Interview: »Man muss innerlich bewegt sein, um etwas verändern zu wollen!«, sagt Pastor Marcel Redling

Eigentlich wollten Samuel Diekmann und Marcel Redling – zwei süddeutsche Pastoren – nur einen Spendengottesdienst für die pakistanischen Flutopfer vorbereiten und drehten dazu einen kleinen Youtube-Film. Doch ihre Idee hat so viel Kraft, dass sie sich in Windeseile fast um die ganze Welt verbreitete.

»Versuche mal eine Woche lang von nur einer Schale Reis am Tag zu leben«! Denn mehr können sich viele Menschen dieser Erde nicht (mehr) leisten. Ein eindrückliches Experiment, das mittlerweile eine Website (www.aktion-eine-schale-reis.de), eine internationale Community und regelmäßige Aktionswochen hat. Wir wollten mehr erfahren und stellten Marcel Redling ein paar Fragen.

Wer macht bei euren Aktionen »Eine Schale Reis« mit?

Mittlerweile haben sich schon mindestens 500 Menschen an der Aktion beteiligt. Zu den exotischsten Teilnehmern gehörten Menschen aus Indien, London und eine Jugendgruppe aus Dänemark. Eine Studentenorganisation hat die Aktion an verschiedenen Unis in Berlin durchgeführt.

Generell können sich bei der Aktion alle beteiligen, die sich gegen Hunger engagieren wollen: Einzelpersonen, Gruppen, Junge, Alte – jeder. Allerdings haben wir festgestellt, das die Idee besonders gut bei Jugendlichen ankommt. Das mag auch daran liegen, das wir selber noch recht jung sind.

Hungerkrise

 

Was sind die gängigen Erkenntnisse, welche Rückmeldungen bekommt ihr? Ändern die Menschen nach dem Fasten tatsächlich etwas in ihrem Leben?

Für viele der Teilnehmer ist die Aktion wie eine Art Türöffner zu solchen Themen. Im Januar 2011 haben wir die Aktionswoche in Darmstadt mit zirka 250 Jugendlichen durchgeführt, von denen sich viele zum ersten Mal intensiv mit Fragen wie Hunger und extremer Armut beschäftigt haben. Ich glaube, man musst erst innerlich bewegt sein, um etwas verändern zu wollen! Deshalb empfehle ich allen Menschen: Lasst Euch darauf ein und esst eine Woche lang nur eine Schale Reis und beobachtet Euch, was das mit Euch macht!

Unsere Erfahrung ist, dass die Teilnehmer die Aktionswoche dazu angeregt, auch über den eigenen Konsum nachzudenken und ihren Lebensstil zu hinterfragen. Das ist auf jeden Fall ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Ergänzend berichten wir auf unserer Facebook-Seite über aktuelle Entwicklungen, Hungersnöte und politische Beschlüsse. Viele verfolgen die Posts, diskutieren miteinander und unterzeichnen auch die eine oder andere Petition. Außerdem berichten immer mehr Teilnehmer über ihre Erfahrungen in Blogs, auf YouTube oder über andere Internet-Kanälen. Dabei entstehen ganz spannende Sachen. Ein Teilnehmer hat etwa selber zwei Videos gedreht und sie bei Youtube reingestellt. Wir haben erst viel später davon erfahren. So verbreitet sich die Aktion immer weiter, oft auch ohne das wir das wissen.

 

Verbindet ihr mit eurer Aktion auch konkrete politische Forderungen. Was müsste sich beispielsweise ändern, damit wir eine gerechte Welt hätten?

Wir wollen durchaus auch politisch etwas bewegen. So haben wir uns mit unserem Projekt zum Beispiel als Botschafter der Organisation One (www.one.org) beworben und konnten die Jury auch überzeugen. So war Samuel dieses Jahr für drei Monate offizieller Living-Proof-Botschafter und wies dabei auf die positiven Entwicklungen der Armutsbekämpfung hin. Dabei sind etliche Kontakte zu Politikern sowie zu Journalisten und anderen Medienvertretern entstanden. Die wollen wir natürlich nutzen.

Darüber hinaus planen wir eine bundesweite Kampagne in Kooperation mit der Micha-Initiative (www.micha-initiative.de), die vom 09. bis zum 16. Oktober 2011 stattfindet und »Reicht Fast(en)?« heißt (www.reicht-fasten.de). Dabei ermutigen wir die Teilnehmer, sich auch politisch zu engagieren und eigene Ideen und Projekte zu entwickeln, die eine gerechtere Welt fördern. Die Aktion eignet sich aber auch sehr gut um damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir ermutigen die Teilnehmer das zu nutzen und das Gespräch mit Verantwortungsträgern wie Politikern zu suchen, um so auch langfristig etwas zu bewegen.

