Nichts hält ewig. Nicht einmal Erdöl. Sein Ende ist absehbar. Was den Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA) zu der Aussage bringt: „Ja, eines Tages wird es definitiv zu Ende sein! Und ich denke wir sollten das Öl verlassen, bevor das Öl uns verlässt.“

Dann sollten wir uns aber beeilen, denn der wichtigste materielle Rohstoff auf dem Planeten wird knapp und knapper. Die Vorräte reichen zwar noch einige Zeit, aber wir Menschen haben Schwierigkeiten, die Fördergeschwindigkeit im selben Tempo zu steigern, wie die Nachfrage nach dem schwarzen Saft steigt. Vielmehr ist der Zeitpunkt nah, der als Wendepunkt in die Geschichte der Menschheit eingehen wird: Peak Oil.

Peak bedeutet soviel wie „Spitze“

Peak Oil kennzeichnet den Höchstpunkt der Erdölförderung. Jedes Ölfeld beinhaltet nur begrenzt Öl, welches am Anfang der Förderung relativ schnell förderbar ist. Je mehr aus einem Ölfeld abgepumpt wird, umso schwieriger wird es, an die „Reste“ zu kommen. Reste, die übrigens 40 bis 60% des tatsächlich vorhandenen Öls ausmachen können – denn soviel verbleibt bei den heutigen Fördertechniken im Boden und ist nicht herauszukriegen. Zeichnet man die Fördermenge eines Ölfeldes in ein Diagramm, ergibt sich eine Glockenkurve. Der Höhepunkt dieser Glockenkurve ist der „Peak“. Summiert man alle Ölfelder auf dem Planeten, so sieht die Gesamtglockenkurve ganz ähnlich aus. Und damit beginnt unser Problem….

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Grafik: peak-oil.com

Manche gesellschaftlichen Veränderungen kommen aus Richtungen, aus denen man sie nicht erwartet. Der Druck in Richtung nachhaltiger Veränderungen in unserer Wirtschafts- und Lebensweise kommt nicht mehr nur von Menschen, die sich bewusst für eine andere, bessere Welt entscheiden, er kommt zunehmend auch über die Geldbörsen von Otto Normalverbraucher: Die steigenden Benzinpreise sind nicht nur Spekulationen geschuldet, sie sind der aufscheinenden Lücke zwischen Ölnachfrage und Ölangebot zuzuschreiben.

Aufstrebende Schwellenländer wie China und Indien und aufholende Entwicklungsländer wollen ihren Lebensstil an jenen der Europäer und US-Amerikaner anpassen. Und alle heutigen Volkswirtschaften brauchen Erdöl. Nicht nur für Transport & Verkehr, sondern für eine Vielzahl von Produkten, an die man im ersten Moment gar nicht denkt: Düngemittel und Pflanzenschutzmittel, Plastik und Farben, Lacke und andere chemische Produkte basieren auf Erdöl. Wie würde unsere Welt wohl aussehen, wenn all diese Produkte verschwinden? Wie würden sich über 6 Millionen Besitzer von Ölheizungen allein in Deutschland im Winter wärmen? Wie würden wir Verkehr organisieren, wenn nur ein Bruchteil der Fahrzeuge mit anderen Treibstoffe klar kommt als mit Ölprodukten wie Benzin und Diesel?

„Peak Oil“ zwingt uns zum Umdenken

Die steigenden Preise sind nur der Anfang. Sie sind das sichtbare Symbol einer Entwicklung, die wir in seinem vollen Ausmaß noch gar nicht begreifen. Öl und Ölprodukte werden für die Produktion und die Distribution (also die Verteilung) jedes Produkts und jeder Dienstleistung benötigt, denn wir müssen Produkte von A nach B schaffen, vom Produzenten zum Konsumenten. Und wir Leistungserbringer müssen unseren täglichen Weg an unseren Arbeitsplatz finden. Deshalb schlägt jede Preissteigerung bei der Energieversorgung durch auf die Preise aller anderen Güter. Und jede Versorgungslücke beim Erdöl ruft unter dann eine Versorgungslücke bei anderen Gütern nach sich, wenn diese Öl als Rohstoff oder als Transportbrennstoff benötigen. Die heutige Wirtschaftswelt ist unvorstellbar ohne Öl. Die Frage steht: Wie muss unsere Welt umgestaltet werden, damit sie ohne Öl auskommt?

