Der Tod steht Dir gut!

pixelio_tod_gerdaltmann.jpgAngeregt durch die derzeitige Sterbehilfe-Diskussion und den kruden aktuellen Fall um die „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.“ stellt sich gleich ein ganzes Bündel an Fragen, welche zu beantworten nicht ganz einfach sind. Die wichtigste scheint jedoch diejenige nach den allgemeinen ethischen Tendenzen innerhalb unserer Gesellschaft zu sein:

Wohin bewegen sich unsere Werte für Verantwortung, Miteinander und Fürsorge? Woran halten wir fest und was wollen wir als Gesellschaft hinter uns lassen? Auch wenn man davon ausgehen kann, dass dieses Thema schnell wieder an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung geschwemmt (und von neuen Themen überschattet) wird, lohnt es sich hier eine gedankliche Zäsur zu machen; denn es ist weitreichender als es auf den ersten Blick erscheint.
Worum geht es?
Seit einiger Zeit schon gibt es eine öffentliche und kontroverse Diskussion um die sog. Patientenverfügung. Diese regelt die die medizinische Behandlung im Falle einer „Einwilligungsunfähigkeit“ des Patienten. Sollen die Ärzte künstlich am Leben erhalten, dürfen sie Organe im Todesfall entnehmen etc. – die Willenserklärung gibt hier den Wunsch des Patienten wieder und signalisiert den Ärzten was sie zu tun und zu lassen haben. Eigentlich logisch in der Theorie, aber in der Praxis nicht immer griffig. Denn: Viele Menschen haben sich mit diesem, eher unangenehmen Thema, noch nicht befasst und schieben es Jahr um Jahr vor sich her. Tritt ein Notfall ein, z.B. durch einen Unfall, einen Schlaganfall o.ä. (und der Betroffene nicht mehr ansprechbar ist), liegt eine solche Verfügung eben nicht vor. Hinzu kommt, dass es oft Streitigkeiten in der Interpretation gibt. Man darf annehmen, dass es hier natürlich mal wieder auch um Geld geht, wenn zum Beispiel ein unheilbar kranker Mensch noch in weitere medizinische Maßnahmen genommen wird – ohne das dies wirklich Aussicht auf Erfolg hätte. So operieren manche Ärzte fleißig weiter oder empfehlen den Einsatz teurer medizinischer Geräte, obwohl der Patient längst dem Tode geweiht ist.

Und so gelangte das Thema auch vor kurzem in den Bundestag und wurde dort sehr emotional diskutiert. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hierzu in der FR-Online.de: „Ich erkenne die Sorge einiger Menschen, die Patientenverfügung könne in Zeiten der Ressourcenknappheit als Mittel der Kostendämpfung im Gesundheitswesen instrumentalisiert werden. Diesen Bedenken müssen wir ein klares Bekenntnis zum Schutz des Lebens entgegensetzen. Das tun wir mit unserer klaren Ablehnung der aktiven Sterbehilfe. Deswegen brauchen wir neben einer gesetzlichen Regelung der Patientenverfügung einen Ausbau der palliativmedizinischen Versorgung und des Hospizwesens. Denn jeder von uns hat ein Recht auf ein Lebensende ohne Angst und in Würde.“ Tja, und genau hier zeichnet sich auch die Schnittstelle zum Thema Sterbehilfe ab: Das Geld. Denn dieses ist gleich in mehrerlei Hinsicht Argument:

a) Das Gesundheitswesen, dass ja für die Kosten der Behandlung aufkommt, könnte im Rahmen der Einsparung Patientenverfügungen zur Kostendämpfung instrumentalisieren, also z.B. auf ein frühzeitiges Abschalten lebenserhaltender Geräte drängen.
b) Die Ärzteschaft, die ja an diesen Maßnahmen verdient und womöglich ein Interesse an einer medizinischen Weiterbehandlung hat, obwohl der Patient damit nicht gerettet werden kann
c) Der Patient, der einerseits für eine juristische Beratung in Sachen Patientenverfügung Geld ausgibt und darüber hinaus vielleicht fürchten muss, dass die von Ärzten u.U. angewendeten Maßnahmen nicht von der Versorgung der Krankenkasse gedeckt wird (zahlen dann die nächsten Verwandten?).

