Buchtipp: Auf leisen Sohlen ins Gehirn

Man kann sich vortrefflich über die großen Fragen unserer Zeit die Köpfe heiß reden und wird dabei bemerken, dass ganz oft ein Einvernehmen schon daran scheitert, dass Menschen nun mal grundsätzlich unterschiedlich denken. Und dabei sind nicht die verschiedenen Positionen gemeint die wir haben, sondern die Art wie unser Gehirn Informationen verarbeitet. Ein Thema das erst richtig spannend wird, wenn man weiß, dass ein Großteil unserer Gedanken vollkommen unbewusst ablaufen und wir deshalb ganz automatisch zu unseren Ergebnissen kommen, da sie meist schon in unseren Hirnen vorgehalten sind. Eine Tatsache die sich die politische Propaganda zu eigen macht, wie die Autoren Georg Lakoff und Elisabeth Wehling in ihrem Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn – Politische Sprache und ihre heimliche Macht“ beschreiben.

Wir leben in einer unruhigen und gefährlichen Zeit. Eine Zeit deren Probleme so groß sind, dass wir eigentlich unsere ganze Kraft darauf verwenden müssten sie gemeinsam zu lösen. Doch was tun wir? Wie gehabt ergehen wir uns in wochenlangen Diskussionen darüber wer an der Misere Schuld sei und streiten uns über Ursachen und notwendige Maßnahmen. Allein wenn man im Fernsehen die Talkshows verfolgt oder Diskussionen im Radio, oder auch nur die Debatten in den politischen Gremien oder Berichterstattungen in den Printmedien mitbekommt wird jedoch klar: Irgendwie scheinen wir außerstande zu sein ein Einvernehmen herzustellen – und endlich anzupacken. Immer wieder scheitern die Versuche und reduzieren wichtige öffentliche Diskussionen auf Profilierungskämpfe, von denen am Ende niemand was hat. Wir sind weit entfernt davon, wirkliche Lösungen zu finden, denn wir sind zu sehr von unseren eigenen und tiefsten Überzeugungen, von Vorurteilen und Ideologien abhängig. Wir sind eindeutig geprägt und haben ein fest stehendes Bild der Wirklichkeit, dass wir für unumstößlich halten – besonders in Diskussionen.

Was wir selten bedenken ist, dass alles Denken und somit auch Handeln von Faktoren bestimmt wird, die wir kaum hinterfragen und die wir ebenso wenig infrage stellen. Wir denken schlichtweg zu wenig über das Denken nach und nehmen nur zu leicht hin, was in unser Konzept passt. Wir interessieren uns zwar für unsere Gedanken, aber nicht unbedingt dafür, wie sie entstehen und wovon sie womöglich beeinflusst sind. Genau darum geht es jedoch in dem Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“, von Gary Lakoff, Professor für Linguistik an der University of California, Berkeley (Spezialgebiet „Kognitive Linguistik) und die Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Wehling. Sie stellen die Frage, wie unser vermeintlich freies Denken von denjenigen beeinflusst wird, die bewusst bestimmte politische Methaphern in die öffentliche Diskussion einführen. Denn der größte Teil unserer Denkprozesse finden unbewusst, in eben diesen Metaphern statt.

Wir denken in Methapern
Was geschieht eigentlich mit uns, was passiert da  in unseren Gehirnen, wenn wir Begriffe und Phrasen wie „Krieg gegen den Terror“ oder „Achse des Bösen“ hören? In einer gut lesbaren Form nehmen uns die Autoren in die Welt desDenkens mit und bringen zunächst diverse Beispiele dafür, wie stark wir doch von inneren Metaphern geprägt sind. Der größte Teil unserer Gedanken, vielmehr der Assoziationen die wir haben, laufen ganz unbewusst ab und sind Teil unserer jahrelangen Konditionierung. Unser Gehirn hat gelernt innere Bilder hervorzurufen, wenn es mit speziellen Begriffen, Situationen und Gegebenheiten konfrontiert wird. So schafft es einen Sinnbezug den wir innerlich einordnen können und der uns helfen soll auch mit abstrakten Zusammenhängen umzugehen. Denn wir leben in einer abstrakten Welt in der so gut wie nichts wirklich eindeutig ist.

Der größte Teil unserer Gedanken, ja das Denken selbst ist absolut unbewusst und funktioniert reflexartig – eben in jenen Methapern die wir gelernt haben und die wir abrufen, wenn es erforderlich ist. Ein Prozess den wir nicht bewusst herbeiführen, sondern ganz automatisch, sozusagen als Teil unseres inneren Repertoires, ablaufen lassen.