Diese Frage ist sowohl auf individueller Eben als auch auf gesellschaftlicher Ebene anzugehen. Es kann nicht schaden, wenn sich jeder Einzelne überlegt, was er anders machen würde, wenn Benzin plötzlich 4 oder 6 oder 10 Euro pro Liter kosten würde. Auch wenn wir von solchen Preisen noch weit entfernt scheinen, können Gedankenspiele nicht schaden. Bahn und Fahrrad fahren statt Auto? Haus isolieren? Regionale Produkte kaufen? Energiesparlampen statt Dauerbeleuchtung? Netzstecker ziehen statt Stand-By-Betrieb?

Auf gesellschaftlicher Ebene lassen sich umfassendere Prozesse anstoßen

Nachdem Bio-Sprit als Sprengstoff für die Lebensmittelpreise identifiziert wurde, ist es fraglich, ob Benzin wirklich auf dem Acker wachsen sollte. Atomkraft geht nicht in den Tank, hinterlässt uns eine jahrtausendlang strahlende Zukunft, ist ein Sicherheitsrisiko und steuert auf einen „Peak Uran“ zu – den Höhepunkt der Uranförderung, der uns vor ähnliche Probleme stellen wird wie „Peak Oil“.

Erneuerbare Energien sind wohl die vielversprechendste Zukunft, aber sie brauchen enormen technischen Fortschritt, um dieselbe Versorgungsdichte zu erreichen, wie es bislang mit fossilen Energieträgern möglich war. Gesellschaftliche Anreize für Forschung und Ausbau dieses Industriezweiges wären sinnvoll, doch diese geschehen nur durch politischen Willen – den wir als Demokraten jederzeit äußern können: Bei Wahlen, in Leserbriefen und Diskussionen sowie im persönlichen Gespräch mit Politikern, Lobbyisten und Unternehmern.

Wohin die gesellschaftliche Reise gehen soll steht noch nicht fest. Denkbar wäre, die Wirtschaft mehr in Richtung regionaler Wirtschaftskreisläufe zu orientieren. Kurze Transportwege verringern den Kraftstoffbedarf. Kurze Transportwege erlauben auch eine größere Einflussnahme durch den Verbraucher und mehr Einblick in die Arbeits- und Produktionsbedingungen der Unternehmen. Regionales Wirtschaften kann die Abhängigkeit von weit entfernten Entwicklungen reduzieren. Dazu gehört auch die Abhängigkeit vom Erdöl.

Keine Frage: Wir müssen umdenken

Das sollten wir hinsichtlich Umweltzerstörung, Klimawandel und Armut sowieso. „Peak Oil“ wird diesen Prozess beschleunigen, denn scheinbar reagieren wir Menschen wesentlich sensibler auf Einwirkungen auf unsere Brieftasche als wir auf Appelle, TV-Reportagen oder Zeitungsberichte reagieren.

Peak Oil ist sowohl eine Gefahr als auch eine Chance für unsere Gesellschaft. Die Gefahr ergibt sich beim blinden Vertrauen in das „immer weiter so“, dem ein plötzliches Erwachen gegenüberstehen könnte. Die Chancen ergeben sich dort, wo kreative Ideen auf eine nachhaltig orientierte Weltsicht treffen.

Verlassen wir das Öl, bevor es uns verlässt!


 Quelle: www.peak-oil.com
 Bildquelle: Pixelio.de, Stephan Dietl