Der gedankliche Sprung von der Patientenverfügung bis zur Sterbehilfe ist nicht sehr weit. Nehmen wir einen Patienten, der durch einen Unfall ins Krankenhaus kommt und dort nicht ansprechbar ist. Sollte seine Verfügung festhalten, dass er sich – im Falle der unausweichlichen, nur verzögerten Todesfolge – ein Abschalten der Geräte wünscht, so wäre dem moralisch nicht zu widersprechen. Die muss jeder für sich entscheiden dürfen. Nehmen wir andererseits einen Menschen, der durch eine schwere (unheilbare) Krankheit bedingt ein schmerz- und leidvolles Dasein führt, und sich den Tod herbei sehnt. Auch diesem sollte man die Möglichkeit (nach eingehender Prüfung seines Falls) nicht verwähren. In beiden (und ähnlichen) Fällen fällt es nicht schwer, Verständnis für seine Lage aufzubringen und sich hinreichend hinein fühlen zu können. Es bleibt eher die Frage, auf welche Weise und durch wen er aus dem Leben scheidet. Geschieht dies in der Obhut eines jahrelang bekannten Hausarztes oder sterbebegleitend in einem Hospiz? Gibt es vertraute Menschen im Umfeld, Betreuung, Zuwendung, Trost und Gespräche – oder übernimmt die Sterbehilfe eine Organisation, die ihm unbekannt ist und sicherlich nicht – wenn nötig – über Monate begleitet?

Der Tod steht Dir gut!
In dem aktuell diskutierten Fall ging es um 79-jährige Frau, die nicht ernsthaft krank war, sondern aus Furcht vor dem Altenheim aus dem Leben ging. Noch einige Wochen vorher war sie von ihrer Umgebung als „dynamische“ und „tatkräftige“ ältere Dame wahrgenommen worden. Es gab hier also keinen Unfall, keinen Schlaganfall, kein Koma, keine unerträglichen Schmerzen, sondern „lediglich“ Angst – Angst vor dem Leben. Genau an dieser Stelle rastet nun eine ganze andere Frage und nicht zuletzt auch eine andere Dimension des Problems ein, die nur am Rande in den Diskussionen besprochen wird. Denn: Nachdem wir über Monate in den Medien der Armutsdebatte folgen durften und (abermals) erfuhren konnten, dass in unserer Gesellschaft Gier, Neid und Arroganz gegenüber Schwächeren zum Leistungsprinzip erhoben erhoben wurde, nachdem wir sehen können, wie mit alten Menschen (z.B. in den Altersheimen) oder mit Arbeitern (z.B. bei Nokia und Siemens) und sozial in die Klemme geratenen Menschen umgegangen wird, drängt sich ein unangenehmes Gefühl auf:

Wenn wir die Maßstäbe für Erfolg und Besitz über jeden anderen gesellschaftlichen und menschlichen Maßstab stellen, wenn wir ein System noch unterstützen und bedienen, dass immer mehr Verlierer zurück lässt, wenn wir nicht nur die Alten, sondern auch andere (vermeintlich) „die Gesellschaft belastende“ Menschen nicht nur moralisch, sondern auch materiell in die Ecke treiben – wo machen wir dann Halt? Wo ist die Grenze?

Im Moment diskutiert man weniger darüber, warum ein Mensch freiwillig aus dem Leben scheiden will, weil er Angst vor vor dieser Gesellschaft hat. Diskutiert wird über eine „wasserdichte“ Patientenverfügung und die allgemeine Moralität der Sterbehilfe. Eine Diskussion, die die Gesellschaft verändern könnte, wenn wir sie nicht weitreichender führen. Denn wie gehen wir damit um, wenn sich beide Themen zu einem Thema verfilzen, wenn Sterbehilfe und gesellschaftliche Produktivität sich zu einem (im wahrsten Sinne) tödlichen Gemisch vermengen? Wie reagiert die Gesellschaft auf eine Situation, wo die „soziale Hängematte“ nicht mehr gegeben ist. Wem wird die Gesellschaft in Zukunft aussprechen: „Der Tod steht Dir gut!“

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Kinoplakat „Soylent Green“ (Verleih: UIP)

Ich fühle mich unwohl bei dem Gedanken, dass der Freitod eine Lösung werden könnte für all diejenigen die an der zunehmenden Unmenschlichkeit unserer Gesellschaft scheitern. Gibt es demnächst den Freitod für jeden, der sich in die Ecke gedrängt sieht? Mich erinnert das unweigerlich an so manchen Science Fiction-Film, wie z.B. „Soylent Green“ (Jahr 2022… die überleben wollen), bei dem eine Organisation die gesamte Nahrungsmittelproduktion der Welt in der Hand (kommt einem doch bekannt vor) – und es den nicht produktiven Bürgern es frei steht, in ein sog. „Einschläferungszentrum“ zu gehen. Oder auch der Film „Logans Run“ (Flucht ins 23. Jahrhundert), bei dem sich jeder der 30 Jahre alt wird, dem (tödlichen) „Ritual der Erneuerung“ unterziehen muss, da die Weltbevölkerung zu groß geworden ist.

