Buchtipp: Idioten made in Germany

„In der deutschen Bildungslandschaft wächst die Angst. Denn nur für die wenigsten der über elf Millionen Schüler und Studenten wird sich die Hoffnung auf ein sicheres Arbeitsleben erfüllen.“ Tja, als hätte man es nicht schon geahnt, gewusst, und in vielen Fällen wohl auch schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. Der berühmte Flaschenhals auf dem Arbeitsmarkt beginnt sich zu schließen. Auch wenn die Politik vollmundig immer wieder neue „Bildungsoffensiven“ auflegt, kann dies nicht darüber hinweg täuschen, dass der deutsche Laden „Bildungsmarkt“ eigentlich schon dicht gemacht hat. In seinem neuen Buch „Idioten made in Germany“ prangert Autor Klaus Norbert die „geistige Klimakatastrophe“ mit gewohnt scharfen Worten an.

Also, eins kann man nicht sagen…, langweilig wird´s nicht… Die Bücher von Klaus Norbert sind alles andere als trocken geschrieben und man kann sich schon gut amüsieren – wenn man denn erst mal drinnen ist. Und so ist auch kaum eine Passage der rund 380 Seiten seines neuesten Werkes mit leidenschaftsloser Chronistenpflicht betextet, sondern stets akrobatisch arrangiert… Da geraten Sätze zu einer fast waghalsigen, rhetorischen Turnübung. Aber, wie auch im Spitzensport freut man sich mit, wenn am Ende alle Beine wieder sicher auf dem Boden stehen. Mir persönlich bringt es Spaß, auch wenn ich als gewohnheitsmäßiger Schnellleser etwas ausgebremst werde. Tja, so ist das nun mal beim Genießen.

Und inhaltlich lohnt sich die Lektüre allemal. Wie schon beim Titel „Die Einflüsterer“ sind ja die uns verabreichten Essenzen von durchaus ernster, geradezu existenzieller Natur: Die Bildung, eines der Steckenpferde der selbst ernannten politischen Elite, kommt bei Norbert nicht gut weg. Man hat es zwar schon immer geahnt, dass alles Gerede um Bildungsinitiativen, Effizienzsteigerungen, Wettbewerbsfähigkeit, PISA & Co. nur einem einzigen Grund dient: Die Verlierer der Gesellschaft abzustempeln und zu selektieren… Nicht, dass am Ende die Bildungspolitik der letzten Jahre als der Grund für das millionenfache Dilemma am Arbeitsmarkt in Verruf gerät… nein, wer keine oder eben nur unterbezahlte Arbeit bekommt, ist eben selbst Schuld…

Ne, wirklich nicht… dem Staat kann man dafür keine Schuld in die Schuhe schieben, denn er tut ja nun ausdrücklich alles, um das Bildungsniveau der Deutschen zu heben, oder? Und der Weg führt nun mal über die Stromlinienförmigkeit. Wer widerstrebt und widerspricht ist raus, fliegt raus, wird weggeneidet. Konkurrenz und Opportunismus sind die der Bildung gleichgesetzten Formeln… Ein Heer von Ja-Sagern wird gewünscht. Eine Garantie für einen sicheren Arbeitsplatz gibt es damit freilich nicht, denn wer „ja“ sagt, muss nun mal auch „oh je“ sagen können. Bildung hat schon lange nichts mehr mit der Freigeistigkeit zu tun, die uns einst so gut anstand. Nein, Räson ist gefragt, wenn man von den weniger werdenden Krümeln des Wohlstandskuchens noch was abbekommen will…. nur wer das mitmacht, geht (vielleicht) noch durch den Flaschenhals…

Und weil das so ist und wir so doof sind, dabei auch noch mitzumachen – es sogar zu befeuern – ernten wir bildungspolitisch eben genau das was wir sozialdarwinistisch gesät haben. Oder wie sangen es schon die Rolling Stones: „You can’t always get what you want“. Und weniger war doch immer schon mehr…

„Unser Bildungwesen verslumt“, schreibt der Autor… „Discounter oder Feinkost, dazwischen wird es eng. Mit Chancengleichheit hat das wenig zu tun, mit Besitzstandswahrung umso mehr. Gern wirft die Kanzlerin das Wort „Bildung“ in die Runde. Und genauso oft gebraucht sie den Begriff „Verantwortung“, und von da ist es nur ein Katzensprung zu dem eigentlich Gemeinten: Privatisierung, Kommerzialisierung. Bildung wird zunehmend in die Hand der Wirtschaft gelegt“.

