Gerecht und ohne Gnade?

tv_gnadenlosgerecht.jpgKaum waren sie da, waren sie schon wieder weg. Wie u.a. das südbadische Portal stattweb.de berichtet, ist die DokuSoap „Gnadenlos gerecht“ schon wieder abgesetzt – zu viel Gegenwind, zu schlechte Quote? …Die Programmmacher von Sat1 hatten sich da etwas Besonderes ausgedacht: Zwei emsige „Sozialfahnder“ jagen „Hartz-IV-Sünder“ und überführen sie sozusagen inflagranti beim Sozialschmarotzen. Das Ganze noch etwas aufgepeppt mit ein paar lockeren Sprüchen und ganz im Stil voyeuristischer dargeboten. Kam nicht an – und das ist gut so. Denn auch wenn es in unserem Land hinreichend Menschen geben mag, die sich durch den Sozialstaat tricksen, ging es hier wohl weniger um als vielmehr um die Stimmung, die sich beim Zuschauer gegen Hartz-IV-Empfänger aufbauen sollte. Frei nach dem Motto: Wer Hartz-IV bekommt, ist durchaus schon verdächtigt den Staat zu betrügen… Mit keiner Silbe wurde darauf eingegangen, dass Schmarotzer nicht unbedingt nur in kleinen Wohnungen, sondern auch in großen Villen zu finden ist.
Eine verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, so könnte man denken. Da werden im Fernsehen zur besten Sendezeit Hartz-IV-Empfänger gejagt, während die Welt von einem gigantischen Finanzbeben erschüttert wird, dass von einer vergleichsweise kleinen Gruppe losgetreten wurde, die mehr Geld hat als gut tut. Einer Gruppe, deren Geschäftskonzept und erklärtes Ziel nichts anderes als professionelles „Schmarotzertum“ ist.

Da sieht man sie im Auto um die Ecke kommen, sieht den Wagen aus der Vogelperspektive, von der Seite und von hinten – tja, erst mal eine gute Auto-Show, denkt man – und dann geht es los: Helena und Helge besprechen den nächsten Fall, kombinieren, telefonieren, spekulieren und philosophieren über ihre „Kunden“. Sie lassen sich die anonymen „Hinweise“ durch die Köpfe gehen und wissen meist schon vorher Bescheid. Eine sichere Mischung aus „RoboCop“ und „Rotten Neighbours„. Doch wenn man nun erwartet, dass die beiden vor einer funkelnden Marmorprachtvilla stehen bleiben, wird man enttäuscht. Im Plattenbau, irgendwo in einem der höher gelegenen Stockwerke konfrontieren sie die Sünder, bombardieren sie mit einem Stakkato aus Vorschriften, Mutmaßungen und Strafandrohungen, bis die Nuss geknackt ist. Das dauert meist nicht länger als bis zum nächsten Werbeblock.

Und so geht es weiter. Zwischendurch werden alleinerziehende Frauen, Witwen und Waisen gerettet, wird dem Zuschauer gezeigt, dass man eben „gnadenlos gerecht“ ist…

Gnadenlos gerecht? Wie geht denn das eigentlich?
Gnadenlos, ja bestimmt, aber gerecht?
Wo kann Gerechtigkeit sein, wenn es keine Gnade gibt?

Wer ist hier gnadenlos und wer gerecht?
Ein Hartz-IV-Empfänger der den Staat austrickst und sich Gelder erschwindelt ist kein Vorbild, sondern schadet der Gemeinschaft und besonders denjenigen, denen es noch schlechter geht. Doch was ist dann mit denen die die Armut verursachen, für die die Menschen, Gemeinschaften, Märkte, Regierungen und sogar ganze Staaten nur Spekulationsobjekte sind? Was ist mit denen, die unsere Volkswirtschaften zum Wanken bringen, in dem sie den realen Märkten alles Geld zu entziehen versuchen, um es gnadenlos zu verzocken? Wann machen sich die Sozialfander auf den Weg, das Gesetzbuch unter den Achseln, und fahren zu den großen Fischen?

Gerecht wäre es, nicht die Armen medial an den Pranger zu stellen, sondern diejenigen, die volkswirtschaftlich eine Spur der Zerstörung hinterlassen, sich auf Kosten der Gemeinschaft bereichern und Armut erzeugen; ihre Gesichter zu zeigen, sie zur Rede zu stellen und zur zu ziehen.

