Buchtipp: Mythen der Ökonomie

Wer kennt sie nicht, so dünnflüssige Sprüche wie „Staatliche Regulierungen behindern die Wirtschaft und hemmen Innovationen“, „Geht´s der Wirtschaft gut, geht´s uns allen gut“, „Steuern werden nach Leistungsfähigkeit bezahlt“ oder „Arbeit ist zu teuer“? Denn auch wenn sie an der Realität zerbröseln wie alter Zwieback, hört man sie sogar in Krisenzeiten immer wieder. Mehr noch: die ihnen zugrunde liegende Geisteshaltung hat die Krise erst heraufbeschworen. So endet manche Unterhaltung in Wirtschaftsfragen mit Freunden, Bekannten oder selbsternannten Experten im Nichts oder sogar im Streit verhärteter Argumentationsfronten. Mit ihrem Buch „Mythen der Ökonomie“ hat der Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen (BEIGEWUM) schon 2006 für solche Fälle eine „Anleitung zur geistigen Selbstverteidigung in Wirtschaftsfragen“ herausgegeben.

Die Zahl derer die begreifen dass in unserem Wirtschaftssystem irgendwo der Wurm steckt wächst. Spätestens seit Finanz-, Banken- und Eurokrise wird zumindest deutlich, dass etwaige „Fehler im System“ brutal ausnutzbar sind, wenn man nur weiß wie. Der Wurm hat den Apfel fast vollständig ausgehöhlt. Trotzdem gibt es eine kleine Clique die das alte System noch immer klasse findet und es auf Teufel komm raus mit verteidigt. Meist, weil sie selbst davon profitiert. Dabei nutzt es immer wieder dieselben Argumente – auch wenn diese offensichtlich gar nicht mehr verfangen. Das ist wie bei Kindern die das was sie wollen heraus rufen und sich gleichzeitig die Ohren zuhalten. Da stößt man im wahrsten Sinne auf taube Ohren.

Mit ihrem Buch „Mythen der Ökonomie“ hat BEIGEWUM s bereits 2005 – also noch vor der US-Immobilienkrise, ein Buch herausgebracht, dass sich explizit mit den Argumenten auseinandersetzt, die man bereits seit Jahre hörte. BEIGEWUM ist eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern, die seit 1985 in wechselnder Besetzung aktiv ist. Ihr Ziel ist es, die Ergebnisse kritischer Forschung in die öffentliche Debatte einzubringen. Man kann sagen, dass bis zur Finanzkrise jedoch letztere geprägt war von dem unsinnigen Glauben daran, dass das etablierte radikalökonomische Konzept auf ewig funktioniert. Solange dieser Glaube von fast allen Medien vertreten wurde, war natürlich für die Mahner wenig Platz. Und auch heute, nachdem ebendiese Medien so tun, als sei alles vorbei, kommen nicht nur diese alten Argumente wieder hoch… nein, jede warnende Stimme wird auf dieselbe Weise verteufelt wie vorher. Obwohl Billiarden notwendig sind, um den Schein aufrecht zu halten. Und obwohl immer deutlicher wird, dass für diese Täuschung noch Generationen bluten müssen… wenn nicht sogar das gesamte System in den Abgrund stürzt und alle mitreißt – auch seine Befürworter.

Nun kann man sich fragen, ob es überhaupt lohnt, mit denjenigen zu diskutieren die das alte Wirtschaftssystem (mit allen seinen Vorurteilen und Lügen) verteidigen und es weiter aufrecht erhalten wollen. Oder ist es nicht vielleicht dafür schon zu spät? Ist der mögliche Zusammenbruch nicht nur unausweichlich, sondern als Zäsur vielleicht sogar nötig? Ich denke, dass in dieser Überlegung ein gutes Stück Zynismus lauert, denn zu viele (und immer mehr) Menschen leiden arg darunter. Insofern ist es gerade jetzt wichtig, mit alten Argumenten aufzuräumen und ihren Apologenten eben nicht das Feld zu überlassen. Resignation ist verständlich, doch geradezu eine Sünde, angesichts des Leides dass diese Menschen seit Jahrzehnten in Kauf nehmen.

