Klimawandel ist nicht alles

pixelio_klimaschutz_christianphilippworring.jpgWenn es um den Klimaschutz geht, dann gibt es mehr als zwei Meinungen. Die einen sind höchst alarmiert und warnen vor den desaströsen Konsequenzen unseres derzeitigen Verhaltens. Andere halten den sog. „Klimawandel“ für Massenhysterie. Wieder andere wollen sich hier nichts sagen lassen und geben ganz klar den wirtschaftlichen Bestrebungen den Vorzug. Ein Jahr nach Bali kommen nun 10.000 Delegierte im polnischen Posen (Poznan) zusammen, um ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll auszuarbeiten, und es dann Ende 2009 in Kopenhagen zu beschließen. Doch wichtige Vertreter fehlen und wie auch schon bei den vergangenen Konferenzen sind die Aussichten auf tatsächliche Erfolge eher gering.

Vertreter aus 185 Ländern beratschlagen in diesen Tagen und noch bis zum 12. Dezember auf der 14. Weltklimakonferenz über die Zukunft einer globalen Klimaschutzpolitik. Zu den abschließenden Tagen werden 150 Umweltminister erwartet. Doch was sollte und kann man überhaupt erwarten?

Bereits 1997 hatten sich die großen Industrienationen in Kyoto verpflichtet, den für das Klima schädlichen Ausstoß von Gasen bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Mittlerweile wurden diese Werte auf europäischer Ebene noch einmal nachgebessert. Und auch die Bundesregierung hat sich noch ehrgeizigere Ziele gesetzt: So soll der CO2-Ausstoß zwischen 1990 und 2020 um wenigstens 20 Prozent sinken; der Bundesregierung schweben hier sogar 30 Prozent bis 40 Prozent vor – unter der Voraussetzung, dass auch die aufstrebenden Industrienationen, wie etwa Indien und China, mitspielen. Nun läuft das Kyoto-Protokoll bis 2012 aus und ein Nachfolgeabkommen muss her.

Soviel zur Theorie. Doch wie viel bringen diese Abkommen in der Praxis – wenn zum Beispiel ein politisches Schwergewicht wie die USA ein solches Protokoll gar nicht erst ratifiziert? Die Bush-Regierung hat stets gegen solche internationalen Vereinbarungen gesteuert und sogar jedweden Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem und Konsum-Verhalten sowie der Erderwärmung weit von sich gewiesen.

Und sie sind nicht die einzigen, die sich aus der globalen Verantwortung zu stehlen versuchen: Mehrere – auch deutsche – Politiker forderten jüngst die Maßnahmen zum Klimaschutz wegen der aktuellen Finanzkrise zurück zu stellen. Ein Fall von Lobbyismus der Automobil-Industrie? Andere sahen die Möglichkeit, sich vehement für den Einsatz der Kernenergie als „grüne Alternative“ auszusprechen. Ein Fall von Lobbyismus der Atom-Industrie?

Alles Hysterie?
Wieder andere halten die ganze Sache für reinste Klimahysterie. So sollen über 30.000 Wissenschaftler aus aller Welt eine Petition unterschrieben haben, die sich gegen mögliche, katastrophale Folgen der Klimaerwärmung richtet. Hinter manchen dieser Aktionen lassen sich jedoch sehr schnell auch hier die Lobbyisten großer Industrieunternehmen und Energielieferanten ausmachen. Doch auch in vielen kritischen Blogs wird der Grund für die Klimaschutzkampagnen in wirtschaftlichen Interessen gesehen.

Durch globale Restriktionen und politischen Druck werde den wirtschaftlich aufstrebenden Nationen eine Entfaltung ihrer Volkswirtschaften verwehrt – das Ziel dieser Bemühungen sei es, deren Wirtschaft lahmzulegen und so die wachsende Konkurrenz aus dem Weg zu schaffen. Diese Kritiker sehen sich ins Mittelalter zurückversetzt: die Menschen, die damals eine andere Meinung als die der Kirche vertraten, wurden mit einem Bann belegt oder kamen auf’s Schafott kamen. Heute werde jeder, der sich gegen die Erderwärmungsthese wende, gesellschaftlich geächtet. Ihre These: Vielleicht sei auch die Sonne Schuld an den derzeitigen klimatischen Kapriolen auf unserem Planeten.

Sogar die BILD-Zeitung fasste den Zweifel der Skeptiker zusammen und veröffentlichte einige ihrer Behauptungen:

1. Kalt- und Warmzeiten haben sich ständig abgelöst. Unabhängig davon, wie viel CO2 gerade in der Atmosphäre war.
2. Warme Winter (wie 2006/2007) sind kein Beleg für eine aktuelle Klimaveränderung. Auch sie gab es schon immer.
3. Autos haben kaum einen Einfluss darauf, wie viel Kohlendioxid in der Atmosphäre ist.

