„Angst vor Sozialabbau, Sorge um die Zukunft – es wird immer stiller im Land. Politik und Wirtschaft haben leichtes Spiel: Wir sind auf direktem Weg in den Maulkorb-Staat. Wird Ruhe zur ersten Bürgerpflicht?“ fragt provokativ der Klappentext des Buches „Die Einflüsterer“, von Klaus Norbert. Ich bin zwar noch nicht ganz durch, doch möchte ich Euch gern dieses Buch ans Herz legen. Wortakrobatisch, pointiert und in jedem Fall hochgradig polemisch, fragt der Autor nach, warum wir – obwohl der Himmel über uns zusammen bricht – kaum noch Widerstand leisten. Warum wir uns lieber durch triviale Mediennichtigkeiten ablenken lassen und durch halbseidene Informationen gegeneinander aufbringen, als endlich den Mund auf zu machen. Warum wir uns lieber in offensichtliche Lügen flüchten und diese gegen warnende Andersdenkende verteidigen, anstatt zurück zu einem solidarischen Miteinander zu finden. Ein emotionales Plädoyer für das eigenständige Denken.

Die Welt steht auf dem Kopf, dass lässt sich ja auch schon so beobachten – ohne dass man über Zusammenhänge im Weltgeschehen, über die Hintergründe der Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte nachdenkt. Irgend etwas stimmt nicht mehr, läuft vollends aus dem Ruder – und das in alle Richtungen. Doch während sich die Menschen in den 80er Jahren laut, fantasievoll und so gar nicht angepasst zur Wehr setzten, auf die Straße gingen, politisch aktiv wurden, scheint heute (fast) tote Hose. Klaus Norbert fragt nach und steckt dabei den Finger in die Wunde, genau dort, wo es eigentlich weh tun sollte…

Warum können wir uns als Nation darüber aufregen, wenn Deutschland ein Fußballspiel vergeigt? Wir beginnen zu schreien, zu fluchen, mit roten Köpfen und aller Wucht unseres emotionalen Wesens. Wenn wir jedoch beobachten, wie durch eine verfehlte Politik ganze Nationen ruiniert werden, wenn Armut, Angst vor der Zukunft oder Missgunst untereinander wachsen, dann interessiert das quasi niemanden wirklich ernsthaft. Wenn irgendein Pop-Sternchen mal so richtig „auspackt“, die falsche Klamotte beim Auftritt trägt oder böszungig über die Konkurrenz her fällt, dann geht das Thema durch alle Medien. Wenn aber landesweite Katastrophen am Horizont dräuen, schalten wir lieber auf einen anderen Kanal. Schlimmer noch, wir greifen mittlerweile jeden an, der aus der Reihe tanzt und das Spielchen nicht mitmacht, beschimpfen ihn und zeigen keinerlei Mitleid mit Andersdenkenden. Was ist uns verloren gegangen? Warum lassen wir das mit uns machen – obwohl wir vielleicht ahnen, dass es demnächst auch uns treffen wird?

Dabei nimmt Klaus Norbert kein Blatt vor den Mund. Das wirkt manchmal schnodderig und provozierend, doch trifft er damit eben auch den Kern unseres schnodderigen und provozierenden Wesens, dass immerhin geeignet ist, genauso schnodderig und provokant mit anderen umzugehen. Auf einen groben Klotz gehört eben ein grober Keil, oder? Neben der ganzen ernst Literatur die den ernsten Problemen ernsthaft beizukommen bemüht ist, kommt diese direkter an, fräst sich ins Gehirn. Hier wird der Stammtischmensch in uns angesprochen, aber das ist nicht schlimm.  Sollte es sich also nicht um ein rein rhetorisches Mittel handeln und nur sprachliches Kalkül sein, dann nimmt man dem Autoren glatt ab, dass er bis zur Ohnmacht verblüfft und geradezu wütend ist.

Das Buch bewegt sich einmal quer durch Wirtschaft, Politik, Wissenschaft Medien und Unterhaltung und zählt die endlosen Missstände auf; verdichtet sie zu einem Molloch der Manipulation. Denn die „Einflüsterer“ sitzen überall. Sie nutzen die Mittel der PR, beeinflussen Politiker, machen die Medien von sich abhängig und nutzen jede Gelegenheit, damit wir ihren Botschaften nicht entkommen. Sie liefern uns Phrasen in Talkshows, Leitartikeln in den Zeitschriften, Beiträgen in Radio und Internet. Sie bestimmen Tenor und Inhalt der Nachrichten, die Richtung die unsere „freie Presse“ zu nehmen hat, um ihre höchsteigenen Interessen politisch durchzusetzen. Dabei ist ihnen kein Mittel zu schäbig und sie sich selbst nicht zu schade. Die Einflüsterer erschaffen Szenarien und Weltbilder, die wir dankbar annehmen, nachplappern und sogar in privaten Gesprächen verteidigen – wenn nötig mit Inbrunst. Selbst nachdenken, nachfragen, nachhaken und damit auch die Intentionen der Einflüsterer aufzudecken, ja, so weit geht es dann doch nicht.

Wer also neben den oft schwafelig, gestelzten Analysen der wissenschaftlich und pseudowissenschaftlich Fachbücher – die dann am Ende womöglich sogar noch falsch liegen, oder neue Einflüsterungen mit sich bringen – mal zur Abwechslung eine etwas knarzige Selbstanalyse lesen will, ist mit diesem Buch gut bedacht. Natürlich braucht es auch wissenschaftliche Abhandlungen zur Krise in uns und um uns herum. Doch die zu einem riesigen Berg aufgehäufte Problemverfilzung die sich letztlich ja in unseren Köpfen abspielt und von uns deshalb toleriert wird, weil wir uns ablenken und weg schauen können, hilft uns, den Finger wieder auf uns selbst zu richten. Beim Lesen tritt man automatisch einen Meter zurück und beobachtet sich selbst. Auch wenn man die Argumente und auch die beschriebenen Fälle bereits kennt, macht gerade der Rundumschlag Schluss mit der Nebelfront in die wir uns nur zu gern immer wieder begeben.

Ich bin wie gesagt noch nicht ganz durch, aber auffällig ist, dass der Autor uns warnen will. Warnen vor der Zwietracht die wir in Zeiten materieller Not zu entwickeln beginnen. Warnen vor der Eigenbrötlerei, dem Streit den wir in unsere Mitte sähen lassen und auch warnen vor den Folgen unserer eigenen (arroganten) Ignoranz. Wir haben es schon soweit kommen lassen. Dann sollten wir zumindest an dieser Stelle des Weges innehalten. Wir sollten uns und auch der Welt Fragen stellen: Wie konnte es soweit kommen? Was habe ich dazu getan? Was habe ich unterlassen zu tun? Warum gebe ich meinesgleichen die Schuld an der Misere? Will ich wirklich die Entscheidung der „Oberen“ bis zum bitteren Ende mittragen? Sind mir die nächsten Generationen egal? Geht es immer nur um materiellen Besitz in meinem Leben? Wie kommen wir wieder raus aus dem Strudel?

Fragen, deren Antworten wir nicht von anderen erwarten können. Hier müssen wir endlich mal selbst nachdenken – uns damit auch endlich wieder ein Stück von den Einflüsterern befreien. Anders kommen wir wohl aus der Nummer nicht mehr raus.

Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (6. April 2010)
ISBN-10: 3453601513
ISBN-13: 978-3453601512
Preis: 9,95 Euro