Ein Beispiel: Eine Gesellschaft die sich über materiellen Wohlstand definiert und bei der das Haben viel wichtiger ist als das Sein (also genauso wie bei uns), schafft sich eine Reihe von Methapern die für die Einordnungen der recht abstrakten Sachverhalte in einer komplizierten Welt zuständig sind. Nur so können wir entsprechende Emotionen an eben diese abstrakten Sachverhalte binden. Ein gutes Beispiel ist das „Oben und Unten“ für die Positionierung von Individuen in der Gesellschaft. Denn wenn das Funktionieren der materiell ausgerichteten Gesellschaft davon abhängig ist, dass wir unser Leben auf den Erwerb des Materiellen ausrichten, so müssen wir das als Individuen erst einmal lernen, müssen lernen, dass es uns eine wichtige, emotionale Angelegenheit sein sollte – das Teilen und zum Vorteil anderer zu handeln als irrational gilt. Wir lernen: Oben ist gut und unten ist schlecht. Wer was hat ist oben und wer nicht stürzt ab. Und NUR wer oben ist verdient gesellschaftliche Anerkennung und Liebe, wird bewundert und nachgeahmt. Unten zu stehen heißt somit gesellschaftliche Ausgrenzung. Die abstrakte Positionierung ist erforderlich, um die den Einzelnen zu verleiten a) möglichst viel Geld anzuhäufen, um auf der fiktiven Leiter nach oben zu steigen und zugleich b) den Habenichts auszugrenzen. Dabei könnte es genauso umgekehrt sein… Warum gilt nicht derjenige als oben, dem Besitz nicht so viel zählt wie den Ärmeren zu helfen?

Und noch ein politisches Beispiel: Damit der Staat seine Autorität behält und es auch bei zutiefst schädlichen Handlungen seiner Vertreter nicht zum Volksaufstand kommt, wird in Krisenzeiten gern das Bild der Familie angewandt. Der Staat als Oberhaupt und seine Herrscher als strenge (aber wohlwollende) Eltern die es nun mal besser wissen als wir, die Kinder. Man spricht vom „Landesvater“, „Vaterland“ oder auch der „Mutter der Nation“, um diesen Eindruck zu stärken. Schicken wir nicht gerade die „Söhne der Nation“ in den Krieg? Das gewünschte Ergebnis: Der Einzelne der durch das hierarchische Gefüge der eigenen Familie geprägt ist, nimmt zumindest unbewusst die Begriffe an und ruft die inneren Bilder hervor, sobald er mit den entsprechenden Symbolen konfrontiert wird. Er soll sich klein wie ein Kind fühlen, unbedeutend aber doch sozusagen metaphorisch gesprochen, in den sicheren Armen und in der Geborgenheit des elterlichen Staates. Und genau hier entstehen auch die Metaphern der gesellschaftlichen Moral, mit denen wir von nun an Situationen aber auch Menschen bewerten.

Aus der Vielzahl an familiären Methaphern lassen sich natürlich wunderbar moralische Methapern abrufen, die wir unbewusst auf Staat und Gesellschaft anwenden und somit moralische Metaphern schaffen. Vollkommen unsinnig, denn die Eingangsprämisse „Eine Nation ist eine Familie“ ist ein Trugschluss – zumindest, wenn man sich die tatsächliche Beziehung zwischen Staat und Bevölkerung anschaut. Doch gerade das Prinzip „strenger Vater“ (wie es die Autoren nennen) ist bestens geeignet, um innerhalb der Gesellschaft Hierarchien zu etablieren, die denjenigen „Kindern“ wenig Fürsorge angedeihen lassen die es draußen in der Welt nicht schaffen – die durch das soziale Sieb fallen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob der Staat zum Beispiel eine sinnvolle Arbeitsmarktpolitik macht. Wer nichts hat der hat unsere Zuwendung wohl auch nicht verdient.

Viele Worte sind bereits mit Metaphern belegt…
Es kommt selten vor, dass man echte Perlen unter den Büchern findet. Folgendes gehört – für mich – ganz bestimmt dazu. Denn seit Jahren beobachte ich nun wie die Situation immer schlimmer wird – wirtschaftlich, gesellschaftlich oder auch ökologisch. Trotzdem hören wir auf unsere Volksvertreter da wir gelernt haben, dass sie die Eltern der Familie sind. Und Eltern widerspricht man nun mal nicht. Noch schlimmer: Wir nehmen politische Erklärungen und auch Sichtweisen an, da unsere Gehirne damit geradezu „bombardiert“ werden. Der Grund hierfür ist, so George Lakoff und Elisabeth Wehling, dass wir in sogenannten „Frames“ denken…