Wie geht also unsere Gesellschaft mit Menschen um, die keine Leistungsträger sind? Mir scheint es dringend geboten, dass wir diese Frage klären, bevor sich eine gefährliche Eigendynamik ergibt. Wie gesagt, es gibt hier viele Fragen und sie lassen sich nicht einfach beantworten. Doch ganz gleich, wie hier die Standpunkte im Detail aussehen: Nichts, aber auch gar nichts sollte uns dahingehend verleiten, den (zugefügten) Freitod als eine Lösung für die „Verlierer“ der Gesellschaft zu akzeptieren. Nicht nur, da jeder von uns sich ganz schnell in eine solche Lage geraten kann, sondern weil wir ansonsten als Gesellschaft komplett versagt und keine Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft haben.


Quellen:

Muster Patientenverfügung nach Empfehlung des Bundesjustizministeriums
Sterbehilfe bei Wikipedia
Artikel: Sterbehilfe, Kusch und Pharisäer bei Telepolis

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.

2 Antworten auf "Der Tod steht Dir gut!"

  1. Marek
    Marek 3 Jahren ago .Antworten

    “ Wenn ein Mensch nicht mehr will, dann sollte man ihn doch gehen las­sen.“ „Und warum pas­siert so was? Weil die Men­schen keine siche­ren Alter­na­ti­ven ken­nen.“

    Grundsätzlich sollte jeder selbstbestimmt über sein Leben und seinen Tod verfügen können, doch dem ist ja nicht so. Bei körperlichen Leiden ist es gut verständlich, aber bei gesellschaftlicher Aussichtslosigkeit? Was, wenn wir eine Gesellschaft haben, in der „nicht Produktiven“ das Gefühl der Entbehrlichkeit gegeben wird?

    Sollten nicht alle Anstrengungen darauf verwendet werden, eine Gesellschaft zu schaffen, in der beides möglich ist: Ein würdevolles Sterben UND ein würdevolles Leben?

  2. Klaus
    Klaus 3 Jahren ago .Antworten

    Warum eigentlich nicht?
    Egal aus welchem Grund – Jahr für Jahr sterben Menschen durch Suizid.
    Die Zahle derer, die den Suizidversuch mit mehr oder weniger großem Schaden überleben ist noch mal um einiges Größer. Ich bin bereits über 50 und habe noch nie verstanden, warum die Gesellschaft dieses Thema derart tabuisiert. Wenn ein Mensch nicht mehr will, dann sollte man ihn doch gehen lassen. Wenn ich mir überlege, wie viele unschuldige und unbeteiligte darunter zu leiden haben, dass sie in einen Unfall verwickelt werden oder, dass ihnen jemand vors Auto / Zug springt…
    Unterhalten Sie sich mal mit Lokführern oder LKW Fahrern, die so etwas schon erlebt haben. Und warum passiert sowas? Weil die Menschen keine sicheren Alternativen kennen.
    Wie schön wäre es da doch, wenn es eine Möglichkeit gäbe, bei der sich ein Mensch, der beschließt aus dem Leben zu gehen einfach verabschieden könnte und völlig friedlich und angstfrei dem Ende entgegen treten könnte. Für mich würde ich mir so eine Möglichkeit jedenfalls wünschen, wenn mein Körper mal so weit ist, dass ich aus eigenen Kräften nicht mehr für mich sorgen kann.
    Ich empfinde es gerade zu als eine Zumutung, unter Umständen jahrelang auf Pflegepersonal angewiesen zu sein. Der medizinische Fortschritt ist nicht unbedingt nur Segen. Die Zahl derer, die sich krank, alleine und in Altersarmut unter Umständen noch viele Jahre durchs Leben quälen, wird in den kommenden Jahren noch erheblich steigern. Natürlich möchte nicht jeder Betroffene seinem Leben deshalb ein Ende setzen, aber den sterbewilligen sollte man diesen Wunsch doch in Würde und so unkompliziert wie möglich erfüllen.

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