pixelio_kinder_gabihamann.jpgDer 50. Weltkindertag – ist er ein Tag zum Feiern? Wenn man sich überlegt, dass wir zumindest einen Tag im Jahr den Kindern dieser Welt widmen, dann mag dies etwas ganz Besonderes sein. Doch was ist an den anderen Tagen? Wie sieht die Welt der Kinder und Jugendlichen von heute aus? Wie ist der Zustand unseres Planeten, den wir an sie übergeben? Die Antwort fällt düster aus, gibt aber auch Anlass zur Hoffnung. Was in den „unzivilisierten“ Regionen der Welt selbstverständlich ist, die Fürsorge für den eigenen Nachwuchs, ist zwar in unserer „ach so modernen“ Welt fast abhanden gekommen. Doch könnte sich aus der allgemein wachsenden Unzufriedenheit und den wachsenden Erkenntnissen über die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ein vollkommen neues Verständnis für die Verantwortung entwickeln, die gerade wir Menschen in den reichen Industrienationen gegenüber der Welt und ihren Kindern haben.
Eigentlich ist der Weltkindertag noch viel älter und geht auf das Jahr 1925 zurück. Vertreter aus 54 Staaten waren in einer „Weltkonferenz für das Wohlergehen der Kinder“ zusammen gekommen, um die „Genfer Erklärung zum Schutze der Kinder“ zu verabschieden. Hierauf führten mehrere der Länder den sog. „Weltkindertag“ ein. Ein Tag, der sich dem Wohle der Kinder widmen sollte und hier zu unterschiedlichen Veranstaltungen aufrief, um die Lebensbedingungen in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken. 1954 dann betraute die UN bei ihrer neunten Vollversammlung, am 21. September, UNICEF mit der Ausrichtung eines weltweiten Kindertages, um der Sache des Kindes noch mehr Bedeutung zu geben. Im Vordergrund standen drei wesentliche Ziele:

1. der Einsatz für Kinderrechte,
2. die Förderung der Freundschaft unter den jungen Erdenbürgern und
3. die Verpflichtung der Regierungen sich einmal im Jahr öffentlich zu verpflichten, die Arbeit des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF zu unterstützen.

Einige interessante Informationen hierzu gibt es bei Wikipedia.

Theorie und Praxis
Und heute ist es wieder soweit. Der Weltkindertag erinnert die Regierungen unseres Planeten daran, Kindern unabhängig von ihrer Herkunft ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Soviel zur Theorie. Aber wie sieht es in der Praxis aus? Da gibt es wohl noch viel zu tun: „Fast ein Drittel der weltweit rund 2,1 Milliarden Kinder und Jugendlichen wächst in extremer Armut auf. Noch immer sterben knapp elf Millionen Kinder, bevor sie das fünfte Lebensjahr vollendet haben, die meisten an vermeidbaren Krankheiten wie Masern oder Durchfall. 246 Millionen Mädchen und Jungen zwischen fünf und 17 Jahren schuften für Hungerlöhne, um das Überleben ihrer Familie zu sichern.“, resümiert die UNICEF auf ihrer Website besorgt.

Erschreckende Zahlen die uns, 83 Jahre nach der Weltkonferenz, zu Denken geben sollten. Tatsächlich kommen zu den Problemen von damals noch eine Reihe zivilisatorischer Probleme, wie Kriminalität, Drogensucht, aber auch Misshandlungen und Vernachlässigung von Kindern, hinzu. Denn neben den verheerenden Bedingungen in den armen Regionen dieser Welt haben sich die Bedingungen für die Kinder in den Industrienationen auch nicht gerade verbessert. Das liegt zuallererst daran, dass wir es zugelassen haben, ein gnadenloses, gesellschaftliches Selektionsverfahren zu etablieren, welches Menschen zunehmend nur noch als einen Wert betrachtet – entweder als den Wert der unserer Gesellschaft durch seine Produktivität materiell noch zuwächst, oder als den Wert, den uns der Mensch durch seine „Nutzlosigkeit“ kostet. Der Mensch ist ein mathematischer Produkt, eine Produktionseinheit – ein reiner Kosten- und Profitfaktor geworden. Wir haben uns einen Konkurrenzkampf aufschwatzen lassen, damit wir unseren Wert als Mensch gegenseitig unterbieten und übertragen genau dieses Konzept auf unsere Kinder.

