Wie bekämpfe ich Hass und Gewalt, ohne (a) selbst gewaltvoll zu werden und (b) dadurch noch mehr Hass und Gewalt zu säen?
Wenn alle Seiten hochrüsten (in dem, was sie fühlen, denken, sagen und tun), fördert dies nur: Hass und Gewalt. Kampf. Krieg. Wenn ich aber gerade Kampf und Krieg vermeiden möchte, hilft letztlich nichts außer Abrüsten (in dem, was ich fühle, denke, sage und tue).
Mentales Abrüsten durch Empathie
Anfang September hatten Marek und ich zu einem abendlichen Online-Treffen unter dem Motto »Mut & Unmut« eingeladen (ein dickes Dankeschön an diese wunderbare Runde toller Menschen!). Eine unter vielen wertvollen Erkenntnissen war:
Wir können uns auf emotionaler Ebene auch dann miteinander verbinden, wenn wir in einer Sache völlig anderer Meinung sind.
Das hatten einige von uns während der Corona-Pandemie eindrücklich erlebt (auch ich). Der eine denkt so, die andere so – aber wir beide spüren beispielsweise Angst, Sorge, Ungewissheit, Verunsicherung oder Ausgrenzung und Einsamkeit. Auf dieser Ebene können wir uns treffen.
Die Erkenntnis »das ist ein Mensch, der fühlt, wie ich« kann helfen, sich gegenseitig nicht abzuwerten. Sie kann Verständnis wecken. Sogar Mitgefühl. Kurz: Verbundenheit.

Doch das reicht nicht!
Diese Einsicht darf jedoch nicht zu Passivität führen. Deprimiert abzuschalten (die sind halt wütend, was kann ich schon tun?) können sich eben nicht alle leisten. Nicht mehr. An dieser Stelle muss ich an die Worte des deutschen Pfarrers Martin Niemöller denken:
»Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.«
In einem Land, in dem Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder anderer Merkmale jetzt schon Schlimmes befürchten müssen, sind wir alle aufgerufen, Widerstand zu leisten. Egal wie empört, wütend, verängstigt oder frustriert ein Mensch ist – es muss Grenzen geben, wie diese Gefühle zum Ausdruck gebracht werden. Nur, weil mich jemand im Stadtbild stört, darf ich ihn zum Beispiel nicht ausgrenzen, zusammenschlagen oder niedermachen. Das sollte eigentlich klar sein. Ist es aber nicht mehr (überall). Dem müssen wir Widerstand leisten. Gemeinsam.
Mit »Widerstand« meine ich nicht die ganz großen Taten.
Ich denke nicht unbedingt an Gandhi, Nelson Mandela oder Rosa Parks, wenn ich von Widerstand schreibe. Ich denke an Menschen, die eine rassistische Bemerkung nicht einfach stehenlassen. Ich denke an Menschen, die gegen Häme und Abwertung im Netz angehen. Ich denke an die vielen Menschen, die in den letzten Wochen von Haustür zu Haustür gelaufen sind, um während der Landtagswahlen mit »besorgten« Bürger:innen zu sprechen. Und viele mehr. (Danke!!!)

In Liebe widersetzen
Gewaltfreier Widerstand bedeutet nicht, passiv zu sein und abzuwarten. Deshalb hat der Friedensforschers Martin Arnold Gandhis Begriff »Satyagraha« auch nicht mit »Gewaltfreiheit«, sondern mit »Gütekraft« übersetzt. Manche sagen auch »Kraft der Seele« oder »Wahrheitskraft«. Ich sage: in Liebe widersetzen. Marek: Liebkraft.
Dabei geht es darum, den Konflikt nicht zu scheuen, sondern sich ihm mutig zu stellen – aber eben mit Güte, in Würde. Der eigenen und der des anderen. Nur so zeigen wir gerade im Angesicht gewaltvoller, spaltender Haltungen: Es gibt auch eine andere, friedvolle, würdevolle und gerechte Art sich auseinanderzusetzen und zusammenzuleben!
Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um loszulegen und dranzubleiben!
Im September 2026 fand in Hamburg die IndieCon statt. Unter dem Motto »Compression or Compassion« kamen Independent Publisher aus aller Welt zusammen. Dort war u.a. eine Frau aus dem Iran, die in Tehran einen offenen Raum für Künstler:innen anbietet, die dort kleine Magazine (Zines) veröffentlichen. Ein Mann aus Somalia, der eine Zeitschrift über somalische Filmkunst publiziert. Oder eine Frau aus Mexiko, die ein deutsch-spanische Zines über politischen Widerstand veröffentlichte.
Sie alle arbeiten unter widrigsten, finanziell schwierigen, zum Teil riskanten Bedingungen. Für sie normaler Alltag. Für uns undenkbar. Mich ließen die Gespräche demütig werden und dankbar für die Möglichkeiten, die wir hier in Deutschland und Europa haben. Nutzen wir sie! Auch wenn uns Angst und Sorgen plagen, können und müssen wir eben doch auch den Mut aufbringen, in Liebe zu rebellieren – Good Rebels zu werden und zu bleiben!

