Manchmal nehme ich mir ein Buch aus dem Regal, das ich vor Jahren mal gelesen habe und das damals einigen Eindruck auf mich gemacht hat – bei dem irgend etwas Besonderes hängen blieb. Dieses Mal war es ein Sachbuch mit dem launigen Titel: “Wirtschaftsvampire – Selbstbereicherungsstrategien in Unternehmen”, dass sich 2003 mit der wie Luftballons aufgeblasenen “network economy” beschäftigt, aber heute genauso, wenn nicht sogar noch mehr Brisanz besitzt. Interessant dabei ist, wie es uns beschreibt, mit welchen Tricks die “CEOs” und Aufsichtsratsvorsitzenden mit ihren Helfershelfern – windigen Beratern, Investmentbanken, Revisionsfirmen, Analysten und Politikern – so lange an Unternehmen nagen, bis nur noch ein Skelett zurück bleiben… also eine Praxis wie sie heute, durch die Politik etabliert, das weltweite Finanz- und Wirtschaftssystem zu Grabe trägt. Das Buch ist zwar nicht mehr bestellbar (warum eigentlich…?), jedoch antiquarisch noch zu haben.


Der Autor, Robert Jakob, promovierter Diplom-Biochemiker, beschrieb schon damals das verräterische Spiel mit dem sich ganze Berufsgruppen an der Wirtschaft aller bereichern – sie geradezu ausweiden (“Exenteration”) wie Löwen eine Antilope. Dabei zeigt er auf, dass die Manipulation bereits bei der Unternehmenskommunikation beginnt: “Vor allem als Verstärker von Jubelmeldungen und Gerüchten haben sich PR-Agenturen und Corporate-Communications-Abteilungen, die firmeninternen PR-Agenturen, in den letzten Jahren einen zweifelhaften Namen gemacht. Da wird fleißig über neue Produkte berichtet, auch wenn es sich nur Aktualisierungen von Ladenhütern handelt.” Und wenn den Propagandisten gar nichts mehr einfiele, dann würden halt Kooperationen gerühmt… “Dann kooperiert plötzlich jeder mit jedem.”

Mich hatte immer schon die hohe Anzahl an “Tertiärmeldungen” gestört, die in Nachrichtensendungen – auch in den vermeintlich seriösen – Stimmung für oder gegen das Unternehmen X oder Y machen. Denn immerhin gibt es eine ganze Reihe weiterer wichtiger Meldungen die deshalb zu kurz kommen.

Mauscheln auf hohem Niveau
Robert Jakob schreibt von den Zusatzvergünstigungen, die als willkommenes Zubrot für Manager gewährt werden – in Wirklichkeit handfeste Bestechungen, Geldbeträge, Grundbesitz, Häuser, Jachten oder ein netter Ausflug in ausländische Bordelle sind. Hier ist man bekanntermaßen sehr einfallsreich. Die exorbitant hohen Gehälter der “Top-Manager” sind ja seit Jahren bei uns im Gespräch – gerade im Hinblick auf die eher lausig zu nennende Lohnentwicklungen bei “normalen” Angestellten. Für die Manager die den Hals nicht voll bekommen können ein ganz normaler Vorgang. Doch uns zeigen sie ein Gesicht, dass einen ersten Blick auf die Vampirfänge freigibt.

Ein besonders eigenartiges Phänomen, das sich ein Außenstehender kaum erklären kann ist der “fliegende Wechsel” der in den Chefetagen stattfindet. Denn dieser bietet auch der elendsten Nadelstreifenniete ein weiches Kissen in das sie fällt, obwohl sie vielleicht vorher gerade ein Unternehmen vollständig ausgesaugt hat.

Jakob spricht hier von einem “geschlossenen Zirkel” der Manager, in dem keine Krähe der anderen ein Auge aus hackt: “Der Idealfall, dass ein Manager nur das Wohl seines Auftraggebers im Auge hat, kommt in der Praxis so gut wie nie vor. Machttrieb, Geltungsbewusstsein und sehr häufig handfeste eigene finanzielle Interessen sind oft wichtiger als die Firma”. Und das ist kein unreflektierter Rundumschlag, kein Sozialneid; Jakob macht das vampiristische Gebahren durch zahlreiche konkrete Beispiele deutlich.

