Buchtipp: Genug – Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen

Unser gesamten Wirtschaftssystem basiert auf der Grundannahme, dass wir auch tatsächlich alles das benötigen was wir kaufen können. Mehr noch, durch geschickte Manipulation werden wir instinktiv dazu getrieben, gerade das zu wollen, was wir gar nicht benötigen – und am besten sogar noch mehr dafür auszugeben als es wert ist. Dabei zeigt uns die Weltwirtschaftskrise nicht nur deutlich, wie ungleich Besitz verteilt ist, sondern dass das Prinzip an sich dem Menschen gar nicht gut tut. In seinem Buch „Genug – wie Sie der Welt des Überflusses entkommen“ beschreibt Times-Autor John Naish dass wir nicht nur beim Konsum hoffnungslos überfordert sind, sondern gar nicht mehr wissen wann genug ist; und uns deshalb auch gar nicht mehr freuen können. Doch in diesen Zeiten sollten wir nicht versuchen, das in sich kranke System künstlich zu erhalten, sondern uns auf das besinnen, worauf es im Leben ankommt.

John Naish beschreibt nicht nur die Zeit seiner Kindheit, in der man schlicht aus Geldmangel bereits „ökologisch“ dachte. Da wurde das angeschlagene Sofa eben nicht auf den Müll geworfen, sondern neu bezogen. Er erzählt davon, dass das persönliche Glück eben nicht vom Kauf neuer Produkte abhing, sondern der inneren Haltung gegenüber den Dingen und vor allem Menschen. Die Frage „brauchen wir das Produkt XY denn wirklich?“ wurde zu einem geflügelten Satz in seiner Familie. Das Glück und die Harmonie wurden vom Verzicht nicht beeinflusst.

John Nash weiß ganz genau, dass sich der Mensch als solcher natürlich nicht wünscht in einem Hamsterrad zu stecken und stets dem nächsten Kaufkick hinterher zu hecheln. Deswegen beschreibt er zunächst einmal die Funktionsweise unserer Gehirne und weist auf die Entwicklung der Gesellschaften und persönlichen Lebensführungen hin. Das Gehirn des Menschen setzt Prioritäten. Als vor tausenden von Jahren die Gefahr vor wilden Tieren oder dem Hunger größte Antriebskraft waren, musste der Wunsch möglichst viel Wissen über die Umwelt zu erlangen zurück treten vor dem blanken Überleben. Heute ist das für Menschen in ihren Industrienationen anders: Sie brauchen sich diese Sorgen nicht zu machen, zumindest die meisten von ihnen, und lassen somit zu, dass der Informationsdurst des Gehirns die Macht über sie gewinnt.

Der Mensch sammelt Inforamtionen und jedes Mal, wenn er einen neuen Sachverhalt durchdringt, bekommt er einen positiven Kick, das Belohnungszentrum im Gehirn angesprochen. Das wird bereits in den Schulen und frühkindlichen Jahren von der Gesellschaft trainiert. Doch das Glücksgefühl dauert nicht lange und man muss sich erneut auf die Suche machen. Kauft man sich also ein Produkt, weil man meint dieses unbedingt (noch) zu brauchen, ist es letztlich nichts weiter als ein kurzer, innerer Freudenschrei. Doch der klingt schnell ab. Dabei gäbe es genügend andere Möglichkeiten, auch ohne Konsum, dasselbe zu empfinden. Dieser Weg des „Konsum als Belohnung“ wird natürlich von Werbung und Industrie ganz subtil bedient. Ein Teufelskreislauf, denn man verbringt immer mehr Zeit in seinem Leben damit das Geld zu verdienen, welches man für die Kaufkicks benötigt. Doch das muss gar nicht sein.

Genug ist genug
John Nash zeigt auf, dass es uns nicht nur beim Produktkonsum so geht. Es gibt von allem zu viel und das überfordert uns erheblich. Seine Devise heißt „genug!“. Genug Essen, genug Sachen, Arbeit, Auswahl, Gück und Wachstum, sorgsam unterteilt er das Buch in Kapitel die am Ende zeigen, dass wir in allen Dingen des Lebens nur noch hinterher hecheln, wobei wir doch schon mehr als genug haben – und bei all unserem Treiben die wirklich wichtigen Dinge, wie die persönlichen Kontakte zu unseren Mitmenschen, aber auch die Konzentration auf uns selbst,  beiseite gedrängt wurden. Es gilt also, das eigene Glücklichsein zurück zu erobern.

