Eva Gengler, Autorin des Buches "Feministische KI". © Luke Watzke

Warum wir dringend eine feministische KI brauchen

KI ist nicht neutral. Im Gegenteil: Sie verstärkt Vorurteile und ungerechte Machtverhälnisse. In ihrem Buch "Feministische Intelligenz" zeigt Eva Gengler, wie wir sie kritisch denken und als Werkzeug für Gerechtigkeit und Empowerment nutzen.

Künstliche Intelligenz ist doch nur ein technisches Werkzeug wie die meisten anderen auch. Wie ein Hammer oder vielleicht ein besonders schlauer Taschenrechner. Neutral und stets zu Diensten. Von wegen. KI manipuliert uns. Sie beeinflusst, wie wir arbeiten, leben und denken. Vor allem aber verstärkt sie die Vorurteile und Machtverhältnisse einer zutiefst ungerechten Welt. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin Eva Gengler erklärt in ihrem Buch „Feministische KI“ warum das so ist, worauf wir achten sollten und was wir dagegen tun können.

KI ist gefährlich

Die meisten von uns nutzen sie. Täglich. Bei der Arbeit, beim Studium, in der Schule und auch privat. Künstliche Intelligenz (ein schreckliches Wort) macht uns effizienter, hilft uns bei der Recherche, ordnet Zusammenhänge ein, gibt Ratschläge, zeigt neue Perspektiven auf und erklärt die Welt. Ganz nebenbei kann sie zaubern: Aus unseren kühnsten Ideen in wenigen Sekunden Texte, Bilder, ja ganze Videos kreieren. Und sie lobt uns, kumpelt herum und verhält sich, als könne sie tief in unsere Seele schauen. Ist es da ein Wunder, dass wir ihr vertrauen und sie in jeden Lebensbereich integrieren? Nur eine Zahl: 94 Prozent der 11- bis 17-Jährigen (in Österreich) nutzen laut einer Studie von SaferInternet.at Künstliche Intelligenz [1]. In allzu naher Zukunft lassen wir womöglich lieber denken, anstatt es selbst zu tun.

Ilona und ich nutzen KI schon eine ganze Weile. Zum Recherchieren und um an Ideen zu feilen. Nicht zum Schreiben. Ehrensache. Am Anfang war mein Umgang mit der neuen Technologie recht unbedarft, aber nachdem wir damit begannen, uns von den großen Dark-Tech-Plattformen zu verabschieden, schauten wir uns nach ethischen Alternativen um. Und da geht es mit einem mal nicht mehr nur um die Frage, ob die Server in Deutschland stehen und das Angebot DSGVO-konform ist. Es geht um Inhalte. Aussagen. Antworten. Und dann fiel uns das Buch von Eva Gengler in die Hände und zeigte uns, das es noch eine andere Dimension gibt. Eine, die wesentlich größer ist: Das Zusammenspiel von KI und automatisierter Diskriminierung. Der Titel „Feministische KI“

Zuerst dachte ich, hm, ein ziemliches theoretisches Nischenthema. Doch je weiter ich las, desto klarer wurde mir, dass es uns alle betrifft. Jeden Menschen, der KI nutzt. Wirklich jeden. Und, was man leicht vergisst (oder nicht sehen will), dass es Menschen sind, die diese Technologien und Systeme prägen, die wir nutzen. Mächtige Menschen. Oder noch genauer, mächtige Männer mit großen Egos. Sie sind es, die im Hintergrund kuratieren und filtern (lassen), was wir zu Gesicht bekommen. Mit einer Technik, die in einer Welt entwickelt wird, die zutiefst ungerecht ist. Eine Welt, die sie beherrschen wollen. Und das macht KI so gefährlich. Denn durch sie bekommen wir nicht wirklich Neues, sondern das was ohnehin schon da ist. Was sie sich einfach genommen hat, um es neu zusammenzustellen, zu filtern und nach belieben an uns zu verteilen.


KI-Syteme können Information neu verknüpfen und so vermeintlich »Neues« schaffen, jedoch immer nur basierend auf bereits Bestehendem

(Eva Gengler)


Nehmen wir mal an, wir würden in einer Welt leben, in der Frauen und Männer dieselben Rechte hätten und gleich behandelt würden. In der es keine Dominanz, keine Unterdrückung und keine Ungerechtigkeit gäbe – unabhängig von Geschlecht, Ethnie, Klasse, sexueller Orientierung, Alter, Religion oder geografischer Herkunft. Dann wären die Daten mit denen die KI gefüttert worden wäre und sie heute ausgibt, komplett andere. Doch so ist die Welt nicht. Gengler weist darauf hin, dass all die Antworten die wir bekommen sich aus Informationen zusammensetzen, die in der Vergangenheit liegen. KI reproduziert eine Weltsicht, die nun mal von Männern geprägt ist und einem System, dass auf Macht, Konkurrenz, Unterdrückung und Egoismus basiert. Auf patriarchalen Strukturen, neokolonialistischen Praktiken und neoliberal-kapitalistischen Interessen. Und genau das macht sie gefährlich.

