Buchtipp: Die Vermessung der Utopie

Unser jetziges Wirtschaftssystem ist überholt. Das wissen wir schon jetzt. Es knirscht an allen Ecken. Die Ungerechtigkeiten werden immer deutlicher: die reichen Industrienationen verteidigen ihre Wirtschaftsinteressen militärisch im Ausland. Die Armen müssen die Reichen subventionieren – ob nun in Form von Steuergeldern, die für die Finanzkrise aufkommen oder in Form der Armen in Entwicklungsländern, die die Reichen in der so genannten ersten Welt versorgen. Die individuellen Interessen stehen weit vor dem Allgemeinwohl – oder dem der Natur. Wir alle wissen das. Und wohl die meisten spüren auch, dass wir derzeit auf der Schwelle zu etwas Neuem stehen. Doch wie werden wir durch diese Tür treten? Und was könnte uns dahinter erwarten? Der Autor, Aktivist und Politikwissenschaftler hat rund zwei Monate mit dem emeritierten Professor für politische Ökonomie gesprochen. Heraus kam dabei ein äußerst interessantes und anregendes Buch.

„Die . Ein und die kommende Gesellschaft“ heißt der Titel des Buches – übrigens sehr schön gebunden beim zu haben; oder kostenlos als e-Paper (siehe Link unten). Ein schwieriges Thema, auf dem – zumindest in unserem Umfeld – wahnsinnig viele Menschen herum denken. Und keiner zu einem Schluss kommt. Wie auch? Wer kann schon in die sehen?

Aufgeteilt ist das Gespräch in gefühlte drei Abschnitte: Zum einen geht es um die Fehlentwicklungen und Missstände des herrschenden kapitalistischen, finanzmarktgetriebenen Systems. Altvater und Zelik diskutieren, warum in es in diesem System nicht möglich ist, die Umwelt zu schützen. Warum die Ungleichheit der Chancen und Vermögen zunehmen muss. Und wieso das Interesse des Einzelnen im Zweifelsfall immer wider das Interesse der gesamten Gemeinschaft durchgesetzt wird. Politisch und wirtschaftlich Interessierte werden hier sicherlich nicht wahnsinnig viel Neues erfahren. Und doch ist es gut und wichtig, die Zusammenhänge mit ein bisschen mehr Abstand aufzuzeigen, als das die Medien (Zeitschriften, Zeitungen, TV und Internet) oftmals leisten.

Im zweiten Abschnitt befassen sich Zelik und Altvater mit dem Kommunismus und dem real existierenden Sozialismus. Sie beschreiben dessen Ideen – und wo und wieso diese zwangsläufig scheitern musste. Aber auch, was man daraus für eine bessere Zukunft lernen kann. Sie beschreiben, wieso viele Entwicklungsländer im kalten Krieg zerrieben wurden – und was dies für die heutige Situation bedeutet. Und sie schauen auf die aktuellen, sozialistischen Entwicklungen in Südamerika und diskutieren deren Chancen und Risiken.

Schließlich geht es dann wirklich um die Utopie. Und zwar zum einen um die Frage, in welcher Form eine Weiterentwicklung zum Guten möglich ist – denn fest steht, dass die derzeit von dem System Profitierenden, dieses natürlich mit Zähnen und Klauen verteidigen werden. Wie so oft müssen Ideen, Ideale und eine kritische Masse an reformwilligen Bürgern auf einander treffen, damit es zu einem historischen Sprung kommt. Ob dies derzeit so weit ist – wie vielleicht der ein oder andere angesichts der Unruhen überall auf der Welt vermuten mag – dass können die beiden (und ich mit ihnen) nicht sagen.

Auch nicht, ob dieser Schritt in einem evolutionären oder revolutionären Prozess erfolgt (ersteres ist hoffentlich wahrscheinlicher), können die beiden natürlich nicht sagen – dafür aber, wo bei beiden Varianten die jeweiligen Vor- und Nachteile liegen. Sprich: mit welcher Variante es wahrscheinlicher erscheint, dass dem Schritt über die Schwelle kein repressives System folgt, sondern ein demokratisches.

