Buchtipp: Das Gespenst des Kapitals

Manchmal fällt einem ein Buch in die Hand, bei dem man denkt: Hui, das ist richtig Arbeit! Das sich diese auch lohnen kann, zeigt uns das „Das Gespenst des Kapitals“ von Joseph Vogl. Und der Titel ist wirklich vortrefflich gewählt, geht es doch darum aufzuzeigen, dass wir lange Zeit schon unsere irrationale kapitalistische Überschwänglichkeit durch alle Krisen schleppen, wie ein Gespenst das man nicht los wird – oder noch besser: wie das Gespenst seine rasselnden, schweren Ketten. Mehr noch: Vogl stellt ganz bewusst die Frage, ob das System tatsächlich so effizient und rational arbeitet wie uns Experten weismachen wollen. Eine rhetorische Frage mit Wuchtwirkung…

Das Gespenst des Kapitals ist nicht unbedingt ein Handbuch, welches uns hilft die Wirtschaftsfragen der Zeit zu beantworten. Es ist ein Essay, mittels dessen wir uns in die Lage versetzen, alles das was wir für eine Art Naturgesetz halten sowie alle unsere aufgestülpten Vorurteile zu ergründen. Und wir kommen zu dem Schluss, das a) ein Fremdwörterbuch ganz hilfreich ist, wenn man sich diesem Gespenst nähern will und das b) es sich lohnt, diesen Spuk austreiben zu wollen.

Vogl entblättert das Objekt der Begierden, die Wirtschaftswissenschaft; stellt sie nackt und unverhohlen dar als das was sie ist: eine Art genusssüchtige Wirklichkeitsferne oder eine sich selbst erfüllende Prophezeiung der übelsten Sorte. Denn ihr zu eigen ist, dass sie für die meisten Menschen die unter ihre Knute geraten gleich dem Bild vom Esel mit der Mohrrübe ist. In diesem wird ein Esel (wir) angetrieben sich vorwärts zu bewegen, in dem man ihm (auf ihm sitzend) eine Mohrrübe vor die Nase hält. Auch wenn der Esel seinen Schritt beschleunigt (bereit ist, den Theoretikern, Experten, Politikern, Bankern usw. zu folgen), wird er sie nie erreichen. Ganz ähnlich erscheint mir der Gespensterschatten des Aufschwungs, dessen Windhauch man stets, aber dessen Genuss man niemals zu spüren bekommt.

Billiger Budenzauber
Der Autor versteht es zu entzaubern. Was uns tagtäglich als faktenreiches Gemenge ökonomischer Entscheidungsprozesse medial dargereicht wird, was Millionen (sogar Milliarden) von Menschen beeinflusst – wie zum Beispiel das Börsengeschachere – basiert auf reiner Fiktion, auf wabernde Inszenierungen. Schaut man mal wirklich näher hin, entpuppen sich diese als banale Tischfeuerwerke, als Budenzauber ohne weiteren Wert. Hier geht es nur darum, die Satten noch satter zu machen und die Hungrigen nicht an die Tränke zu lassen.

Gerade jetzt im Fall Griechenland wird das Prinzip deutlich: Da braucht nur ein Nachrichtenmagazin wie der Spiegel ein Gerücht lancieren „Griechenland steigt vielleicht aus dem Euro aus…“ Und schon geht der Zirkus los, schon wir abgeschrieben, aufgebauscht, aufgemotzt, verstärkt, verbrämt und verleumdet… Die Folge ist eine weitere Abwertung des Landes, um es zu Handfutter für Spekulanten zu machen. Am Ende wird die „Beute“ erlegt, am Anfang aber steht nur eine Theorie, ein vorauseilender Nachruf, etwas gifte Tinte und die Achtlosigkeit von Autoren. Alles Theater und Regisseure können in aller Ruhe anschauen, wie Millionen zu unfreiwilligen Darstellern werden und die bereits Satten sich noch ein neues, großes Stück vom Kuchen abschneiden.

Die Gesellschaft soll sich komplett unterwerfen
Vogl zeigt auf wohin die reise geht: „Der Ausbau der lokalen Märkte zu einer Marktgesellschaft nötigt vielmehr, das Verhältnis zur Ökonomie, Politik und Gesellschaft neu zu justieren. Der Markt exekutiert gleichsam ein Naturgesetz, und alle weiteren guten Gesetze und Einrichtungen haben sich daran zu bemessen, wie sie den Gehorsam gegen dieses Naturgesetz, also gegen die spontanen Wirtschaftsmechanismen gewährleisten können….“

Tja, das ist es. Die Gesellschaft soll sich komplett unterwerfen, soll sich ducken wann immer die Naturgesetze von Marktliberalisierung, Privatisierung, Globalisierung wirken. Doch wer erklärt diese Marktstrategien zu Gesetzen… wachsen sie an Bäumen, oder sind es nicht einfach nur ein paar Herren in grauen Anzügen? Herren die meinen, dass man nur hinreichend einschüchtern und die Mär einer wie von Göttern entworfenen neuen Welt erzählen muss, um das Fußvolk willfährig, klein und stumm zu machen.

Mir hat das Buch gut getan – auch wenn es ein harter Brocken ist. Doch wie schon angedeutet, lohnt es sich immer wieder auch harte Brocken zu kauen. Sie schleudern uns mehr noch als das tägliche publizistische Zuckerwerk die Wahrheiten um die Ohren. Und das – Entschuldigung – brauchen wir in dieser Zeit. Es sei denn wir wollen, dass uns das Gespenst bis ans Ende unserer Tage peinigt.

Ein Buch das man allen empfehlen kann, die sich für die Wahrheit etwas Zeit nehmen mögen.
😉

Das Gespenst des Kapitals
Joseph Vogl
Preis: 14,90
Verlag: Diaphanes
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3037341165
ISBN-13: 978-3037341162

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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