Wann und warum sollte ich aussortierte Dinge lieber verschenken statt verkaufen. Minimalismus-Ratgeber Christof Hermann gibt Tipps.

„Wenn jeder Einzelne darauf verzichtet, Besitz anzuhäufen, dann werden alle genug haben.“

Franz von Assisi

Minimalisten verzichten auf Besitz, um sich von der materiellen Last zu befreien, um Zeit für wichtigere Dinge zu haben, um nachhaltig zu handeln, um glücklicher zu sein. Hat man sich entschlossen, minimalistisch zu leben, stößt man schnell auf eine Herausforderung: Wohin mit all dem Kram, der nicht mehr zum neuen Lebensstil passt?

Gastbeitrag von Christof Hermann

Dieser Gastartikel “Lieber verschenken statt verkaufen” ist das 36. Kapitel aus dem Ratgeber „Das Minimalismus-Projekt – 52 praktische Ideen für weniger Haben und mehr Sein“, der Anfang September als Buch und E-Book bei Gräfe und Unzer erschienen ist. Autor Christof Herrmann betreibt mit Einfach bewusst den meistgelesenen deutschsprachigen Minimalismus-Blog

Die meisten Menschen versuchen, möglichst viel zu möglichst guten Preisen zu verkaufen. Ich habe es genauso gemacht. Im Laufe der Jahre bin ich Tausende Artikel losgeworden, vor allem bei Amazon und eBay, aber auch über Kleinanzeigen und auf Flohmärkten. Nach dem Motto „Wer den Cent nicht ehrt, wird nie ein Dagobert“ habe ich in mühsamer Kleinarbeit Stück für Stück veräußert.

Mittlerweile besitze ich bei Amazon und eBay keine Accounts mehr. Sachen, die ich nicht mehr brauche, gehen an Freunde oder soziale Einrichtungen.

Wann Du verkaufen solltest

Es gibt vier Konstellationen, in denen es allerdings schlauer ist, aussortierte Sachen zu verkaufen.

  • Du bist verschuldet. Schulden machen das Leben kompliziert und sind Freiheitsräuber. Setze alles daran, möglichst schnell schuldenfrei zu werden.
  • Du hast noch keine Ersparnisse. Zu wissen, dass Du ohne Einkommen eine Zeit lang über die Runden kommst, gibt Dir ein Gefühl der Sicherheit. Es eröffnet Dir die Möglichkeit, Deinem Leben jederzeit eine neue Richtung zu geben. Ohne Ersparnisse hätte ich mich nicht als Autor selbstständig machen können. Wie viele Geldreserven Du zurücklegen solltest, hängt von Deiner Lebenssituation ab. Ein Betrag, der die Ausgaben eines halben Jahres abdeckt, sollte es schon sein.
  • Du wirst voraussichtlich einen hohen Preis erzielen. Als ich mich von meinem Kleinstwagen trennen wollte, habe ich ihn natürlich nicht verschenkt. Ich musste nur ein paar Stunden investieren, um dafür 4700 Euro zu bekommen.
  • Du hast Spaß am Verkaufen. Gerade am Anfang kann es seinen Reiz haben, Artikel in Auktions- und Verkaufsportalen anzubieten und auf hohe Erlöse zu hoffen.

Fünf Gründe, die für das Verschenken und Spenden sprechen

Oft lohnt sich die Mühe nicht, aussortierte Sachen zu verkaufen. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Gewinn. Zu gerne übersieht man die versteckten Kosten und die kleinen zeitfressenden Arbeiten, die damit verbunden sind, zum Beispiel fürs Versenden. Folgende Argumente sprechen dafür, öfter zu verschenken und zu spenden:

