Journaling für Engagierte: Eine Schwarze Frau sitzt an einem Tisch und schreibt in ein Buch ...

Journaling für Engagierte: wie du deine Kräfte für eine bessere Welt mobilisiert

Journaling, Tagebuch schreiben oder Expressive Writing sind Methoden, die dir helfen, auch in unruhigen Zeiten gut mit schwierigen Gefühlen und Gedanken umzugehen. Hier findest du Hintergrundinformationen sowie 7 Anleitungen, wie Journaling für Engagierte genau geht.

Inhalt

Sonntag Abend. 23 Uhr. Du sitzt noch immer am Küchentisch. Vor dir liegen Flyer, die du für die morgige Veranstaltung entworfen hast. Daneben eine halbleere Kaffeetasse und eine Liste von E-Mails, die du unbedingt noch beantworten willst. Dein Körper fühlt sich schwer an wie Blei. Du fühlst eine hohle Stelle in deinem Brustkorb. Eigentlich hast du nicht mehr das Gefühl, dass du dich engagierst. Du hast das Gefühl, dass du funktionierst. Zeit für Journaling für Engagierte!

Fühlst du dich auch manchmal ausgebrannt und leer, obwohl du dich für ein Herzensprojekt einsetzt?

Kennst du so einen Zustand? Dann wird es höchste Zeit, dass du etwas unternimmst. Denn sich für eine bessere Welt einzusetzen ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Und wenn du ausbrennst, weil du pflichtbewusst alles Aufgaben erledigst und alle Erwartungen erfüllt, dann hat niemand etwas davon. Du nicht. Aber auch wir anderen, die Welt nicht.

Ob dein Projekt Missstände bekämpfen, Leid und Not lindern oder Alternativen aufbauen möchte – immer wieder sehe ich in meinen Projektbegleitungen, wie echte Herzensprojekte die gleiche Leistungslogik reproduzieren, die wir am Kapitalismus eigentlich kritisieren. Doch dann ist das Geld knapp und damit die Zeit. Es gibt nicht genug Leute, die mit anpacken. Und schon rackerst du dich in dem wunderbaren Alternativprojekt so ab, als würdest du im Hamsterrad eines Null-acht-fuffzehn-Jobs strampeln.

Die Lösung liegt im Innehalten und Nachdenken – dafür ist Journaling für Engagierte einfach ideal, auch wenn du gar nicht schreiben kannst 😉

Journaling, Tagebuch schreiben oder auch Expressive Writing (eine Methode, bei der du deine Gefühle rund um eine traumatische Erfahrung schreibend verarbeitest) sind ganz tolle Mittel, um dieses unbewusste Hamsterrad anzuhalten, auszusteigen und es sich von außen anzusehen. Deshalb ist Journaling für Engagierte auch kein egoistischer Luxus. Es ist ein politisches Werkzeug des Widerstands. Es ist eine stille Revolution auf Papier, die es dir hilft, neu durchzuatmen, ohne dein Engagement aufzugeben. Mit diesem Beitrag lade ich dich ein, Schreiben als Akt der Selbstfürsorge zu nutzen – nicht als Flucht aus dem Engagement, sondern als dessen neue emotionale und mentale Basis.

Dafür habe ich dir ein paar Hintergrundinformationen kurz zusammengefasst – und dann vor allem konkrete, praktische Methoden beschrieben, die dir den Einstieg ins Journaling für Engagierte erleichtern. Denn wenn du die Welt verändern willst, solltest du erst einmal lernen, dich selbst zu finden.