Natürlich verschiebt diese Forderung nicht die Sicht auf die Situation. Denn es kann natürlich nicht sein, dass man von den Ärmsten Genugtuung verlangt, während ein kleine Gruppe von Menschen das Spielchen weiter treibt. Es ist kein „Ruhighaltebuch“, um Besitzlose mit dem wenigen zufrieden sein zu lassen, das sie ihr Eigentum nennen dürfen, während andernorts Milliarden eingestrichen werden. John Naish geht es um eine neue Sicht auf die Dinge und damit auch eine neue Sicht auf diejenigen die den Konsum als eine Art Gottheit betrachten und die Märkte für ihren Olymp. Vielmehr möchte er, dass wir über eine neue Ethik uns auch an unsere Tugenden erinnern und an diesen den Markt und seinen großen Akteure messen. Will Firma XY wirklich unser Bestes? Will sie unser Glück? Unsere Freiheit und Jugend etc., oder hat sie es ausschließlich auf unser Geld abgesehen und ist bereit, uns deshalb sonst was vorzugaukeln?

Vom wahren Wert der Freundschaft
Das kommende Jahr dürfte noch heftiger werden als 2010. Gerade deshalb ist es wichtig, sich endlich einmal darüber klar zu werden, welche Handlungen und Haltungen in unserem Leben schädlich für uns (und andere) sind, und welche uns gut tun. Was ist ein Produkt aus einem Klamotten-Discounter (oder sogar aus der High Society-Boutique) gegen anhaltende innere Zufriedenheit? Was macht unser Glück aus? Durchaus keine verstiegene Philosophie, sondern vielmehr ein Rettungsanker für unsere deformierten und krank gemachten Seelen.

Wir lieben Produkte mehr als Menschen. Dabei ist bewiesen, dass unser Glückzentrum im Gehirn kaum stärker angesprochen wird, als durch den Kontakt und die Bindung zu Menschen mit denen wir uns verstehen, die wir mögen, vielleicht sogar lieben. Doch der Markt fordert uns viel zu sehr, Werbung und PR schiebt uns ein Weltbild unter, dass uns einredet, dass wir selbst ohne die „richtigen Marken“ nicht viel wert seien und nach diesen Äußerlichkeiten auch andere bewerten sollten. Wir reduzieren unsere Welt auf die reine Oberfläche und sträuben uns geschickt vor emotionaler Tiefe.

John Naish schreibt von 3.500 Werbebotschaften mit denen wir jeden Tag konfrontiert werden. Jeder scheint uns irgendetwas „ganz Wichtiges“ verkaufen zu wollen. Es gibt keinen Bereich in unserem Leben mehr, der nicht kommerzialisiert wurde – bis hin in unsere Freizeit. Und das nervt zusehends. Werber wissen das schon länger und versuchen unsere Gehirne auszutricksen, damit die neueste, ach so tolle Kampagne doch noch von uns registriert wird. Doch wenn wir nun auch noch die Informationen der Medienwelt dazu rechnen, die Schlagzeilen in den Zeitungen, die Meldungen im Radio, Nachrichten im TV… dann bekommen wir ein Gefühl, mit wie vielen Informationen wir ständig geradezu bombardiert werden. Und unsere Gehirne, die stets neue Informationen, neue Nahrung brauchen, kommen gar nicht mehr hinterher.

„Genug ist genug“, ist also seine Forderung und der Autor gibt uns mehrere Tipps dafür, wie wir uns dem immer größerer werdenden Informations-Mahlstrom entziehen und wieder zu uns selbst – und anderen Menschen, der Natur, also dem unmittelbaren Leben – finden können.

