Ausgewachsen

buch_jacklondon.jpgAch, was waren wir immer stolz auf Deutsch­land, stolz auf uns, die Export­welt­meis­ter. Das jedoch eine ein­sei­ti­ge Aus­rich­tung auf Export­ge­schäf­te auch erheb­li­che Gefah­ren in sich birgt, war kein The­ma. Die Arg­lo­sig­keit beginnt sich zu rächen. Denn wer soll nun all die schö­nen Pro­duk­te kau­fen? Ange­sichts der Kri­se dis­ku­tie­ren wir, ob es nicht bes­ser sei, nur noch inlän­di­sche Waren zu erste­hen und ob man hier­zu nicht sogar gezielt den Kon­sum durch klei­ne Geld­ge­schen­ke an die Bevöl­ke­rung ankur­beln sol­le. Doch nie­mand macht sich dar­an, die eigent­li­chen Wur­zeln des Übels infra­ge zu stel­len: End­los­wachs­tum, Über­pro­duk­ti­on und die bru­ta­le Mecha­nik ent­fes­sel­ter Märk­te. Ein Pro­blem, des­sen Fol­gen der berühm­te Autor Jack Lon­don bereits 1906 erkann­te und in sei­nem visio­nä­ren Roman »Die eiser­ne Fer­se« beschrieb. Ein Buch, dass kaum aktu­el­ler sein könn­te…
Die Geschich­te scheint sich stets zu wie­der­ho­len - und das trotz aller schlech­ten Erfah­run­gen. Oder wie anders kann man erklä­ren, dass wir bereit sind, die­sel­ben Feh­ler noch mal zu machen, nur da wir selbst kurz­fris­ti­ge Vor­tei­le dar­aus zie­hen? Wie kann man sonst erklä­ren, dass wir uns aber­mals in einer welt­wei­ten Wirt­schafts­kri­se befin­den, obwohl dies nicht die ers­te ist? Die Erfah­run­gen aus der gro­ßen Depres­si­on gel­ten als gemacht und es gibt tat­säch­lich Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, die uns für geläu­tert hal­ten, für ver­nünf­ti­ger und beson­nen. Pus­te­ku­chen…

Das glo­ba­le Finanz- und Wirt­schafts­de­sas­ter, viel­leicht sogar ein Katak­lys­mus von umwäl­zen­dem Cha­rak­ter, kommt nicht aus hei­te­rem Him­mel, son­dern war abseh­bar. Der Kapi­ta­lis­mus, in der Form wie er welt­weit prak­ti­ziert oder zumin­dest ange­strebt wur­de (und wird), die aggres­si­ve Expan­si­ons­po­li­tik der immer grö­ßer wer­den­den Akteu­re kann nur im Fias­ko enden. Jeder, der nur halb­wegs ange­strengt dar­über nach­denkt wird dies erken­nen, denn es hat nichts mit links oder rechts zu tun, nicht mit poli­ti­schen Ideo­lo­gi­en oder Sys­tem­theo­ri­en - son­dern mit purer Logik. Der Kapi­ta­lis­mus, den wir ken­nen oder zu ken­nen glaub­ten, die­se aber­wit­zi­ge Visi­on unend­li­chen Wachs­tums, war unsin­nig bis dumm. Wer ihn ver­tei­digt, so muss man anneh­men, hat­te mehr sei­ne eige­nen Vor­tei­le im Blick. Denn der Reich­tum und Wohl­stand der letz­ten Jah­re und Jahr­zehn­te ist auf Unge­rech­tig­keit und Aus­beu­tung auf­ge­baut. Denn wann immer der eine sei­nen Reich­tum mehrt, ver­liert ihn anders­wo ein ande­rer. Unser Wohl­stand war - mit die­sem Sys­tem - nur mög­lich, weil wir auf Kos­ten ande­rer leb­ten.

