Verzweifelter Kampf gegen den atomaren Super-GAU in Japan. Brachialer Krieg in Libyen, mit ungewissen Ausgang. Wenn es etwas gibt, dass wir zurzeit lernen könn(t)en, dann ist es die Erkenntnis, dass nicht Unsicherheit die Weltgeschichte in große Katastrophen gestürzt hat, sondern unbegründete Selbstsicherheit. Es ist wieder mal eine Zeit der Experten, der Mietmäuler die sich auf allen medialen Kanälen in den Vordergrund drängen. An deren Lippen wir hängen und deren Worten wir nur allzu schnell Glauben schenken. In seinem Buch „Falsch! Warum uns Experten täuschen und wie wir erkennen, wann wir ihnen nicht trauen sollten“ gibt uns David H. Freedman eine Art Allzweckfibel in die Hand, die uns helfen soll, unseren eigenen Köpfen und – vor allem – Instinkten wieder mehr zu vertrauen.

Man braucht nur der Berichterstattung dieser Tage zu folgen und bekommt ziemlich schnell das Gefühl, dass hier gleich zwei Informationsschlachten toben. Im Fall Libyen weiß man: Was im Krieg zuerst stirbt ist die Wahrheit. Man muss sich also, um sich eine Meinung bilden zu können, auf die Experten verlassen. Genauso wenn es um Japan und den Kernreaktor in Fukushima geht: Es mag sein, dass sich unsere Energiewirtschaft vom Atomstrom abhängig gemacht hat (dumm genug), doch deswegen müssen die Pro-Atomstrom-Argumente noch lange nicht stimmen. Selbst wenn sie stimmen sollten, so handelt es sich um eine absolut tödliche Form der Energiegewinnung, die niemals ganz sicher sein und beherrscht werden kann – das müssen selbst die Pro-Experten zugeben.

Doch was sind das eigentlich für Menschen die uns täglich die Welt erklären, die Wissenschaftler, Geldgurus, Doktoren, Beziehungsspezialisten, Star-SEOs, Consultans, Gesundheitsexperten usw. die uns erzählen wollen, was richtig und was falsch ist. Und: Haben sie überhaupt Recht mit ihrer „Expertise“? Wie kann es sein, dass der eine Experte das eine und der nächste etwas ganz anderes erzählt?

In seinem Buch geht amerikanische Autor David H. Freedman dem Phänomen des Mietmäulertums auf den Grund. Und er stellt dabei ganz nüchtern fest: „Aber machen wir uns nichts vor, ein Experte mag noch so klug und umsichtig sein, ein Einstein ist er in den meisten Fällen doch nicht. Und man darf wohl annehmen, dass sich Probleme, über die Physiker von höchstem Rang stolpern, anderswo noch schlimmer auswirken. Die Fehler selbst mögen klein sein, die Auswirkungen sind oft umso größer…“ Tja, davon können wir im März 2011 ein Liedchen singen. Bei dem Fast-GAU in Fukushima kamen mehrere Faktoren zusammen, die in ihrer Häufung als einzigartig galten. Und trotzdem traten sie ein. Nun wollen uns unsere Experten klar machen, dass dies bei uns so gut wie gänzlich ausgeschlossen sei. Was aber ist mit anderen Ereignissen? Was ist mit dem viel beschrieenen Terror dessentwegen wir einen Überwachungsstaat tolerieren würden? Spielt dieser hier keine, oder eine nur untergeordnete Rolle? Was ist mit technischem Versagen, was mit Sabotage aus was auch immer für einen Grund? Hier wiegeln die Experten ab und weil sie Experten sind glauben wir ihnen…

Was aber, wenn die von ihnen beiseite geschobenen „Restrisiken“ eintreten? Sind sie es, die dann ihren Kopf hinhalten?

Was ist Meinung, was Täuschung und was tatsächliches Bemühen den Dingen auf den Grund zu gehen? Wir wissen es nicht, denn eben noch klangen die Zusammenhänge die uns ein Experte unterbreitet hat durchaus logisch und plausibel, dann kommt ein anderer und erzählt das Gegenteil. Und es hört sich genauso nachvollziehbar an. Beides kann nicht stimmen. Deshalb brauchen wir ein Instrument, um so gut wie möglich den Mietmäulern und ihren bezahlten Meinungen auf die Schliche zu kommen.

