Wir alle fragen uns früher oder später und immer mal wieder nach dem Sinn unseres Lebens. Glücklich der, der sich dann eine kleine Auszeit nehmen kann, um sich darum etwas intensiver als gewöhnlich Gedanken zu machen. Zu diesem Zweck sitze ich gerade für eine Woche auf einer kleinen Insel vor Athen. Als Reiselektüre habe ich mir unter anderem das “Buch der Menschlichkeit” mit genommen, das der Dalai Lama bereits Anfang dieses Jahrtausends veröffentlicht hat. Und dieses Buch hat mich so außerordentlich inspiriert, dass ich eine kleine Urlaubspause einlege und meine Eindrücke im Blog mit euch teilen möchte. Wer weiß, vielleicht inspiriert es einen von euch – vielleicht dazu, dieses Buch ebenfalls zu lesen…

Zunächst an alle Religionsskeptiker: Es geht nicht um Buddhismus oder irgend eine andere Religion. Ganz ausdrücklich schreibt der Dalai Lama gleich zu Beginn, dass die in dem Buch enthaltenen ethischen Überlegungen und Schlussfolgerungen von jedem rational denkenden Wesen geteilt werden können – egal, ob er oder sie nun gläubig ist oder nicht. Und das finde ich auch gleich das Tolle an dem Buch: auf ziemlich nüchterne Weise nimmt einen der Autor mit auf eine Gedankenreise, zu grundsätzlichen Überlegungen über uns selbst, unser Glück und das unserer Mitmenschen – und der Frage, wie wir dieses Glück mehren und Leid verringern können?

Denn, so die These des Dalai Lama: Wir Menschen bescheren und unzweifelhaft gegenseitig sehr viel Leid, das ganz unnötig ist, zumindest bei genauerer Betrachtung – und das, obwohl wir ohnehin schon an unvermeidlichem Unglück leiden müssen, wie zum Beispiel Krankheiten, Naturkatastrophen, Alter und dem Tod. Zumal – so stellt der Autor meines Erachtens ziemlich richtig fest – wir Menschen vor allem dann glücklich sind, wenn wir andere glücklich machen können. Sicher: Manch einer mag triumphieren, wenn er sich auf trickreiche Weise einen Vorteil gegenüber anderen verschafft hat, doch das hält nicht lange an – und vor allem führt es zu einem inneren Zweispalt, den wir nur verdrängen und überdecken können, zum Beispiel durch immer mehr Konsum, zur Schau gestellten, materiellen Erfolg und ähnliches. Genau dieses aber ist es, was uns in den “entwickelten” Industrieländern so unglücklich macht – obwohl es uns doch materiell gesehen so gut geht, dass wir gar nicht in zunehmendem Maße Depressionen, Essstörungen, Brun-Outs und was weiß ich noch für Leiden entwickeln müssten.

Damit schließt sich die Frage an, warum es uns dann dennoch so schwer fällt, unser Glück zu machen, indem wir andere glücklich machen? Sicher, zu einem großen Teil mag die Leistungs- und Konkurrenzdoktrin ihren Teil dazu beitragen, der uns schließlich schon von Kindesbeinen an eingeimpft wird. Doch schließlich sind wir alle als Individuen doch auch verantwortlich dafür, dass wir uns in unserem Leben darüber hinaus entwickeln. Dass das keine einfache Aufgabe ist – und vor allem keine, die man mal eben so auf die Schnelle erledigen kann, muss nicht nur der Dalai Lama einräumen, sondern sicherlich auch jeder von uns, der sich um diese Art der inneren Weiterentwicklung bemüht. Doch nur so, so der Appell des Autors, können wir innere Freiheit und damit inneren Frieden und damit wahres, dauerhaftes Glück erreichen, das uns über sinnliche Erlebnisse und Materielles immer nur kurzfristig gelingt.

Ich weiß, es ist ein bisschen kurz und bündig und gibt natürlich in keiner Weise die Komplexität des Buches wieder. Doch ich habe im Folgenden mal die Erkenntnisse zusammen gefasst, die für mich wesentlich waren:

1. Alles und jedes ist phänomenologisch miteinander verbunden. Deshalb ist es für unser eigenes Glück so wichtig, das Glück aller anderen zu mehren. Nur wenn alle glücklich sind, kann eine allgemeine Atmosphäre des Wohlwollens und des Glücks entstehen. Anders gesagt: Wir alle erschaffen die Welt, die ist. Auch ich! Es nutzt nichts, zum Beispiel unseren Politikern vorzuwerfen, dass sie unehrlich und nicht integer sind, denn sie sind es nur, weil wir alle in dieser Gesellschaft so sind (die einen mehr, die anderen weniger). Die wichtigste Frage ist daher: Wie kann ich das Glück der anderen mehren? Dabei sollten wir – so der Dalai Lama – alle Menschen gleich wichtig nehmen. Also nicht nur die Interessen unserer Familie und Freunde mit den unsrigen gleich stellen, sondern auch die uns vollkommen fremder Menschen – sogar jener, die wir eigentlich nicht leiden können.