Ein Buch zur rechten Zeit
Es gibt einige „Experten“ die uns einreden wollen, dass unsere schillernde Konsumwelt das beste ist, was man sich denken kann. Dabei können wir davon ausgehen, dass sie letztlich nur Sprachrohre industrieller Interessen sind. Schließlich sollen wir ja kaufen, und noch mehr kaufen – also brave Konsumenten sein. Doch das Bild dieser Leute wird immer graustichiger. Einmal, weil es gar nicht mehr genug Menschen mit Geld gibt, die das alles kaufen könnten oder auch nur wollen. Andererseits weil ihre egoistischen Motive offensichtlich sind, und man ihnen einfach nicht traut.

Der Konsum wird eine im Kern angefaulte Wirtschaftsordnung nicht retten, was die mittlerweile permanente Unterstützung großer Unternehmen, Banken und ganzer Länder zeigt. Dieses Prinzip ist tödlich und hilft nur den privaten Geldgebern ihren Profit einzufahren. Doch die Bevölkerung hat wenig davon. Sie muss sich in immer schwieriger werdenden Arbeitsbedingungen verdingen, um beim Konsumterror mitzuhalten. Das frisst ihr gesamtes Leben auf und hinterlässt unglückliche Menschen – die ja eigentlich genau das Gegenteil wollten.

„Genug!“ ist ein Buch das in die Zeit passt. Denn von den großen Medien hören wir gar nichts in der Richtung – mal abgesehen von den Gürtelengerschnallen-Sprüchen. Das System als solches wird nicht hinterfragt, auch wenn es nur noch per Tropf am Leben gehalten werden kann. Wie auch? Eine Gesellschaft die sich nicht mehr manipulieren und zu Konsumvieh degradieren lässt ist so ziemlich genau das Gegenteil dessen was die Befürworter des alten Systems wollen. Doch „Genug“ könnte gleich mehrfach zu einer Devise für das kommende Jahr werden: Einmal, weil die Bürger nicht mehr bereit sind, einfach blind zu folgen und „Nein! Es ist genug!“ sagen. Hier richtet sich das „Genug!“ an Politik, Wirtschaft und Medien. Zum anderen könnte es eine Art Rettungsanker in einer Welt sein, die nur noch Kaufen und Verkaufen im Kopf hat – weil sie unter diesen Umständen gar nicht anders funktionieren kann. „Ich habe genug – und bin trotzdem glücklich!“ Sicher für viele ein Ausweg aus dem Konsumdruck.

Es wird darum gehen uns gegenseitig Wertschätzung und Fürsorge angedeihen zu lassen, die nicht abhängig davon ist was jemand besitzt oder welche Marken er trägt. Und es wird umso mehr darum gehen, den Pro-Konsum-Experten zu widersprechen. Denn ein ist klar: Der Konsum wird unsere Wirtschaft nicht retten und damit auch nicht eine zutiefst zerworfene Gesellschaft. Das müssen andere Bewegungen tun, die komplett woanders ansetzen. Nämlich genau dort, wo wir unsere Eigenständigkeit aufgegeben haben, wo wir Opfer von Werbe- und PR-Strategien sind und Dinge nicht mehr hinterfragen. Eine neue Freiheit, die sich an den Grundbedürfnissen der Menschen orientiert und nicht an den Profit-Wünschen von Unternehmen. Denn was ist eine Gesellschaft wert, die alles besitzt aber ihre Menschlichkeit dafür verloren hat?

John Naish
„Genug – Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen“
Preis: 8,99 Euro
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe GmbH & Co.KG (Bastei Verlag); Auflage: 1 (24. Juli 2010)
ISBN-10: 3404664361
ISBN-13: 978-3404664368

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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2 Antworten auf "Buchtipp: Genug – Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen"

  1. Ole
    Ole 7 Jahren ago .Antworten

    Geniales Buch! Genau das hat bislang gefehlt. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Menschen dieses Werk lesen, damit unserer kruden Überflussgesellschaft endlich mal ein Spiegel vorgehalten wird.

  2. www.monex.com
    www.monex.com 7 Jahren ago .Antworten

    Rauch stort einen nicht Musik kann ohnehin nicht laut genug sein und der Inbegriff eines guten Weines ist Traubensaft mit Alkohol genannt Liebfrauenmilch . AuBerdem will man sagen Nein ich bin nicht gerade erst 16 geworden und muss noch herausfinden wie das ist.

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