Das Geschäftskonzept dieser Menschen basiert auf einem einfachen Prinzip: „Jedes Mittel ist Recht, um maximalen Gewinn zu erzielen“. Das heißt in der Konsequenz, dass es keinen Bereich gibt, der hiervon ausgenommen ist. Ganz gleich, ob Privatisierung von Volkseigentum, Patent- und lizenzrechtliche Aneignung fremder Ressourcen, Spekulation mit Rohstoffen, Krediten, Sparguthaben, Währungen, Drogen, Waffen, – eben alles was sich zu Geld machen lässt. Dass heißt aber auch Verstaatlichung privatwirtschaftlicher Verluste, höchstmögliche Besteuerungen, Staatswucherei, Bestechung, Lobbyismus, Zerstörung kleiner Mitbewerber wie zum Beispiel im Einzelhandel, Abmahnverfahren und diverse weitere Tricks, bis hin zur Manipulation der politischen Verhältnisse in anderen Ländern, um sie besser ausbeuten und assimilieren zu können.

Also: Wer ist hier also gnadenlos und wer ist gerecht? Angesichts der ungleichen Verhältnisse im Ausmaß der volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schädigungen nehmen sich die Tricksereien der Hartz-IV-Empfänger eher bescheiden aus. Hier geht es um einige Tausender, dort um Milliarden, wenn nicht Billiarden. (Update: Gerade meldet der STATISTIKSPIEGEL, dass Ausgaben für Sozialhilfe, ALG-I und ALG-II gerade einmal 6 Prozent im Bundeshaushalt ausmachen!)

Hochmut kommt vor dem Fall
Die publizistische Stoßrichtung ist klar. Hier wird abgelenkt von den eigentlichen Problemen, von den eigentlichen Tätern und von den Verbindungen die es zwischen Armut und Reichtum gibt. Wie gesagt: Betrug bleibt Betrug und es gibt keine Entschuldigung für Sozialbetrüger, ganz gleich welcher Größenordnung. Doch hier wird Stimmung gemacht, gegen arme Menschen, während in den Talkshows Ex-Banker, Manager und Politiker moralisieren, ihre weiße Weste stärken und die Kosmologie des freien Marktes zu erklären versuchen. Zynisch, arrogant und hochmütig.

Alles erinnert mich an eine Zeile aus dem prophetischen „Lied von der Linde“ (1850), in dem es über die heutige Gegenwart heißt:

„…Wer die meisten Sünden hat,
Fühlt als Richter sich und höchster Rat,
Raucht das Blut, wird wilder nur das Tier,
Raub zur Arbeit wird und Mord zur Gier.“

Und weiter:

„Wie im Sturm ein steuerloses Schiff,
Preisgegeben einem jeden Riff,
Schwankt herum der
Eintags-Herrscher-Schwarm,
Macht die Bürger ärmer noch als arm.“

Die Welt ein steuerloses Schiff, ein treffendes Bild der heutigen Situation. Und es scheint nahe liegend, dass wir noch nicht am Ende der Krise angekommen sind, die uns die Gier und der Hochmut einiger weniger beschert hat.

Was jetzt?
Wenn man der heutigen Zeit etwas Positives abgewinnen möchte, so fällt dies vielleicht nicht leicht, doch es ist möglich. Wir alle fühlen, dass wir vor einem historischem Scheideweg stehen, dass die Welt wie wir sie gewohnt waren sich gerade in einem Ausmaß verändert, dass wir sie schon heute kaum noch wiedererkennen. Krisen, Kriege, staatliche Repressionen erscheinen wie das letzte Aufbäumen eines Systems, dass nach jahrzehntelangem Wachstum nun in sich zerfällt. Der Kapitalismus hat in dieser Form versagt, und wir mit ihm, denn wir haben ihn nicht nur akzeptiert, sondern auch unterstützt – durch unsere Zurückhaltung, durch unsere Neigung von ihm zu profitieren, durch unsere Konkurrenz- und Selbstverwirklichungsphilosophie. Wenn wir nun auf andere zeigen, so vergessen wir, dass wir alle selbst verstrickt sind… doch diese Erkenntnis könnte entscheidend sein.

Weltweit wächst die Unzufriedenheit, was diejenigen die das System stützen und am meisten davon profitieren zu radikalen Maßnahmen „nötigt“: Die internationalen Finanzeliten richten sich auf eine stürmische Zeit ein, eine Zeit in der die unterdrückten Massen aufbegehren werden, da sie nicht mehr anders können und mit dem Rücken an der Wand stehen. Um diesem zuvor zu kommen, bedarf es der Destabilisierung der gesellschaftlichen Systeme. Die Angst des Einzelnen soll stets größer sein, als der Wunsch nach Veränderung. Denn dort wo Angst regiert, regiert der Eigennutz, verschwinden Mitgefühl und ehrliche Anteilnahme. So erklärt sich der „Bildungsauftrag“ einer Sendung wie „Gnadenlos gerecht“. Die Wut soll umgelenkt werden, weg von denen die es in der Hand hätten, die Situation zum besseren zu wenden.

