Filmtipp: Everyday Rebellion

Bei gewaltfreiem Widerstand kommen die schlimmsten und schönsten Seiten der Menschen zum Vorschein: Auf der einen Seite die Unterdrückung, oft auch die Gewalt, die Entwürdigung, die Folter – auf der anderen Seite der Mut, der Witz, die Kreativität, die Hingabe und die Solidarität. Der Dokumentarfilm „Everyday Rebellion“ zeigt dies auf wunderbare, inspirierende und ergreifende Weise. Ab 11. September im Kino!

Ordinary People

Nebel, Rauch, Feuer, Tränengas. Eine Frauenstimme flüstert: „We are ordinary people. We are like you“. Ein bengalisches Feuerwerk wandert von Hand zu Hand – der Staffelstab der Rebellion. Der Film „Everyday Rebellion“ beginnt mit einer fast schon theatral anmutenden Inszenierung, die gar keine ist, aber das Thema des Films vorgibt: Gegen die Intransparenz von Staatsgewalt und Machteliten regt sich der Widerstand. Der Widerstand geht von ganz normalen Menschen aus – Leuten wir Du und ich. Doch sie greifen nicht zu den Waffen. Ob in New York, Madrid, Kairo, London, Damaskus oder Kiew: Diese Menschen setzen nicht auf Gewalt, sondern auf Kreativität, entwaffnende Komik und eine horizontale Organisation ohne Anführer und jeder Menge Mitmenschlichkeit.

Es sind Journalisten, Anwälte, Studierende, Arbeitslose, Renter, Wirtschaftsexperten, Architekten – Menschen quer durch alle Bevölkerungsschichten, die sich versammeln, weil sie genug haben. Weil sie wissen „The only risk you have is not rebelling! If your’re not rebelling, you’re accepting collapse“, wie Mike Bonnano von den New Yorker Aktivisten THE YES MEN meint.


 

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Everyday Rebellion: Die RegisseureDie Regisseure von Everyday Rebellion: Arman T. Riahi und Arash T. Riahi sind Brüder und als Kinder aus dem Iran geflohen.

 

Rebellion weltweit

Die beiden Regisseure Arash T. Riahi und Arman T. Riahi sind Brüder, in ihrer Kindheit zusammen mit ihren Eltern aus dem Iran nach Österreich geflohen und für den Film seit einigen Jahren hautnah mit den gewaltfreien Rebellen rund um den Globus mit dabei. Sie waren an der Wall Street, als die Occupy Bewegung das „Mic Check“ erfunden hat – den menschlichen Ersatz des Megaphons, bei dem das Publikum die Worte eines Redners wiederholt, um sie weithin hörbar zu machen (http://occupywallst.org).

Sie haben an den spanischen Assambleas der Moviemiento 15M (Bewegung des 15. Mai / www.movimiento15m.org) teilgenommen und die Verzweiflung der Menschen gefilmt, die aus ihren Wohnung geworfen werden sollten. Sie haben die Ukrainerin und Femen-Gründerin Inna Shevchenko bei ihrer Flucht aus ihrer Heimat begleitet, als ihr Leben bedroht wurde – und gezeigt, wie sie in Paris das internationale Femen-Ausbildungszentrum aufbaute (http://femen.org). Sie haben Aktivisten in Ägypten und dem Iran gesprochen – die berichten, mit welch kreativen Konstruktionen sie geheime Freiheitsbotschaften in Umlauf bringen.

Everyday Rebellion

Gewaltfreier Widerstand muss kreativ sein und die Freiräume nutzen, die möglich sind. In vielen Ländern beschränkt sich dies auf anonyme Ausdrucksformen.

Gewaltfrei kommt weiter

Die beiden sprechen aber auch mit ausgewiesenen Experten des gewaltfreien Widerstands und zivilen Ungehorsams. Zu Wort kommt zum Beispiel Srdja Popovic, Gründer der serbischen Otpor-Bewegung und heutiger Mitarbeiter des Center für Applied Nonviolent Action and Strategies (C.A.N.V.A.S. / www.canvasopedia.org), der beschreibt, was gewaltfreien Widerstand erfolgreich macht – und dass er früher oder später die einzige Widerstandsform ist, die überhaupt zum Erfolg führen muss.

Damit ist er sich im übrigen mit etlichen weiteren Experten einig. Gene Sharpe gehört wohl zu den legendärsten Verfechtern gewaltfreier Strategien zum Sturz von Diktaturen bzw. Herrschaftsregimen – wenn es nicht bei blumigen Hippie-Parolen bleibt, sondern auch schlau ausgeklügelte Strategien dahinter stehen: „Ghandi didn’t win, because he was a buddhist, he won because he was a great strategist, a great leader and he knew how to pick the battles you can win“, erklärt Popovic.

Neue Protestformen

Doch wie sieht sie nun aus – diese neue, globale Protestbewegung? Trotz der Unterschiedlichkeit der Beweggründe und Umstände, in denen sich die Widerständler befinden, gibt es doch Gemeinsamkeiten – und zwar nicht nur das Bekenntnis zur bedingungslosen Gewaltfreiheit: „Die Stärke der heutigen Protestformen ist das Organisieren in sogenannten ‚Affinity Groups‘ – also kleine, themenbezogene Interessen- und Aktivistengruppen, was viel effektiver und für die Polizei schwerer zu kontrollieren ist“, meint die österreichische Filmemacherin und Drehbuchautorin Katja Schröckenstein (www.katjaschroeckenstein.at) in ihrer Filmanalyse.

Everyday Rebellion

Ideen lassen sich nicht rausschmeißen. Körper von Menschen und Massen sind ein wichtiges Instrument des gewaltfreien Widerstands. Hier in der Wallstreet in New York City.

