Buchtipp: Blackwater – Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt

Jeder kennt dieses verschrobene und etwas nebulöse Bild des Söldners, der für ein paar Scheine eine Waffe in die Hand nimmt und in den Krieg zieht. Töten als Dienstleistung sozusagen. Eine Steigerungsstufe sind die komplett privat organisierten Armeen der Welt die von den Regierungen (genau genommen den dahinter stehenden Konzernen) bezahlt und in den Krieg geschickt werden, um ihre „Angelegenheiten“ zu regeln. Blackwater (Xe) ist eine dieser Privatarmeen mit der Lizenz zu töten. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, wo die Ursachen für die Waffengänge liegen, wer Schuld daran ist und wer vielleicht unschuldig. Auftrag ist Auftrag. Hauptsache die Kasse stimmt. In seinem Buch „Blackwater – Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt“ erzählt Jeremy Scahill die Geschichte des Söldnerkonzerns der in nur wenigen Jahren traurige Berühmtheit erlangte.

Als ich vor einigen Jahren in einem Film hörte, wie jemand die Theorie vertrat, dass irgendwann keine Länder mehr gegeneinander Krieg führen werden – sondern nur noch große, weltweit operierende Konzerne – war das für mich eine ganz neue Dimension politischer (vor allem militärpolitischer) Zusammenhänge. Gut, dass ist bereits über 30 Jahre her und die Realität hat die Fantasie mehr als eingeholt. Nicht, dass nicht zu allen Zeiten Kriege lediglich kleinen Kreisen dienten… Es ging um Macht, um Einfluss und um Geld – so wie es ja immer um diese drei Faktoren zu gehen scheint, wenn der gesunde Menschenverstand nicht mehr hinterher kommt.  Da die Regierungen und großen Verwaltungen der Staatenbünde wie der EU nicht wirklich souverän, sondern in Abhängigkeit großer Konzerne handeln, wundert es überhaupt nicht, dass nicht nur die Politik heutzutage von privatwirtschaftlichen Interessen nur Weniger anhängig ist, sondern selbst  Soldaten einer „Company“ angehören können. Mitarbeiter einer Firma. Einem Privatunternehmen – wie Blackwater (seit 2009 Xe). In nur wenigen Jahren wurde aus einem kleinen Söldnerunternehmen ein militärischer Riese, fähig ganze Regierungen im Alleingang zu zertrampeln.

Der 10. September 2001 – ein neuralgisches Datum
Was für ein Zufall. Einen Tag vor dem Angriff auf World Trade Center und Pentagon, rief der damalige – gerade frisch gebackene – Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, in einer seiner ersten Reden unter der George W. Bush-Administration dazu auf, sich gegen die „Bürokratie im Pentagon“ zu verwenden. Er sprach zu jenen Führungskräften im Pentagon, die für die Vergabe der äußerst lukrativen Aufträge an Privatunternehmen zuständig waren. Was war damit gemeint? Rumsfeld beschrieb diese Bürokratie als einen Feind, sitzend „in einer der weltweit letzten Bastionen zentralistischer Planung…“ Alles klar? Man braucht nur 1 und 1 miteinander zu verbinden und schon wird deutlich, wo der Hase lang wollte. Die von Rumsfeld ausgerufene Doktrin zur stärkeren Einbindung der Privatwirtschaft in die amerikanische Kriegsführung diene lediglich dem Schutz des Pentagons vor sich selbst. Übersetzt: Je stärker dieser privatwirtschaftliche Einfluss ist, desto besser für alle.

Nur einen Tag später, am 11. September, konnte er seinen Verlautbarungen Taten folgen lassen. Die gesamte Politik des Pentagons wurde nun verstärkt auf den „Privatsektor, verdeckte Operationen, neueste Waffensysteme sowie den vermehrten Einsatz von Sondereinheiten und privaten Dienstleistern“ ausgerichtet. Ganz Amerika befand sich nun in einem globalen „Krieg gegen den Terror“. Ein praktisch grenzenloser und nie enden wollender Krieg, wenn man wollte – und man wollte natürlich. Die große Stunde für eine zunächst wenig bekannte Firma aus North Carolina: Blackwater USA. Sympathischer Name, oder? Was dann folgte, war der beispiellose Aufstieg von einer nicht allzu bedeutenden Sicherheitsfirma – die sich bereits im ersten Golfkrieg und während des Balkankonflikts erste „Sporen verdient“ hatte – zu einem militärischen Riesen der weltweit die Keule schwingen durfte – und das straffrei.