Zudem folgten noch Zitate aus der Frankfurter Allgemeine: „„Selbst, wenn in Deutschland alle Verbrennungsmotoren verboten würden, hätte das nicht die geringste Auswirkung auf das Klima…“ und „Der menschliche Beitrag zur Erzeugung von CO2 soll weder verniedlicht noch abgestritten werden. Nur taugt er nicht dazu, eine Klimahysterie auszulösen. Und schon gar nicht dazu, das Klima für 100 Jahre vorherzusagen, wenn es bereits schwerfällt, das Wetter für die kommenden drei Tage zu bestimmen.“

Der polnische Umweltminister Maciej Nowicki forderte zur Eröffnung der Konferenz in Posen eine rasches und entschlossenes Handeln von der Weltgemeinschaft: „Die Menschheit ist an die Grenzen des Ökosystems unseres Planeten Erde gestoßen“, sagte Nowicki zum Auftakt der Konferenz. Sollten die Menschen ihr Verhalten nicht ändern, wären Naturkatastrophen, Epidemien und der weitere Anstieg der Meeresspiegel die Folge.“ (stern.de)

Was will uns der Klimawandel sagen?
Selbst der schärfste Skeptiker sollte sich an dieser Stelle besinnen und sich weniger damit beschäftigen, ob nun der Mensch und sein Handeln für den Klimawandel verantwortlich ist – nicht einmal die Frage, ob wir derzeit tatsächlich einen Klimawandel erleben, ist so relevant wie die, ob unser menschliches Verhalten schädlich für die Umwelt ist? Hier bekommt die Klimafrage ihre eigentliche Dimension.

Wer heute bestreitet, dass industrielle Revolution, Automatisierung, Konsumgesellschaft und Globalisierung – ganz zu schweigen von den möglichen Auswirkungen der Gen- und Nano-Technologie – einen Einfluss auf die Umwelt hatten und haben, kann nur als Vogel Strauß bezeichnet werden.

Wir verbrennen Bodenschätze, die Millionen von Jahre gebraucht haben, um zu entstehen.Täglich sterben zig Quadratmeter Regenwald sowie unzählige Tier- und Pflanzenarten. Statt dessen entwickeln wir Atom-Müll, Pestizide, Nano-Partikel und Gene-Mutationen, von denen wir nicht die leiseste Ahnung haben, was sie genau in unserer Umwelt anrichten – oder wie wir sie sicher entsorgen sollen.

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Allein die Industrialisierung der Landwirtschaft, die Entdeckung der Kohle als Brennstoff oder aber die Mechanisierung der Produktion, haben unseren Planeten nachhaltig verändert. Eine interessante, aber auch niederschmetternde Auflistung der durch den Mensch bewirkten Umweltveränderungen findet sich auf den Webseiten von www.oekosystem-erde.de

Mit anderen Worten: Selbst wenn an der Theorie des Klimawandels nichts dran sein sollte, so dürfte offensichtlich sein, dass unser globales Wirtschaftssystem mit seinem Imperativ des permanenten Wachstums eine ökologische Brandspur hinterlässt. Und zwar eine Brandspur, die wir uns – als globale Gemeinschaft der Menschen – schlicht und ergreifend nicht leisten können, sollten tatsächlich alle Menschen dieser Erde den gleichen Lebenstil pflegen, wie wir dies derzeit tun (was ja das Versprechen der neoliberalen Globalisierungsbefürworter ist).

Wie düster ist die Zukunft?
Tier- und Pflanzenarten sterben aus, fast eine Milliarde Menschen hungert, biologische Lebensgrundlagen für Mensch, Tier und Pflanzen schwinden und es ist kein wirkliches Ende in Sicht. Denn noch immer (und wie es scheint, immer stärker) wird unser Leben allein von wirtschaftlichen Erwägungen bestimmt. Was der Wirtschaft schadet, kann für die Menschen nicht gut sein, heißt es in fast zynischer, gebetsmühlenartiger Rhetorik.

Doch warum eigentlich? Welche wirklich starken Gründe gibt es für ein unendliches Wirtschaftswachstum auf einem endlichen Planeten? Welche wirklichen Gründe gibt es für ein globales Wirtschaftssystem, das sogar in „guten Zeiten“ nichts als globalen Schaden verursacht? Reicht es, den Reichtum und Wohlstand in eben den industriellen Regionen zu fordern, wenn dafür andere, arme Regionen ausgebeutet werden?

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise – hier kann man sich nur wiederholen – fordert mehr als nur die Frage, wie wir zu einem stabilen Reichtum gelangen können. Die Frage sollte vielmehr lauten: Was ist uns wichtiger, unser Wohlstand oder aber ein ökologisch nachhaltiges Wirtschaftssystem, dass auch die ärmsten Regionen berücksichtigt – zumal wir uns ökologisch von keiner Region dieser Erde distanzieren können. Von der Moral mal ganz abgesehen, denn dieser Wohlstand implizierte den Niedergang anderer Nationen.