In sei­nem Roman »Die eiser­ne Fer­se« beschreibt Jack Lon­don, den man ja sonst eher nur für sei­ne Natur­ro­ma­ne kennt, die fik­ti­ve Geschich­te der Zukunft. Er schrieb das Buch im Jah­re 1906, zu einer Zeit, in der die Indus­tria­li­sie­rung bereits tie­fe Spu­ren in der Gesell­schaft »moder­ner« Staa­ten hin­ter­las­sen hat­te. In Russ­land war gera­de eine Revo­lu­ti­on blu­tig nie­der­ge­schla­gen wor­den und auch bei uns in Deutsch­land, wie zum Bei­spiel in Ham­burg, setz­te eine gro­ße Streik­be­we­gung ein. Die Arbei­ter waren die gro­ßen Ver­lie­rer der Ent­wick­lun­gen und wuss­ten sich nicht anders zu hel­fen, als in den Streik zu tre­ten oder sich mit ihren Fäus­ten gegen die sich ent­fal­ten­de Macht der gro­ßen Pro­du­zen­ten und Händ­ler zu weh­ren. Je mehr die Maschi­nen in die Fer­ti­gungs­pro­zes­se und Werks­hal­len Ein­zug hiel­ten, des­to weni­ger war ihrer eige­ner Hän­de Arbeit wehrt. Doch bereits der ers­te ech­te Auf­stand, der als »Weber­auf­stand von 1844« in die Geschichts­bü­cher ein­ging, hat­te kei­ne Bes­se­rung gebracht. Maschi­nen und spä­ter Fließ­bän­der brach­ten die Mas­sen­pro­duk­ti­on in Schwung, setz­ten aber nach und nach Men­schen­mas­sen außer Gefecht. Der Wunsch die Pro­fi­te zu maxi­mie­ren erzeug­te auf der ande­ren Sei­te gro­ße Armut. Doch auch in sich war das Prin­zip unsin­nig, kurz gedacht und damit alles ande­re als sozi­al. In sei­nem Buch beschreibt Lon­don den immer hef­ti­ger wer­den­den Kampf zwi­schen Kapi­tal und Arbeit, sowie die unaus­weich­li­chen Fol­gen, in einem Dia­log der Haupt­fi­gur Ernst mit Ver­tre­tern der Wirt­schaft. Hier ein Aus­zug:

Die Mathe­ma­tik eines Traums
…Es ist nicht nur unver­meid­lich, dass Sie, die Klein­ka­pi­ta­lis­ten, unter­ge­hen, auch der Unter­gang der Groß­ka­pi­ta­lis­ten und der Trusts ist unver­meid­lich. Ver­ges­sen Sie nicht, dass die Flut der Ent­wick­lung nie rück­wärts fließt. Sie fließt immer wei­ter, vom frei­en Wett­be­werb zum Ver­band, vom klei­nen Ver­band zum gro­ßen, vom gro­ßen zum rie­si­gen, und sie ergießt sich schließ­lich in den Sozia­lis­mus, den rie­sigs­ten aller Ver­bän­de.

Sie sagen, dass ich träu­me. Schön. Ich wer­de Ihnen die Mathe­ma­tik mei­nes Trau­mes dar­le­gen; und ich for­de­re sie von vorn­her­ein auf, mir zu bewei­sen, dass mei­ne Mathe­ma­tik nicht stimmt. Ich wer­de Ihnen zei­gen, dass der Zusam­men­bruch des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems unver­meid­lich ist, und ich wer­de die Unver­meid­lich­keit die­ses Zusam­men­bruchs mathe­ma­tisch bewei­sen. Ich begin­ne, und bit­te Sie nur, etwas Geduld mit mir zu haben, wenn ich anfangs ein wenig weit­schwei­fig bin.

Las­sen Sie uns zunächst ein­mal einen ein­zel­nen Indus­trie­zweig ins Auge fas­sen, und wenn ich irgend etwas behaup­ten soll­te, mit dem Sie nicht über­ein­stim­men, so bit­te ich Sie, mich zu unter­bre­chen. Neh­men wir eine Schuh­wa­ren­fa­brik. Die­se Fabrik kauft Leder und ver­ar­bei­tet es zu Schu­hen.

Sagen wir, es wären für hun­dert Dol­lar Leder. Es geht durch die Fabrik und kommt in Form von Schu­hen wie­der her­aus, die einen Wert von, sagen wir, zwei­hun­dert Dol­lar haben. Der Wert des Leders hat sich also um hun­dert Dol­lar ver­mehrt. Wie ist das gekom­men? Las­sen Sie uns sehen. Kapi­tal und Arbeit haben also den Wert um hun­dert Dol­lar gestei­gert. Das Kapi­tal stellt die Fabrik, die Maschi­nen und kommt für alle Aus­la­gen auf. Arbeit lie­fert Arbeit. Durch ver­ein­te Kraft von Kapi­tal und Arbeit wur­de der Wert­zu­wachs von hun­dert Dol­lar geschaf­fen. Sind wir soweit einig? «

Die Tafel­run­de nick­te zustim­mend.

