Portrait von Erica Chenoweth, Co-Autorin des Buches "Warum ziviler Widerstand funktioniert"

Gewaltfreiheit: Der Schlüssel zur Demokratie

Wenn sich Krisen verschärfen und autoritäre Tendenzen wachsen, ist Mut gefragt – allerdings der Mut, gewaltfrei zu bleiben, egal was geschieht. Die bahnbrechende Forschung von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan belegt: Gewaltfreie Aktionen haben doppelt so hohe Erfolgschancen! In unserem Beitrag erfährst du, warum breite Bündnisse und kreative Aktionen der Schlüssel sind, um gemeinsam eine bessere Welt zu gestalten.

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Noch scheint in unserem Alltag alles friedlich und ruhig. Doch ein Blick über den Atlantik reicht, um zu merken: die Situation kann sich schnell ändern. Was in den USA geschieht, geht uns alle an. Denn die Entwicklungen dort wirken sich natürlich auch auf uns aus. Mehrere Krisen stoßen aufeinander und verstärken sich gegenseitig viel mehr, als würden wir nur die Summe aller Einzelkrisen zusammenrechnen.

Marek und mich treibt deshalb die Frage um: Was können wir tun, wenn die Zeiten schlechter werden? Was machen wir, wenn sich ein autoritäres Regime hier breitmacht, wie es sich andernorts bereits abzeichnet? Wie können wir uns aufstellen? Auf welches Wissen, welche Fähigkeiten und welche Kompetenzen kommt es dann an? Aus diesem Grund habe ich mir in den letzten Wochen und Monaten einiges Wissen angeeignet. Ich habe über Timothy Snyder gerühmt gewordenen 20 Lektionen gegen die Tyrannei berichtet. Oder auch zusammen gefasst, was die Bewegung Otpor aus ihrem Kampf für Demokratie in Serbien gelernt hat.

Gewaltfrei ist immer erfolgreicher!

Ein weiteres Buch, das uns inspiriert und geprägt hat, trägt den Titel „Warum ziviler Widerstand funktioniert. Die strategische Logik gewaltloser Konfliktbearbeitung“ von Erica Chenoweth (oben im Bild zu sehen) und Maria J. Stephan. Die beiden Wissenschaftlerinnen gingen eigentlich davon aus, dass gewaltfreier Widerstand in einem gewaltvollen Kontext (also einer Diktatur etwa oder einer Besatzung) nicht erfolgreich sein könnten. Doch dann untersuchten sie 323 Widerstände zwischen 1900 und 2006 – gewaltvolle (218), gewaltfreie (105) sowie solche, die beide Elemente enthielten. 2011 gaben sie dazu das bereits erwähnte Buch heraus, das jedoch erst 2024 in deutscher Übersetzung erschien.

Das hatte vor ihnen erstaunlicherweise noch nie jemand untersucht! Noch erstaunlicher war ihr Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs oder zumindest Teilerfolgs ist bei gewaltfreiem Widerstand doppelt so groß wie bei bewaffnetem Widerstand! Wenn man sich nur die Erfolgsquoten zwischen 2000 und 2006 anschaut, liegen gewaltfreie Aktionen sogar noch weiter vorne (70 % Erfolgswahrscheinlichkeit bei gewaltfreiem versus 15 % bei gewaltvollem Widerstand). Und das liegt keineswegs daran, dass gewaltfreier Widerstand nur in einem Umfeld vorkam, der ohnehin bessere Erfolgsaussichten versprach. Überhaupt nicht.


Chenoweth und Stephan verstehen unter gewaltfreiem Widerstand „eine Reihe von beobachtbaren, fortwährenden, zielgerichteten Massentaktiken oder Veranstaltungen mit der Absicht, ein konkretes politisches Ziel zu erreichen.“ Sie kann mehrere Tage bis Jahre dauern. Eine Kampagne ist nach ihrer Einordnung auch dann gewaltfrei, wenn sie sich vor allem auf gewaltfreie Methoden stützt – selbst wenn es zu einzelnen gewaltvollen Aktionen kommt. Erfolgreich ist eine Kampagne nach ihren Maßstäben dann, wenn sie ihre Ziele ein Jahr nach dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten zu 100 % erreicht hat. Erreicht sie diese nur teilweise, sprechen sie von einem Teilerfolg.


Gewaltfreiheit zieht Menschen an

Warum ist gewaltfreier Widerstand erfolgreicher – selbst dann, wenn er sich gegen ein brutales, repressives Regime zur Wehr setzen muss? Die Ursache für die größeren Erfolgsaussichten sind laut Chenoweth und Stephan, dass gewaltfreie Kampagnen leichter eine große Anzahl von Menschen aus möglichst vielen, unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und -schichten für sich gewinnen und mobilisieren kann.