Was Journaling für Engagierte in Geist und Körper bewirkt

Wie wirkt Journaling, Tagebuch schreiben oder auch Expressive Writing eigentlich? In den letzten Jahrzehnten sind unzählige wissenschaftliche Studien entstanden, die die positive Wirkung des Journaling für Engagierte nachgewiesen haben. Die Ergebnisse sind eindeutig. Bereits 20 Minuten Journaling hat bei den Menschen in der Regel die folgende Wirkungen [1]:

  • Weniger stressbedingte Arztbesuche
  • Verbesserte Immunfunktion
  • Reduzierter Blutdruck
  • Verbesserte Lungen- und Leberfunktion
  • Weniger Krankenhausaufenthalte
  • Reduzierte Depressivität und Post-Traumatische Symptome
  • Ein besseres Arbeitsgedächtnis

Wenn du überbelastende Erlebnisse schreibst, senkt das den Spiegel des Stresshormons Cortisol in deinem Körper. Das macht dich ausgeglichener und damit resilienter. Dieser Effekt kann anscheinend Wochen lang anhalten. Dazu kommt, dass du dich emotional ein Stück weit von deinen Erlebnissen und Gedanken entkoppeln kannst, wenn du sie zu Papier bringst. So kannst du deine kognitiven Muster leichter erkennen und umstrukturieren.

Journaling macht aus deinem Gedankenwust zum Beispiel eine chronologische Geschichte.

So kannst du durch Journaling Zusammenhänge und Sinn entdecken. Insgesamt trainiert diese regelmäßige Reflexion dein Gehirn. Es lernt dadurch unter anderem auch, Krisen und Herausforderungen nicht nur als Bedrohung zu sehen, sondern auch als eine Möglichkeit für Weiterentwicklung. Es fällt dir leichter, in Lösungen zu denken und etwa zu erkennen, dass deine Erlebnisse kein individuelles Schicksal sind, sondern strukturelle Ursachen haben, die alle Menschen in deiner Lage betreffen.

Journaling für Engagierte ist also besonders hilfreich! Es hilft dir (und anderen), die Verbindung zwischen deinem Frust und strukturellen Problemen zu erkennen. Es unterstützt dich dabei, dich selbst zu verstehen und besser mit dir und deiner mentalen Gesundheit umzugehen. Das macht dich handlungsfähig und selbstwirksam und stärkt dein Engagement für eine bessere Welt. Damit ist Journaling für Engagierte kein Luxus, sondern tatsächlich politisch!


Aber Achtung: Journaling ersetzt aber keine Therapie! Wenn du Depressionen, Angstattacken, Suizidgedanken, dissoziative Episoden (Ich fühle mich wie neben mir) oder körperliche Symptome, wie chronische Schmerzen oder Panikattacken hast, dann wende dich bitte an Profis. Zum Beispiel an die Telefonseelsorge (0800 1110111 oder 0800 1110222) oder suche im Internet nach einer psychosozialen Beratungsstelle in deiner Nähe. [2]


Journaling für Engagierte versus Buch schreiben

Beim Journaling für Engagierte – sowie Tagebuchschreiben und Expressive Writing – geht es um kein literarisches Projekt. Deshalb zählt die Ausrede »Ich kann nicht schreiben« auch nicht. Du sollte beim Journaling für Engagierte keinen Literaturwettbewerb, sondern deine Erinnerungen, Emotionen und tiefsten Gedanken festhalten. Ehrlichkeit ist entscheidend – nicht der Stil, die Grammatik oder Rechtschreibung! Der Weg (also der Prozess) ist das Ziel, und nicht das Ergebnis.

Sich die Zeit zum Journaling zu nehmen ist nicht egoistisch. Es ist politisch. Denn wenn es dir hilft, weder auszubrennen noch zynisch zu werden, dann hilft das uns allen!

Wenn du nun denkst »Dafür habe ich nun wirklich keine Zeit!«, dann lass dir gesagt sein: Schon zehn Minuten reichen, um eine positive Wirkung zu erzielen. Starte lieber klein (kurz) und dafür regelmäßig. Eine typische Anweisung beim Expressive Writing lautet zum Beispiel, zwei Wochen lang täglich 20 Minuten zu schreiben (siehe Kasten unten). Das könntest du ja einfach mal ausprobieren und nach 14 Tagen sehen, ob du dir das Journaling zur Gewohnheit machen möchtest (dann vielleicht mit 5–10 Minuten täglich). Ideen dazu findest du im folgenden Abschnitt.