»Arbeit und Kapi­tal haben also die­se hun­dert Dol­lar ver­dient, und nun gehen sie dar­an, zu tei­len. Die Sta­tis­ti­ken die­ser Tei­lung rech­nen mit Brü­chen: wir wol­len der Bequem­lich­keit hal­ber run­de Zah­len neh­men. Das Kapi­tal nimmt fünf­zig Dol­lar als sei­nen Anteil, und die Arbeit erhält fünf­zig Dol­lar in Lohn als ihren Anteil. Wir wol­len hier nicht auf die Strei­tig­kei­ten bezüg­lich der Tei­lung ein­ge­hen . Wie sehr man sich auch strei­ten mag, zu irgend­ei­nem Pro­zent­satz muss die Tei­lung doch vor­ge­nom­men wer­den. Und beden­ken Sie, dass das, was für die­sen einen Indus­trie­zweig in Fra­ge kommt, auch für alle ändern Fabri­ka­ti­ons­zwei­ge zutrifft. Habe ich recht?«

Wie­der nick­te der gan­ze Tisch zustim­mend.

»Und nun set­zen wir den Fall, dass die Arbeit, die ihre fünf­zig Dol­lar erhal­ten hat, ihrer­seits Schu­he kau­fen woll­te.
Sie kann das nur im Wert von fünf­zig Dol­lar. Das ist klar, nicht wahr?

Und nun neh­men wir statt die­ses ein­zel­nen Zwei­ges die gan­ze Sum­me aller indus­tri­el­len Zwei­ge in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die die Her­stel­lung des Leders selbst, die Lie­fe­rung der Roh­stof­fe, den Trans­port und den Ver­kauf, kurz, alles ein­schlie­ßen. Neh­men wir, um eine run­de Sum­me zu nen­nen, an, dass die Gesamt­pro­duk­ti­on an Sach­wer­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten vier Mil­li­ar­den Dol­lar jähr­lich beträgt. In der­sel­ben Zeit hat die Arbeit einen Lohn von zwei Mil­li­ar­den Dol­lar erhal­ten. Vier Mil­li­ar­den sind pro­du­ziert wor­den. Wie viel kann die Arbeit hier­von zurück­kau­fen? Zwei Mil­li­ar­den. Dar­über kann es kei­ne Mei­nungs­ver­schie­den­heit geben, das ist sicher. Im übri­gen ist der Tei­lungs­satz, den ich ange­nom­men habe, sehr hoch, denn in Tau­sen­den von kapi­ta­lis­ti­schen Unter­neh­mun­gen kann die Arbeit bei wei­tem nicht die Hälf­te der Gesamt­pro­duk­ti­on zurück­kau­fen. Wir wol­len aber anneh­men, dass die Arbeit zwei Mil­li­ar­den zurück­kau­fen kann. Das heißt, dass die Arbeit nur zwei Mil­li­ar­den ver­brau­chen kann. Wir müs­sen also mit zwei Mil­li­ar­den rech­nen, die die Arbeit nicht zurück­kau­fen und ver­brau­chen kann.«

»Die Arbeit ver­braucht ihre zwei Mil­li­ar­den nicht«, unter­brach ihn Herr Kowalt. »Täte sie es, dann gäbe es kei­ne Erspar­nis­se in den Spar­kas­sen.«

»Die Erspar­nis­se der Arbeit in den Spar­kas­sen sind nur eine Art Reser­ve­fonds, der eben­so schnell wie­der ver­braucht wird, wie er sich anhäuft. Die Erspar­nis­se sind für Alter, Krank­heit und unvor­her­ge­se­he­ne Fäl­le sowie für Begräb­nis­kos­ten gemacht. Sie sind ein­fach ein Stück Brot, das man wie­der in den Schrank gelegt hat, um es erst am nächs­ten Tage zu essen. Nein, die Arbeit ver­braucht alles, was ihr Lohn von der Pro­duk­ti­on zurück­kauft.

Zwei Mil­li­ar­den ver­blei­ben dem Kapi­tal. Ver­braucht das Kapi­tal, nach­dem es alle sei­ne Aus­ga­ben bestrit­ten hat, den Rest? Ver­braucht das Kapi­tal sei­ne gan­zen zwei Mil­li­ar­den? «

Ernst hielt inne und rich­te­te die Fra­ge an ver­schie­de­ne Her­ren. Sie schüt­tel­ten die Köp­fe.

»Ich weiß es nicht«, sag­te einer von ihnen frei­mü­tig.