Das liegt zum einen daran, dass sich an gewaltfreien Kampagnen einfach mehr Menschen beteiligen können und möchten: Es braucht weniger Fähigkeiten, Training und Mut an einer Demonstration teilzunehmen, als an einem Guerillakampf. Physisch und psychisch sind die Hürden wesentlich geringer. Außerdem bieten gewaltfreie Kampagnen mehr Beteiligungsmöglichkeiten mit geringerem Risiko: Boykotte, Informationsarbeit, Streiks, Berichte verfassen – das sind Dinge, die sich mehr Menschen zutrauen. Und vor allem sind es Dinge, nach denen viele in ihr „normales“ Leben wieder zurückkehren können. Wer sich einem gewaltvollen Widerstand anschließt, muss meist fernab eines Alltags leben.

Das hat wiederum den Effekt, dass gewaltfreier Widerstand stärker sichtbar ist. Untersuchungen zeigen, dass sich Menschen dann Widerstandsbewegungen anschließen, wenn erwarten oder sehen, dass sich viele andere daran beteiligen.

Die Erfolgsfaktoren gewaltfreien Widerstands

Dass sich mehr Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Millieus an gewaltfreiem Widerstand beteiligen, erhöht die Erfolgsaussichten. Das hat mehrere Gründe:

  • Je vielfältiger die Beteiligten einer Kampagne sind, desto kreativer ist sie. Die Methoden variieren geografisch und inhaltlich stärker. Auf diese Weise kann der Widerstand die Repressionen eines Systems besser aushalten und kontern. Zum Beispiel wechseln erfolgreiche gewaltfreie Kampagnen zwischen Methoden der Konzentration (etwa Demos) und der Dispersion (etwa Boykotte und Streiks). Das macht es Regimen schwerer, ihre Repression aufrecht zu erhalten.
  • Je breiter ein Bündnis des Widerstandes ist und je gewaltfreier, desto größer ist sein moralischer Hebel. Gewaltvolle Repressionen bringen ein System dann in ein echtes Dilemma! Ein wesentliches Ziel von gewaltfreien Kampagnen ist es daher immer, die Loyalitätsgrenzen zu verschieben – und das gelingt auf diese Weise: immer mehr Teile der Ziviligesellschaften, aber auch andere Länder und Regierungen beziehen Stellung auf ihrer Seite (wie etwa beim Sturz des Apartheid-Regimes in Südafrika geschehen). Ein Regime kann sich spätestens dann nicht mehr halten, wenn die eigenen Wirtschaftseliten und das Militär die Seiten wechselt, wie es zum Beispiel auf den Philippinen beim Sturz von Maros geschehen ist.
  • Gewaltfreie Kampagnen haben naturgemäß geringere Opferzahlen. Selbst bei einem gewaltvollen Gegnern! Es gibt nicht nur viel weniger Tote und Verletzte, sondern auch weniger traumatisierte und geflüchtete Menschen. Zum Vergleich: der gewaltsame Aufstand in Libyen soll rund 30.000–50.000 Todesopfer gefordert haben. Der gewaltfreie Widerstand in Tunesien hingegen „nur“ 221.
  • Gewaltfreie Kampagnen führen häufiger zu Demokratie und Frieden. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass eine Gesellschaft nach einem gewaltfrei erkämpften Systemwandel den Weg zur Demokratie einschlägt. Die Wahrscheinlichkeit, dass nach einer gewaltvollen Kampagne nach fünf Jahren in einem Land Demokratie herrscht, liegt bei nur 5 %. Bei einer gewaltfreien Kampagne liegt sie immerhin bei 41 %. Das ist auch ziemlich logisch: durch den gewaltfreien Widerstand haben die Menschen am eigenen Leib erlebt, dass sie Probleme friedlich lösen können. Sie haben erfahren, dass ihre Mitmenschen auch unter Druck gewaltfrei blieben. Sie haben weniger Verletzungen und Traumatisierungen erlitten. Und die „unterlegenen“ Parteien fürchten in der Regel nicht so sehr die Rache der ehemals Unterdrückten.

Tipp: TEDX-Talk mit Erica Chenoweth

Erica Chenoweth hat bei TEDX Boulder einen interessanten Vortrag zu diesem Thema gehalten. Du kannst ihn dir über die Website der Organisation ansehen (leider per YouTube eingebettet):

Krieg oder gewaltfreier Widerstand?

Die bekannten Friedensaktivisten Jürgen Grässlin und Stefan Maaß haben dafür gesorgt, dass die deutsche Übersetzung nach so vielen Jahren endlich erschienen ist. Und das kommt natürlich nicht von ungefähr. Denn in dem Buch gehen Chenoweth und Stephan auch auf Länder ein, in denen sich die Bevölkerung gegen eine Besatzungsmacht wehrt. Und wer muss da nicht sofort an die Ukraine denken? (Die palästinensische Intifada ist sogar eines der vier Beispiele, die Chenoweth und Stephen in ihrem Buch gesondert untersuchen und analysieren). Schon in seinem autobiografischen Buch „Einschüchtern zwecklos“ (sehr lesenswert!) nimmt Jürgen Grässlin auf Chenoweth und Stephan Bezug und fordert, die Aufrüstung und Militarisierung zu stoppen – weil doch eben die Forschung gezeigt habe, dass gewaltvolle Auseinandersetzungen nie erfolgreicher seien.

