Das Wunder von Medellín: Vom Drogensumpf zum Hoffnungsmodell

Das Wunder von Medellín

Vom Drogensumpf zum Hoffnungsmodell: Verfilmt wurde das Leben des Drogenhändlers Escobar – dabei ist das, was die Bewohner der kolumbianischen Stadt Medellín geschaffen haben, viel sehenswerter: Statt Gewalt und Kriminalität, die Escobar und andere Drogenbarone hinterließen, haben sie mit Poesie, Architektur, Gemälden und Hip Hop einen Wandel hin zu Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden geschaffen… Eine Reportage von Andreas Koller.

Die Sonne taucht die Stadt in ein letztes, goldenes Licht. Im Parque del Deseos herrscht eine fröhliche, eine friedliche Stimmung. Familien treffen sich zum Picknick. Nach Einbruch der Dunkelheit flimmert ein Animationsfilm über die Fassade des gegenüberliegenden Planetariums. