Böse Nachbarn, gute Nachbarn

boesenachbarn.jpgDie Angst geht um: Angst vor der Zukunft, Angst vor Arbeitslosigkeit, persönlicher Armut, vor Krieg, Terror und allem was das nur noch schemenhaft wahrgenommene und sehnsüchtig festgehaltene Bild einer idyllischen Welt gefährden könnte. Und mit der Angst wächst das Misstrauen gegenüber einer als feindlich empfundenen Umwelt weiter an. Mit einer geradezu „bösen Idee“ macht seit einiger Zeit eine Website auf sich aufmerksam, die sich diese Ängste zunutzte macht und die Erinnerung an schlimme Zeiten weckt. „Locate, Rate and Share Good and Bad Neighbors, befor and after You Move!“ lautet denn auch das Motto des Internet-Dienstes, der die Menschen dazu auffordert, ihre Nachbarn näher unter die Lupe zu nehmen und auf einer Stadtkarte in „Gut“ und „Böse“ einzuteilen. Ein Konzept das der Hetze und Verleumdung gegen Mitmenschen Tür und Tor öffnet – denn niemand überprüft die Einträge auf ihren Wahrheitsgehalt.

Das Prinzip ist so simpel wie durchtrieben: Du hast einen Nachbarn, der Dir irgendwie seltsam erscheint, der kaum das Haus verlässt, der sich unfreundlich, vielleicht sogar gemein verhält, der vielleicht den auf der Strasse spielenden Kindern etwas zu lange nachschaut und irgendwie eine gefühlte Gefahr darstellt? Kein Problem: Bei „rotten NEIGHBOUR“ kannst Du es ihm mal so richtig geben. Einfach auf der interaktiven Google-Map die Adresse heraussuchen und einen kleinen Eintrag machen. Schon erscheint ein kleines, rotes Häuschen auf der Karte und jeder Mensch kann Deinen Eintrag dazu lesen. Natürlich geht das auch vorzüglich, wenn der Nachbar das größere Auto hat, die hübscheren Klamotten oder einen schöneren Garten, wenn er Dein Chef ist und Deinen Einsatz nicht zu würdigen weiß, oder Dir einfach nur ein Gesicht in der Nachbarschaft nicht passt. Eine Geschichte ist schnell erfunden und schon kann er sich warm anziehen, kann er mal sehen wo er bleibt, wenn er fortan am digitalen Pranger steht.

Man kann bereits von den ersten Fällen hören, wo Unbekannte aktiv wurde und absolut harmlose – was heißt anständige – Menschen denunzierten und diese, mit den Vorwürfen auf der Webseite konfrontiert, aus allen Wolken fielen. Mal abgesehen davon, dass es so gut wie unmöglich ist, die Einträge wieder entfernen zu lassen – auch wenn der Inhalt erlogen und erstunken ist. Ein Prinzip also, dass die Verhältnisse auf den Kopf stellt, da ja nun auch der „böse Nachbar“ aktiv werden kann, um seine „guten Nachbarn“ durch den Dreck zu ziehen. Und die Gründe hierfür können noch so trivial sein.

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Diese Website ruft nicht etwa dazu auf, den Kontakt zu und das Gespräch mit unseren Nachbarn zu suchen und die aus unseren Ängsten entstehenden Vorurteile zu überwinden, sondern setzt auf das „Blockwart-Konzept“ (wie man es aus der Geschichte bereits kennt), bei dem unsere schlimmsten Eigenschaften angesprochen werden. Es kontakariert den notwendigen Dialog mit unseren Mitmenschen, verhindert so die Chance gemeinsame Lösungen für Probleme zu finden, die wesentlich größer sind und uns alle betreffen. Die Zukunft ist nur gemeinsam zu meistern, doch wie soll das gelingen, in einer Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens?