Gegründet wurde Blackwater von einem gewissen Erik Prince, einem Multimillionär, der bereits die Wahlkämpfe von George W. Bush unterstützt hatte. Heute mischt das Unternehmen in diversen Kriegen und verdeckten Operationen mit. Autor Jeremy Scahill beschreibt in seinem Buch Aufstieg und Werdegang der Söldnerorganisation, nennt Unterstützer und Profiteure. Denn eins lässt sich sagen, seit 2001 wuchs Blackwater ständig weiter und das natürlich dank der lukrativen politischen Entwicklung weltweit.

Ultima Ratio?
Krieg wird oft als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bezeichnet, als letzte Lösung, wenn nichts mehr geht und alle anderen Stricke gerissen sind. Tatsächlich ist es ein Geschäft; ein sehr Gewinnbringendes noch dazu. So wundert es nicht, dass durch die Privatisierungen der Armeen Krieg nicht als letzter Ausweg betrachtet wird, sondern als erste Option. Je mehr Krieg desto besser. Desto mehr Geld fließt schließlich in die Kassen der Söldner, die sich wiederum besser ausrüsten und dann noch „attraktiver“ in kommende Vertragsverhandlungen gehen können.

Als im Herbst 2007 in Bagdad von Blackwater 17 Zivilisten auf offener Straße erschossen wurden, hörten viele Menschen zum ersten Mal von jener marodierenden Soldateska die im Auftrag der amerikanischen Regierung hier ihr blutiges Geschäft verrichtete. Bis heute wurde niemand zur Verantwortung gezogen, gewährte das US-Verteidigungsministerium Schutz vor strafrechtlicher Verfolgung. Ultima Ratio? Oder einfach nur Kalkül? Denn eine Armee die quasi unter Immunität operieren kann und keiner anderen öffentlichen Stelle gegenüber Rechenschaft schuldig ist, kann sich im Kriegs- und Krisenszenario alles erlauben. Ein Präzedenzfall also, der zeigt, wie stark der Einfluss der Politik tatsächlich ist. Auf die Verantwortlichen „privatwirtschaftlichen“ Akteure wartet also keine Strafe, sondern lediglich ein großer Scheck und die Gewissheit in nächster Zeit noch viel zu tun zu bekommen.

Die Geschäftsleute des Krieges sehen – wie sollte es auch anders sein – ihre „Dienstleistungen“ als Zeichen des patriotischen Stolzes. Dabei spielt das Hinterfragen der Gründe und Ursachen keine Rolle. Hier wird nicht gezweifelt, sondern gehandelt und das mit ethisch, stolz geschwollener Brust. Gegner ist natürlich stets das Böse (und alle seine Freunde, oder Verdächtige die zu Sympathisanten dieser Freunde werden könnten, oder Unbeteiligte die vielleicht die Motive der Sympathisanten verstehen, oder…).

Lesen und Ärgern
Das Buch ist in jedem Fall sehr aufschlussreich und räumt mit antiquierten Vorurteilen und Ausreden auf.  Gut und Böse, Recht und Unrecht sind gar nicht mehr so eindeutig, wenn man weiß, dass von der jeweiligen Definition Milliarden abhängen. Milliarden für Menschen die Kriege gut heißen, zumindest aber schnell einen guten Grund zur Hand haben, um sie zu rechtfertigen. Am Beispiel Blackwaters kann man also auch insgesamt die Entwicklung der Privatisierung des Kriegshandwerks ablesen. Allein in knapp einem Jahrzehnt wuchs hier ein hoch gefährliches Monster heran, das dem willig folgt der es gut bezahlt – und das in jede denkbare Schlacht.

Je mehr man über Details erfährt und sich beginnt in die Welt der Kriegsindustrie hinein zu denken, desto mehr wirft dies weitere Schatten auch auf unsere Bereitschaft Kriege zu führen und dafür zu bezahlen. Deutschland, mit seinen knapp 2 Billionen Euro Schulden, aber auch das neue Europa des Lissabon Vertrages, zeigen ganz unverblümt, dass sie mitmischen wollen, wo auch immer der Geldsack klimpert. Wenn man sich den wirtschaftlichen und sozialen Zustand Europas anschaut, die ja beide eher geeignet sind Gewalt zu schüren als abzubauen; und wenn man dann noch überlegt, wie instabil eine überschuldete Welt nun mal ist, dann macht die unseelige Vermischung von Krieg, Staatsschulden und Söldner-Interessen wirklich ärgerlich. Es gäbe so viele Probleme zu lösen und es hat immer weniger den Anschein als wenn die Verantwortlichen der Nationen einen anderen Ausweg wüssten (oder wollten) als  die Jungs aus North Carolina.

Taschenbuch: 400 Seiten
Preis: 11 Euro
Verlag: rororo; Auflage: 2 (1. September 2009)
ISBN-10: 3499624869
ISBN-13: 978-3499624865

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
Ähnliche Artikel