Heute ein Good Rebel sein!
Was denkst du? Bist du bereit, etwas für eine offene und progressive Gesellschaft zu tun? Dann findest du im folgenden vier Schritte mit einige Ideen, Inspirationen und Anleitungen, was deine »Next steps« sein könnten … Du kannst die kleine Anleitung auch als PDF-Dokument herunterladen, ausdrucken und zu einem Zine falten (die Anleitung findest du hier).
Schritt 1: Mach einen Awe Walk
Im Englischen gibt es das wunderbar lautmalerische Wort »Awe«. Es bedeutet so viel wie »Staunen« oder »von Ehrfurcht ergriffen sein«. Es bedeutet, dass du vor etwas rational Unfassbarem stehst und dich als Teil von etwas großem Ganzen fühlst. Das kann dir beim Anblick großer Dinge widerfahren (Bergaussicht, Meer, Sternenhimmel) oder kleiner (Lichtstrahl, Blatt, Libelle). Dieser emotionale Zustand wurde gut erforscht.
Es hat sich gezeigt, dass Awe Menschen optimistischer, resilienter, offener, großzügiger, dankbarer und gütiger macht. Alles Eigenschaften, die wir als Good Rebels auf jeden Fall kultivieren sollten, meine ich. Gerade an solchen Tagen.
Wie? Zum Beispiel mit einem 15-minütigen Awe Walk. Dacher Keltner (Professor für Psychologie) empfiehlt folgende Schritte:
- Wähle einen passenden Ort (neu oder vertraut, in der Natur oder der Stadt, alles ist möglich).
- Achte auf deinen Atem (atme 6 Sekunden ein, kleine Pause, atme 6 Sekunden aus, kleine Pause – mache dies ein paar mal).
- Verankere dich in deinem Körper (spüre deine Füße auf dem Boden, deine Beine, Rücken, Bauch, Arme, Hals, Kopf).
- Öffne deine Aufmerksamkeit (suche nicht das Spektakuläre, sondern sieh alles wie mit neuen Augen und lass dich vom Alltäglichen überraschen).
- Sieh das Große (Panorama, Himmel, Hausfassade – was ist größer als du?)
- Sieh das Kleine (Risse, Strukturen, Tiere, Pflanzen, Verhaltensweisen, Muster …)
- Kehre zwischendurch zu deinem Atem zurück (6 Sekunden einatmen, Pause, 6 Sekunden ausatmen, Pause – wiederhole dies mehrmals). Bleibe offen und aufmerksam, ohne zu werten oder zu erklären.
- Beende deinen Awe Walk mit einem Nachspüren (wie geht es dir? Was hat dich erstaunt, verwundert, mit Ehrfurcht erfüllt? Was hättest du sonst übersehen?)
Schritt 2: Sammle Ideen
Wenn du nun voller »Awe« bist, kannst du dich fragen: Was würdest du am liebsten ändern? Wofür möchtest du dich einsetzen? Nimm dir ein Stück Papier, 10 Minuten Zeit und einen Stift. Schreibe in rund 5 Minuten alles auf, was dir als Antwort auf die folgende Frage kommt:
Was kann ich in dieser Woche tun, um mich für/gegen … einzusetzen?
Liste alles auf. Auch wenn es »doof« ist. Nach 5 Minuten ist die Zeit um. Gehe nun deine Liste durch und bewerte jede Idee auf einer Skala von 0 bis 5:
(a) wie wirkungsvoll ist die Idee?
(b) Wie viel Lust habe ich darauf?
Nimm dir die ein bis drei Ideen mit der höchsten Punktzahl und plane konkret, wie du sie diese Woche umsetzen kannst. Wenn es dir zu aufwendig erscheint, auch nur eine deiner Ideen umzusetzen, dann frage dich:
Welchen ersten, machbaren Schritt könnte ich diese Woche tun, um der Umsetzung meiner Lieblingsidee näher zu kommen?