2. Nur innerer Frieden führt zu dauerhaftem Glück. Weder materieller Wohlstand, noch Sinnesfreuden können uns wahrhaft glücklich machen. Das belegt nicht nur die Tatsache, dass die Menschen in reicheren Gegenden der Welt auch nicht glücklicher sind als solche in ärmeren. Auch unsere eigenen Erfahrungen können dies sicherlich bestätigen: Je mehr Dinge wir besitzen, desto mehr Sorgen machen wir uns, dass wir sie wieder verlieren könnten. Sie sind unserem Glück also in Wirklichkeit eher abträglich. Oder anders gesagt: Glück hängt nicht von den äußeren Umständen ab! Glück hängt nur von unserer inneren Einstellung ab. Denn wenn wir solche Eigenschaften wie Mitgefühl, Zufriedenheit, Mut, Demut, Geduld, Vergebung, Toleranz und Ausdauer etc. kultivieren, sind wir glücklich – ob wir viel besitzen oder wenig spielt dann keine Rolle mehr. D.h. es geht in unserem Leben darum, genau diese Fähigkeiten zu steigern. Und dies können wir nur über ethisches Handeln.

3. Um ethisch zu handeln reicht es nicht, Regeln und Gesetze zu befolgen. Er muss ethisch handeln, weil er die Richtigkeit dessen erkannt hat und es zutiefst freiwillig tut. Denn dann kann es geschehen, dass es einen Widerspruch zwischen unserer Einsicht und unserem Handeln gibt – und damit einen Zwiespalt, der uns unglücklich macht. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns immer wieder hinterfragen – alle unsere Handlungen, was unsere Motive sind und ob sie richtig sind, weil sie andere und damit uns glücklich machen. Die Fragen sind: Bin ich glücklich, wenn meine Gedanken negativ und destruktiv sind? Bin ich glücklich, wenn mein Handeln destruktiv und negativ ist? Was ist das Wesen meines Bewusstseins? Existiert es aus sich selbst heraus? Wer (welche Gefühle) sind seine “Berater” und welche davon sind gut (weil sie mein Glück mehren) oder schlecht?

4. Blockierende, negative Gefühle vermeiden. Positive, konstruktive Gefühle fördern. Denn nur, wenn wir eine positive Einstellung des inneren Friedens gegenüber der Welt haben, können wir glücklich sein und andere glücklich machen. Das heißt nicht, dass wir negative Entwicklungen und Handlungen nicht erkennen und benennen sollen – das sollten wir. Aber wir sollten uns bewusst machen, dass derjenige, der Schlechtes tut, vor allem sich selbst unglücklich macht. Wir sollten uns also eher fragen, wie wir ihm oder ihr helfen können, solche negativen Emotionen und Handlungen zu vermeiden.

Sicher, das alles klingt ein bisschen naiv und idealistisch. Und dennoch, besticht die Logik der Argumentation. Auch der Dalai Lama weiß und räumt ein, dass wohl nur sehr, sehr wenige Menschen solche Ideale erfüllen können. Doch ich denke, es ist wie immer mit den Idealen: Sie zu haben, danach zu streben und sich zumindest auf sie zu zu bewegen kann keine schlechte Sache sein. Jeder muss dann in seinem Leben nur noch heraus finden, wie weit er dabei gehen kann.

Daher zum Schluss noch ein paar Übungen, die in dem Buch vorgeschlagen werden:

– Übe das Geben, indem Du Dinge verschenkst, spendest, Deine Zeit und Deine Energie anderen widmest.
– Entwickle echtes Selbstvertrauen und Demut, indem Du darüber nachdenkst, wie lächerlich sich andere durch ihre Aufgeblasenheit machen (ohne, dass Du sie deswegen verurteilst).
– Erweitere Deinen Blickwinkel, indem Du Dich so oft wie möglich über das Glück anderer freust.
– Bereue Fehler und Egoismus, ohne dabei Schuldgefühle zu entwickeln. Akzeptiere, dass Du auf dem Weg bist und lernst, aber bleibe in Deinen Bemühungen nicht stehen.
– Beschränke Deine Liebe und Dein Mitgefühl nicht auf die Menschen, die Dir nahe stehen – denn das ist normal.
– Fördere Deine Zufriedenheit, indem Du bewusst nach dem Schönen und Guten in Deinem Leben suchst. Das verhindert Gier und Neid und damit eine Gesellschaft, wie wir sie augenblicklich haben.

Bibliografische Angaben:
“Das Buch der Menschlichkeit” vom Dalai Lama.
Verlag Bastei Lübbe
ISBN 3-404-60514-4
8,90 Euro
255 Seiten