Es geht ja auch um das Sammeln von Spenden. Wie hängt das Fasten mit dem Spenden zusammen?

Die Aktion fing ja ursprünglich als eine Spendenaktion für die Flutopfer in Pakistan an. Wir sind selber erstaunt, wie viel Spenden durch die Aktion bereits gesammelt werden konnten: Seit September 2010 sind über 8000 Euro zusammen gekommen, die zu 100 Prozent in Projekte geflossen sind, die Armut auch nachhaltig bekämpfen.

Schon in der kleinen Kirchengemeinde in Dietzenbach sammelten wir damals mehr als 1250 Euro. In der Aktionswoche in Darmstadt sammelten 200 Jugendliche der Evangelischen Allianz über 2600 Euro an Spenden, die einem Brunnenprojekt von Shelter Now e.V. Afghanistan zugute kamen (www.shelter.de). Eine Kirchengemeinde aus Frankenwald sammelte – als einzelne Gemeinde! – ganze 3600 Euro für ein Straßenkinderprojekt des Hilfswerkes Nehemia (www.nehemia.org). Zur Zeit heißt unsere aktuelle Spendenaktion »McSomalia«, bei der jeder statt eines Burgers eine Schale Reis essen soll. Momentan haben wir bereits 400 Euro zusammen bekommen, unser Ziel sind allerdings 1000 Euro (http://bit.ly/p3Thz9).

Allen Teilnehmern schlagen wir vor, das gesparte Geld an eine Hilfsorganisation ihres Vertrauens zu spenden. Leider bekommen wir nicht von allen Teilnehmern – ob Gruppen oder Einzelpersonen – ein Feedback, ob und wie viele Spenden durch diese Aktion bereits gesammelt werden konnten. Allerdings ist die Aktion keine reine Spendenkampagne. Wir laden jeden Teilnehmer dazu ein. Das ist allerdings nur eine Option, die jedem frei steht. Wir sammeln auch keine Spenden für uns selbst oder das Projekt. Wir gestalten das Projekt ehrenamtlich.

 

Sowohl beim Spenden, als auch beim Fasten geht darum, Verzicht zu üben. Wie sehen Sie den Zusammenhang?

Auf der Homepage unserer Aktion heißt es unter anderem »Innerlich neu bewegt zu werden ist die Voraussetzung, etwas bewegen zu wollen«. Als Teil der westlichen Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft ist den meisten von uns nicht bewusst, wie gut es uns geht. Im Gegensatz zu einer Milliarde Menschen, die weltweit an Hunger und extremer Armut leiden, leben wir im Überfluss.

Das Projekt »Aktion: Eine Schale Reis« soll Menschen für die globalen Nöte und Herausforderungen sensibilisieren, indem sie eine Woche lang nur eine Schale Reis essen. So können sie – wenn auch nur ansatzweise – nachempfinden, wie es wohl Menschen gehen mag, die an Hunger und Armut leiden. Tagtäglich wird man in den Nachrichten mit Bildern aus der ganzen Welt konfrontiert, die einem unvorstellbares Elend vor Augen führt.

Allerdings setzt durch die Fülle der Information auch ein gewisser Gewöhnungseffekt ein. Uns bewegen solche Bilder nicht mehr wirklich. Wir stumpften innerlich ab. Die Information allein bewirkt nur wenig. Deshalb wollen wir Menschen einladen, selber eine konkrete Erfahrung zu machen, die:

  1. Dankbarkeit bewirken soll,
  2. ein neues Bewusstsein für Menschen in Not schaffen soll,
  3. zu Nachhaltigkeit im Umgang mit den eigenen Ressourcen anleiten soll,
  4. Kreativität fördern und eigene Ideen zu entwickeln soll,
  5. und dazu einladen soll, selbst einen Beitrag zu leisten und Teil der Antwort auf die globalen Nöte unserer Zeit zu werden.

 

Wir träumen davon, noch möglichst viele Menschen für Themen wie soziale Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung und Hunger in der Welt zu sensibilisieren und sie durch kreative Aktionen nicht nur auf diese Themen aufmerksam zu machen, sondern auch zum Handeln zu bewegen. So gesehen sind wir selbst gerade am Beginn einer Reise, auf die wir uns gemeinsam begeben haben und die sich recht treffend mit einem Zitat von Mahatma Gandhi zusammenfassen lässt:

»Sei du selbst die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst«

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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