  1. Du sparst Zeit. Weil die Zeit, die Du in Deinem Leben noch zur Verfügung hast, ständig knapper wird, ist Zeitverschwendung eine Sünde gegenüber dem Geschenk des Lebens.
  2. Du wirst schneller Minimalist. Je eher Du Deine Wohnung oder Dein Haus entrümpelt hast, desto schneller wirst Du die Vorteile des Minimalismus spüren.
  3. Du handelst nachhaltig, da Deine Sachen weitere Verwendung finden, nicht auf dem Müll landen oder im Keller verstauben.
  4. Es tut gut zu verschenken. Es wird Dich glücklich machen, wenn Du jemanden findest, der den aussortierten Gegenstand mit Freude nimmt und verwendet. Die Psychologin Soyoung Park hat den Glückseffekt des Schenkens in einer Studie an der Universität Lübeck nachgewiesen.
  5. Die Freude über einen Verkauf hält sich in Grenzen. Du wirst beim Verkaufen meist einen deutlich geringeren Preis erzielen als erwartet. Das liegt am Besitztumseffekt. Dieser bewirkt, dass wir eine Sache, die uns gehört, für wertvoller halten als eine gleichwertige Sache, die jemand anderem gehört. Experimente haben ergeben, dass sich der Besitztumseffekt mindestens um den Faktor zwei auswirkt. Wer sich das bewusst macht, kann Enttäuschungen vermeiden und sich eher durchringen, etwas kostenlos abzugeben.

Warum glow“ oder das wohlige Gefühl

Professor Dr. Soyoung Park berichtet, dass sich Probanden ihrer Studie, die gegenüber anderen Menschen großzügig waren, glücklicher fühlten. „Dieses Glücksgefühl durch eine gute Tat bezeichnet man auch als ‘warm-glow’, was im Deutschen mit ‘wohligem Gefühl’ übersetzt werden kann.“

Wie und wo Du verschenken und spenden kannst

Manchmal ist es nicht einfach, selbst für gut erhaltene Sachen einen neuen Besitzer zu finden. Mit ein wenig Geduld und den folgenden Vorschlägen sollte es klappen, jemandem mit dem Aussortierten eine Freude zu machen. Im Zweifel einfach vorher nachfragen.

  • Du kannst Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen beschenken. Oder Du gründest in Deinem persönlichen Umfeld eine Gruppe in einem Messenger, in der jeder Dinge zum Verschenken teilen kann. Ein Teil der Gegenstände könnte auch in Deiner Mathom-Box (siehe Kapitel 6) landen.
  • Abnehmer sind auch soziale und gemeinnützige Einrichtungen wie Sozialkaufhäuser, Kindergärten, Bahnhofsmissionen, Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Rotes Kreuz, Oxfam und Lions Club.
  • Nicht mehr genutzte PCs, Laptops, Tablets und E-Book-Reader können an Labdoo gespendet werden. Das gemeinnützige Hilfsprojekt ermöglicht Kindern und Jugendlichen im In- und Ausland einen Zugang zu IT und Bildung.
  • Gut erhaltene Bücher, DVDs, Blu-rays und Spiele werden manchmal von Büchereien angenommen.
  • In öffentliche Bücherschränke kannst Du Bücher zur kostenlosen Mitnahme stellen.
  • Ein ähnliches Konzept wie öffentliche Bücherschränke verfolgen die Giveboxes, Umsonstregale, Umsonstläden und Kost-Nix-Läden. Hier werden nicht nur Bücher, sondern auch andere gebrauchsfähige Gegenstände wie Kleidung, elektronische Geräte, Spielsachen und Küchenutensilien weitergegeben.
  • Für die meisten größeren Städte existieren Freecycle-Gruppen, kommunale Verschenkmärkte sowie Verschenken-Gruppen auf Facebook.
  • An Schwarzen Brettern in Supermärkten, Schulen und Unis kannst Du Zu-verschenken-Zettel anbringen.
  • In Anzeigenblättern und auf Online-Verkaufsportalen gibt es meist eine Kostenlos-Rubrik.
  • Oft wird es geduldet, Gegenstände in einem Karton oder Kleinmöbel mit einer Kennzeichnung wie „Zu verschenken“ in den Hausflur oder an die Straße zu stellen. Nimm die Sachen wieder mit, wenn sich nach ein paar Tagen kein neuer Besitzer gefunden hat.
  • Wegwerfen und Recyceln sollte die letzte Option sein. Achte in diesem Fall auf eine fachgerechte Entsorgung über den Hausmüll und den Wertstoffhof.

Bildquelle: mohamed Hassan via Pixabay