Die kreativen Arbeitsheft für eine bessere Welt!

Bereit, gemeinsam die Welt zu verändern?

Dann sind die »Kreativen Arbeitshefte für eine bessere Welt« dein praktischer Begleiter. Ob du gerade einsteigst oder schon viel Erfahrung mitbringst: Die vielen Übungen, Checklisten, Anleitungen, Challenges und Test unterstützen dich dabei, selbst zu der Veränderung zu werden, die du dir für diese Welt wünschst! Mach mit und zeige, dass Menschen mit Freude gemeinsam viel bewegen können! Mehr erfahren!

Journaling-Methoden für Engagierte

1. Die Morgenseiten

Die Künstlerin Julia Cameron [3] hat dieses Format mit ihrem Bestseller »Der Weg des Künstlers« bekannt gemacht: Direkt nach dem Aufstehen schreibst du drei Seiten unzensiert herunter. Ohne Struktur, ohne Ziel. Du folgst einfach deinen Gedanken. Wenn du denkst »Ich weiß nicht, was ich schreiben soll«, dann schreibst du genau das auf. Und zwar so oft, bis ein neue Gedanke kommt. Der Wert liegt darin, alle kreisenden Gedanken loszuwerden, bevor der Tag beginnt. Das ist besonders nützlich, wenn du in Selbstzweifeln und negativen Glaubenssätzen gefangen bist.

2. Expressive Writing (eine typische Schreibanweisung)

Schreibe in den nächsten vier Tagen jeweils 20 Minuten lang deine tiefsten Gedanken und Gefühle zu einem wichtigen emotionalen Thema, das dich und dein Leben geprägt hat. Lassen auf das Schreiben voll ein und erkunde deine tiefsten Emotionen und Gedanken. Du kannst dein Thema mit deinen Beziehungen zu anderen Menschen verknüpfen (etwa Eltern, Partner*innen, Freund*innen oder Verwandte). Oder auch mit deiner Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Oder damit, wer du warst, sein möchtest oder jetzt bist. Du kannst an allen Tagen über dieselben Themen und Erlebnisse schreiben oder jeden Tag über etwas anderes. Mach dir keine Gedanken über Rechtschreibung, Grammatik oder Satzbau. Die einzige Regel lautet: Sobald du mit dem Schreiben beginnst, schreibst du so lange weiter, bis die Zeit abgelaufen ist. (Hinweis: Dies ist ein frei übersetzter Text aus der Studie von Cambridge University Press (2018) [1])

3. Journaling gegen akute Verzweiflung

Nimm dir zehn Minuten Zeit und lass alle negativen Emotionen und Gedanken raus. Schreibe ohne Filter und Korrekturen einfach drauf los. Lies dir danach deinen Text durch und unterstreiche wiederkehrende Themen und Gedanken. Erkenne deine Muster. Findest du negative Glaubenssätze? Und kannst du sie in positive Gedanke umformulieren, an die du tatsächlich glauben kannst? Wenn ja, hänge sie dir auf.

Du kannst den Text mit den negativen Gedanken auch symbolisch zerreißen, zerknüllen und/oder verbrennen und dabei bewusst diese Gedanken und Gefühle loslassen. Achtung: das funktioniert aber nur, wenn du innerlich wirklich soweit bist.

Tipp zum Weitermachen: Kritisierst du dich selbst stark? Dann hilft dir vielleicht das Dankbarkeits- und Selbstmitgefühls-Journaling.

→ Tipp zum Weitermachen: Könnten hinter deinen Erfahrungen kollektive Muster stecken? Dann nutze das politische Journaling, um die strukturellen Mustern hinter deiner persönlichen Betroffenheit zu entdecken.

