sondern diejenigen die bisher vernachlässigt wurden!

    Gregor

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