Warum reichen technische Lösungen nicht aus?

Viele Menschen denken, und das höre ich immer wieder und überall, dass KI durch mehr Transparenz oder bessere Code-Qualität gerechter würde. Ist das wirklich so? Eva Gengler argumentiert anders. Ihr reicht das nicht aus, denn es ignoriert die zugrunde liegenden Machtverhältnisse. KI ist eine Machtfrage und das geht weit über eine technische Herausforderung hinaus. Sie ist vorurteilsbehaftet, wird zur Unterdrückung, Manipulation und Desinformation eingesetzt. Und da ist KI-gestützte biometrische Gesichtserkennung (wie es morgen im Bundestag beschlossen werden soll) nur ein Beispiel [4].

Was bedeutet das für uns?

Wir vertrauen oft blind den KI-Empfehlungen, wenn es um unseren Job, um Kredite, News oder sogar Datingfragen geht. Doch ohne ein kritisches Bewusstsein verstärken wir unbeabsichtigt bestehende Ungerechtigkeiten. Bei Facebook, TikTok, X oder anderen Social-Media-Plattformen ist uns bereits unangenehm aufgefallen, dass sie Hass und Fehlinformationen zum Geschäftsmodell gemacht haben und an der Empörung auch noch verdienen. Das sollten wir nun auch bei den zahlreichen KI-Chats und -Angeboten realisieren, die uns mit Informationen, Texten, Bildern und Videos versorgen. Dazu sollten wir uns klarmachen, dass diese Technologie nicht allen zur Verfügung steht. Und, dass jede Anfrage von uns enorm viel Ressourcen, Kobalt, Lithium und Silizium, für die Technik benötigt. Strom und Wasser für Betrieb und Training. So hat ChatGPT3 allein dafür 5,4 Mio. Liter Wasser verbraucht. 700.000 Liter allein für die Kühlung der Rechenzentren [5].

Was will feministische KI anders machen?

Ich habe verstanden, dass wir eigentlich kein technisches Problem haben, sondern ein menschliches. Aber ich habe schon so viele Diskussionen über Utopien geführt, die alle gedanklich zum Greifen nah waren. Doch genau an diesem »Faktor Mensch« immer wieder scheiterten. Ich verstehe, dass unsere Welt eine von Männern dominierte und auf sie zugeschnittene Welt ist. Und bin ehrlich gesagt fassungslos und wütend darüber, dass im Jahr 2026 so viele Menschen auf auf dieses versteinerte Männerbild reinfallen. Ein Bild, dass aus meiner Sicht zu keinem anderen Zweck existiert, als ein System zu stützen, dass von Machtkämpfen und Konkurrenz lebt, und außer Unterdrückung und Zerstörung nicht viele Lösungen zu bieten hat. Wir alle sind so sozialisiert, dass wir glauben, die Welt sei nun mal so. Ein feindlicher Ort, an dem es allein darauf ankommt, stärker zu sein als die anderen. Was will und was könnte feministische KI daran ändern?

Eva Gengler empfiehlt, und da folge ich gern, unsere sozialen Strukturen anzugehen. Und nicht nur technische Anpassungen an irgendwelchen Algorithmen vorzunehmen. Hierzu nennt sie einige feministische Prinzipien. Es geht nicht, wie man vielleicht denken könnte, um eine »weibliche KI«, sondern um fundamental gerechtere Strukturen. Den Einsatz von Technologie für das Empowerment und nicht zur Verstärkung bestehender Hierarchien.


Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass KI-Systeme eine Gefahr für marginalisierte Menschen und sogar für unsere Demokratien darstellen können. Und viele wollen das ändern – wissen aber oft nicht wie.

(Eva Gengler)


22 feministische Prinzipien als KI-Ansatz

In dem Buch hat Eva Gengler insgesamt 22 Prinzipien gesammelt, auf denen ihre Handlungsvorschläge beruhen. Die gefallen mir so gut, dass ich sie hier im Wortlaut aufliste. Ich hoffe, das geht in Ordnung. Denn hinter jedem Begriff und jeder Beschreibung steht eine Idee, die weit in unsere sozialen Strukturen und damit in die Nutzung dieser neuen Technologie hineinreichen könnten. Es lohnt sich, über jedes nachzudenken.