Schritt 3: Fokussieren und loslassen
Der mit Abstand häufigste Grund, den Marek und ich hören, warum sich Menschen nicht (stärker) für eine bessere Welt engagieren ist: »Ich hab keine Zeit!« – geht es dir auch so?
Dagegen haben wir was. Den Fokus. Dabei geht es nicht nur darum, Prioritäten zu setzen und sich zu vergegenwärtigen, was dir wirklich wichtig ist, in deinem Leben zu tun oder zu sein. (Mehr dazu auch in einem Artikel von Marek).
- Nimm dir wieder 10 Minuten Zeit.
- Erstelle zunächst eine Liste mit all den Dingen, die dir im Leben wichtig sind. Das können profane Sachen sein (Geld verdienen, Haushalt machen) oder auch transzendente (Meditieren, Musizieren, gesellschaftliches Engagement).
- Priorisiere jeden Punkt von 1–10 und bringe sie in eine Reihenfolge.
Mindestens ebenso wichtig wie das Priorisieren ist das Loslassen. Die meisten von uns haben nämlich schlichtweg zu viele Themen auf ihrer Prio-Liste. Und genau das erzeugt das Gefühl, keine Zeit zu haben. Wenn du Dinge bewusst loslässt, bekommst du genug Zeit und Energie für das, was dir wirklich am Herzen liegt. Mehr Hintergrundinfos findest du in dem Beitrag »Hört auf zu Priorisieren!« von Dr. Barbara Sennholz-Weinhardt sowie eine kleine Übung im Loslassen mit Video-Anleitung.
Schritt 4: In Liebe widersetzen
Sich in Liebe zu widersetzen bedeutet, sich aktiv und mutig an die Konfliktbearbeitung für Gerechtigkeit zu machen. Nicht wegzusehen, sondern einer Unrechtshaltung entschieden entgegenzutreten. Von Bedeutung ist dabei, dass ein liebevoller Widerstand nicht nur den anderen verändert, sondern immer auch dich selbst. Das bewahrt dich davor, in Wut oder Resignation zu rutschen. Ein paar Tipps dazu:
- Schau nicht weg, sondern reagiere so früh wie möglich.
- Sprich von dir („ich sehe das anders“) anstatt andere zu diskreditieren („du liegst falsch“).
- Stehe Betroffenen bei und sprich Diskriminierende an.
- Stelle Fragen statt Vorwürfe zu formulieren: „Was meinst du damit?“
- Trete freundlich, gütig und offen auf, aber bleibe konsequent.
- Suche Bündnisse und mach dich gemeinsam mit anderen hörbar!
- Kultiviere die liebevollen Widerstand: denke nach, übe dich, lerne aus Fehlern, mach weiter!

Zine »In Liebe widersetzen« herunterladen, ausdrucken und falten:
Lade dir das illustrierte Zine mit den vier Schritten herunter, drucke es aus wie unten zu sehen und folge den Anleitungen. Oder drucke es mehrfach aus und verschenke es an Menschen. Je mehr sich in Liebe widersetzen, desto besser! 🙂

Was ist passiert, als du die vier Schritte umgesetzt hast? Wenn du Lust hast, dann schreibe uns doch, wie es bei dir gelaufen ist – oder folge uns bei Mastodon, um zu sehen, was wir so gemacht haben ;-).
Anstoß zum Nachdenken
- Gab es in deiner Vergangenheit eine Krankheit, ein Verlust oder ein unerwartetes Ereignis, das zu einem Wendepunkt in deinem Leben wurde?
- Gibt es etwas, gegen das du dich gerade wehrst, was deine Aufmerksamkeit verlangt?
- Was müsste sich in dir vielleicht lockern, damit etwas Neues entstehen kann?

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