4.Dankbarkeits- und Selbstmitgefühls-Journaling

Menschen, die sich für eine bessere Welt engagieren, sehen oft nur, was noch nicht erreicht oder gelungen ist. Das ist auch ganz natürlich: unser Gehirn ist so beschaffen, dass uns eher die negativen Dinge auffallen, als die positiven. »Negativity Bias« nennt sich das in der Fachsprache der Positiven Psychologie. Dagegen gibt es ein Mittel: Dankbarkeit und Selbstmitgefühl. Und die kannst du hervorragend über das Journaling in dein Leben holen.

Schreibe jeden Tag über drei (kleine) Erfolge oder Ereignisse, für die du dankbar bist. Zum Beispiel:

  • Heute hat mir eine Person gesagt, dass meine Rede sie zum Nachdenken gebracht hat.
  • Ich habe 15 Minuten bewusst durchgeatmet, anstatt sofort die nächsten Mails zu checken.
  • Wir haben einen neuen Raum für unsere Treffen gefunden.

Die Psychologin Kristen Neff [4] hat darüber hinaus festgestellt, dass wir Menschen zu Selbstkritik neigen, wenn die Dinge nicht so gut für uns laufen. Was ihrer Erfahrung nach dann hilft ist, sich selbst Mitgefühl entgegen zu bringen, anstatt sich selbst zu verurteilen. Auch Menschen, die sich für eine bessere Welt engagieren, neigen zu Selbstkritik und schwächen sich dadurch selbst. Schreibe dir also vielleicht beim Journaling für Engagierte einfach mal so, als würdest du mit deinem besten Freund oder deiner besten Freundin reden – liebevoll, fürsorglich, voller Mitgefühl.

5. Dialogisches Journaling für Engagierte

Ja, ein Streitgespräch mit dir selbst kann manchmal richtig gut tun. Es hilft dir nämlich, deine inneren Konflikte offenzulegen und mit ein bisschen Abstand zu betrachten. Ein innerer Konflikt, der durch das Journaling für Engagierte zutage treten kann, könnte zum Beispiel sein: »Ich sollte mehr tun!« versus »Ich kann einfach nicht mehr.« Oder: »Meine Wut ist berechtigt!« versus „Ich will nicht verbittert enden.«

Zeichne für diese Journaling-Methode einen Strich in die Mitte deines Blattest. Schreibe über die linke Spalte die eine Stimme (etwa die Stimme der Pflicht »Ich muss kämpfen!«). Und in die rechte Spalte die andere Stimme (etwa die Stimme des Selbstmitgefühls »Ich bin auch nur ein Mensch«). Schreibe in beide Spalten, was die Stimmen dir sagen. Wie lauten ihre Argumente? Was ist ihre Lösung, ihr Appell an dich? Welche negativen Glaubenssätze könnten dahinter stehen? Welche Werte, die dir wichtig sind?

Dann überlege, was dir wirklich wichtig ist. Kannst du eine klare Entscheidung für eine der beiden Seiten finden? Oder ist es vielleicht möglich, beide Stimmen zusammenzubringen und einen Kompromiss zu finden? Formuliere sie als vollständigen Satz. Etwa: »Ich pausiere jetzt einen Nachmittag und ruhe mich aus. Morgen rufe ich eine Person an, mit der zusammen an dem Projekt arbeiten kann.«

Das Ziel dieser Übungen des Journaling für Engagierte ist es, deinen inneren Konflikte die dich selbst schwächende Schärfe zu nehmen und dir neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen.

→ Tipp zum Weitermachen: Könnten hinter deinen Erfahrungen kollektive Muster stecken? Dann nutze das politische Journaling, um die strukturellen Mustern hinter deiner persönlichen Betroffenheit zu entdecken.