Jedes Mal wenn unser Gehirn aktiv ist, wenn es eine Situation verarbeitet, findet eine physische Veränderung statt (!). Unsere Synapsen, also die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen unseres Gehirns, werden „befeuert“ und bilden Verbindungen zwischen denen im Hirn gespeicherten Bildern. Je häufiger das geschieht, desto stärker die Verbindung. Auf diese Weise verändert sich die Physiologie unseres Gehirns ständig weiter. Es bildet Frames, inform von Methapern und ihren Verbindungen. Je seltener wir jedoch imstande sind, eine Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten (also wirklich dazu zu lernen), desto seltener werden eben auch diese Frames aufgerufen. Das Ergebnis: Unser Gehirn kann nach einiger Zeit das von uns Erlebte nur noch auf eine Weise verarbeiten und ruft stets die entsprechenden Frames ab. Genau dies wissen all diejenigen die Propaganda betreiben und sind deshalb umso bemühter durch eigene Wortprägungen und ständige Wiederholungen unsere Gehirne zu manipulieren. Und dabei ist ihnen kein Mittel zu schäbig.

Wenn wir zum Beispiel ein Wort wie „Terror“ hören und mehrere Hundert Mal dazu Bilder von muslimischen Mitbürgern sehen, desto stärker werden wir bei diesem Reiz auch die entsprechenden inneren Metaphern abrufen. Wir können nicht anders.

Selbst wenn wir in kleiner Runde diskutieren wird es uns nicht ohne weiteres gelingen, unser Gehirn von seinen Assoziationsketten abzuhalten. Und so werden selbst Runden die sich gegen vorherrschende Diskussionen einsetzen (und sich dabei der derselben Wörter bedienen) bei denjenigen nur wieder die durch die Propaganda gelernten Bilder abrufen. Das Gehirn wird nach einiger Zeit eine andere „Definition“ als diese verweigern. Und so gehen viele Initiativen und gute Ideen den Bach runter, da sie es vorziehen mit denselben Begriffen und Bildern zu arbeiten wie die Propagandisten. Und dann wundern sie sich, dass ihnen kaum jemand zuhören mag, dass sie auf Widerwillen und oft sogar auf offene Aggression stoßen?

Die mögliche Erkenntnis liegt nah
Das Internet ist voller Menschen die sich mit eben diesen oben erwähnten drängenden Fragen der Zeit beschäftigen. Man liest in den Blogs und auf engagierten Seiten jedoch immer wieder dasselbe, sieht dieselben Bilder die andere bereits seit Jahren mit Metaphern belegt haben. Ein sinnvoller Schritt – und vielleicht sogar der einzige, um aus diesem Dilemma heraus zu kommen wäre, ganz einfach neue Bilder zu prägen, neue Metaphern zu schaffen und damit den Gehirnen der Leser die Möglichkeit zu geben, neue Frames zu bilden. Frames die nicht wie bisher immer die selben synaptischen Verbindungen etablieren helfen, sondern ganz neue entstehen lassen. Da jeder Mensch ein  emotionales Wesen ist und Rationalität unter den beschriebenen Gesichtspunkten tatsächlich überbewertet wird, wäre die Aufgabe dringlich, emotionale publizistische Räume zu schaffen die die Metaphern die tatsächlich zur Überwindung der Probleme geeignet sind bilden und unterstützen. Ob dies nun weiterhin negative Metaphern sein sollten oder doch besser welche die den Leser hoffen lassen, bleibt jedem Publizisten überlassen.

Ich kann das Buch jedem empfehlen der durch sein Engagement die Menschen erreichen und ihnen etwas geben möchte was sie neue Hoffnung schöpfen lässt. Ich weiß, dass der Trend derzeit ein anderer ist, aber ich weiß auch, wie viel Kummer sich auf den einschlägigen Websites breit macht. Denn auch die Idee der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ erscheint bei der Lektüre dieses Buches in einem anderen Licht.

Preis: 17,95
Broschiert: 186 Seiten
Verlag: Carl-Auer-Systeme; Auflage: 2., aktualisierte Auflage. (März 2009)
ISBN-10: 3896706950
ISBN-13: 978-3896706959

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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Eine Antwort auf "Buchtipp: Auf leisen Sohlen ins Gehirn"

  1. […] geht allein um die Bilder in unseren Köpfen Man kann gar nicht genug auf das Buch “Auf leisen Sohlen ins Gehirn” von George Lakoff und Elisabeth Wehling hinweisen. In diesem geht es um die bedeutende Frage, wie sich politische Begriffe und Definitionen […]

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