Diese Entwicklung gibt es genau genommen schon seit Ende des letzten Jahrhunderts mit dem Aufkommen der sogenannten globalisierungskritischen Bewegung (eine Bezeichnung, die die Bewegung selbst nicht gerne hört). Doch diese globale – wir nennen sie lieber kapitalismuskritische – Bewegung wird in der Tat immer größer, kreativer und beweglicher. Zu den Erfolgsformeln der Bewegung gehören laut Film unter anderem:

  • Das Geschichtenerzählen: Der Film zeigt eine junge Frau der Occupy-Wallstreet-Bewegung, wie sie über ihre Kindheit in Obdachlosigkeit berichtet – und über ihre Angst, nach ihrem Studium wieder in dieselbige abzurutschten, weil sie die 100.000 Dollar Schulden, die sie durch die College-Gebühren angehäuft hat, nicht mehr zurückzahlen kann. Solche Geschichten sind längst nicht mehr privat, sie sind politisch!
  • Der Körper: Der Körper – sowohl des Einzelnen als auch einer Gruppe – ist eines der wichtigsten Protestmittel des gewaltfreien Widerstands. Er lässt sich verhaften, anketten, foltern, aber auch kreativ bewegen, mit ihm kann man andere umarmen, öffentlichen Raum belegen, man kann ihn zur Schau stellen und als lebendige Fläche für Widerspruch verwenden, wie Femen dies beispielsweise tut.
  • Der Humor: Das wahrscheinlich wichtigste Mittel neben der Kreativität ist der Humor. „Wenn Du Humor zum Attackieren nutzt, wird es Deinem Gegner schwer, Dich zurück zu attackieren – Clowns anzugreifen macht den Angreifer irgendwie selbst lächerlich“, meint beispielsweise Andy Bichlbaum von THE YES MEN.
  • Die Kreativität: Sowohl die Rebellen in der Wall Street mussten größtmögliche Kreativität beweisen, um ihrem Protest Gehör zu verschaffen – als auch natürlich diejenigen in Ländern, in denen sofort sämtliche Familienmitglieder von Folter bedroht sind, sobald man sich dem friedlichen Widerstand anschließt. Auch hier zeigt der Film etliche spannende Beispiele.
  • Die Strategie: Es klang bereits an – ohne eine gute Strategie verpufft der noch so gut gemeinte Widerstand. Der Film macht deshalb auch klar: Es lohnt sich nur dort zu gewaltfrei zu kämpfen, wo sich ein Kampf gewinnen lässt, wo es Spielräume gibt, die sich erweitern lassen.
  • Keine Hierarchien: Sämtliche Bewegungen sind horizontal in kleinen Gruppen organisiert, die sich wie ein Rhizom verzweigt ausbreitet und immer wieder neue, für den Gegner überraschende Sprößlinge an die Erdoberfläche schicken kann…

Ein Crossmediales Projekt

Folgerichtig ist, dass die beiden Regisseure ihrem Thema gerecht wurden, indem sie nicht nur einen (linearen, nicht interaktiven und vernetzbaren) Dokumentarfilm gemacht haben, sondern dass es sich bei „Everyday Rebellion“ um ein sogenanntes Crossmediales oder auch Hybrides Projekt handelt:

Auf der Website zum Film findet man viele Schriften, wissenschaftliche Studien und Anleitungen für gewaltfreien Widerstand als PDF-Dateien zum Herunterladen. Außerdem kann hier jeder selbst Methoden und Strategien für gewaltfreien Widerstand hochladen: http://www.everydayrebellion.net/wall/

Daneben soll es auch eine Smartphone App geben, über die sich die Aktivisten in ihrem gewaltfreien Einsatz gegenseitig unterstützen können. Diese App soll außerdem auch auf spielerische Weise kreative, gewaltfreie Widerstandsmethoden vermitteln.

Everyday Rebellion

Wer sind die Menschen hinter den Protesten und was sind ihre Geschichten. Der Film zeigt auch bewegende Schicksale. Hier: Ein Spanier (noch) in seiner Wohnung. Kurz vor dem Rauswurf und dem Einsturz seines kompletten Lebensentwurfs.

Fazit

Die beiden Regisseuren haben mit „Everyday Rebellion“ nicht einfach nur irgendeinen Dokumentarfilm geschaffen. Sie geben uns ein Stück informative Zeitdokumentation, das Aufklärung und Inspiration mit einer beeindruckenden Bildsprache und bewegenden Portraits der vielen engagierten und couragierten Menschen verbindet. Das bewegt.

Und wer am Ende des Film zu guter Letzt – wie ich – mit Tränen in den Augen und Kloß im Hals mitverfolgt, welche Befreiung das Iran-Tribunal in Den Haag im Oktober 2012 war, auch wenn es nur symbolisch die Schuld des Staatsterrors anerkannte, der möchte sich nach dem Film eigentlich nicht mehr gemütlich in seinem Sofa zurücklehnen.

Der möchte ebenfalls das Transparent, den Luftballon, die Clownsmaske oder den Banner ergreifen und mit diesen mutigen Menschen mitziehen. Und ich denke, einen größeren Erfolg können Filmemacher wohl nicht erreichen, als die Herzen der Menschen in diesem Maße zu erreichen!

Links zum Film „Everyday Rebellion“

Die Premieren-Termine

Die Regisseure Arash und Arman T. Riahi sind anschließend im Filmgespräch:

  • Berlin: Deutschlandpremiere, 02.09.2014, Babylon Berlin Mitte, 20 Uhr
  • Hamburg: 03.09.2014, Abaton Kino, 20 Uhr
  • Nürnberg:  06.09.2014, Casablanca, 20 Uhr
  • Frankfurt am Main:  07.09.2014, Mal Sehn Kino, 11:30 Uhr

 

 

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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