6. Politisches Journaling

Beim politischen Journaling für Engagierte geht es darum, eine Brücke zu bauen zwischen deinem privatem Erleben und dem öffentlichen, strukturellen Kontext. Nimm dir rund 10–15 Minuten Zeit und lies dir durch, was du bisher beim Journaling aufgeschrieben hast. Unterstreiche Widerholungen und Muster. Beantworte dann schriftlich die folgenden Fragen – lass dabei deinen Gedanken freien Lauf und zensiere nichts (dein Journaling-Text ist schließlich nur für dich gedacht, niemand sonst wird ihn lesen, wenn du das nicht möchtest):

  • Spiegeln mein Erlebnisse, Gedanken und Emotionen größere strukturelle Probleme wider? Wenn ja, welche?
  • Was sagen meine Erfahrung über das System aus, in dem wir leben und aktiv sind?
  • Welche politischen Forderungen und/oder Visionen folgen aus diesen Erkenntnissen?

Die Idee des politischen Journaling für Engagierte ist es, deine privaten Erfahrungen zu politisieren. Es zeigt dir, wofür oder wogegen du dich engagieren möchtest und warum das so wichtig ist. Es hilft dir Gleichgesinnte zu finden und dich nicht allein mit deinen Schwierigkeiten und Herausforderungen zu empfinden.

→ Tipp zum Weitermachen: Auf der Suche nach der großen Vision? Dann nutze das utopische Journaling für Engagierte, um dir (und ggf. anderen) auszumalen, wie deine bessere Welt aussieht.

7. Utopisches Journaling für Engagierte

Vom Klagen zum Träumen – darum geht es beim utopischen Journaling für Engagierte. Hier schreibst du auf, wie die Welt aussieht, wenn dein Ziel erreicht, deine Forderung erfüllt, dein Anliegen verwirklicht ist. Dieses Journaling wirst vermutlich nicht täglich durchführen. Aber es lohnt sich, sich immer mal wieder Zeit dafür zu nehmen. Dann jedoch ist es hilfreich, wenn du dir etwas mehr Zeit gibst. Ich würde sagen mindestens 30 Minuten, besser 1–2 Stunden. Die folgenden Fragen können dich beim Schreiben inspirieren. Finde darüber hinaus aber auch die Fragen, Themen, Gedanken und Inspirationen, die für deine Utopie wichtig sind:

  • Stell dir vor, du reist in die Zukunft und erlebst einen Tag in deiner Utopie: Wie sieht dieser Tag aus? Was erlebst du? Wenn triffst du? Was tust du? Worüber redest du? Was hörst, riechst, schmeckst, fühlst und siehst du? Schreibe eine wunderbare Geschichte über deinen Tag in der Zukunft.
  • Beschreibe den Weg dorthin. Stell dir dazu zum Beispiel vor, dass du dir von den Menschen in der Zukunft erzählen lässt, wie sie die für die Utopie notwendigen Veränderungen erreicht haben. Wie haben sie es geschafft, Zweifelnde und Widersacher*innen mitzunehmen? Welche weiteren Hürden und Herausforderungen gab es und wie wurden sie gemeistert? Welche besonderen Erfolge und Meilensteine gab es und wie wurden sie erreicht?
  • Schließe deine Erlebnisbericht mit einer Selbstreflexion ab: Wer wirst du gewesen sein? Was wird dein Beitrag zum Gelingen der Utopie gewesen sein? Und zu welchem Menschen wird dich das gemacht haben?
  • Und zu guter Letzt: Wie geht es dir jetzt, wo du all das aufgeschrieben hast? Welche tiefen Gedanken gehen dir durch den Kopf? Welche Emotionen hast du?

Das Ziel des utopischen Journaling für Engagierte ist es, dich selbst zu motivieren und dir eine klarere Vision zu schenken. Du kennst nun deine Richtung und hast aber auch erfahren, dass es viele kleine Schritte braucht, um sie zu erreichen. Das kann dir den Druck nehmen, den du dir vielleicht machst (du musst nicht jetzt alles sofort schaffen und auch nicht alleine!).

