Die Mikronation “State of Sabotage”verfügt über eigene Pässe und Ausweise und sorgt mit Kunstaktionen weltweit für eine kritische Reflektion.

Vielleicht liegt es an meinem Alter, vielleicht am aktuellen Zeitgeist: Wenn ich mich umschaue, sehe ich überall Menschen, die innehalten, die sich empören, die nicht mehr weiter brav das Hamsterrad drehen wollen, die erkennen, dass Karriere und Wohlstand beileibe nicht alles sind im Leben. Ja, dass sie die Mühle anhalten müssen, dass sie aufbegehren müssen, dass sie neue, bessere Wege finden müssen. Aber wie ich auch, fragen sich alle: Wie soll das gehen? Wo werden wir dies finden? Wie kann man die richtige Lebensweise für sich finden, wenn man dabei überall an den scharfen Kanten des Systems aneckt – und nicht weiter kommt?

Der österreichische Künstler Robert Jelinek hat sich dies ganz offensichtlich auch gefragt. Und er ist zu einer Antwort für sich gekommen: Wer in diesem Staat, mit diesem Wirtschaftssystem und diesen politischen Rahmenbedingungen nicht glücklich werden kann – der muss eben seinen eigenen Staat gründen. Gesagt, getan: 2003 gründete er auf einer kleinen finnischen Insel die Mikronation “State of Sabotage”, kurz auch SoS genannt (www.sabotage.at). Der kleine Kunst-Staat verfügt über eine eigene Hymne, eine eigene Flagge, eigene Briefmarken, diplomatische Niederlassungen und – einen eigenen Pass.

Vor allem letzterer sorgte anscheinend in den letzten Jahren für einige Aufregung, wie in dem Buch “Offshore – Citizens if The State of Sabotage” nachzulesen. Vor allem Künstler aus afrikanischen Staaten beantragten den Ausweis in der Hoffnung, damit leichter reisen zu können. Immer wieder entstanden Banden, die SoS-Pässe illegal anboten und verkauften, sodass die SoS-Regierung immer wieder die Möglichkeit einer Pass-Beantragung aussetzen musste. Nichtsdestotrotz hat der SoS heute knapp 15.000 Bürger…

Einige Flaggen von Mikronationen (weitere Infos siehe unten).

“Tätig sein heißt das Antlitz der Welt verändern!”, zitiert der Regisseur, Journalist und Medienwissenschaftler Paul Poet im bereits genannten Buch. Doch seit die Rebellion und der Protest von der Konsumgüter-Industrie vereinnahmt und wirtschaftlich rentabel ins kapitalistische System eingegliedert wurde, müssen wir neue Formen des Protests und Widerstands – aber auch der Kreativität und des Experiments finden, meint Poet und bietet zugleich die Mikronation als möglichen Weg an: “Eigenes Terrain wird abgesteckt, mit Stacheldraht umzogen. Papierkriege werden ausgefochten. Steuern verweigert”.

Und Mikronationen haben bereits eine lange Tradition: schon im 17. und 18. Jahrhundert machten sich Menschen auf, um Nationen nach ihren (Wert-)Vorstellungen zu gründen. Am bekanntesten dürften die experimentellen Gemeinschaften sein, die sich im 19. Jahrhundert in Amerika ansiedelten. Alle diese “Communities” wollten laut der österreichischen Medienkünstlerin Irina Ulrike Andel, die ebenfalls ein Kapitel zum o.g. Buch beigetragen hat, “landwirtschaftlich und wirtschaftlich autonome Entitäten” sein. “Es war ein Netzwerk, in dem verschiedenste soziale, ökonomische Experimente im Lichte der Erkenntnis durchgeführt werden konnten – ein soziales Test Labor”, schreibt sie.