Die Beweggründe sind profan bis primitiv
Weiter geht´s – und je mehr man sich in das Buch hinein liest, desto klarer wird, warum wir heute da stehen wo wir stehen. Das Schlimme daran ist, dass die eigentlichen Gründe für solch egoistisches Verhalten reichlich primitiv sind. Da will ein Manager sein eigenes Haus verschönern, es mit exorbitanten Möbeln ausstatten, ein neues Auto, eine Yacht (man kennt ja die dumme Werbung noch), ein teure Geliebte, nur weil er… tja, weil er Minderwertigkeitskomplexe hat, sich nicht hinreichend geliebt, gewürdigt oder gefürchtet fühlt – eigentlich ein Rückfall in ein Kindchenschema, dass bis in den Tod bedient werden muss. Und dafür sollen Millionen von Arbeitnehmern Verzicht üben? Profaner geht es wirklich nicht…

Robert Jakob zeigt auf, dass sich die Unabhängigkeit von Buchprüfern sehr wohl korrumpieren lässt, dass Analysten, Investmentbanken und Rating-Agenturen (!) je nach Auftrag Firmen schön oder hässlich reden. Er erklärt, wie man mittels Aktionenoptionen die wahren Firmenbesitzer schleichend enteignen kann, wie durch Schneeballsysteme unteren Chargen wundersame Geldvermehrungen vorgaukelt (klingelt´s?), wie Unternehmen nach ihren Pleiten und dem “Waschtag” in neuem Glanz erstrahlen und das Spielchen von vorne beginnt, wie man sich schön- und reich rechnet und – neben Firmen – auch Kleinaktionäre und Belegschaften durch die Abzocke ihren Skalp verlieren.

Der Autor zeigt auf, was aus der Wirtschaft geworden ist; wie Unternehmen zu “Geldsenken” wurden, die massenhaft Ressourcen in die falsche Richtung lenken. Während in den unteren Gehaltsgruppen die Zahlungen immer weiter an Leistungen und Umsatz gekoppelt würden, seien sie bei den obersten Führungsebenen zunächst rein “qualitativer Natur” und daher schwer messbar. Immerhin kann ein Manager-Versager alles ruinieren und dann trotzdem mit vollen Taschen zum nächsten Auftraggeber verschwinden: “Leider wird das wirtschaftliche Fehlverhalten kaum sanktioniert. Im Gegenteil: Das durchschnittliche Gehalt von 23 CEO´s, deren Firmen in Bilanzskandale verwickelt sind, liegt um 70 Prozent über dem Durchschnitt der ehrlichen Geschäftsführer.”

Verträge gegen Treu und Glauben
Wie schon erwähnt, erschien das Buch bereits 2003 – also weit vor der weltweiten Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise. Doch es wurde seither augenscheinlich nur schlimmer. Und dann werden diese Vampire noch in Talk.-Shows eingeladen, um uns zu erklären wie die Wirtschaft funktioniert und warum sie auf ihre hohen Honorare und Abfindungen nicht verzichten werden, denn so seien ja nun die Verträge nun mal gemacht worden. Ganz gleich, ob sie gegen Anstand und Sitte, gegen Treu und Glauben verstießen…

Für mich ein interessantes, schockierendes und zugleich wütend machendes Buch, dass ich allen empfehlen möchte, die sich a) auf ihren Manager-Status etwas einbilden und ihr unseriöses Handeln hinter “Marketing-Sprech” verstecken, bzw. die b) unter ihnen zu leiden haben, auf ihre Gelder verzichten, zusätzlich zu ihrer Arbeit zum Amt gehen und ihr Gehalt mit Steuergeldern aufstocken müssen, die gerade so über die Runden kommen, sich ducken müssen vor ihren Vorgesetzten, die alles glauben was uns in den Medien weiß gemacht wird, die sich als Empfänger von Transferleistungen von Politikern Faulheit, Dummheit und Gier vorwerfen lassen müssen, die rätseln, warum unsere Weltwirtschaft immer weiter in die Knie geht; die sich fragen, wann es jemals gerecht zugehen wird.

Robert Jakob nennt die Namen und zahlreiche Beispiele, greift also nicht einfach aus der Luft. Gerade das macht den Lesestoff in seiner Dichte so schockierend. Die Bezeichnung “Vampire” ist im Zusammenhang gut gewählt, zeigt sie doch, dass es hier um unser eigen Blut geht. Gegner werfen ihm Polemik vor, doch was würde ein Vampir tun, wenn man ihm eine Knoblauchzehe vor die Nase hält?

Tatsache ist, dass man das Buch nicht mehr neu kaufen kann: Dafür ist es noch antiquarisch zu haben: www.abebooks.de/search/sortby/3/kn/Wirtschaftsvampire
Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: Murmann Verlag; Auflage: 1 (2003)
Preis: je nach Anbieter
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3932425545
ISBN-13: 978-3932425547