»Natür­lich wis­sen Sie es«, fuhr Ernst fort. »Den­ken Sie einen Augen­blick nach. Wenn das Kapi­tal sei­nen Anteil ver­brauch­te, könn­te die Gesamt­sum­me des Kapi­tals nicht wach­sen. Sie wür­de kon­stant blei­ben. Wenn Sie die öko­no­mi­sche Geschich­te der Ver­ei­nig­ten Staa­ten betrach­ten wol­len, wer­den Sie sehen, dass die Gesamt­sum­me des Kapi­tals bestän­dig gewach­sen ist. Das heißt, dass das Kapi­tal sei­nen Anteil nicht ver­braucht. Erin­nern Sie sich noch der Zeit, als Eng­land einen gro­ßen Teil unse­rer Eisen­bahn­ak­ti­en besaß? Mit den Jah­ren kauf­ten wir die­se Akti­en zurück. Was heißt das? Dass der unver­brauch­te Teil des Kapi­tals die Akti­en zurück­kauf­te. Was bedeu­tet die Tat­sa­che, dass heu­te die Kapi­ta­lis­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten Hun­der­te und aber Hun­der­te von Mil­lio­nen Dol­lar in mexi­ka­ni­schen, rus­si­schen und grie­chi­schen Akti­en besit­zen? Das bedeu­tet, dass die­se Hun­der­te und aber Hun­der­te Mil­lio­nen von ihrem Kapi­tal­an­teil nicht ver­braucht wur­den. Seit Beginn des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems hat das Kapi­tal sei­nen Anteil nie völ­lig ver­braucht.

Und nun kom­men wir zur Haupt­sa­che. Vier Mil­li­ar­den Wer­te wer­den jähr­lich in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten pro­du­ziert. Hier­von kauft die Arbeit zwei Mil­li­ar­den zurück und ver­braucht sie. Das Kapi­tal ver­braucht die ihm ver­blei­ben­den zwei Mil­li­ar­den nicht. Es ver­bleibt also ein gro­ßer, unver­brauch­ter Über­schuss. Und was geschah mit die­sem Über­schuss? Was geschieht mit ihm? Die Arbeit kann nichts davon ver­brau­chen, denn sie hat ihren Lohn ja bereits aus­ge­ge­ben. Das Kapi­tal ver­braucht die­sen Über­schuss eben­falls nicht, weil es natur­ge­mäß soviel, wie es konn­te, ver­braucht hat. Aber der Über­schuss ist noch da. Was kann damit gesche­hen? Was ist damit gesche­hen?« »Er geht ins Aus­land«, mein­te Herr Kowalt. »Sehr rich­tig«, stimm­te Ernst ihm zu. »Die­ser Über­schuss ver­ur­sacht unsern Bedarf an aus­län­di­schen Abneh­mern. Er wird expor­tiert. Er muss expor­tiert wer­den. Es gibt kei­ne ande­re Mög­lich­keit, ihn los­zu­wer­den. Und die­ser unver­brauch­te und expor­tier­te Über­schuss wird zu dem, was wir unse­re güns­ti­ge Han­dels­bi­lanz nen­nen. Sind wir soweit einig?«

»Es dürf­te Zeit­ver­schwen­dung sein, uns die­ses Abc des Han­dels aus­ein­an­der­zu­set­zen«, sag­te Herr Cal­vin mür­risch. »Das ver­ste­hen wir alle.«

»Und gera­de durch die­ses Abc, das ich Ihnen so genau aus­ein­an­der­ge­setzt habe, wer­de ich Sie auf­rüt­teln!« erwi­der­te Ernst. »Das ist das Schö­ne dar­an. Und ich fan­ge jetzt gleich an.

Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind ein kapi­ta­lis­ti­sches Land, das sei­ne Hilfs­quel­len auf­ge­schlos­sen hat. Zufol­ge sei­nem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem in der Indus­trie hat es unver­brauch­te Über­schüs­se, die es absto­ßen muss, und zwar ins Aus­land. Und was von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gilt, gilt von jedem kapi­ta­lis­ti­schen Staa­te mit erschlos­se­nen Hilfs­quel­len. Jedes die­ser Län­der hat einen unver­brauch­ten Über­schuss. Ver­ges­sen Sie nicht, dass sie schon mit­ein­an­der Han­del getrie­ben haben, und dass die­se Über­schüs­se doch geblie­ben sind. Die Arbeit in allen die­sen Län­dern hat ihre Löh­ne aus­ge­ge­ben und kann von dem Über­schuss nichts kau­fen. Das Kapi­tal in allen die­sen Län­dern hat auch schon ver­braucht, was es aus­ge­ben konn­te. Und immer blei­ben noch Über­schüs­se. Gegen­sei­tig kön­nen die­se Län­der sich die Über­schüs­se nicht ver­kau­fen. Wie wer­den sie sie also los?«

»Sie ver­kau­fen sie an Län­der mit uner­schlos­se­nen Hilfs­quel­len«, mein­te Herr Kowalt.