Sicherheit und Grenzenworüber du nachdenken solltest

Alle Methoden des Journaling für Engagierte dient erst einmal dir selbst und deinem Erkenntnisprozess. Es geht dabei (noch) nicht darum, eine Geschichte zu erzählen, die andere bewegt oder aktiviert (dazu kannst du mehr erfahren in unserer Anleitung »Wie du mit Storytelling Menschen aktivierst«). Deshalb solltest du auch darauf achten, dass dein Journaling nicht in falsche Hände und/oder an die Öffentlichkeit gerät. Diese Sicherheit erlaubt es dir, im Schreibprozess besonders offen und unzensiert zu sein. Du kannst dich vor niemandem blamieren. Du brauchst keine Angst vor Scham- oder Schuldgefühlen zu haben. Was du geschrieben hast, geht nur dich etwas an – es sei denn du entscheidest dich nachträglich anders.

Deshalb wäre meine Empfehlung auch, dass du dein Journaling für Engagierte handschriftlich machst. Einerseits kann deine Hand mit dem Stift auf Papier durch die physische Erfahrung deine Gedanken noch einmal ganz anders anregen. Andererseits kann niemand ein analoges Journal hacken. Anders als in digitales.

Es kann aber auch wichtig sein, dass du andere in deinen Aufzeichnungen schützen möchtest. Überlege dir deshalb, ob du manche Menschen und Orte anonymisierst, ihnen also einen falschen Namen gibst.

Journaling für Engagierte: vom Experiment zur Routine

Ich empfehle dir, deine Journaling-Praxis erst einmal als ein zeitlich befristetes Experiment zu betrachten. Fang am besten mit kleinen, einfachen Zielen an. Zum Beispiel, dass du dreimal in der Woche schreibst und das einen Monat lang. Oder dass du während einer Protestaktion täglich schreibst. Mach das Journaling für Engagierte am besten zu einer festen Uhrzeit. Etwa direkt morgens nach dem Aufwachen im Bett. Oder nach dem Mittagessen im Café. Oder abends vor dem Schlafen gehen auf der Couch. Es hilft dir, wenn du es schaffst, eine kleine Routine daraus zu machen, die sich gut in deinen Alltag einfügt.

Sei wild entschlossen, dein Journaling für Engagierte durchzuhalten – aber setze dich gleichzeitig nicht unter Druck. Sobald es dir nicht mehr gut tut, machst du eine Pause.

Wenn du einmal ausgesetzt, es vergessen oder einfach nicht zum Journaling für Engagierte gekommen bist, dann mach dir keine Schuldgefühle. Du bist auch nur ein Mensch. Fang einfach wieder an und mach weiter. Deute die Aussetzer einfach um: sie sind eine gute Pause, kein Versäumnis oder gar Versagen!

Überlege, ob dir Erinnerungshilfen gut tun würden: ein Eintrag in deinem Kalender, eine Erinnerung von deiner App, ein kleines Bildchen oder Zeichen an deinem Schreibtisch …

Ziehe am Ende deines Experimentes ein bewusstes Fazit. Was hat dir das Journaling für Engagierte gebracht? Möchtest du es in Zukunft als Routine in deinen Alltag einbauen? Brauchst du dafür noch irgendeine Unterstützung oder irgendwelche Ressourcen?

Wenn du regelmäßig ein Journaling machst, dann solltest du dir spätestens alle 3–6 Monate Zeit für eine kleine Reflexion nehmen. Schau dir die älteren Einträge an und stell dir selbst Fragen wir:

  • Wo zeigen sich Muster? Sind sie hilfreich oder möchte ich sie ändern? Wie?
  • Wie habe ich mich verändert? Was habe ich gelernt? Wie habe ich mich weiter entwickelt?
  • Welche Erfolge sehe ich? Wofür bin ich dankbar? Worauf bin ich stolz?

Journaling in der Gruppe

Auch wenn das Journaling selbst eine ziemlich introvertierte Sache ist – Journaling für Engagierte kannst du wunderbar auch in Gemeinschaft machen! Das geht übrigens auch verstreut, wenn ihr euch zum Beispiel über ein Video-Chat zum Schreiben trefft. Nach einem Check-in schreibt jede Person eine vereinbarte Zeit lang ihren eigenen Text still für sich. Abschließen könnt ihr eure Treffen mit einem Check-out, indem jede Person das aus ihrem Schreibprozess teilen kann, was sie möchte.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Ihr erinnert und motiviert euch gegenseitig. Und ihr erkennt vielleicht auch gemeinsame Muster. Dadurch wird noch offensichtlicher, wo individuelle Erfahrungen strukturelle Ursachen haben. Ihr könnt euch darüber austauschen und gemeinsame Maßnahmen und Gegenstrategien entwickeln.