Und genau darum geht es meiner Meinung nach: Deutschland befindet sich auch bildungspolitisch fest in den Krallen der Wirtschaft. Erst wird rationalisiert, werden Kopfzahlen in den Unternehmen gesenkt, Arbeitsbereiche computerisiert, Arbeitnehmer „frei gesetzt“ und neue Arbeitskräfte entsprechend billiger beschäftigt. Dann nutzt man den so entstehenden Druck auf die Arbeitnehmerschaft, um eine Konkurrenzsituation zu etablieren. Gleichzeitig verschweigt man aber, dass schlichtweg nicht genug Arbeit für alle vorhanden ist. Und es sogar ständig weniger gut bezahlte Arbeitsplätze gibt… Lieber schafft man Billiglohn-Sektoren, Zwangsarbeit und holt sich noch Arbeitnehmer aus anderen Ländern dazu, die mit einer Handvoll Cents zufrieden sind… die Folgen für Arbeitsmarkt und Fiskalpolitik sind egal… solange man eigene Produkte ins Ausland, z.B. ins viel gelobte China verkaufen kann…

Wie Klaus Norbert sehr treffend beschreibt, klafft ein tiefer Krater in der deutschen Bildungspolitik und man tut auch nichts wirklich dagegen, eben WEIL eine Änderung gar nicht gewünscht ist. Diejenigen die noch Arbeit haben werden da gewiss nicht aufmucken und die Gesellschaft wurde die letzten Jahre erzogen, mit den Verlierern kein Mitleid haben. Mitleid ist nun mal keine wesentliche Größe, kein „Soft Skill“ in einer Konkurrenzgesellschaft…

Gerade für Menschen die am Anfang ihrer politischen Laufbahn stehen ist dieses Buch erhellend. Auch wenn es keinen Spaß machen dürfte, in diesen ausgetrockneten Brunnen zu schauen. Vielleicht aber wird man dann Lust verspüren, einmal weniger „Ja!“ zu blöken, wenn wieder einmal ein drakonischer Einschnitt in Sozialsysteme als ökonomisch alternativlos beschrieben wird. Denn: Wer sich nicht wehrt, wird mit all den anderen, blökenden Schafen am Ende über die Klippen gehen, der eigenen Zukunft beraubt und womöglich ganz alleine dastehen. Klaus Norbert, selbst Vater, sieht ein Dilemma das sich gerade zur Katastrophe ausweitet und wirft der politischen Heuchelei dicke Knüppel zwischen die Beine.

Genau das ist notwendig und wenn wir wirklich keine Idioten sein wollen, sollten wir daraus unsere Schlüsse ziehen, die eigene Trägheit überwinden und endlich etwas für unsere Zukunft tun. Denn, so fragt Norbert ganz richtig: „Wollen wir Bürger sein, oder IDIOTEN“?

Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: DroemerKnaur (1. Juni 2011)
ISBN-10: 3-426-78469-6

ISBN-13: 978-3-426-78469-3
Preis: 8,99 Euro

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.

4 Antworten auf "Buchtipp: Idioten made in Germany"

  1. Marek
    Marek 6 Jahren ago .Antworten

    @ Lena Aus der Generation der Schüler von heute werden die Lehrer von morgen resultieren!

    Es ist traurig, dass sie die Wucht der von den Alten verhunzten Welt voll abbekommen. Doch sie haben den Vorteil, dass sie so sehr eindeutig erleben, wie eine Welt nicht aussehen darf. Sie denken nach und hinterfragen die Dinge, was die Generation davor nicht (oder nur zu kleine Teilen) getan hat.

    Auch wenn es nun eine harte Zeit geben wird, so steht die Generation derer die heute als junge Menschen in die Gesellschaft finden will, vor der Aufgabe, eben diese neue Gesellschaft zu formen… Eine die es besser weiß und hoffentlich auch besser macht.

    Unendlich traurig auch, dass ihnen nicht nur eine kaputte Weltwirtschaft hinterlassen wird, sondern auch eine bis über die Grenzen beschädigte Natur, doch die Geschichte ist an dieser Stelle nicht vorbei. Diejenigen die den Mut haben, werden zu den Verwaltern der neuen Welt – und in dieser gibt es wahrlich genug zu tun.