»Sehr rich­tig. Sehen Sie, mei­ne Beweis­füh­rung ist so klar und ein­fach, dass Sie sie selbst in Ihren Gedan­ken wei­ter­füh­ren. Und wei­ter. Gesetzt, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ver­kauf­ten ihren Über­schuss an ein Land mit uner­schlos­se­nen Hilfs­quel­len. Sagen wir, Bra­si­li­en. Was erhiel­ten nun die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Bra­si­li­en als Gegen­wert?«

»Gold«, sag­te Herr Kowalt.

»Aber es gibt nur sound­so viel Gold auf der Welt, und nicht all­zu viel«, warf Ernst ein.

»Gold in Gestalt von Sicher­hei­ten, Akti­en und so wei­ter«, ergänz­te Herr Kowalt.

»Da haben Sie’s«, sag­te Ernst. »Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten erhal­ten von Bra­si­li­en als Gegen­wert Akti­en und Sicher­hei­ten. Und was bedeu­tet das? Das bedeu­tet, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten dann Besit­zer von Eisen­bah­nen, Fabri­ken, Berg­wer­ken und Län­de­rei­en in Bra­si­li­en sein wer­den. Und was bedeu­tet das wie­der­um?«

Herr Kowalt über­leg­te und schüt­tel­te den Kopf.

»Ich will es Ihnen sagen«, fuhr Ernst fort. »Das bedeu­tet, dass die Hilfs­quel­len von Bra­si­li­en erschlos­sen wer­den. Und nun wei­ter. Wenn Bra­si­li­en unter dem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem sei­ne Hilfs­quel­len erschlos­sen hat, wird es selbst einen unver­brauch­ten Über­schuss haben. Kann es die­sen Über­schuss an die Ver­ei­nig­ten Staa­ten los­wer­den? Nein, denn die Ver­ei­nig­ten Staa­ten haben selbst einen Über­schuss. Kön­nen die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ihren Über­schuss an Bra­si­li­en los­wer­den wie bis­her? Nein, denn jetzt hat Bra­si­li­en einen Über­schuss.

Was geschieht nun? Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Bra­si­li­en müs­sen sich ande­re Län­der mit uner­schlos­se­nen Hilfs­quel­len suchen, um ihren Über­schuss an sie abzu­ge­ben. Und wenn das geschieht, wer­den auch die­se Län­der ihre Hilfs­quel­len erschlie­ßen, dann bekom­men auch sie Über­schüs­se und suchen sich ihrer­seits wie­der Absatz­ge­bie­te in ande­ren Län­dern. Jetzt, mei­ne Her­ren, pas­sen Sie auf. Unser Pla­net hat nur eine bestimm­te Grö­ße. Es gibt nur sound­so­viel Län­der auf der Welt. Was geschieht, wenn alle Län­der der Welt, selbst das kleins­te und letz­te, mit einem Über­schuss in der Hand allen ande­ren Län­dern, die eben­falls Über­schüs­se haben, gegen­über­ste­hen?«

Er mach­te eine Pau­se und sah die Zuhö­rer an. Die Bestür­zung in ihren Mie­nen war belus­ti­gend. Aber auch Schre­cken lag in ihnen. Durch abs­trak­te Begrif­fe hat­te Ernst eine Visi­on beschwo­ren. Und jetzt, da sie sie sahen, wur­den sie von Schre­cken gepackt.

»Wir sind vom Abc aus­ge­gan­gen, Herr Cal­vin«, sag­te Ernst lis­tig. »Ich habe Ihnen jetzt das gan­ze Alpha­bet her­ge­sagt. Es ist sehr ein­fach. Das ist das Schö­ne dar­an. Sie haben gewiss die Ant­wort bereit. Also bit­te, wenn jedem Land der Erde ein unver­brauch­ter Über­schuss bleibt, wo bleibt dann Ihr kapi­ta­lis­ti­sches Sys­tem?«

Aber Herr Cal­vin schüt­tel­te ärger­lich den Kopf. Er über­leg­te augen­schein­lich, in der Hoff­nung, einen Irr­tum in Ernsts Beweis­füh­rung zu fin­den.