Denn da sind sich Altvater und Zelik einig (und ich mit ihnen): Die Zeit der Ideologien ist passé. Wir können aus der Geschichte lernen, dass es (langfristig) nicht funktioniert, sich im voraus ein Weltbild auszumalen, in das man alle Menschen hinein zwingt (wie das bspw. im real existierenden Sozialismus geschehen ist). Daraus folgt, dass der Schritt in eine gerechtere, bessere und umweltfreundlichere Zukunft nur demokratisch möglich ist – auf partizipative Weise und mit noch offenem Ausgang. Sicher, dies ist kein „zuverlässiger“ Weg zum allgemeinem Heil. Denn – wie wir aktuell ja sehen – lassen sich demokratische Strukturen durch Geld- und wirtschaftliche Lobby-Macht unterwandern und ad absurdum führen. Und doch ist es bis jetzt die bestmögliche Form, die wir kennen…

Dabei bedeutet ein „offener Ausgang“ nicht, dass sich nicht im Vorfeld schon einige Kernprobleme bestimmen lassen, deren Lösung entscheidend ist für das Weiterbestehen der Menschen. Zelik und Altvater haben hier genau sechs Punkte aufgestellt:

1. Ein utopischer Gegenentwurf lässt sich nicht planen. Es gibt keinen Königsweg zu Emanzipation. Entscheidend ist, dass etwas in Gang gerät und die gesellschaftliche Mehrheit schrittweise die Kontrolle über Ökonomie und Arbeit zurück erhält.

2. Unsere konkrete Utopie zielt darauf ab, mit der Natur, Arbeit und Ressourcen rationaler umzugehen. Sie ist deshalb auch regulierend: Die Gesellschaft muss sich vom Profit- und Akkumulationszwang des Kapitals befreien, aber sie muss gleichzeitig viele Dinge, die uns heute … normal erscheinen, aufgeben.

3. Unsere Utopie ist in einem radikalen Sinne demokratisch, also auch rätedemokratisch: die Menschen entscheiden gemeinsam, was und wie produziert wird, was und wie gearbeitet wird.

4. Unsere Utopie zielt auf ein anderes Verhältnis zur Technik ab – weder technikfeindlich noch fortschrittsgläubig. Das Ziel muss lauten, die Möglichkeiten, die Wissenskultur der Menschheit, radikal anders einzusetzen. (Ein Beispiel wäre die Energieversorgung: sie darf nicht länger zentralisiert bleiben – egal, ob es um fossile Brennstoffe geht, Atomkraft oder gigantische Solarkraftwerke, denn diese müssten immer imperial und autoritär gesichert werden).

5. Unsere Utopie ist marktkritisch. Eine andere Gesellschaft muss sich dadurch auszeichnen, dass sie auf den Prinzipien der Solidarität und Kooperation beruht. Gleichzeitig geht es aber auch darum, dass autonome Handlungsspielräume in der Ökonomie gewahrt bleiben.

6. Entscheidend ist die Eigentumsfrage. Die Herrschafts- und Entscheidungsstrukturen einer Gesellschaft haben mit der Form ihres Eigentums zu tun … Dabei geht es um Eigentum im großen Stil: an Produktions- und Investitionsgütern … aber auch Staatseigentum …  Die Verwaltung von Eigentum muss in einem solchen Rahmen stattfinden dass [die Menschen] demokratisch über den Einsatz des Eigentums bestimmen können.

Raul Zelik und Elmar Altvater wollen mit diesem Buch eine Diskussion anstoßen. Wer sich durch die rund 200 Seiten gelesen hat, wird sicherlich sagen: Das ist auf jeden Fall gelungen! Und da Diskussion immer ein interaktiver Akt ist, haben Zelik und Altvater folgerichtig eine Website eingerichtet: www.vermessung-der-utopie.de. Auch wenn die Zahl der Kommentare auf der Seite (insgesamt 11) nicht besonders überbordend ist, so hoffe ich doch, dass das Buch zu Debatten im persönlichen Umfeld beigetragen hat. Ich kann es jedenfalls empfehlen. Es benennt nämlich endlich mal die Probleme und versucht auch einen realistischen und dennoch ermutigenden Blick in die Zukunft. Danke an die beiden Autoren!

Website von Raul Zelik: www.raulzelik.net
Infos über Elmar Altvater: de.wikipedia.org/wiki/Elmar_Altvater
Buch bei Blumenbar Verlag bestellen unter: tubuk.com/book/die-vermessung-der-utopie

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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