  • Transformation: Aktivistische und intrinsisch-treibende Kraft der Veränderung mit dem Ziel, Macht gerechter zu verteilen und (KI)Systeme gerechter zu machen.
  • Gerechtigkeit: Gestaltung und Einsatz von KI-Systemen, um die Welt für alle gerechter zu machen.
  • Empowerment: KI-Systeme zur Stärkung marginalisierter Gruppen und zur Förderung ihrer Selbstbestimmung gestalten und einsetzen.
  • Handlungsfähigkeit: KI-Systeme zur Stärkung von Autonomie und Selbstbestimmung marginalisierter Gruppen gestalten und einsetzen.
  • Advocacy: Bei der Gestaltung und beim Einsatz von KI-Sytemen die Interessen marginalisierter Menschen ins Zentrum stellen.
  • Anerkennung: Würdigung der vielfältigen Arbeit aller Menschen, die in der Gestaltung und im Einsatz von KI-Systemen geleistet wird und zu oft unsichtbar bleibt.
  • Dekolonialität: Hinterfragen und Überwinden westlich-zentrierter Ansätze in der Gestaltung und im Einsatz von KI-Systemen.
  • Dezentralisierung: Förderung dezentraler KI-Systeme und -Entscheidungsstrukturen, um ungerechte Machtkonzentration zu vermeiden.
  • Intersektionalität: Berücksichtigung sich überschneidender Identitätsmerkmale und Diskriminierungsformen in KI-Systemen, um diese sichtbar zu machen.
  • Liebe: Liebe, Wertschätzung und Mitgefühl gegenüber allen Lebewesen und unserer Umwelt als zentrale Treiber hinter Gestaltung und Einsatz von KI-Systemen.
  • Fürsorge: Verantwortung und Achtsamkeit als Grundlage für die Gestaltung und den Einsatz von KI-Systemen.
  • Diversität: Einbeziehung und Förderung eines breiten Spektrums von Perspektiven, Erfahrungen und Identitäten in KI-Entscheider:innen, KI-Entwicklungsteams und Datensätzen.
  • Ökologie: Berücksichtigung der Auswirkungen von KI-Systemen auf die Verflechtungen menschlicher Systeme mit Ökosystemen sowie Gestaltung und Einsatz von KI-Systemen, um diese zu schützen.
  • Nachhaltigkeit: Gestaltung und Einsatz von KI-Systemen, die die Bedürfnisse künftiger Generationen und unseres Planeten schützen.
  • Materialität: Sichtbarmachen der physischen Grundlagen, menschlicher Arbeit und globalen Verflechtungen von KI-Systemen.
  • Reflexivität: Kontinuierliche kritische Überprüfung auf Macht und Privilegien sowie Anpassung von Praktiken, Systemen und Strukturen in Gestaltung, Einsatz und Wirkung von KI-Systemen.
  • Pluralismus: Anerkennung und Integration verschiedener Weltanschauungen und Wertesysteme in KI-Gestaltung und -Einsatz.
  • Studiertes Wissen: Berücksichtigung des spezifischen Kontextes und lokalen Wissens der Menschen und Daten bei der Gestaltung, bei Training und Einsatz von KI-Systemen.
  • Transdisziplinarität: Zusammenarbeit vielfältiger Akteur:innen und Disziplinen in KI-Forschung, -Regulierung, – Gestaltung und Einsatz.
  • Co-Kreation: Förderung von kollaborativen Prozessen, gegenseitiger Unterstützung und Verbundenheit in der gemeinsamen Gestaltung von KI-Systemen mit Nutzer:innen und betroffenen Communities.
  • Zugänglichkeit: Gestaltung und Einsatz von KI-Systemen, die mit ihren Möglichkeiten für alle Menschen zugänglich und offen sind.
  • Einverständnis: Informierte Zustimmung bei der Nutzung persönlicher und kollektiver Daten und des Einsatzes von KI-Systemen.

Das klingt alles sehr komplex und auch etwas abstrakt. Aber es geht bei alledem um etwas Einfaches: KI braucht einen Zweck. Und genau dort beginnt Genglers Ansatz.

Femistische KI in der Praxis

Gengler übernimmt Simon Sineks berühmten Satz „Start with Why“. Bevor wir fragen, wie wir KI einsetzen, müssen wir erst mal fragen, warum wir das tun. Heute lautet die Antwort bei den meisten Unternehmen: Effizienz. Kostensenkung. Skalierung. Doch wenn KI nur auf Effizienz optimiert wird, verstärkt sie die Ungleichheit immer weiter. Sie beschleunigt nur bestehende Prozesse, die bereits unfair waren. Die feministische Alternative: Frage zuerst, welchen gesellschaftlichen Wert KI stiften soll. Gerechtigkeit. Vielfalt. Selbstbestimmung. Wenn das Ziel stimmt, ändert sich nämlich alles andere – von den Daten bis zum Algorithmus.

