Welche Ideen können gefährlicher werden: diejenigen die wahr sind oder die die es nicht sind, aber umso mehr Menschen beeinflussen? Diese Frage stelle ich mir, nachdem ich nun eine Weile in dem Buch “Was ist Ihre gefährlichste Idee? – Die führendem Wissenschaftler unserer Zeit denken das Undenkbare” (John Brockmann Hg.) lese. Ein etwas sperriger Titel, aber umso interessanterer Lesestoff, der sich sehr kurzweilig liest. Wissenschaftler aus aller Welt antworten alljährlich auf eine Frage der Edge-Stiftung und berühren damit die großen Themen der Zeit. In dem Buch, das im Original bereits 2006 erschien, wagen sich 172 Experten aus den unterschiedlichsten Fachbereichen an diese ketzerische Frage. Jeder hat nur ein paar Seiten, doch das reicht in der Masse aus, um ein Buch zu füllen; und es reicht auch, um sich einen guten Überblick über die letzten philosophischen und ethischen Grenzen dieser “führenden” Köpfe zu informieren. Dabei ist der Tabubruch durchaus beabsichtigt, entlarvt damit in der Summe jedoch ein Bild von unserer Zukunft, dass sich – rein menschlich betrachtet – nicht besonders gut anfühlt. Sie wollen in Gedanken in Bereiche vordringen die noch nie ein Mensch zuvor sah (ohne mächtig Ärger zu bekommen).

Die Website www.edge.org soll eine Heimstadt für wissenschaftliche Diskussionen sein und wendet sich insbesondere an Querdenker. Denn was seit tausenden von Jahren mit höchsten Gefahren für Leib und Leben verbunden war, das Äußern des Undenkbaren, der Ideen die einfach nicht sein konnten, weil sie nicht sein durften, ist heute, dank Internet, für Wissenschaftler und empirisch orientierte Denker eine fast sportliche Herausforderung. Hier dürfen sie über die Strenge schlagen, doch das nur, wenn sie unter sich bleiben. Die Summe, oder zumindest einen guten Querschnitt, der von den Wissenschaftlern eingereichten “gefährlichen Ideen” finden sich in diesem Buch. Und das richtet sich an die Welt da draußen.

Mit dabei sind nicht nur akademische Nobody´s, sondern auch Köpfe wie J. Craig Venter, der das Humangenom entschlüsselte und der sich auf zweieinhalb Seiten der Frage widmet, wie stark unser Handeln rein genetisch bestimmt ist; gerade dort, wo wir glauben frei zu sein. Die Antwort gibt er gleich selbst und sieht sie bei den meisten Aspekten unserer menschlichen Natur, mit der starke genetische Komponenten einher gehen, wie “Charaktertypen, Mund- und Handfertigkeit, Intelligenz, Triebhaftigkeit, sexuelle Vorlieben, intuitives Denken, Gedächtnis, Willenskraft…” Da bleibt also nicht viel nach.

Der Mathematiker und Autor des Buches “Der Mathe-Instinkt” Keith Devlin äußert eine Idee, die bei nicht wenigen – zumindest wenn sie es konsequent weiter denken – ein flaues Gefühl im Magen hervorrufen könnte: “Wir sind völlig allein!” Nicht in unserem Sonnensystem oder in unserer Galaxy, sondern im gesamten Weltall!! Denn wenn, so Devlin, die Wahrscheinlichkeit des Entstehens von Leben so gut wie ausgeschlossen sei, und gar nicht so wahrscheinlich, könnte es sich beim Menschen um einen Einzelfall halte. Evolution sozusagen als ein “Unfall” der galaktischen Geschichte. Lässt sich nicht beweisen. Könnte aber sein. Wie traurig und entmutigend der Gedanke ist, weiß der Mathematiker selbst, gerade das mache ihn ja so gefährlich.

John Horgan, Leiter des Centers for Science Writings am Stevens Institute of Technology und Autor der Veröffentlichung “Rational Mysticism: Spirituality Meets Science in the Seach Enlightenment” (Rationaler Mystizismus: Spiritualität trifft Wissenschaft bei der Erleuchtungssuche) formuliert eine Aussage wie es sie ketzerischer kaum geben könnte: “Der Mensch hat keine Seele!” Die Suche nach dem “neuralen Code”, also der Bedienungsanleitung für unser Hirn “gäbe uns eine noch größere und noch direktere Macht über uns selbst als die rein genetischen Eingriffe.” Man merkt, hier möchte einer nach den Sternen greifen und am liebsten eine Landkarte der menschlichen Persönlichkeit öffnen. Die Seele sei vielleicht nichts als Illusion, doch wenn sich einst der Geist programmieren ließe wie ein Computer dann würde die Menschheit wohl auch den Glauben an eine unsterbliche, unantastbare Seele aufgeben – es sei denn, man wolle sich darauf programmieren. Also Geist ja, aber Seele wahrscheinlich nicht. Horgan steckt den Finger in die Wunde. Doch gehört sie dort wirklich hin?

