Hamburgs jüngste Hausbesetzer suchen nach kreativen Wegen raus aus der Gentrifizierungsfalle
(Credit: Maximilian Carlo Schmidt)

Städte werden auf unserer Welt immer wichtiger. Vor allem die ganz Großen. Sie werden aber auch immer zahlreicher. Laut einer Grafik des Klett-Verlags stieg die Zahl der Städte mit über einer Millionen Einwohner von 1950 bis 2003 von 30 auf 408! Kein Wunder, dass ein weltweiter Konkurrenzkampf der Mega-Cities ausgebrochen ist. Schließlich sind sie es vor allem, die die Finanzelite und das Kapital anziehen. Das führte in den letzten Jahrzehnten zu einer Stadtentwicklungspolitik, die recht einseitige Züge trägt: Raus mit den Armen, Immigranten und Sozialempfängern – her mit den wohlhabenden Szenegängern. Die, die eigentlich ausziehen, um politisch kritisch zu sein, sind oft diejenigen, die dieser sogenannten Gentrifizierung den Weg bereiten: die so genannten Kreativen. Aber es regt sich Widerstand. Zwei Bücher beschreiben sehr schön die Entwicklung von den späten 1960er Jahren bis heute.

Beginnen wir mit dem Titel “Besetze Deine Stadt – BZ DIN BY” von Peter Birke und Chros Holmsted Larsen, da es sozusagen den geschichtlichen Anfang macht: Am Beispiel Kopenhagens beschreiben die beiden nämlich, wie es zu den ersten Hausbesetzungen kam – allen voran denen des mittlerweile legendären Christianias, also der “Freien Stadt” innerhalb Kopenhagens (www.christiania.org) – und welche Gedanken, Vorstellungen, Missstände und Überzeugungen dahinter stehen.

Noch genauer gehen die beiden auf die Geschichte des Jugendzentrums “Ungedomshuset” ein, das zwar nicht direkt zu Christiania gehört und auch aus einer anderen Hausbesetzter-Generation stammt, aber die Tradition sozusagen fortführt und weiter entwickelt. Birke und Larsen schildern, wie es zu den auch gewaltsamen Protesten und Auseinandersetzungen mit der Polizeit kam – und warum sich schließlich dennoch auch bürgerliche Schichten mit dem Jugendprojekt identifizierten und für dessen Fortbestand demonstrierten. Leider ohne Erfolg.

Die freie Stadt Christiania mitten in Kopenhagen sieht schon rein äußerlich anders aus
(Credit: http://r0b0tm0nk3y.wordpress.com)

Der Hamburger Journalist Christoph Twickel schließt mit seinem Buch “Gentrifidingsbums” quasi an das Ende des oben genannten Titels an. Diesmal geht es nicht um Kopenhagen, sondern vor allem um Hamburg. Er beschreibt rund 30 Jahre Stadtentwicklungspolitik – mit all ihrer Skrupellosigkeit, mit all ihren Fehleinschätzungen und Fehlern. Und er plädiert für den “Mut” zu urbanen “Schandflecken” – nämlich zu Stadtteilen, in denen die Armen ein Bleiberecht haben, ihre Oase mit Schnäppchenläden und Grabbeltischen finden, wie ihn beispielsweise bislang die Große Bergstraße in Altona bot.

Twickel setzt sich in dem Buch aber auch umfangreich mit der Rolle der so genannten Kreativen auseinander: also den Künstlern, Grafikern, Musikern, Designern und Kunsthandwerkern, die nur allzu gern die Gelegenheit ergreifen, um als günstige Zwischenmieter Unterschlupf in leer stehenden Räumen zu finden – und die damit jedoch für den bereits genannten Prozess sorgen: indem sie nämlich eine Stadtgegend durch subkulturelle Aktivitäten aufwerten, schaffen sie den Humus für Immobilienspekulanten und deren fette Gewinne. Die Folgen sind bekannt: Häuser werden saniert, Mieten steigen, Schaufensterauslagen verändern sich, Szenevolk taucht auf… die bisherigen Anwohner müssen weichen.

Längst haben die Kreativen realisiert, vor welchen Karren sie da gespannt werden – doch noch haben sie als Gemeinschaft keine Lösung dafür gefunden, wie sie sich dieser Steigbügelfunktion entziehen könnten. Die Nutzer des ehemaligen Karstadtgebäudes “Frappant” verloren den Kampf gegen Ikea: sie mussten ausziehen. Bei den Besetztern des Gängeviertels ist die Auseinandersetzung noch im Schwange.

Die Grafik stammt aus der oben genannten Grafik des Klett Verlags

Zwei Ansätze sollen eine Alternative zur bislang gängigen Gentrifizierung liefern: erstens liegt das Gängeviertel in einem ansonsten durch Bürotürme geprägten Stadtteil – es gibt hier also keine armen Menschen, die man verdrängen könnte. Zweitens bestehen die Bewohner auf Autonomie: Sie wollen keine Mieter sein, sondern die Gebäude zur Selbtsverwaltung überlassen bekommen.Daneben haben es die Hausbesetzter verstanden auch bürgerliche Schichten für ihr Anliegen zu begeistern. Der Gewaltverzicht ist nur ein Grund dafür.

Dabei zeigt Twickel auch sehr schön, wie die Stadt in der Zwickmühle steckt: zum einen will sie sich natürlich nach außen den Anschein geben, die kreative Clique zu fördern – weiß man doch, dass nur die Metropolen weltweit von Erfolg gekrönt sind, die eine ebensolche Kreativ-Elite zu bieten haben. Daher wurde in Sachen Gängeviertel wohl auch nicht so hart durch gegriffen. Auf der anderen Seite “stört” der Chaos-Block das ruhige Leben im sonst so gut erschlossenen Viertel…

Was die Zukunft bringt und wie sich eine Stadtentwicklung gestalten lässt, die Raum für alle Menschen lässt, ist somit auch nach Jahrzehnten des Widerstands noch nicht geklärt. Anschaulich zeigen die beiden Bücher jedoch, wie diejenigen, die sich für eine sozialeres Stadtleben einsetzen wollen, dazu gelernt haben, welche Lektionen sie gelernt haben, welche Methoden nicht gefruchtet haben und welche Strategien aus heutiger Sicht erfolgversprechend sind. Zwei Bücher, die jeder lesen sollte – nicht nur, wer in der Stadt lebt und daher nach der Lektüre mit Sicherheit mit wacheren Augen durch seine Stadt gehen wird. Nein auch wer auf dem Land wohnt. Denn ganz offensichtlich ist die Frage, wie sozial das Leben in der Stadt ist, eine die für das ganze Land entscheidend ist: weil hier ein immer größerer Teil der Bevölkerung lebt, ist dies wohl ein gutes Abbild für den Status quo im gesamten Land – und ein besonders repräsentatives allemal.