Der butterweiche „Lifestyle“ unserer nur noch auf Kauf und Verkauf ausgerichteten Gesellschaft war verantwortlich für die Not und den Tod vieler Millionen Menschen. Nicht schön, daran erinnert zu werden. Doch genau bei dieser Überlegung zeigt sich der Zynismus eben jener Kritikkritiker, welche am liebsten an der alten Globalisierungsphilosophie festhalten wollen, ohne dabei die fürchterlichen Folgen zu bedenken. Ihre Argumente sind dieselben, mit denen bereits die Kolonialmächte seit Jahrhunderten die Welt nach ihrer Vorstellung veränderten und jedwede Gegenwehr blutig unterdrückten.

Die Zeiten sind düster. Sie sind es schon seit Jahrzehnten – nämlich seit wir einer Expansionsidee folgen, der alle Argumente (selbst die der Vernunft) zu weichen hatten. Wie viele Menschen mögen es sein, die für diese aggressiven Ideologien einiger weniger ihr Leben lassen mussten? Kann es wirklich sein, dass wir über unseren Wohlstand diskutieren und dabei rund eine Milliarde Menschen getrost verhungern lassen?

Die Klimaschutzkonferenz ist mehr (oder sollte zumindest mehr sein) als nur die Frage nach den monetären Folgen des Klimawandels. Europa und die USA müssen eine Vorreiterrolle übernehmen, wenn es darum geht, den enormen Verbrauch zu drosseln – schließlich sind sie es, die die letzten Jahrzehnte und heute wesentlich mehr CO2 produzieren und Umweltressourcen verbrauchen, als selbst die aufstrebenden Schwellenländer. Sie sollten daher auch als erste zurück stecken und ihren Konsum auf ein Ausmaß zurück schrauben, mit dem alle Menschen überleben können.

Doch die Zeiten sind nicht nur düster: Allein die Tatsache, dass der Raubbau an unseren globalen Lebensgrundlagen zum internationalen Thema wird, ist ein Fortschritt. „Ab Mitte der 1960er Jahre begannen in den Kernländern der Umweltverschmutzung – Nordamerika, Europa und Japan – wirksame Proteste der Bevölkerung gegen diese Verschmutzung. 1970 protestierten 20 Millionen Amerikaner am Earth Day gegen die Umweltverschmutzung, in Deutschland begann die große Zeit der Bürgerinitiativen für den Umweltschutz.

Diese Aktivitäten führten zur Errichtung erster staatlicher Umweltschutzinstitutionen und von Gesetzen zur Luftreinhaltung (Gesetz zur Luftreinhaltung in Japan 1968 – in dem vor allen den lokalen Präfekten Spielraum zur Festlegung von Grenzwerten gegeben wurde -, das Clean Air Act in den USA 1970, Bundesimmissionsschutzgesetz in Deutschland 1974).“ (www.oekosystem-erde.de)

Was Poznan für jeden von uns bedeutet
Selbst wenn die aktuelle Konferenz in Polen – wie auch die vergangenen – keine einheitliche (globale) Sprachregelung mit sich bringt und sich große Nationen ausklinken – ist es wichtig, dass wir uns der Verantwortung stellen. Wir müssen die richtigen Verbindungen herstellen – die Verbindungen zwischen unserem Verhalten und der Welt, in der wir leben – oder in der andere Leben müssen.

Das ist nicht nur eine Frage des Klimas, sondern des gesamten Öko-Systems Erde. Und dieses wurde zu lange für allein materiellen Reichtum missbraucht. So sehr wie wir eine neue Ethik im wirtschaftlichen Verhalten – ein neues Wirtschaftssystem als solches – benötigen, so brauchen wir auch neue Konzepte für unser Verhalten als Spezies – für die Frage, was uns in unserem Leben glücklich macht, was wir anstreben und nach welchen Regeln und Werten wir unseren Alltag gestalten. Denn unser Planet braucht uns nicht zum Überleben, wir aber brauchen den Planeten.

Es wird Zeit aus der Vergangenheit zu lernen und danach zu handeln. Ob man diesen Lernprozess tatsächlich von der politischen und wirtschaftlichen Kaste erwarten kann, ist fraglich. Denn ihre Interessen bleiben letztlich dieselben. Ob wir erwarten können, dass sich Länder wie China oder Indien in ihren wirtschaftlichen Bestrebungen wirklich etwas sagen lassen, ist genauso fraglich – und was sollten wir ihnen auch zu sagen haben? Wir, die wir schon seit Jahrzehnten ökologisch auf ihre Kosten leben?

Wir haben sie schließlich auch nicht vorher gefragt, als wir unsere Industrien zu globalen Umweltsündern machten. Trotzdem gilt es hier nicht locker zu lassen und politischen Druck auf alle Beteiligten auszuüben. Die Welt der Zukunft ist eine Welt aller, im Guten wie im Schlechten. Eine weitere Chance für globale Fehler und Nachlässigkeiten gibt es nicht – und da ist der Klimawandel nur noch eins von vielen Problemen, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben, wenn wir als Menschheit nicht komplett von der Bildfläche verschwinden wollen.

Quellen:
www.oekosystem-erde.de
Bildquelle:
1) © Christian-Philipp Worring, www.pixelio.de
2) © Daniel Gast, www.pixelio.de

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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