»Wir wol­len die Sache noch ein­mal kurz durch­spre­chen«, sag­te Ernst. »Wir gin­gen von einem ein­zel­nen Indus­trie­zweig, der Schuh­wa­ren­fa­bri­ka­ti­on, aus. Wir sahen, dass die Pro­duk­ti­ons­tei­lung dort der aller ande­ren indus­tri­el­len Betrie­be ähnelt. Wir sahen, dass die Arbeit mit ihrem Lohn nur einen gewis­sen Teil der Pro­duk­ti­on zurück­kau­fen konn­te, und dass das Kapi­tal den ihm ver­blei­ben­den Anteil nicht ganz auf­brauch­te. Wir sahen, dass immer noch ein unver­brauch­ter Über­schuss blieb, nach­dem die Arbeit ihren gan­zen Lohn, und das Kapi­tal alles, was es benö­tig­te, ver­braucht hat­te. Wir wur­den uns dar­über einig, dass die­ser Über­schuss nur an das Aus­land abge­setzt wer­den konn­te, dass infol­ge­des­sen die Hilfs­quel­len die­ses Lan­des auf­ge­schlos­sen wur­den und die­ses Land bin­nen kur­zem selbst einen unver­brauch­ten Über­schuss haben muss­te. Wir dehn­ten die­sen Vor­gang auf alle Län­der der Erde aus, bis jedes Land jähr­lich und täg­lich einen unver­brauch­ten Über­schuss pro­du­zier­te, den es nicht mehr an das Aus­land abset­zen konn­te. Und nun fra­ge ich Sie noch ein­mal: Was fan­gen wir mit die­sem Über­schuss an?«

Noch immer ant­wor­te­te nie­mand.

»Herr Cal­vin?« frag­te Ernst.

»Das geht über mei­nen Hori­zont«, gestand Herr Cal­vin.

»Ich habe mir sol­che Din­ge nie träu­men las­sen«, sag­te Herr Asmun­sen. »Und jetzt schei­nen sie mir so klar wie gedruckt .«
Zum ers­ten Mal hör­te ich nun die Aus­le­gung der Leh­re Marx vom Mehr­wert; Ernst ent­wi­ckel­te sie, und zwar so ein­fach, dass auch ich bestürzt und wie vom Don­ner gerührt dasaß.

»Ich will Ihnen sagen, wie Sie den Über­schuss los­wer­den kön­nen«, fuhr Ernst fort. »Wer­fen Sie ihn ins Meer. Wer­fen Sie jedes Jahr Hun­der­te von Mil­lio­nen Dol­lar in Schu­hen, in Wei­zen , in Klei­dern, in sämt­li­chen Han­dels­ar­ti­keln ins Meer. Wäre das nicht eine Lösung?«

»Zwei­fel­los«, ant­wor­te­te Herr Cal­vin. »Aber es ist abge­schmackt von Ihnen, so zu reden.«
Ernst wand­te sich blitz­schnell gegen ihn.

»Ist es auch nur im gerings­ten abge­schmack­ter als das, was Sie Maschi­nen­stür­mer reden, wenn Sie die Rück­kehr zu den vor­sint­flut­li­chen Metho­den Ihrer Vor­fah­ren for­dern? Wel­che Vor­schlä­ge machen Sie, um die Über­schüs­se los­zu­schla­gen? Sie wür­den der gan­zen Fra­ge ein­fach aus dem Wege gehen, indem Sie kei­nen Über­schuss pro­du­zier­ten. Aber wie wol­len Sie den Über­schuss ver­mei­den: durch Rück­kehr zu einer pri­mi­ti­ven Pro­duk­ti­ons­wei­se, die so ver­wor­ren, unor­dent­lich und ver­nunfts­wid­rig, so zeit­rau­bend und kost­spie­lig ist, dass es unmög­lich wäre, einen Über­schuss zu pro­du­zie­ren !«

Herr Cal­vin schluck­te. Der Hieb saß. Er schluck­te mehr­mals und räus­per­te sich.