Es ist eben nicht so, dass es allen besser geht, wenn die Wirtschaft floriert. Die derzeitigen Hochgefühle bei CDU und FDP haben mehr mit der Angst vor kommenden Wahlen zu tun, als mit einer Wirtschaftssituation an der zunehmend auch die Kleinen profitieren. Das alles ist Wahlkampfpropaganda. Tatsache ist, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung auf der Strecke bleibt. Das der sogenannte „Aufschwung“ nur wenigen vorbehalten ist. Wenn man mal darüber nachdenkt, ist dies auch vor der Krise der Fall gewesen. Natürlich gibt es Freudenschreie bei den Profiteuren, bei denen jedoch auf der Strecke bleiben sind es jedoch Schreie der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Man muss schon sehr kalt im Herzen sein, wenn man das nicht zur Kenntnis nimmt.

BEIGEWUM nimmt sie sich vor, die unterschiedlichen Mythen, mit denen die unheilige Dreifaltigkeit aus Wirtschaft, Politik und Medien die Menschen verdummt, verführt und auf Jahrzehnte mit dem Unheil verstrickt. Das Buch ist in drei große Bereiche aufgeteilt:

1. Staats-Mythen
Das ewige Geseiere um den starken Wirtschaftsstandort Deutschland, der ja natürlich sofort mit anderen Ländern genau dann nicht mehr konkurrieren kann, wenn man ihn für ausländische Heuschrecken unattraktiv macht. Der Mythos von der gerechten Verteilung der Staatslasten, der beinhaltet, dass man dreist behauptet dass die Steuern nach Leistungsfähigkeit bezahlt würden. Ist da jedoch in diesem Argument auch von dem Vermögen und dessen Besteuerung die Rede? Ist das Prinzip des Freihandels wirklich für alle gerecht? Wie kommen andere Länder dabei weg? Aus heutiger Sicht sicher einen Gedanken wert, wenn man an die Eurokrise und den hoch gelobten derzeitigen „Aufschwung“ Deutschlands denkt. Der Mythos der alle anderen überdeckt lautet: „Wirtschaftspolitik sollte den Experten überlassen werden.“ Wo das hinführt, können wir gerade sehen – und trotzdem werden dieselben Nullen gefragt die sich vorher andauernd geirrt (oder uns belogen?) haben.

2. Arbeits-Mythen
Das Arbeit zu teuer sei, war ja der Auftakt für eine beispiellose Umwälzung unserer gesamten Arbeitswelt. Deutschland wurde zum Billiglohnland, um mit anderen Ländern zu konkurrieren. Was daraus wurde, können immer mehr Menschen am eigenen Leib verspüren, die von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Dass sich dies auch auf die Kaufkraft und somit den Binnenmarkt auswirkt ist doch logisch. Da helfen auch Zeitungsmeldungen nicht, die den Menschen vormachen, dass man nun wieder ohne Sorgen konsumieren darf. Ein weiterer Mythos lautet, dass Löhne nach Leistungen gezahlt werden. Sehr dreist, wenn man sich die exorbitanten Managergehälter und deren Leistungen dazu mal anschaut. Die können doch glatt Unternehmen mit zig Tausend Mitarbeitern an die Wand fahren und dann mit Millionen in der Tasche zum nächsten verschwinden. wer also so etwas behauptet, ist selbst einer von ihnen oder erhält irgendeinen Vorteil aus deren Handlungen.