Das gab es doch schon mal?
Wenn wir in die Geschichte zurück schauen, so entdecken wir das „Blockwart-System“ überall dort, wo totalitäre Staatsformen die gegenseitige Kontrolle der Menschen instrumentalisierten. Im Nationalsozialismus gab es sie, die Aufpasser, die ihre Nachbarn verrieten und der staatlichen Repression in die Hände spielten. Wer auch immer nicht in das Raster des befohlenen „Deutschtums“ passte, sei es durch seine Verhaltensweisen oder Äußerungen, wurde angeschwärzt und durfte sich nicht wundern, wenn die Staatspolizei irgendwann an der Tür klingelte. In den schlimmsten Fällen wurde der Störer abgeholt und ward nie wieder gesehen. Und auch im DDR-Regime hatten die Wände Augen und Ohren, konnte der beste Freund oder die eigene Ehefrau als verdeckter Ermittler der Staatssicherheit bei Abweichungen von den herrschenden Ideologien zum Denunzianten werden.

Es gibt übrigens – dank Web 2.0 und moderner Überwachungstechnik – mehrere Beispiele für das „Blockwart-System“: So können in London „besorgte Nachbarn“ auf einem eigens eingerichteten Kanal die Bilder von Überwachungskameras beobachten und „auffällige Verhaltensweisen“ an die Obrigkeit melden. Selbst das bei uns vor einiger Zeit aufkommende Konzept des „Leser-Reporters“ schlägt in diese Kerbe, denn es macht den Normalbürger zum mit Kamera bewaffneten Sheriff, der seine Mitmenschen fototechnisch an den Pranger stellt.

Das Konzept des „rotten NEIGHBORS“ erinnert stark an die Geschichte von dem Mann, der sich bei seinem Nachbarn einen Hammer leihen möchte und auf dem Weg zu dessen Haus mehrere Szenarien gedanklich durchspielt, in denen der Nachbar diese Bitte schroff zurück weist. An der Tür angekommen ist er bereits so ärgerlich, dass er den verdutzten böse anblafft und beschimpft: „Ich will Ihren dummen Hammer gar nicht haben!“

Was kann man gegen das „Blockwart-System“ tun?

In erster Linie geht es um die Frage was man will. Wer nicht begreift, dass man mit Misstrauen nicht weiter kommt und der fehlende Zusammenhalt, die fehlende Solidarität der Menschen untereinander die bestehenden großen Probleme nur vergrößert, darf sich nicht wundern, wenn man bei ihrer Lösung nicht weiterkommen wird. Zumal das Misstrauen gegenüber den eigenen Mitmenschen nur zu oft auf Missverständnissen beruht. Denn vielleicht ist der Nachbar nicht gemein, sondern unsicher, nicht asozial, sondern arm und verzweifelt, nicht böse sondern hat selbst Angst vor seiner Umwelt. Wie schnell kann man sich doch irren, wenn es um die Einschätzung anderer geht.

Einer Website wie dieser das Handwerk zu legen ist schwierig – zumal die Verantwortlichen selbst keine Nachbarn sind. Es macht auch wenig Sinn, jetzt alle Häuser der Website grün zu färben, denn dies hieße ja das System zu nutzen und die Idee zu stärken. Man sollte sich also zuallererst nicht darauf verlassen, dass die Angaben auf der Website stimmen. Und man sollte sich nicht beirren lassen und den Kontakt gerade zu denen suchen, denen gegenüber man die größten Vorurteile hat. Hier verweise ich noch mal auf den letzten Brennpunkt „Der Weg ist das Ziel„, in dem von dem Capra-Film die Rede ist, der einen Ausweg aus dem Dilemma beschreibt. Hier gründen sich kleine Nachbarschaftsclubs die das Ziel haben, nicht nur den Zusammenhalt unter Nachbarn zu fördern und Vorurteile abzubauen, sondern auch gegenseitige Fürsorge zu praktizieren.

Vielleicht ist ja das Aufkommen einer solchen Website wie dieser Anlass genug, die Web 2.0-Technologien zu nutzen, um genau solche „Nachbarschaftsclubs“ zu bilden, die also genau das Gegenteil tun. Nicht anschwärzen, sondern gegenseitig helfen. Eine Idee, die gleich mehrere Probleme angehen würde: Zunächst einmal hat man immer weniger Angst, wenn man nicht alleine ist. Dann könnte es helfen, unsere Vorurteile abzubauen und nicht zuletzt die Art von Solidarität zu üben, die in der Zukunft noch sehr bedeutend werden könnte.

Wer also Lust hat, ein solches Projekt zu starten – oder eine bereits bestehende Seite im Netz kennt, kann uns jederzeit anschreiben und wir werden es hier umfangreich vorstellen!!