»Sie haben recht«, sag­te er. »Ich bin geschla­gen. Es ist abge­schmackt. Aber wir müs­sen etwas tun. Für uns vom Mit­tel­stand ist es eine Fra­ge auf Leben und Tod. Wir wol­len nicht zugrun­de gehen. Lie­ber wol­len wir abge­schmackt sein und zu der sicher rohen, pri­mi­ti­ven und unöko­no­mi­schen Metho­de unse­rer Vor­fah­ren zurück­keh­ren. Wir wol­len die Indus­trie auf das Vor-Trust-Sta­di­um zurück­füh­ren. Wir wol­len die Maschi­nen stür­men. Und was wol­len Sie dage­gen machen?«

»Aber Sie kön­nen die Maschi­nen nicht stür­men«, erwi­der­te Ernst. »Sie kön­nen die Flut der Ent­wick­lung nicht rück­wärts len­ken. Ihnen ste­hen zwei Mäch­te gegen­über, deren jede allein stär­ker ist als der Mit­tel­stand. Die Groß­ka­pi­ta­lis­ten, die Trusts ver­le­gen Ihnen den Rück­weg. Sie wol­len nicht, dass die Maschi­nen zer­stört wer­den. Und grö­ßer noch als die Macht der Trusts ist die der Arbeit. Sie erlaubt Ihnen nicht, die Maschi­nen zu stür­men. Die Welt­herr­schaft, und mit ihr die Maschi­ne, liegt zwi­schen Trust und Arbeit. Dort ist die Schlacht­front. Auf kei­ner Sei­te will man die Ver­nich­tung der Maschi­nen, auf jeder Sei­te aber ihren Besitz. In die­sem Kampf ist kein Raum für den Mit­tel­stand, der ist ein Zwerg zwi­schen zwei Rie­sen. Sie müs­sen ein­se­hen, dass Sie, die Ange­hö­ri­gen des armen, dem Unter­gang geweih­ten Mit­tel­stan­des, zwi­schen zwei Mühl­stei­ne gepresst sind, und dass das Mah­len soeben begon­nen hat.

Ich habe Ihnen mathe­ma­tisch bewie­sen, dass der Zusam­men­bruch des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems unver­meid­lich ist. Wenn jedes Land mit einem unver­brauch­ten und unver­käuf­li­chen Über­schuss in der Hand dasteht, wird das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem unter dem schreck­li­chen Pro­fit­ge­bäu­de zusam­men­bre­chen, das es selbst errich­tet hat. Dann aber wird es für den Mit­tel­stand ganz uner­träg­lich wer­den. Für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, für die gan­ze Welt wird ein neu­es, gewal­ti­ges Zeit­al­ter anbre­chen. Statt von den Maschi­nen zer­malmt zu wer­den, wird das Leben durch sie ange­neh­mer, glück­li­cher und schö­ner gestal­tet wer­den. Sie vom unter­ge­gan­ge­nen Mit­tel­stand und der Arbei­ter — es wird dann nur noch Arbei­ter geben — Sie und alle Arbei­ter wer­den die Pro­duk­te der wun­der­ba­ren Maschi­nen gerecht ver­tei­len. Und wir alle wer­den neue und noch wun­der­ba­re­re Maschi­nen bau­en. Und es wird kei­nen unver­brauch­ten Über­schuss geben, weil es kei­nen Gewinn gibt.«

»Gesetzt aber, in die­sem Kampf um die Herr­schaft über die Maschi­ne und die Welt wür­den die Trusts sie­gen?« frag­te Herr Kowalt.

»Dann«, ant­wor­te­te Ernst, »wer­den Sie und die Arbei­ter und wir alle von der eiser­nen Fer­se der unbarm­her­zigs­ten, furcht­bars­ten Des­po­tis­mus, den die Geschich­te der Mensch­heit je gese­hen hat, zer­malmt wer­den. Die­sen Des­po­tis­mus wür­de man tref­fend mit dem Namen >Die Eiser­ne Fer­se< bezeich­nen.« (Sei­te 131 - 140)

Also, was nun? Es wun­dert eigent­lich nicht, dass die­ser Roman nur noch anti­qua­risch erhält­lich ist (ansons­ten aber auch noch kom­plett im Inter­net ;-). Denn er steckt vol­ler War­nun­gen und pran­gert zugleich das unbarm­her­zi­ge und ego­is­ti­sche Sys­tem an. Jack Lon­don warnt aus­drück­lich vor den Fol­gen - bis hin zur Dik­ta­tur - und das vor über 100 Jah­ren. Und er nahm die Ent­wick­lun­gen der Welt­ge­schich­te des letz­te Jahr­hun­derts bereits vor­weg.