Stelle dir diese drei Fragen

Du musst keine KI entwickeln, kein Unternehmen leiten, noch nicht einmal beruflich darüber nachdenken, um diese Prinzipien im Alltag anwenden. Stell dir einfach nur vor einer KI-Nutzung diese drei Fragen:

  1. Wer ist von dieser KI-Nutzung ausgeschlossen oder benachteiligt?
    Frage nicht nach nur einfach nach der „neutralen“ Wirkung, sondern nach der Bedeutung von Macht und Marginalisierung
  2. Wessen Wissen wurde in diesem System berücksichtigt – und wessen wurde ignoriert?
    „Neutrale“ Daten gibt es nicht; Frage nach situiertem Wissen und Machtstrukturen und wenn du es nicht weißt, frage die Firma, die sie anbietet
  3. Wer könnte Schaden erleiden – und sind es dieselben Gruppen, die schon heute marginalisiert sind?
    Denke an das Fürsorge-Prinzip: Technologie soll das allgemeine Wohlergehen fördern, nicht nur Effizienz für einige wenige maximieren

Feministische KI ist alles andere als eine technische Reparatur. Sie ist vielmehr eine grundsätzliche Haltung, die du schon heute im Alltag einnehmen und leben kannst. Befrage mal Menschen, die von KI betroffen sind und sprich nicht nur mit denen, die sie für ihren Erfolg einsetzen oder programmieren. Du wirst schnell sehen, es gibt eine Schattenseite bei der Künstlichen Intelligenz, die nicht direkt damit zu tun hat, ob sie genauso schlau ist und kreativ wie wir. Nein, bei ihr geht es um die vielen Menschen die bereits unter unserem System leiden und die Verstärkung ihres Leids durch KI. Gerade deshalb lohnt sich Eva Genglers Buch. Es ist hilft dabei, Licht in diesen Schattenbereich zu bringen. Hinzuschauen. Und das mehr als überfällig.

Mein Fazit

Der Weg zu einer wirklich gerechten KI erfordert mehr als einen Bugfix, eine Code-Korrektur. Sie ist bereits zu tief in unsere Machtstrukturen verwoben und reproduziert deshalb immer wieder bestehende Ungleichheiten. Eva Genglers Ansatz liefert den roten Faden, um dieses System anders zu denken – weg von reiner Effizienz, hin zu Gerechtigkeit, Fürsorge und Partizipation. Ich stelle mir eine Welt vor, in der Technologie nicht die Menschen belastet, die ohnehin schon benachteiligt sind, sondern ihre Selbstbestimmung stärkt. In einer feministisch gestalteten KI-Welt würden Entscheidungen transparent getroffen, marginalisierte Gruppen einbezogen und das Wohlergehen aller in den Vordergrund gestellt. Und das ist für mich keine Utopie, sondern Gestaltungsrahmen für morgen.

„Feministische KI“ hat mich über weite Strecken sehr bedrückt. Aber das ist gut, denn mein natürlicher Reflex darauf ist, etwas ändern zu wollen. Es zeigt auf, wie groß das Problem ist, aber auch, dass es Möglichkeiten gibt, Verantwortung zu übernehmen. Technologie kritisch zu reflektieren – und die Welt neu zu denken.


In dem wir … große Mengen an Webtext als »repräsentativ« für die gesamte Menschheit akzeptieren, riskieren wir, dominante Sichtweisen zu verstärken, Machtungleichgewichte zu vergrößern und Ungerechtigkeit weiter zu verfestigen.

(Eva Gengler)


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Für diesen Text haben wir die KI Lumo von Proton zur Unterstützung bei der Recherche genutzt.

Links & Quellen

Marek

ist freier Medienmacher und Rebell – ein unbequemer Fragesteller und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Schon als Kind zog er mit Bleistift und Neugier los, um die Wahrheit hinter den Fassaden zu entdecken. Heute kämpft er gegen die Scheinwelten aus Manipulation, Spaltung und Oberflächlichkeit. Mit rebellischem Geist und klarem Blick berichtet er über die Themen, die unsere Zukunft formen: digitale Freiheit, gesellschaftlichen Wandel, echte Gemeinschaft und lebenswerte Zukunft. Sein Antrieb: Menschen zu inspirieren, zu motivieren und gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen.

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