Das hört sich eigentlich nach einem interessanten “Konzept” an – wenn man daran denkt, dass die seit Jahren erzwungene wirtschaftliche Gleichmacherei und Verflechtung aller Länder dieser Welt heute irgendwie in eine Sackgasse geraten zu sein scheint. Und wenn man bedenkt, dass es überall auf der Welt zur Zeit eine enorme politische Aufbruchstimmung und den Wunsch nach einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung (hin zum Besseren natürlich) gibt.

In den 1960er Jahren gab es dann einen neuerlichen Hype der Idee der Mikronationen. “Abseits der Kommunen und besetzten Häuser waren es hier vor allem künstliche Meerländereien wie New Atlantis (bit.ly/exyu44) , die “Insel der Rosen” vor Rimini (bit.ly/fZQmgZ) und das heute einzig überlebende Principality of Sealand (www.sealandgov.org), eine von Radiopiraten besetzte Fliegerabwehrplattform im britischen Ärmelkanal …”, schreibt Paul Poet.

Zur Definition der Mikronation gehört auch, dass sie von anderen Staaten in der Regel nicht anerkannt werden, weil ihnen aus völkerrechtlichen Gründen – beispielsweise im Gegensatz zu Zwergstaaten – einige Charakteristika fehlen. Die Möglichkeiten und Grenzen der Mikronationen müssen daher wohl im jeweiligen Fall getestet werden. Und das geschieht ganz offensichtlich auch – wenn man sich nur anschaut, welche Motive es gibt, eine Mikronation zu gründen: Die Infos zu den oben gezeigten Flaggen deuten an, dass die von wirtschaftlich-kommerziellen, über politische bis hin zu künstlerischen oder einfach nur exzentrischen Eskapaden reichen kann.

Im Fall des SoS muss man leider sagen, dass das Buch eher nur spärliche Informationen liefert, im weitaus überwiegenden Teil des Buches sind schwarzweiße Porträtfotos aller SoS-Staatsbürger zu sehen, weshalb mir der Preis des Buches von sage und schreibe 42,75 Euro auch ziemlich teuer erscheint. Was genau also mit einer Mikronation erreicht werden soll entscheidet sich eben im konkreten Tun. Darin genau liegt ja auch der Reiz dieses gesellschaftlichen Experimentierfeldes, dieses überaus spannenden Gesellschaftslabors.

BUCHTIPP
Robert Jelinek: “Offshore Census”
396 Seiten, ISBN 978-3-7091-0533-7, Springer Wien New York

WEITERER BUCHTIPP
Micronation: The Lonely Planet Guide to Home-Made Nations
160 Seiten, ISBN 978-1741047301, Lonely Planet

INFOS ZU FLAGGEN
Die Motive, eine Mikronation zu gründen, können ganz unterschiedlich sein, wie die folgenden Beispiele zeigen: //1// Das „Empire of Sahara“ wurde von Jacques Lebaudy, einem begüterten Sohn des französischen Zuckermagnaten Jules Lebaudy zwischen 1902 und 03 gegründet. Er rekrutierte eine Arme von acht Mann, kaufte einen Thron und startete die Zeitung „The Sahara“. //2// Flagge des State of Sabotage. //3// Der „Independent State of Rainbow Creek“ war eine australische Mikronation, die zwischen 1970 und 80 einen Disput zwischen einer Gruppe von Bauern aus der Stadt Cowwarr, Victoria und der Regierung von Victoria öffentlich machen sollte (siehe auch bit.ly/e0gPKD) //4// Der „Global State of Waveland“ wurde 1997 von Greenpeace gegründet. Auf einer Felseninsel in der Nordsee schlugen die Umweltschützer ein Camp auf, um gegen die Unterseeische Ölförderung zu protestieren (siehe auch bit.ly/f1LlQ4) //5// Flagge der Mikronation „Insel der Rosen“ (Republic of Rose Island), die der Ingenieur Giorgio Rosa in der Adria auf einer Stahl- und Beton-Plattform gründete, um dort eine Reihe von Restaurant, Bars, Nachtclubs, Souvenirläden et cetera anzubieten.