Buchtipp: Euroland – wo unser Geld verbrennt

Wer glaubt, die Eurokrise sei vorbei, der irrt aber gewaltig. Gerade aktuell drängeln sich neue Schlagzeilen um einen Rettungsplan für das angeschlagene Irland in unsere Köpfe und zeigen, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Das Stabiltätsversprechen, welches uns die Befürworter zur Einführung des Euros gaben, scheint längst vergessen. Noch mehr Sparen und natürlich noch mehr zahlen, das ist jetzt erste Bürgerpflicht. In seinem Buch „Euroland – wo unser Geld verbrennt“ hinterfragt Autor Thomas Wieczorek die Hintergründe der Eurokrise und stellt die berechtigte Frage: Wird hier gerade die Europäische Union systematisch ausgeplündert?

Die Weltwirtschaft taumelt, wackelt, wankt und steht ständig am Rande eines Kollapses. So wird uns gesagt. Und als wenn das alles noch nicht schlimm genug wäre, scheint auch dem Euro-Raum langsam die Puste auszugehen. Griechenland, Portugal, Irland, Spanien, Italien, Großbritannien,… fast alle Länder in Europa sind hoch verschuldet und stehen nahe am Staatsbankrott. Und immer mehr merkt es nun auch der Deutsche am eigenen Leibe was es heißt, wenn die „Großen“ mit unserem Geld, unseren Staatsfinanzen und unserer Zukunft spielen. Allein die in der Krise geforderte Bürgerbeteiligung, die sich in den Städten und Kommunen nun inform von höheren Abgaben, Gebühren und erheblichen Leistungsverzicht niederschlagen, zeigt drastisch, wem genau es nun ans Leder geht.

20 Jahre Marktradikalismus rächen sich nun
Thomas Wieczorek nähert sich in seinem Buch zunächst einmal den neoliberalen Legenden, welche uns permanent und mit Unterstützung fast sämtlicher Medien in die Ohren gemartert werden. Und er hinterfragt sie: Was sollte das ganze mit dem Euro überhaupt? Wer hatte was davon? Hat er Europa wirklich das gebracht was er sollte? Wie hat sich Deutschland in den „guten Zeiten“ verhalten und welche Auswirkung hatte dies auf andere Länder? Wer ist Schuld am Euro-Desaster? Man kann sich die Antworten schon denken, oder? Der Marktradikalismus, der in den letzten beiden Jahrzehnten die Welt zu einem einzigen Marktplatz degradierte, war nie gut für uns und er war schon gar nicht gut gemeint. Was nur einer kleinen Gruppe von Superreichen nützlich schien, wurde zur Wirtschaftsphilosophie ohne wenn und aber erhoben. Die Kritik, dass dafür der weitaus größte Anteil der Menschen darunter erheblich zu leiden hat, wurde stets als sozialromantische Realitätsflucht abgetan. Doch jetzt rächt es sich, dass wir den Demagogen in eigener Sache auf den Leim gegangen sind.

Wer ist schuld an der Eurokrise?
In der Weltwirtschaft kracht es ja schon eine Weile – und in Euroland? Wieczorek befasst sich ausgiebig mit den dubiosen Rating-Agenturen, die durch ihre Einschätzung über die Kreditwürdigkeit eines Landes befinden. Warum aber tun sie das? Wer befähigt sie dazu? Wer gibt ihnen die Autorität? Je mehr man sich mit der Eurokrise befasst, desto klarer wird, dass sie nicht vom Himmel gefallen ist, sondern einem Zweck dient. Überall ist nun von der Verschuldung der Mitgliedsstaaten der EU die Rede. Doch bei wem sind sie denn verschuldet? Doch nicht etwa bei den Banken, die ihr unrühmliches Spiel schon in der weltweiten Finanzkrise zeigten. Banken verleihen Geld an Staaten, doch zuvor gibt es immer jemanden der die Staatsvertreter davon überzeugt die Kredite überhaupt erst aufzunehmen. Und wofür sind die Kredite? Vielleicht um der innerhalb der EU (aufgrund des Lissabon-Vertrages) verfügten Aufrüstungsverpflichtung nachzukommen, oder um unsinnige Bauvorhaben und andere fragwürdige Projekte zu finanzieren? Hier saßen korrupte Politiker mit Unternehmensberatern und Bankern zusammen und haben ihre Länder auf einem Silbertablett dargereicht.