Und so geht es weiter: “Marx hatte recht: Der Staat wird sich auflösen!” (James O´Donnell), “Der freie Wille schwindet dahin!” (Clay Shirky), “Der Staat ist das Problem, nicht die Lösung!” (Matt Ridley), “Es fehlt an Platz für die explosionsartige Vermehrung des Menschen!” (Daniel C. Dennett), “Das menschliche Gehirn wird das Weltall nie verstehen!” (Karl Sabbagh) oder “Die Wissenschaft könnte aus dem Ruder laufen!”

Woran glaubst Du, obwohl Du es nicht beweisen kannst?
Allen Aussagen ist gemein, dass sie sich nicht beweisen lassen – also derzeit offen ist, ob sie stimmen oder nicht. Doch das spielt eigentlich keine Rolle. Die Frage die sich mir stellt, habe ich in der Einleitung schon erwähnt… Welche Ideen sind denn gefährlicher, wahre oder unwahre? Und gleich hinterher – denn man kann sie nicht beantworten – “Was macht eine Idee gefährlich? Genau hier scheiden sich mein Geist von denen der hier niedergeschriebenen Vordenker… Es heißt immer, dass alles was gedacht werden kann gedacht werden wird und alles was getan werden kann auch getan wird. Doch wie war das noch so schön mit der Büchse der Pandora? Ist wirklich jedes Geheimnis lüftenswert? Oder noch mal anders gefragt: Ist uns eine Erkenntnis stets mehr wert als ihre Folgen?

Man versteht, dass es für einen Wissenschaftler nichts Besseres geben kann, als einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Doch was dann? Die Geschichte ist voll mit diesen Entdeckungen, wie Fließband, Kernkraft, Schließpulver, Benzinmotor, Flugzeuge – alles, wissenschaftlich betrachtet – ganz sicher große Momente der Wissenschaftsgeschichte…, aber die Folgen? Überproduktion, Kriege, Atommüll, Umweltkatastrophen…, wer kann es bewerten? Die Erfinder selbst? Die Gesellschaft? Jeder Einzelne? Ganz objektiv ist keine Einschätzung, doch klar ist, dass in jeder neuen Erfindung Potenzial für Gutes und Schlechtes liegt. In der einen mehr, in der anderen weniger. Was wir daraus machen liegt bei uns. Tritt man mal einen Schritt zurück, setzt die wissenschaftliche Brille dabei ab, und sieht sich die Folgen an, dann bekommt man in der Summe die Welt in der wir leben. Und reißt die zu Jubelrufen hin?

Was ist gefährlich?
Wenn es nach den Machern des Buches geht, so liegt die hier postulierte Gefahr weniger in den Folgen der Aussagen – ganz unabhängig von ihrem Wahrheitspotenzial – als vielmehr in der Schmach mit der ein Wissenschaftler bedacht wird, der sie äußert. Viel wichtiger erscheinen mir jedoch die Gefahren die weniger in der undistanzierten, wissenschaftlichen Haltung liegen, sondern in der undistanzierten unwissenschaftlichen. Denn ist eine Entdeckung erst einmal gemacht, folgt die Ausbeute, folgen Erfindungen und “Anwendungsbereiche”; wird ausgereizt was geht. Doch nun nicht mehr aus wissenschaftlicher Neugierde, sondern aus den urtypischen Gründen menschlichen Handelns: Anerkennung, Macht, Reichtum, vielleicht sogar mit gutem Willen, aber in jedem Fall als Ergebnis eigener Denkschulen. Die Ergebnisse können stets auch verheerend sein und sind es meist auch.

Gefährlich ist nicht das Undenkbare zu denken. Gefährlich ist, nicht seine Konsequenzen zu erwägen. Das vorliegende Buch scheint jedoch lediglich die Grenze des Machbaren zu kritisieren, weniger die menschliche Natur, die hinreichend Erfahrung mit der Überschreitung von Grenzen hat.

Bei mir erzeugt das Buch genau deshalb gemischte Gefühle – zumal mir einige Ideen nicht neu sind und ich glaube die Denkschule dahinter zu erkennen. Beispiel: Man liest die Behauptung der Planet Erde sei zu klein für alle und mische diese mit derjenigen, dass Menschen keine Seele hätten. Warum sollte man sich also nicht der Überflüssigen entledigen?

Gerade in Anbetracht unserer starken materiellen und wissenschaftlichen Ausprägung beim Suchen und Finden von Lösungen… bestätigt sich die Vorsicht gegenüber Studien, Expertenaussagen und Entscheidungsfindung in Politik und Wirtschaft hier wieder neu. Die Gefahr liegt nicht in den Gedanken selbst, sondern in unserer schwindenden emotionalen Haltung ihnen gegenüber. Und das, obwohl wir wissen, dass wir in einer Sache zwar ganz logisch und folgerichtig handeln können, das Ergebnis aber trotzdem verheerend sein kann (oder gerade deshalb ist).

Trotzdem empfehle ich es gern weiter, denn es ist auf jeden Fall sehr aufschlussreich an die Grenzen des eigenen Gedankengerüstes zu treten und von dort in die Ferne zu schauen. Und da tut es dann gut die Behauptung von John Pollack, Leiter des Forschungslabors für die dynamische und evolutionäre Organisation von Maschinen an der Brandeis University zu hören: “Die Wissenschaft ist auch bloß eine Religion!”

Broschiert: 3252 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 3 (5. August 2009)

SBN-10: 3596179181
ISBN-13: 978-3596179183

Preis: 9,95 Euro