Wie David H. Freedman schreibt können wir uns weder auf Journalisten verlassen, da diesen häufig der nötige Skeptizismus fehle (Zeitnot, Linientreue, die Gier nach einer schnellen Headline). Noch sei das Internet geeignet, da hier schlichtweg dieselben wirken würden. vielfach seien zum Beispiel die Ergebnisse einer Suchmaschine „optimiert“. Freedmann empfiehlt daher die Recherche bei kleinen, aber fachkundigen Communities, Foren und entsprechenden Themenportalen. Doch sei auch hier das Ergebnis der Recherchen stest mit größter Vorsicht zu beachten.

sicher ist also, dass nichts sicher ist. Wie aber nun die Spreu vom Weizen trennen? Auch wenn das manche behaupten – gerade das fällt nun mal besonders schwer. Freedmann gibt hier trotzdem einige Anhaltspunkte die uns gerade in Zeiten wie diesen hilfreich sein können:

Woran wir weniger vertrauenswürdige Expertenratschläge erkennen
– Sie sind eher vereinfachend und beanspruchen universelle Gültigkeit
– Sie sind nur durch eine einzige oder viele kleine (weniger sorgfältige) Studie gedeckt
– Sie gilt als „bahnbrechend“
– Der Experte wird von Organisationen propagiert, die von seiner allgemeinen Anerkennung profitieren
– Sie zielen darauf ab, größere Fehlschläge oder künftige Krisen zu vermeiden

Gerade im Zusammenhang mit der Atomkraft-Debatte fallen einem die „alternativlosen“ Experten auf. Insbesondere bei der Pro-Kernkraft-Fraktion gehen spätestens nach 5 Minuten argumentativ die Lichter aus…

Diese Ratschläge sollten wir nicht beachten:
– Der Experte ist „unaufdringlich eingängig“
– Er provoziert
– Er findet viel positive Resonanz
– Anderen Experten übernehmen seine Meinung
– Er erscheint in renommierten Fachzeitschriften
– Er stützt sich auf breit angelegte, exakte Studien
– Er hat beeindruckende Qualifikationen vorzuweisen

Machen 7 Doktorantengrade nicht in gerade besonders skeptisch. Obwohl wir wissen, dass es nicht schwierig ist, sich seine Doktorarbeit auch mal zusammen zu stöpseln oder zu kaufen, besitzen wir wie kaum ein zweites Land größte Ehrfurcht – bis hin zum intellektuellen Devotismus.

Wie erkennt man besseren Expertenrat?

– Ihm fehlen alarmierende Züge
– Er beruht auf einem negativen Befund
– Er zählt alle Einschränkungen lückenlos auf
– Er verschweigt anderslautende Erkenntnisse nicht
– Er bindet Forschungsansatz in seinen Zusammenhang ein
– Er weist ein Richtung
– Er scheut deutliche, schonungslose Worte nicht

Ein echter Experte, man kann auch sagen: ein glaubwürdiger Mensch, kommt bescheiden daher, bringt Zweifel an seiner eigenen These mit und verschweigt auch Gegenstimmen nicht. Und vor allem schlägt er keinen Alarm (bei gleichzeitiger Nennung der vermeindlich einzigen Alternative).

David H. Freedmann gibt noch eine ganze Reihe Kostproben dubioser Expertenmeinungen, konfuser und widersprüchlicher Ratschläge. Ganz besonders lesenswert macht das Buch zudem die gut geschriebene Entzauberung des Expertentums. Mir kam das Buch gerade jetzt sehr recht, denn je komplizierter macht uns die Welt vorgaukelt, desto eher sind wir geneigt, solchen „Fachleuten“ das Denken und Entscheiden zu überlassen. Bei kleineren Problemen mag das noch egal sein, doch was ist, wenn Fragen mit weitreichenden Folgen anstehen: „Auch Politiker und Wirtschaftsführer stützen sich zunehmend auf Experten. Ein gefährlicher Irrweg, so macht David H. Freedmann glaubwürdig klar. „Experten haben fast immer Unrecht, lautet seine provozierende These; denn in vielen Fällen sind ihre Behauptungen von eigenen Interessen geleitet““

Also, Augen auf – und selbst lesen!

Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Riemann Verlag (30. August 2010)
Preis: 19,95 Euro
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3570501116
ISBN-13: 978-3570501115

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