Eine sorgenfreie und glückliche Kindheit wird zur Ausnahme. Gerade in den Familien, in denen Geld vorhanden ist, kommt selten Ruhe auf, wenn es um die Kinder geht. Und so müssen die Kleinsten sich bereits mit mehreren Sprachen herum schlagen, ihre Termine planen wie die Alten, andere Kinder und Jugendliche als (schulische und später studentische) Konkurrenten betrachten, sich dem immer substanzloseren Konzept der „Wachstum macht glücklich-Maschinerie“ unterordnen. Sie müssen sein wie kleine Erwachsene, am besten nicht widersprechen, sondern Leistung bringen kaum das sie auf eigenen Beinen stehen. Sie müssen den Weg in elitäre Kreise finden, denn ansonsten haben sie bereits verloren. Wie viele Kinder, die aufgrund ihres sozialen Hintergrundes niemals ein geregeltes Leben, ganz zu schweigen ein sorgenfreies Leben, führen werden. Kinder, die früh von einer Gesellschaft zerrieben werden, die sie aus unterfinanzierten Bildungssystem in eine chancenlose Welt entlässt.

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Es heißt immer, wir brauchen Fachkräfte. Und tatsächlich lässt der Bildungsstand bei den Jugendlichen zu wünschen übrig. Doch gleichzeitig wird nur mit Ach und Krach in den Bildungsbereich investiert. Zwar soll mit dem neuen Konzept der Bundesregierung „Aufstieg durch Bildung“ eine Trendwende herbei geführt werden – das Ministerium für Bildung und Forschung erhält 2009 knapp 10,1 Milliarden Euro und somit eine Steigerung um ein Drittel gegenüber 2005. Doch wenn man sich den rund drei mal so hohen Rüstungsetat anschaut, dann fragt man sich, wie hier die Prioritäten insgesamt gesetzt wurden. Fachkräfte braucht das Land, aber wie viele der Kinder werden den Weg in die begehrten Berufsfelder schaffen? Und wo befinden sich die Märkte für die teils hochtechnologischen Produkt? Im Moment zeichnet sich eher das Gegenteil ab. Immer mehr Jugendliche verfügen nicht über die geforderten Fähigkeiten, um sich tatsächlich den sozialen Aufstieg durch ihre Bildung zu ermöglichen.

Die Armut in Deutschland wächst – egal was einige beflissene Politiker sagen – und somit wächst auch die Kinderarmut. Neue soziale Brennpunkte entstehen und – was noch finsterer ist – immer mehr Jugendliche verlieren sämtliches Vertrauen in die eigene Zukunft, denn sie erleben schon früh den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Ein Teufelskreis entsteht, denn die Gesellschaft bietet keine Schutznischen, keine Auswege und schon gar Wohlwollen gegenüber kindlichen Bedürfnissen. Wir rauben unseren Kindern die Kindheit, dröhnen sie mit Werbung voll, verunsichern sie mit unserer gesellschaftlichen Interessenlosigkeit und der eigenen Wertlosigkeit der sie nur durch Konsum entkommen zu glauben können.

Die Kinder dieser Welt
Seit einigen Jahren nun – und das Internet trägt wesentlich dazu bei – formiert sich Kritik. Kritik nicht nur an unseren gesellschaftlichen Lebensmodellen, sondern viel mehr an der zunehmenden Kommerzialisierung aller Lebensbereiche. Die Menschen sehen nicht mehr ein, das ihr einziges Seelenheil darin bestehen soll, in dieser Gesellschaft zu funktionieren und sich ihr unterzuordnen. Sie sehen, dass die hoch gehaltenen Institutionen und ihre Vertreter sich mehr und mehr von ihnen entfernen, sie alleine lassen und – was das Schlimmste ist – sie nur noch auszunutzen scheinen. Sie schauen auf das glitzernde Leben einiger weniger und stellen fest, dass sie niemals auch nur in die gesellschaftliche Nähe ihrer vermeintlichen Helden gelangen werden. Sie schauen auf die Stars und Sternchen, auf hoch dotierten Manager, auf karriereorientierte Politiker und sehen sich verlassen, gedemütigt und hintergangen. Sie fühlen sich verlassen und vergssen. Sie beginnen sich ihrer Verantwortung zu erinnern und nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand. Staat, Wirtschaft und Politik machen ihnen Angst und scheinen sie in ihrem Streben nach Glück hindern zu wohlen. Also geht es darum, es besser zu machen, sich zusammen zu tun, Allianzen zu bilden und gemeinsam für ihre Interessen zu kämpfen.