Doch während die Allianz aus Wirtschaft, Politik und Medien noch kräftig Sand in unsere Augen zu streuen versucht, wenden sich immer mehr Menschen den eigentlichen Problemen zu. Sie praktizieren die Alternative, erproben neue Formen des Wirtschaftens und gesellschaftlichen Miteinanders. Die Menschheit befindet sich in einem Wandlungsprozess, der sie komplett verändern wird. Sie scheint sich innerlich auf eine neue Ordnung einzuschwingen, die Ordnung nach dem zu erwartenden Chaos. Eine Weltordnung die ganz anders ist, als sich das manche wünschen.

Ein Weltgewissen entsteht
Das Internet hat Schleusen geöffnet. Einerseits durch eine Beschleunigung von Datenströmen, was sich zunehmend unheilvoll auf dem Finanzsektor ausdrückt, aber auch durch eine neue Qualität der Aufklärung. Wir wissen mehr, hinterfragen offizielle Wahrheiten und schaffen ganz neue Allianzen. Das Netz lässt uns bis in die letzten Winkel der Erde schauen, um dort Elend und Ungerechtigkeit zu entdecken – und unsere globale Verantwortung.

Die Menschheit entwickelt ein Wissen um die Welt, aus dem im besten Fall ein Weltgewissen werden könnte. Vielleicht ein wichtiger evolutionärer Quantensprung, den wir in seiner ganzen Dimension noch nicht erfassen, aber bereits erahnen können. Es liegt durchaus Positives in der Zukunft, aber nur dann, wenn wir uns nicht nur den Problemen im System zuwenden, sondern all den Menschen die unter diesem System zu leiden haben. Hier liegt der moralische Gradmesser zwischen Theorie und Praxis.

Denn was sagt das Lied von der Linde für die Zukunft noch:

“ Reiche Ernten schau ich jedes Jahr,
Weiser Männer eine große Schar,
Seuch‘ und Kriegen ist die Welt entrückt,
Wer die Zeit erlebt, ist hochbeglückt.“

Es scheint noch ein weiter Weg bis dorthin, doch es scheint der einzige zu sein, der wirklich Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht. Eine Zukunft, die den Namen „gerecht“ verdient.

Quelle:
Bildquelle: Sat.1

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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2 Antworten auf "Gerecht und ohne Gnade?"

  1. Max Headroom 11 Jahren ago .Antworten

    Unser Land verändert sich immer mehr, und nicht zum Guten… Wir zeigen auf die anderen und nehmen uns das Recht heraus, unrecht zu handeln. Muss es wirklich erst zum Desaster kommen, oder kriegen wir doch noch die Kurve? Wie viele bleiben bis dahin auf der Strecke? Es ist zum verzweifeln. Man möchte am liebsten den großen Hebel ziehen, um den Wahnsinn zu stoppen…

    Max Headroom

  2. ilona 11 Jahren ago .Antworten

    Diese Art von „Vorbildern“ sind nicht nur wegen des Vergleichs zu Betrügereien ganz anderen Ausmaßes bedenklich, sondern auch aufgrund eines anderen, menschlichen Mechnismuses: Wie Experimente zum Gerechtigkeitsempfinden von Menschen gezeigt haben, ist dieses üblicherweise ziemlich stark ausgeprägt. Kommt es jedoch dazu, dass ein oder mehrere Mitglieder einer Gemeinschaft die allgemein aufgestellten und akzeptierten Regeln zu ihrem Vorteil verletzen, werden sie leider nicht nur von den anderen sanktioniert – die anderen denken sich dann auch „wenn der das macht – und er oder sie ist ja sicherlich nur einer von den vielen, die das auch machen (was ich nur nicht mit bekomme) – dann kann ich das auch“. Und schon glauben alle (naja, okay, ich übertreibe – aber jedenfalls immer mehr), sie müssten aus unserem Sozialsystem herausholen, was heraus zu holen geht… Irgendwann wird es dann normal, Steuern zu hinterziehen oder Fördergelder zu kassieren – auch wenn man das Geld mit mehr Einsatz auch selbst zusammen bekäme – und so weiter und so fort. In diesem Sinne fördern die Fahnder mit ihrer Sendung wohl mehr genau das Verhalten, das sie bekämpfen wollen – und zwar sowohl im Großen wie im Kleine…

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