    Die Idioten war die faule und blasierte Generation davor, nicht die der jungen Menschen von heute. Ich bin mir sicher, dass die Jungen eine ganz neue Welt schaffen werden, nachdem die alte vergangen ist.

    Lassen Sie sich nichts anderes einreden: Es bedarf der Vision von einer anderen, neuen und besseren Welt… selbst (oder gerade) dann, wenn sich die Alten dagegen wehren. Nicht denen gehört die Zukunft, sondern Ihrer Generation. Und daran noch mitzuwirken ist das einzige Previleg, auf das die Alten zu hoffen wagen dürfen!

    Haben Sie also Vertrauen vor allem zu sich selbst!!

    Liebe Grüße

  2. Lena S.
    Lena S. 6 Jahren ago .Antworten

    Ich bin (noch) Schülerin und ich habe mir diese Buch gekauft, weil ich den Titel gesehen habe und da schon wusste: Dieser Mann hat einfach Recht! Es gibt viele Dinge, die mich persönlich an der deutschen „Bildung“ stören, vor allem weil meine Generation und die folgenden das alles ausbaden müssen.
    Wut, Zukunftsangst und Stress sind mein Alltag. Wut auf die Politiker, die die Schulzeit um ein Jahr kürzen, den Lehrplan jedoch kaum, die uns damit auch unsere Kindheit wegnehmen, unserer Gesundheit schaden und uns zu Stereotypen erziehen, die in Schubladen gesteckt werden. Zukunftsangst als eine von vielen Abiturienten/-innen des Doppeljahrgangs in Baden-Württemberg. „Wir sind auf den Doppeljahrgang vorbereitet“ heißt es „Es gibt genügend Studienplätze, genug Wohnmöglichkeiten“ Das ich nicht lache! Dass ein einziges Chaos herrscht, angesichts der Masse an Abiturienten, merkt man schon in der Schule selbst! Und nach dem Studium? Was bringt es ausgebildet zu sein, wenn es keine Arbeitsplätze gibt? Die „gesellschaftliche Klimakatastrophe“ und das „urdeutsche Klassendenken“ leben weiter. Er habe nicht mehr viel Vertrauen zu den Politikern dieser Republik, schreibt Klaus Norbert. Ich auch nicht!
    „Non scholae, sed vitae discimus“- bin ich ein IDIOT, wenn ich sage „Lieber Seneca, ich bin nicht annähernd so weise wie du, aber ich weiß, dass du im Unrecht bist!“ ???

  3. Marek
    Marek 6 Jahren ago .Antworten

    Im Bereich des Niedriglohnsektors werden zwar neue Plätze geschaffen, aber diejenigen die man früher mal so nett Vollbeschäftigung nannte, verschwinden immer weiter. Die Tatsache das die Arbeitslosenzahlen sinken, liegt nach meinem Ermessen, daran, dass man diese neuen 1-Euro-Jobs, die Weiterbildungen (Rasenmähunterricht) usw. aus der Statistik nimmt. Das was früher Schülerjobs waren, nennt man heute Arbeit, bezahlt aber nochmals unter Schüler-Taschengeld-Niveau.

    Es wäre bestimmt möglich, anständig bezahlte, neue Jobs zu schaffen… doch der Besitzstandsdünkel lässt das offensichtlich nicht zu. Hinzu kommt eben auch, dass ein großer Teil der Dienstleistungen (aber auch der Fertigungsprozesse) immer weiter mechani- und computerisiert wurde. Bleiben eben zunehmend nur solche Jobs übrig, wie man qualitativ sie aus dem 19. Jahrhundert noch kennt…

    Arbeit gäbe es genug, doch mittlerweile leisten zunehmend hoch qualifizierte Kräfte zu grotesken Zeit- und Lohnbedingungen ihre Arbeit. Zeitverträge, Unterbezahlung,… und immer weniger Arbeitnehmer sollen immer mehr Arbeit stemmen, damit die Arbeitgeber Mitarbeiter einsparen können. Wäre klasse, wenn sich das wieder ändern würde…

  4. ilona
    ilona 6 Jahren ago .Antworten

    „Nicht genug Arbeit für alle“? Das stimmt wohl nicht: Arbeit wäre genug da, nur unser System verhindert, dass diese „Arbeit“ so ausgeübt werden kann, dass jemand davon leben kann…

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