Quelle:

Bildquelle: Pixelio.de: Paul-Georg Meister

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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6 Antworten auf "Böse Nachbarn, gute Nachbarn"

  1. […] beob­ach­ten und »auf­fäl­lige Ver­hal­tens­wei­sen« an die Obrig­keit mel­den.» (fuereinebesserewelt.info). So ähnlich handhaben das auch die Bewohner des Städtchens Lancaster in Pennsylvania USA, wo man […]

  2. […] das Denunzieren eine neue Qualität Bereits 2008 haben wir von einem britischen Web-Projekt “rotten NEIGHBORS” berichtet, dass aus friedlichen Nachbarn kleine Blockwarte machen wollte. Der Text ist heute […]

  3. […] und wissen meist schon vorher Bescheid. Eine sichere Mischung aus “RoboCop” und “Rotten Neighbours“. Doch wenn man nun erwartet, dass die beiden vor einer funkelnden Marmorprachtvilla stehen […]

  4. marek
    marek 9 Jahren ago .Antworten

    Ja, nur allein sich nicht ärgern lassen hilft den Betroffenen nicht, wenn erst mal falsche Informationen über sie im Umlauf sind. Mir scheint der beste Weg zu sein, diese Portale und ihre Informationen nicht ernst zu nehmen, da man weiß, dass die Informationen wahrscheinlich meist nur erfunden sind. Wer es gut mit anderen menschen meint, wird bestimmt keinen Nachbarn denunzieren und wer nicht, der wird kaum bei der Wahrheit bleiben.

    Wichtig ist mir, dass wir erkennen, dass unsere Meinung von anderen Menschen einerseits mehr mit unseren eigenen Ängsten und Vorurteilen zu tun hat und dass es manchmal nur ein paar Schritte braucht, um auf den anderen zu zugehen.

    Dafür ist noch nicht mal das Internet nötig: Einfach hingehen und klingeln.
    🙂

    Grüße,
    Marek

  5. Michael Stinnes
    Michael Stinnes 9 Jahren ago .Antworten

    Blockwarte wird es immer geben, sie leben mit uns, tuscheln über uns und zeigen erst in einem totalitären Systemen ihre Fratze.
    Die Möglichkeit seine Nachbarn von weiten und aus der Deckung unerkannt denunzieren zu können, ist sicher für viele dieser gefährlichen Schwachköpfe eine befriedigende Möglichkeit, Macht auszuüben, um Schrecken zu verbreiten.
    Nur wer sich darüber nicht ärgern lässt, also gelassen bleibt, dem ganzen keine weitere Beachtung schenkt, der reagiert so, wie es dem ganzem Treiben angemessen ist..

    Die betroffenen Personen mit ihren scheinbar roten Häusern, sollten den coolen überlegenden Psychiater spielen, also die Beweggründe des kranken Täters eher versuchen zu analysieren, als sich selbst darüber zu ärgern!

    Gefährlich wird es allerdings dann, wenn hinter dem Ganzen eine organisierte z. B. politische Absicht steckt! Um diesen Eindruck aus der Welt zu schaffen, sollte die Staatsgewallt schnellstens reagieren. Da der Anbieter aber in den USA seinen Sitz zu haben scheint, wird das sehr mühsam werden.

  6. Nibiru
    Nibiru 9 Jahren ago .Antworten

    Schöne neue Web 2.0-Welt…
    Diese Idee kann man nur als böse bezeichnen. Schade, dass man solche Webseiten nicht einfach vom Netz nehmen lassen kann. Und mal wieder Google als Partner. Ist doch Google, oder? In der letzten Zeit driftet die Suchmaschine immer weiter in dunkle Machenschaften ab. Man könnte fast glauben, die Geschichte mit den beiden jungen und ehrlichen Gründern sei frei erfunden. Oder die haben sich so sehr von den Trillionen blenden lassen, dass sie ihre Prinzipien längst über Bord geworfen haben. Die solln ja sogar in die Genforschung hinein gehen. Warum entziehen sie dem Anbieter nicht einfach die Lizenz für solche Schandtaten? Geht es wirklich immer nur um Geld?

    Nibiru

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