Genauer malt er die gewaltfreie Alternative zur militärischen Verteidigung, die ihm vorschwebt, allerdings leider nicht aus. Mir fällt es schwer, mir das vorzustellen. Mir fehlt einfach das Wissen. Wie sollte sich die Ukraine zum Beispiel gewaltfrei gegen einen Angriff wehren? Aber ich finde es schon eklatant, dass in der Politik und in den Medien so wenig in diese Richtung diskutiert und gedacht wird: Welche alternativen Strategien und Möglichkeiten zur Anwendung von Gewalt legen die Ergebnisse von Chenoweth und Stephan eigentlich nahe? Wurde hier schon genug geforscht? Welche gewaltfreien „Waffen“ könnte man erfinden? „Waffen“, die zugleich auch die Demokratie, die Konflikt- und Lösungskompetenz einer Bevölkerung stärken? „Waffen“, die Solidarität und kritisches Denken und Selbstwirksamkeit fördern?

Ja, und wieso um alles in der Welt fährt die Bundesregierung die Mittel für die Zivilgesellschaft auch noch zurück, obwohl Chenoweths und Stephans Untersuchungen doch zeigen, wie wichtig diese für die „Wehrhaftigkeit“ einer Demokratie sind?

Die Angriffe auf die Legitimität von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) kommt vor allem von rechts bis rechts außen, wie das Nachrichtenmedium correctiv berichtet. Der Angriff auf das Image zivilgesellschaftlichen Engagements zeigt leider schon Wirkung. Für unsere Demokratie und unser friedliches Zusammenleben sowie unsere Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen, ist das jedoch ein wirklich schlimmer Schaden, den wir unbedingt verhindern sollten!

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Fazit: Was bedeutet das für uns?

Chenoweth und Stephan sind ja auch durch eine Zahl bekannt geworden, auf die wir uns mit unserer Good-Rebel-Kampagne beziehen: in einem Land müssten nur 3,5 % der Bevölkerung für das Ziel einer gewaltfreien Bewegung mobilisiert werden, damit ihre Erfolgswahrscheinlichkeit enorm steigt, meinen sie. Uns hat das enorm beflügelt. Denn diese Zahl scheint doch ziemlich machbar zu sein. Und auch wenn Chenoweth und Stephan sich in ihren Untersuchungen auf Widerstandsbewegungen gegen repressive, autoritäre Regime sowie Besatzungs-, Unabhängigkeits- und Sezessionskämpfe beziehen, so scheinen mir die Erkenntnisse auch für uns hier in Demokratien relevant. Ich habe mir deshalb die folgenden Take-aways notiert:

  • Setze nur auf gewaltfreie Aktionen, Methoden und Kampagnen! Alles andere wäre nicht nur moralisch falsch, sondern auch noch strategisch. Frage dich: wie weit geht bei dir der Begriff der „Gewaltfreiheit“? Ghandi hat ihn ja beispielsweise sehr weit gefasst. Er meinte, es sei sogar passive Gewalt an der Natur, wenn man einen Bleistift oder ein Blatt Papier nicht gänzlich nutzt, sondern nur halb aufgebraucht wegschmeißt!
  • Ziele auf möglichst breite Bündnisse! Das Motto „Teile und herrsche“ gilt nicht nur in Diktaturen. Auch hierzulande konnten wir in den letzten Jahren gut beobachten, wie Umweltbewegung und soziale Gerechtigkeit gegeneinander ausgespielt wurden.
  • Suche auch Bündnispartner*innen im anderen Lager! So wenig, wie „wir“ uns teilen lassen wollen, so erpicht müssen wir darauf sein, dass Menschen oder gar ganze Gruppen mit ihrer Loyalität die Seiten wechseln. Dabei kommt es auf deine Ambiguitätstoleranz an, ohne dass du deine Werte verrätst.
  • Gestalte Kampagnen, Aktionen und Maßnahmen so offen, fröhlich und humorvoll wie möglich! Je mehr Menschen es sich vorstellen können mitzumachen, desto besser.
  • Sei in der Art der Methoden flexibel! Wechsele zum Beispiel zwischen Methoden der Konzentration (etwa Demos) und der Dispersion (etwa Boykotte).

Bibliografische Angaben:

Warum ziviler Widerstand funktioniert. Die strategische Logik gewaltloser Konfliktbearbeitung

Von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan

Mit einem Geleitwort von Jürgen Grässlin und Stefan Maaß

Nomos Verlag, 2024

ISBN: 978-3-7560-1817-8

Preis: 49 Euro


ilona

ist freie Jour­na­lis­tin, Publizistin, Projekt­ma­che­rin und Medienaktivistin. Seit über zehn Jahren schreibt sie Bücher, Blogposts, macht Podcasts, gibt Workshops und hält Vorträge. Zudem begleitet und berät sie öko-soziale Organisationen, Gemeinschaften, Künstler:innen, Kreative und Aktivist:innen bei der ganzheitlichen und nachhaltigen Planung und Kommunikation ihrer Projekte und Bücher.

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