Um Wikileaks selbst ist es in den vergangenen Wochen eher still geworden. Es waren ja schließlich auch genug Coups, die sich die Enthüllungsplattform 2010 geleistet hat. Dafür sprießen nun die “Behind-the-Scene”-Berichte aus dem Boden: Daniel Domscheid-Berg (alias Daniel Schmidt) – ehemaliger Wikileaks-Mitarbeiter und derzeitiger -Aussteiger bzw. eigene Plattform-Gründer (Openleaks) – stellte vor ein paar Tagen sein Buch mit dem klangvollen Titel “Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt” vor. Und zwei Spiegel-Redakteure haben es sich ebenfalls nicht nehmen lassen, über die Hintergründe der Plattform – zum Teil aus erster Hand – zu berichten: “Staatsfeind Wikileaks“.

Das Buch von Domscheidt-Berg wartet noch darauf, von uns gelesen zu werden. Das Werk der beiden Spiegel-Reporter haben wir uns bereits mal angesehen. Offensichtlich ist, dass es mit sehr heißer Nadel gestrickt wurde – viele Tippfehler zeugen davon. Zudem schwanken die beiden klassischen Journalisten naturgemäß zwischen den Polen der traditionellen Medien – und dem Geist der Internet-Aktivisten. Sie versuchen zum einen die im Netz verbreitete Kritik an den klassischen Medien – dass diese nämlich ihre hinterfragende, kritische Rolle in unserer Gesellschaft nicht mehr ausfüllen – zu entkräften: Ohne die professionellen Fähigkeiten von investigativen Journalisten des Guardian, der New York Times und natürlich des Spiegel, wäre Wikileaks von der Aufgabe vollkommen überfordert gewesen.

Zugleich machen sich Marcel Rosenbach und Holger Stark aber auch daran, ihren Konkurrenten im Umgang mit Wikileaks und dem über die Plattform zur Verfügung gestellten Material handwerkliche Fahrlässigkeiten nachzuweisen. Das Motto: viel zu viele Journalisten und Medien hätten einfach in die PR-Phrasen der US-amerikanischen Regierung mit eingestimmt – ohne diese zu hinterfragen oder sich anhand einer Material-Analyse ein eigenes Urteil zu fällen.

Natürlich beißt niemand die Hand, die ihn füttert. Und doch ist dieser Spagat schwierig und entkräftet leider ein bisschen die begrüßenswert kritische Haltung von Rosenbach und Stark. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die zum Teil schwülstigen Formulierungen, mit denen die beiden Julian Assange immer und immer wieder beschreiben – als wäre das Interessante an Wikileaks der – wenn auch anscheinend faszinierende und zugleich streitbare – Charakters seines Gründers… Nein, diese ewige “Heldensaga” nervt (mich) eher.

Und sie lenkt von den eigentlich Fragen ab, denen sich auch die beiden Spiegel-Redakteure nicht wirklich annähern – auch wenn das Buch zum Ende hin eindeutig besser wird und die geschwollenen Formulierungen abnehmen. Sicher, es ist auf jeden Fall informativ sich noch mal mit den Hintergründen auseinander zu setzen. Zum Beispiel der Frage, welche Maßnahmen die US-amerkikanische Regierung genau ergriff, um Wikileaks zu diskreditieren und mundtot zu machen (war ihr bekanntermaßen bis heute nicht gelungen ist). Solche Informationen sind wichtig, denn sie machen klar, wie wenig demokratisch die Regierung ist, deren Oberhaupt doch immerhin einen Friedensnobelpreis erhalten hat – und die meint, in aller Welt Krieg für Freiheit und Demokratie führen zu müssen.

So sorgt das Buch im besten Sinne für Empörung (und dürfte daher auch einem Stephane Hessel entgegen kommen, der unlängst mit seinem 32-Seiter “Empört Euch!” für recht großes Medienecho sorgte, siehe auch ullstein.de). Und doch scheinen mir die beiden Autoren nicht weit genug zu gehen mit ihren Überlegungen. Unsere Zeiten sind zu spannend, zu sehr von einem Umbruch gekennzeichnet, den viele von uns wahrzunehmen sich noch weigern – der aber, blickt man in andere Länder, unweigerlich kommt und ohne Zweifel infektiös ist.

Denn es ist wohl kein Zufall, dass Wikileaks beileibe nicht die erste Enthüllungsplattform ist – es gab und gibt vor ihr und mit ihr noch weitere. Doch sie ist zweifelsfrei die Enthüllungsplattform, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Warum dies die richtige Zeit war – und wo dieser richtige Ort sein könnte bei einer gewollt international aufgestellten Organisation wie Wikileaks – dies wären Fragen, denen sich die Autoren hätten stellen sollen und müssen, würden sie es mit ihrem investigativen, gesellschaftlich relevanten Journalismus tatsächlich so ernst meinen, wie sie schreiben.

So bleibt vielmehr der Eindruck zurück, dass das Buch zwar eine Art Zeitzeuge ist (wenn auch mit kaum verhüllt tendenziösen Meinungen), der wichtig und richtig ist, weil er empört. Doch kratzt es leider zu sehr an der Oberfläche: Es sieht so aus, als sei das Buch vor allem schnell raus gebracht worden, um den Hype um Wikileaks noch mitzunehmen und damit den Absatz des Titels zu fördern. Schade, denn damit fischen die Autoren im trüben, schlechten Gewässer des aktuellen Journalismus mit: Wichtiger, als tiefergehende Fragen, wichtiger als durchdachte Zeit- und Problemanalysen, sind schnelle Bestseller, die mit boulevardesken, schwülstigen “Promi”-Enthüllungen für Auflage und Stimmung sorgen.