3. Unternehmens-Mythen
Das es erst der Wirtschaft gut gehen muss, damit es allen gut gehen kann ist wohl eine der ältesten Lügen. Denn Tatsache ist, das es der Wirtschaft prächtig gehen kann, und trotzdem eine zunehmende Anzahl von Menschen in Abseits gedrängt wird. Und was heißt den überhaupt „Wirtschaft“? Damit können, wenn man sich die Realität anschaut, nur einige wenige gemeint sein, nämlich diejenigen denen die Unternehmen gehören. Das es darunter auch redliche Arbeitgeber gibt, ändert nichts daran, dass das Prinzip teuflisch ist. Ein weiterer Mythos lautet, dass Privatisierungen den öffentlichen Dienst besser machten. Mit diesem Argument auf den Lippen hat so mancher Politiker Haus und Hof seiner Stadt den Spekulanten in den Rachen geworfen. Besitz der ihm gar nicht gehörte, sondern der Allgemeinheit. Das damit die öffemtliche Versorgung zum Spekulationsobjekt wurde, nahm man glatt in Kauf. Die Folgen waren und sind verheerend, den im Gegensatz zum Staat investiert ein Privatunternehmen nur da wo es lohnt. Und wenn Gemeinwohl oder die Unterstützung der Armen etc. nicht lohnt, dann wird sie eben eingestellt. Macht aber nicht, denn mit dem nächsten Mythos „Die Aktienbörse macht uns alle reich“ gibt es so ein Problem ja gar nicht mehr…

4. Gesellschafts-Mythen
Sozialleistungen werden häufig missbraucht… mit solchen oder ähnlichen Meldungen manchen manche Tageszeitungen Stimmung gegen die Armen, damit man mit ihnen kein Mitleid mehr empfindet. Tatsache ist aber, dass es Menschen gibt die Milliarden dafür einsetzen die Gesellschaften der Erde zu missbrauchen. Menschen die ganze Staaten zum Spekulationsobjekt machen und deren Pleite sogar als Gewinn auf ihrem persönlichen Konto verbuchen. Stellt man den Schädigungsgrad mal nebeneinander, so macht sich der „Sozialmissbrauch“ der Armen nur in homöopathischen Größenordnungen bemerkbar. Doch irgend jemanden müssen wir ja die Schuld geben für die Wirtschaftskrise. Und wenn fast alles ruiniert ist, trägt eben der nächste Mythos: „Wir brauchen mehr Eigenverantwortung“.  Mit anderen Worten ausgedrückt heißt das nichts anderes als: „Wir lassen Euch im Stich. Seht doch selbst wo Ihr bleibt“…

Das Buch reiht noch viele weitere Argumente auf, um sie in das Reichen der Mythen und Fabeln zu verweisen. Und wenn man dann mal wieder einen Politiker sein Sprüchlein aufsagen hört und dabei in seine Augen sieht, wird man vielleicht noch besser verstehen warum er das so sagt wie er es sagt; warum er auf die Sorge der Menschen lediglich mit einem Mythos reagiert. Er hat keine anderen Argumente…

Gerade aktuell läuft mal wieder eine Kampagne die versucht genau diese Art von Warnungen und Hilferufen als „kommunistisches Gedankengut“ abzutun. Jeder der auch nur ein wenig nach Gerechtigkeit ruft und das alte Wirtschaftssystem infrage stellt, soll zum Kommunist gemacht werden – gerade so wie es in den 50er Jahren war. Selbst wenn man behauptet, dass man mit dem Kommunismus nun gar nichts am Hut habe, so fällt den Mythen-Erzählern am Ende eben doch nichts Besseres mehr ein. Gerade deshalb sollte man sie an den Argumenten packen, denn diese halten der Realität nicht stand.

Da Buch möchte eine „Anleitung zur Selbstverteidigung in Wirtschaftsfragen sein“, und das trifft es recht gut. Denn das bisherige Wirtschaftssystem war und ist ein Angriff auf den Menschen, auf die Umwelt und letztlich auf alles das was ein Leben auf Erden lebenswert macht.

Taschenbuch: 166 Seiten
Verlag: Vsa; Auflage: 1., Aufl. (April 2005)
Preis: 10,80 Euro
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3899651197
ISBN-13: 978-3899651195

Die Website von BEIGEWUM.

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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2 Antworten auf "Buchtipp: Mythen der Ökonomie"

  1. Klemperer
    Klemperer 7 Jahren ago .Antworten

    Danke für den Literaturtipp (hab ihn spät genug gefunden, das Buch ist schon 2005 erschienen^^). Werde es jetzt bestellen. Die meisten wirklich lesenswerten linken Bücher jedenfalls in meiner Sammlung sind oft schon viel älter, aber schön, daß diese Gruppe seit 1985 scheinbar nie aufgegeben hat, zähe, konservativ-postmoderne Jahre warens ja…

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