Seit einigen Jahren kristallisiert sich heraus, dass die eigene Zukunft und damit auch die Zukunft unserer Kinder die höchste Pflicht ist. Denn neben Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit kommen zunehmend auch die Probleme einer jahrzehntelang verkorkster Umweltpolitik hinzu. Der Welt geht es nicht gut, der Zustand unserer Lebensumgebung verschlechtert sich und so übergeben wir unserem Nachwuchs verdreckte Gewässer, verschmutzte Luft, ungesunde Nahrung und eine Vielzahl ökologischer Zeitbomben (Asse II lässt schon mal grüssen). Eine Entwicklung die von Menschen zunehmend erkannt wird und gegen die sie etwas unternehmen wollen. „Auf die da Oben“ wollen sie nicht mehr warten. Diese haben ihre Möglichkeiten und vielleicht auch ihre Berechtigung verloren, so scheint es, denn sie setzen ihre Prioritäten am Menschen vorbei – fordern Wettbewerb wo Gemeinschaft von Nöten wäre.

Vielleicht liegt in dem sich entwickelnden Disput zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Theorie und Praxis, ein größeres Potenzial als wir alle Denken. Wir sehen, dass genau das System das uns immer eine Wende zum Besseren, ein Zukunft, versprach, nun in sich zusammenzustürzen droht. Die gigantische Blase „Globalisierung“ droht zu implodieren, was zwar auch alle Probleme größer und globaler macht, jedoch zeigt, dass sie keine Entwicklung von Gottes Gnaden oder ein Naturgesetz war, sondern dem egoistischen Denken internationaler Konzerne entsprang, die die Menschen gegeneinander auszuspielen versuchen. Ein System das den Menschen aus den Augen verliert, hat keine Chance, denn es funktioniert nicht ohne eben diese Menschen. Ein Hoffnungsschimmer also auch für unsere Kinder – selbst wenn der Weg dorthin mehr als hart ist und wird. Denn das System bricht zusammen und es wird sich nicht selbst auffangen.

Was will ein Kind?

Ein Kind braucht zunächst einmal Geborgenheit und Unterstützung, es braucht klare ethische Werte, ein Grundmuster um Probleme (friedlich) zu lösen, es braucht eine reale Aussicht auf Glück, es braucht die Erfahrungen und das Wohlwollen der Gemeinschaft. Alles das, was wir uns in den letzten Jahrzehnten als Gesellschaft insgesamt versagten. Wenn wir dahin zurück finden, unsere Gesellschaft stärken und uns nicht mehr von Konkurrenztheorien ins Bockshorn jagen lassen, wenn wir eine weniger egoistische Gesellschaft schaffen, eine Gesellschaft die auch ihre Kleinsten schützt und behütet, dann haben wir eine Aussicht auf Zukunft. Viel Zeit haben wir nicht mehr. Es ist keinesfalls zu früh, aber auch noch nicht spät dafür.

Wer sich für eine bessere Welt für die Kinder einsetzen will, kann dies übrigens bei diversen Organisationen tun. Hier nur einige davon:
Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V.
Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V.
Gesellschaft für solidarische Entwicklungszusammenarbeit e.V.
Christliche Initiative Romero e.V.
Deutsche Welthungerhilfe e.V.
EarthLink e.V.
Kindernothilfe
Mütter gegen Atomkraft e.V.
Aktionsgruppe Babynahrung
Deutscher Caritasverband e.V.
Netzwerk Kindergesundheit und Umwelt – Bündnis für eine enkeltaugliche Zukunft e.V.
Gegen-missbrauch e.V.
terre des hommes – Hilfe für Kinder in Not
Aktion Weißes Friedensband
Amnesty International

Quellen:
Bildquelle, Gabi Hamann, Pixelio.de
Bildquelle 2: Smithy, Pixelio.de
Weltkindertag (Deutsches Kinderhilfswerk)
Weltkindertag (UNICEF)