pixelio_datenschutz_wwwjenpixde.jpg“Mutmaßlicher Datendieb stellt sich der Polizei” – bei dieser Meldung auf stern.de wird jedem Datenschützer doch ganz warm ums Herz. 17.000 Datensätze mit hoch sensiblen Informationen von Kontoinhabern hatte der Mann aus dem “Telefonwerbeschäft” für die Süddeutsche Klassenlotterie gesammelt und dann meistbietend weiter verkauft – gleich drei Mal… Daten, die treu glaubende Menschen am Telefon findigen Verkäufern gegeben hatten. Es handelt sich also um einen Skandal auf zwei Ebenen: Einerseits zeigt es nur zu deutlich, dass unsere digitale Kommunikationsgesellschaft alles andere als nur ein Segen ist, sondern eine zunehmende Zahl von Möglichkeiten der Veruntreuung bietet. Und darüber hinaus steht es geradezu symbolisch für die Frage nach der generellen Abhängigkeit von der digitalen Welt und den daraus resultieren globalen Folgen. Denn wer vermag zu sagen, ob die komplexen Computersimulationen die unser Handeln mehr und mehr bestimmen, tatsächlich die beste Grundlage für die Lösung globaler Probleme sind? Es scheint ein Fall unter vielen – zumindest häufen sich in der letzten Zeit Meldungen die zeigen, dass das Datenchaos ein System hat (z.B. Britischer “fälschungssicherer” E-Pass gefälscht, Hamburgs Innensenator plant den Hansetrojaner, Konzerne hören gerne mit etc.). Die komplette Datenübertragung der realen in die digitale Welt macht unser Leben nicht einfacher und bequemer, wie ursprünglich vermutet, sondern zu einem immer gefährlicher werdenden Ort.

Daten sind manipulierbar, sie sind in Sekundenbruchteilen überall hin übertragbar und – was die größte Gefahr ausmacht – sie sind der Fehlbarkeit menschlichen Denkens und Handelns unterworfen. Wir sammeln Daten über uns, über die Umwelt und über jede Art von Beziehung zwischen uns und der Umwelt. Wir wandeln unser materielles Geld in digitales Geld um und schicken es auf die Datenreise. Wir steuern Waffensysteme, politische, ökologische und soziale Simulationen, über Computer und verlassen uns zunehmend auf sie. Doch auch wenn wir uns darauf verlassen können, dass sie schneller, komplexere mathematische Operationen ausführen, ist das Ergebnis der Berechnungen erst einmal ausgewertet, sind wieder wir Menschen es, die daraus unsere Schlussfolgerungen ziehen. Oft mit fatalen Folgen.

Der Diebstahl, bzw. der Missbrauch von Daten – so wie in dem aktuellen Fall beschrieben – steht also nur symbolisch für den allgemeinen und globalen Missbrauch der von Computern ermittelten Datencluster. Denn überall dort, wo ihre Berechnung unsere Entscheidungen steuern, ensteht ein großes Potenzial an Gefahren. Ganz gleich, ob es um die Welternährung geht, um Investitionsentscheidungen an der Börse, um militärische Planspiele, Wetter- und Klimaprognosen oder andere Fragen von globalem Ausmaß. Unser Vertrauen in digitale Simulationen ist längst grösser als das Vertrauen in unsere menschlichen Fähigkeiten. Warum aber sind dann die Folgen oft so katastrophal? Schließlich gibt es Computer ja schon mehrere Jahrzehnte. Wenn sie wirklich unfehlbar sind, dann sollten doch die großen Probleme bereits gelöst sein – dabei wird es immer schlimmer.

In allen Bereichen von globaler Bedeutung hat sich die Lage mit Zunahme der Rechnerleistung und Geschwindigkeit von Datenübertragungen verschlechtert. Der Grund liegt dabei auf der Hand: Während sich die Technologie in ihrer Entwicklung fortwährend potenziert und damit immer schneller entwickelt, haben wir kaum Zeit in die mentale und psychologische Entwicklung des Menschen investiert. Der Mensch ist im Grunde immer derselbe geblieben und hat sich über Jahrmillionen nicht verändert. Wir sind noch immer Jäger und Sammler, sind von unseren Trieben gelenkte und nur zum Schein intellektuell weiterentwickelte Bewohner eines Planeten, den wir ausbeuten und zerstören, so wie es uns nun mal in den Kram passt. Wir werden noch immer von unserem starken Ego geleitet, sind grundsätzlich skeptisch gegenüber unserer Umwelt (bis hin zum handfesten Welten- und Menschenekel), trauen einander nicht, haben eine starke Tendenz uns alles Materielle unter den Nagel zu reißen – und wenn es mit Gewalt ist, die nichts als eine Schneise der Zerstörung zurück lässt. Und der Computer hilft uns dabei.

Der Diebstahl und die Veruntreuung von Daten ist ein Verbrechen. Doch das größere Verbrechen spielt sich in einer ganz anderen Dimension ab. Es ist ärgerlich und gefährlich, wenn so etwas passiert, doch viel schlimmer ist, was wir als Menschheit insgesamt aus dem sogenannten “Kommunikationszeitalter” machen. Würde es sich hier nur um eine unbedeutende Spielwiese für menschliche Eitelkeit, für Gier und Egoismus handeln, so wären die Folgen vielleicht noch zu verkraften. Doch es handelt sich um ein Datenchaos von unüberschaubaren Ausmaß. Wenn wir vergessen, uns bei all der Datensammelei und -jagd auf uns selbst, auf das menschliche in uns zu besinnen, könnten wir uns als Menschheit sehr schnell in genau den Höhlen wiederfinden, in denen wir mal angefangen haben. Ein Datenklau wie oben beschrieben sollte also mehr sein als ein Kriminaldelikt.

Er ist ein Symbol und eine Warnung, die zu deuten unsere Aufgabe ist… solange wir dazu noch imstande sind. Dieses nehmen immer mehr Menschen war und nutzen den Computer, um einen Gegentrend zu schaffen. Sie organisieren sich und suchen Lösungen, weniger in digitalen Lösungsmodellen, als vielmehr zur Unterstützung ihrer Kommunikation. Websites mit positiven Lösungsansätzen, positiven Nachrichten und Projekten können, dank Web 2.0-Technologien, die Interessen von Tausenden von Menschen bündeln. Und so verbreiten sich die ethischen Ansätze und Visionen einer neuen Generation von Digital-Aktivisten wie ein Lauffeuer um den gesamten Globus, verströmen Mut und Hoffnung – und geben dem Begriff der “Digitalen Revolution” eine vollkommen neue Bedeutung.

Jede Technik hat also ihre zwei Seiten und es kommt nur darauf an, in welchem Geist man sie anwendet. Es könnte sein, dass das Internet uns hilft, einen Moralischen Quantensprung zu vollführen, denn noch nie zuvor in der Geschichte waren wir so gut informiert über die Missstände in der Welt. Noch nie zuvor war die Gelegenheit besser, ein echtes Weltgewissen zu entwickeln. Denn dieses braucht es in der heutigen Zeit – auch dringender als je zuvor.

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Bildquelle: Pixelio.de, www.jenpix.de
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