Sieht so die Polis der Zukunft aus? Die schwimmenden Enklaven der Künstlerin Swoon sind aus Müll gebaut

Politik leitet sich von dem griechischen Begriff “politiká” ab und bezeichnet alle Aktivitäten, Dinge und Themen, die die Gemeinschaft (Polis) angehen. Damals sahen es die freien Griechen – also die, die nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten – als einen Luxus an, sich mit “politiká” zu beschäftigen. Seit es Berufspolitiker gibt, mögen diese vielleicht ein ähnliches Privileg empfinden (abgesehen davon, dass der eine oder andere nach seinem politischen Amt in einer durchaus lukrativen Position landet) – die Mehrheit des gemeinen Volks teilt diese Vorstellung ganz augenscheinlich meistens nicht: längst ist Politik zu etwas geworden, was viel zu kompliziert und anstrengend ist – zumal hoffnungslos, weil man doch eh nichts ändern kann… Dabei wissen wir aber auch spätestens seit den 1960ern, dass alles politisch ist. Auch die Wissenschaft und die Kunst. Vor allem Letztere und letztere vor allem in repressiven Systemen. Das Buch “Art & Agenda: Political Art and Activism” gibt nun eine schöne Übersicht über inspirierende Projekte.

Mit Fluxus und Wiener Aktionismus verließ die politische Kunst in den 1960er und frühen 1970er Jahren die Museen, um mittels Happenings das klassische (und viel zu großbürgerliche) Kunstwerk zu überwinden und allein die schöpferische Idee zu feiern. Kunstperformances wurden zu einer Mischung aus Theater und Kampagne, die die Umgebung und die Teilnehmer mit einbezog. Längst hat der Kommerz das Subkulturelle, Aktivistische, Politische für sich entdeckt und vereinnahmt. Das wirft wiederum die Frage auf: wie politisch kann Kunst sein, wenn sie Erfüllungsgehilfe einer Markenstrategie ist? Was bleibt der politischen Kunst, wenn die Symbole, Zeichen und Konzepte ihre vermeintlichen Widerstands längst alltägliches Handwerkszeug der Werbeagenturen geworden ist?

Das Buch Art & Agenda: Political Art and Activism des “Die Gestalten Verlags” aus Berlin widmet sich derlei Fragen auf knapp 300 Seiten. Unterteilt in die Kapitel “The Commercial Aspect”, “The Human Element”, “Sanctuary”, “Think Global, Act Local” und “History Repeating” ist das Werk prall gefüllt mit allerlei inspirierenden, unterhaltsamen, aber auch verstörenden und aufrüttelnden Kunstaktionen. Aktionen, die auch zeigen, dass “politicá” eben mehr ist als das, was in den Parlamenten und Gremien diskutiert wird. Aktionen, die zeigen, dass viel mehr politisch ist, als wir uns oftmals bewusst machen.

Da wäre zum Beispiel der Italiener Filippo Minelli, der überall auf der Welt die Logos und Kürzel international bekannter Online-Services und -Plattformen hinterlässt. Die Botschaft: Twitter, Facebook und Youtube haben längst unsere reale Welt erreicht. Ja, sie sind dabei sie geradezu zu überwuchern. Wir können uns ein Leben ohne Skype, Flickr und Tumblr einfach irgendwie gar nicht mehr vorstellen. Und längst kommt Google Street View unserer Welt näher, als wir es oftmals können…

Der peruanische Aktivist und Künstler Jota Castro (www.jotacastro.eu) ließ in den 1990ern seine (politische) diplomatische Laufbahn saußen, um sich ganz der Kunst zu widmen. Er nutzt Bilder, Filme und Skulturen, um auf internationale, soziale Ungerechtigkeiten in dieser Welt aufmerksam zu machen – wie beispielsweise die oben gezeigte Installation “China”, die nur aus Turnschuhen besteht, die in China von Menschen hergestellt wurden, die sie sich nicht leisten können.

Swoon – vor allem bekannt für ihre aufwendigen Street-Art-Kunstwerke – verbringt keinen unwesentlichen Teil ihrer Arbeit mit der Errichtung von Kunstwerken, die vor allem auf den Aufbau einer Community zielen. Und zwar einer Gemeinschaft vor allem in Regionen, in denen benachteiligte Menschen leben. Dazu benutzt sie meist Müll, um – wie etwa im Bild oben zu sehen – gemeinsam mit anderen Hütten für die Menschen in Haiti nach dem Erdbeben aufzubauen.

Einer, der ziemlich mit den schwimmenden Grenzen zwischen politischer Kunst und Kommerz spielt, ist der Amerikaner Brad Downey. Unlängst sorgte er zum Beispiel für Aufsehen, weil er – eingeladen von der Marke Lacoste zu dessen 75 jährigen Jubiläum – die gesamte Fensterfront des Kaufhauses KaDeWe in Berlin mit Lacoste-grüner Farbe zusprühte. In anderen Arbeiten setzt er sich mit der Struktur von Städten auseinander und versucht den Blickwinkel auf’s Urbane zu variieren – zum Beispiel, in dem er einen Fahrradweg wie im Bild oben zu sehen kurzerhand “öffnet”, um ihn zu einer Sanburg umzubauen.

Der Parsier Künstler JR plakatiert riesige Portraitbilder von Außenseitern in Innenstädten. Seinen Anfang nahm diese Form der politischen Kunst während der Unruhen in den Pariser Banlieus: JR portraitierte die jugendlichen Aufrührer und plakatierte sie über Nacht in der Pariser Innenstadt. Das sollte die Konfrontation mit der Tatsache, dass hinter den Unruhen symphatische und vor allem junge Menschen stecken, forcieren. Oben zu sehen ist eine seiner jüngeren Arbeiten in Tunesien.

Viele weitere, bekannte Namen auf der Grenze zwischen Aktivismus und Kunst sind in dem Buch zu entdecken und zu studieren, wie Aram Bartholl, die Yes Men und dem verschollenen, chinesischen Künstler Ai Weiwei. Die Inspiration, die dieses Buch liefert, ist vielschichtig: sie veranlasst einen nicht nur, über viele, vermeintliche Selbstverständlichkeiten in unserer Welt nachzudenken. Sie stimmt trotz all der hier thematisierten Probleme und Missstände froh. Froh, weil Kunst trotz aller Kritik, trotz aller Mühen, trotz aller Vergeblichkeit nicht den Humor verliert. Weitere Infos findet ihr unter www.gestalten.com