Traurig dabei ist, dass sich nun die großen Banken sich nun aufmachen und ihre Krallen nach allem ausstrecken, was sich an Staatsvermögen in den Ländern erheischen lässt. Noch trauriger aber ist, dass sich eben diese Länder der EU und Organisationen wie dem IWF ohne zu murren ausliefern, in der Hoffnung nicht vom Tisch Europas vertrieben, sprich achtkantig raus geworfen zu werden. Doch die ihnen auferlegten Sparprogramme bewirken genau das Gegenteil des Erhofften. Die Konjunktur erlahmt weiter, schafft noch größere Not und – selbstverständlich – umso mehr Abhängigkeit von ihnen. Die Folge wird sein, dass sie aufgrund der kommenden Zahlungsunfähigkeit mit anderen Werten ausgeglichen werden müssen. Beteiligungen, Immobilien, Staatsaufträge, Grund und Boden, Patente – es gibt ja noch einiges zu holen und die Fantasie kennt bekanntlich keine Grenzen. Hier, so drängt sich einem auf, werden ganze Länder ausgeschlachtet, bis nichts mehr übrig bleibt. Doch bevor man ihnen irgendwann den Gnadenstoss gibt, will man an die Kröten der Menschen ran, an ihre Sparguthaben, Renten und natürlich ihre Kaufkraft.

Und was tun wir gegen den Ausverkauf?
Man erkennt das System hinter der Krise und fragt sich, warum wir – nach Finanzkrise, Rettungsschirm, Förderprogrammen und drastischen Einsparungen bei der Bevölkerung so tun, als wenn das alles ein Kinofilm wäre. Wir spüren zwar wie die Einschläge näher kommen, doch das reicht wohl noch nicht. Deutschland hat sich zu einem beispiellosen Sparprogramm verpflichtet, dass (was klar war) all diejenigen nun weiter schröpfen wird die keine Lobby, keine Macht und keinen Einfluss haben. Es sind die Ärmsten unter uns, die die größten Lasten zu tragen haben. Ihnen wird Verzicht abverlangt, während die großen Summen weiter reichlich in die Taschen einiger weniger gespült werden.

Wenn man die Situation mal in die Zukunft projiziert, kann einem schon mulmig werden. Die Einsparungen zulasten der der Bevölkerung, die ja die Krise nicht verursacht, nur durch ihre Tatenlosigkeit begünstigt hat, sind erst der Anfang einer Ära die sich zur wahren Krise ausweiten könnte. Denn von nun an wird der Eurocent nicht nur einmal umgedreht werden.

Wieczorek führt auf, wohin die Reise geht:

„Am auffälligsten bekommen die Bürger die Umverteilung von Arm nach Reich und die neoliberale Sparneurose dort zu spüren, wo sie wohnen und sich wohl fühlen wollen – und es auch könnten, wären nicht die Städte und Gemeinden dank der Bundespolitik mehrheitlich pleite. Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young vom Juni 2010 unter 300 deutschen Kommunen wollen 60 Prozent der Kommunen ihre Leistungen kürzen und 84 Prozent Gebühren und Steuern erhöhen“

Und er beschreibt auch, an welchen Stellen der Rotstift angesetzt wird: Straßenbeleuchtung (31 Prozent), Jugend- und Seniorenbetreuung (29 Prozent), Öffentliche Bäder (14 Prozent) sowie Nahverkehr und Kitas (11 Prozent). Zusätzliche Einnahmen erhofft man sich bei Steuern für Grundstückseigentümer (46 Prozent), Eintrittspreise bei Bädern, Theatern und Museen (44 Prozent) sowie Kita-Gebühren und Hundesteuer (33 Prozent). Ganz klar, das ist erst der Anfang.

Dazu komme natürlich noch das Sparpaket, mit dem die Regierung bis 2014 rund 86 Milliarden einsparen wolle – 11,2 davon im nächsten Jahr. Einige Beispiele gefällig:

  • Der Zuschlag beim Übergang von Arbeitslosengeld I in das Arbeitslosengeld II soll wegfallen
  • Die Arbeitslosenversicherung soll künftig ohne Darlehen oder Zuschüsse auskommen
  • Die Bundesagentur für Arbeit soll Leistungen mehr nach eigenem Gutdünken gewähren können
  • Hartz-IV-Empfängern soll die staatlich finanzierte Rentenversicherung gestrichen werden
  • Der Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger wird abgeschafft
  • Wohngeld wird ärmeren Familien, Rentnern und Studenten gekürzt
  • Das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger fällt komplett weg

Und so weiter und so fort. Die Liste des Bundes ist noch lang und zeigt, wer die Zeche zahlen soll. Und wenn man sich die Entsagungen und Entbehrungen der Reichen anschaut, dann muss man schon die Lupe zur Hand nehmen – und entdeckt trotzdem nur homöopathische Maßnahmen.