→ Tipp zum Ausprobieren: Das utopische Journaling für Engagierte kannst du auch als einmalige Übung mit deiner Gruppe oder Gemeinschaft machen. Es ist eine schöne Möglichkeit, um Gemeinsamkeiten und vielleicht auch Konflikte kreativ anzugehen. Das hat meist eine verbindende, motivierende Kraft. Ihr lernt euch gegenseitig noch einmal tiefer mit euren Träumen, Bedürfnissen und Visionen kennen.

Allerdings kann das gemeinsame Journaling auch Nachteile mit sich bringen. Passt zum Beispiel auf, dass kein Gruppendruck entsteht (ich schreibe mich nichts so viel oder schön wie die anderen, dafür schäme ich mich). Und auch, dass ihr eure Grenzen gegenseitig respektiert. Niemand darf dazu überredet oder gar genötigt werden, seine Journaling-Ergebnisse zu teilen! Außerdem sollte ihr vereinbaren, dass alles, was in der Gruppe geteilt wird, auch in der Gruppe bleibt und nicht nach Außen weitergetragen wird.

Mögliche Regeln für Journaling-Gruppen

  • Wir bauen auf Freiwilligkeit: Niemand muss teilen.
  • Wir bewerten nicht (Das war aber nicht tiefgründig genug).
  • Wir sprechen die Themen ab (z. B. Heute geht es um Erfolge, nicht um Ängste).
  • Wir haben gemeinsame Schreibrituale in der Gruppe anbieten (freiwillig!).
  • Wie machen bei jedem Treffen ein Check-in: Wie geht es euch emotional mit dem Thema?
  • Wir betrachten Journaling ist politische Praxis (Wir leisten Selbstfürsorge in einem System, das uns ausbrennen lässt)

→ Tipp zum Ausprobieren: Du kannst deiner Gruppe auch mal vorschlagen, eine zeitlang jedes Treffen mit 5 Minuten stillen Schreibens zu beginnen. Wichtig: das muss freiwillig sein. Ein Satz reicht vielleicht schon. Perfektion ist dabei der Feind des Guten!

Call to Action: Journaling für Engagierte ist eine politische Praxis

Journaling für Engagierte ist kein Rückzug in einen Wohlfühleskapismus. Es ist eine politische Praxis und gibt engagierten Menschen ein gutes Fundament für mentale und physische Gesundheit. Es kann dabei helfen, das Chaos in deinem Kopf in Klarheit verwandelt, Wut in Strategie und Erschöpfung in eine kreative, produktive Pause. Die Welt braucht dein Engagement – aber sie braucht dich heil und kraftvoll, nicht ausgebrannt. Überzeugt? Dann mach den ersten Schritt: Nimm dir jetzt fünf Minuten. Schreibe über: Was bewegt mich gerade am meisten? Und wo spüre ich Widerstand in mir?

Welche Methode spricht dich am meisten an? Probiere diese Woche eine aus – und teile deine Erfahrungen mit uns, wenn du magst. Hinterlasse einen Kommentar oder schicke mir eine Email.

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Quellen

ilona

ist freie Jour­na­lis­tin, Publizistin, Projekt­ma­che­rin und Medienaktivistin. Seit über zehn Jahren schreibt sie Bücher, Blogposts, macht Podcasts, gibt Workshops und hält Vorträge. Zudem begleitet und berät sie öko-soziale Organisationen, Gemeinschaften, Künstler:innen, Kreative und Aktivist:innen bei der ganzheitlichen und nachhaltigen Planung und Kommunikation ihrer Projekte und Bücher.

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