Was also tun? Sol­len wir tat­säch­lich jedem Bür­ger eini­ge Euro-Schei­ne in die Hand zu drü­cken? War­um tun wir nicht viel lie­ber das Nahe lie­gen­de und erhö­hen die elend gerin­gen Hartz-IV-Sät­ze…? Oder geben eine Hartz-IV-Weih­nachts­son­der­zu­ga­be aus und sor­gen so für ein biss­chen mehr sozia­le Gerech­tig­keit? Oder eigent­lich noch bes­ser: War­um ste­cken wir nicht das Geld in unse­re Infra­struk­tur? In all die Pro­jek­te, die stets mit dem Vor­wand abge­schmet­tert wur­den, es sei kein Geld da? Die­ses Geld käme zum Bei­spiel klei­nen Betrie­ben vor Ort zu und letzt­lich der gesam­ten Gemein­schaft zugu­te. Es wäre drin­gend über­fäl­lig, nicht nur um die Infra­struk­tu­ren zu stär­ken, son­dern auch im Sin­ne der Gerech­tig­keit. Denn über Jah­re haben wir die sozia­le Ver­ant­wor­tung des Kapi­tals ver­pönt, haben uns für den Reich­tum eini­ger Weni­ger ent­schie­den und gegen eine gerech­te Ver­tei­lung sowie einer öko­lo­gisch und sozi­al hohen Lebens­qua­li­tät.

Als Export­welt­meis­ter haben wir den Bin­nen­markt und die Infra­struk­tur ver­nach­läs­sigt und Pri­vat­in­ter­es­sen geop­fert. Und so wie es aus­sieht, den­ken die Poli­ti­ker nicht im Traum dar­an, das wirk­lich zu ändern. Ihnen geht es nur dar­um, die gro­ße Maschi­ne zu ölen und wie­der zum Lau­fen zu brin­gen. Wir müs­sen uns die Fra­ge stel­len, ob wir sie dar­an mes­sen soll­ten, ob wir uns ihre Wor­te und Gesich­ter mer­ken soll­ten, damit sie nicht spä­ter sagen, sie hät­ten es schon vor­her gewusst. Denn gehan­delt haben sie nicht danach. Man erin­nert sich noch an den letz­ten Ver­such die Diä­ten zu erhö­hen erin­nern, der am öffent­li­chen Auf­schrei schei­ter­te - und nicht am eige­nen Gewis­sen. Doch gera­de die­ses ist in die­sen Zei­ten gefragt, ansons­ten wer­den alle Maß­nah­men im San­de ver­lau­fen.

Quel­le:
Die Eiser­ne Fer­se - online

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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4 Antworten auf "Ausgewachsen"

  1. Bunker
    Bunker 9 Jahren ago .Antworten

    I read a few topics. I respect your work and added blog to favo­ri­tes.

  2. Hans Dampf
    Hans Dampf 9 Jahren ago .Antworten

    Ein bemer­kens­wer­tes Buch für alle die noch Hirn im Kopf und ein Herz in der Brust haben!!!

    Gruß,
    Hans D.

  3. Nibiru
    Nibiru 9 Jahren ago .Antworten

    Die­ses Buch von Jack Lon­don kann­te ich gar nicht und habe noch mal tie­fer in die Online-Aus­ga­be hin­ein gele­sen. Dan­ke für den Tipp! Es ist abso­lut zeit­los und passt in die heu­ti­ge Situa­ti­on. Aller­dings sieht der Autor die Zukunft gar nicht rosig.

    Sol­che Bücher soll­ten Pflicht an den Unis in BWL und VWL sein.
    Statt­des­sen wird es nicht mehr ver­legt…

    Nibi­ru

  4. Gregor
    Gregor 9 Jahren ago .Antworten

    Ich habe eben in den Nach­rich­ten gese­hen, dass Annet­te Scha­van, unse­re Bun­des­mi­nis­te­rin für Bil­dung und For­schung for­dert, das nächs­te För­de­rungs­pro­gramm auch in die Reno­vie­rung unse­rer Schu­len flie­ßen zu las­sen. Und Bald­prä­si­dent Barack Oba­ma will eben­falls in die Infra­struk­tur inves­tie­ren und flä­chen­de­ckend die Schu­len mit Com­pu­tern aus­stat­ten. Mal sehen… wäre aber wirk­lich gut.

    Nicht die Auto­kon­zer­ne brau­chen Mil­li­ar­den, son­dern die­je­ni­gen die bis­her ver­nach­läs­sigt wur­den!

    Gre­gor

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