Und die Bevölkerung fügt sich wortlos in ihr Schicksal?
Thomas Wieczorek hat mit „Euroland“ ein gut lesbares Buch vorgelegt, dass einem den Einblick in das zukünftige Jammertal Europa vorweg nimmt. Wenn man sich bisher über einen längeren Zeitraum über die Maßnahmen in Eurokrise gewundert hat und vereinzelt kaltes Entsetzen empfand, so wird man hier – angesichts der geballten Ansammlung wirtschaftsethischer Schandtaten – vielleicht endlich auf den Trichter kommen. Zu viele Menschen fügen sich wortlos (oder höchstens leise murrend) in ihr Schicksal, tun sich und kommenden Generationen damit keinen Gefallen. Denn die nächste Krise kommt bestimmt.

Doch richtig ärgerlich macht einen das Gedankenspiel das sich beim Lesen und noch länger danach einstellt und einen ohnehin schon vorhandenen Verdacht bedient: Sollten diese Krisen nichts anderes als ein „Fake“ sein? Eine Täuschung? Ein Trick, um mehrere Millionen zu schröpfen, sie um ihre Habe zu bringen und finanziell auszuwringen? Ist die ganze Eurokrise nichts weiter als ein gigantischer Enteignungsplan, geschaffen, um ganz Europa in die Knie zu zwingen, seine Länder und vor allem Einwohner an die Kandare? Es sprechen mehr Argumente dafür als dagegen. Unterm Strich wird jedoch klar, dass wir so schnell aus der Nummer nicht mehr raus kommen und Generationen für die neoliberalen Ideen werden bluten müssen. Hieran Kritik zu üben hat nichts mit Politik, mit rechts oder links zu tun, sondern allein mit der Erhaltung des Menschlichen in uns.

Marktschreier auf die Strafbank
Wer sich mit der Eurokrise mal so richtig geballt befassen will, dem sei das Buch ans Herz gelegt. Doch die konsequente Lektüre fordern letztlich auch die in den letzten Jahren fast abgestorbene soziale Vernunft herauf. Und diese sagt eindeutig: „Halt, so geht es nicht weiter!“ Auch wenn man sich dann in seiner Hilflosigkeit ganz elend fühlen sollte, so kann man doch in Zukunft den marktradikalen Schreihälsen entgegen treten, wenn sie mal wieder kackfrech auf den Ärmsten herum hacken, den sozialen Frieden weiter vergiften und das Geld über alle anderen Werte stellen. Keine ihrer Aussagen hat sich in den letzten 20 Jahren bewahrheitet. Es wird Zeit sie genauso ernst zu nehmen wie einen verrückten Opa, der sich am offenen Fenster auf sein Kissen lehnt und die Welt beschimpft. Diese Menschen gefährden zwar die Zukunft, werden sie aber nicht retten (sondern noch das letzte herauszuholen versuchen). Hört ihnen einfach nicht mehr zu, oder widersprecht ihnen und verweist sie auf den Platz in dieser unheiligen Geschichte auf den sie gehören: auf die moralische Strafbank

Und wenn mal wieder jemand aus der Bekanntschaft von den naturgegebenen Zwängen der Globalisierung, vom menschlichen Versagen als Ursache der letzten Krisen, von korrupten Griechen, faulen Arbeitslosen und sozialer Hängematte faselt, dann kann man ihm getrost das Buch unter die Nase halten. Im Zweifel plappert er ohnehin nur nach, was bereits in den Medien nachgeplappert wurde, hat sich nie wirklich mit dem Thema beschäftigt und braucht vielleicht nur einen kleinen Schubs um zu erkennen, dass seine Aussagen zum Dilemma beitragen, dazu noch Lug und Betrug Tür und Tor öffnen. Dann ist schon viel gewonnen.

Thomas Wieczorek
„Euroland – wo unser Geld verbrennt
Wer an dem Schlamassel schuld ist, und warum wir immer zahlen müssen“
Preis:
9,99
Broschiert: 255 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur (10. November 2010)
ISBN-10: 3426784467
ISBN-13: 978-3426784464

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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