Windräder nerven total, oder?

Wir alle kennen die herzzerreissenden Medienberichte, in denen arme Häuslebesitzer zu Wort kommen, die – geplagt von Windrädern in ihrer Nähe – mit den Nerven und der Gesundheit vollkommen am Ende sind.

Wir alle wissen auch, dass die Menschen – verstanden als ein gruppendynamisches Konstrukt, genannt „die öffentliche Meinung“ – dazu tendiert, die Meinung zu übernehmen, die als die am weitesten verbreitete Meinung angesehen wird. Mit Hilfe von Massenmedien lässt sich anhand von Einzelfällen daher Meinung machen – voraus gesetzt, man bekommt diese Einzelfälle so oft präsentiert, dass man annehmen muss, hier handele es sich um die Meinung der Mehrheit.

Lehnen die Deutschen Windräder wirklich ab?

Die folgerichtige Frage ist also: Lehnen die meisten Deutschen eigentlich wirklich Wind-Energie (und die damit unvermeidbaren Windräder) ab? Schaut man sich etliche der Medienberichte an, so müsste man meinen: Ja. Glaubt man einer aktuellen Meldung des Solarenergie-Fördervereins Deutschland (SFV), dann müsste man meinen: Nein. Der berichtet:

Einige Medienberichte der letzten Monate erweckten den Eindruck, es gäbe in unserer Kommune erhebliche Widerstände gegen den weiteren Ausbau der Windenergie. Uns liegt jedoch nunmehr eine detaillierte Meinungsumfrage des Forsa-Instituts (forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH) vom November 2008 vor, aus der sich ergibt, dass die ablehnenden Stimmen zumeist nicht die Meinung der Mehrheit darstellen.

Diese Forsa-Umfrage besage nämlich, dass selbst in Großstädten 57 Prozent der Bevölkerung eine Windanlage auch in ihrer Nachbarschaft (selbstverständlich bei Einhaltung der gültigen Abstandsregeln) akzeptieren würden. Besonders wichtig sei die folgende Feststellung des forsa-Instituts:

Wer selbst in der Nähe von Anlagen zur Energieerzeugung aus regenerativen Quellen wohnt, misst der Nutzung und dem Ausbau der erneuerbaren Energien sogar noch eine etwas höhere Bedeutung zu als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Bürger für Windenergie

Forsa habe in einem zweiten Fragenkomplex auch gefragt, ob Bürger Windenergie in ihrer Nachbarschaft noch höher schätzen würden, wenn durch die Einspeisung von Windstrom der Strom verbilligt würde, berichtet der SFV – dass dies bereits der Fall sei, habe forsa den Befragten jedoch nicht mitgeteilt. Das Ergebnis dieser Teilfrage:

Wenn der Preis für den eigenen Strom dadurch günstiger würde, dass er durch Windenergie erzeugt würde, dann würden sogar 72 Prozent der Befragten eine Windenergieanlage in ihrer Nachbarschaft befürworten.

Noch höher liege bei dieser Fragestellung die Zustimmung bei denjenigen, die bereits Erfahrungen mit Windenergieanlagen in der Nachbarschaft haben, nämlich bei 79 Prozent!

Den Strompreis senken

In der Öffentlichkeit sei kaum bekannt, fährt der SFV fort, dass die Einspeisung von Windenergie infolge des „Merit-Order-Effekts“ bereits seit 2005 den Strompreis senkt. Dazu folgende Präzisierung:

Eine Untersuchung des IfnE (Ingenieurbüro für neue Energien) vom 30. November 2007 im Auftrag des Bundesumweltministeriums ergibt eine Senkung des Großhandelspreises durch alle Erneuerbaren Energien für das Jahr 2006 mit einem Volumen von bis zu 5 Mrd. Euro. Zieht man davon die Einspeisevergütung für den Windstrom und alle anderen Erneuerbaren Energien ab, so verbleibt immer noch eine Netto-Ersparnis von ca. 2 Mrd. Euro.

Auswirkungen am Beispiel der Stadt Aachen: Der Stromverbrauch in Aachen liegt bei 1,36 TWh jährlich. Gegenüber einem gesamtdeutschen Stromverbrauch von 540 TWh sind das 2,5 Promille. 2,5 Promille von 2 Mrd Euro sind 5 Millionen Euro. Um diesen Betrag etwa hat sich im Jahr 2006 der Stromeinkauf für Aachen verbilligt. Pro Bürger macht das rund 20 Euro aus.

Hier scheint es also noch erheblicher Aufklärungsbedarf zu geben. Schade, dass es dafür keine vergleichbar starke Lobby zu geben scheint, wie für Atom- und Kohlekraftwerke…

Den Fachbeitrag zum Merit-Order-Effekt kann man als PDF herunter laden unter: www.erneuerbare-energien.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/eeg_kosten_nutzen_lang.pdf

Weitere Infos unter: www.sfv.de

ilona

ist freie Jour­na­lis­tin, Publizistin, Projekt­ma­che­rin und Medienaktivistin. Seit über zehn Jahren schreibt sie Bücher, Blogposts, macht Podcasts, gibt Workshops und hält Vorträge. Zudem begleitet und berät sie öko-soziale Organisationen, Gemeinschaften, Künstler:innen, Kreative und Aktivist:innen bei der ganzheitlichen und nachhaltigen Planung und Kommunikation ihrer Projekte und Bücher.

1 Kommentar

  • Das gehört gehört. Könnt ihr das nicht allen Kreisräten des Landratsamtes Biberach/Riss zumailen. Leider hab ich die Adressen nicht. In diesem schwarzen Kreis ist es verboten weitere Windkraftanlagen aufzustellen. Es ist zu scheußlich und unzumutbar.

    Das sollte weitergereicht werden. Danke. Hedwig Schick

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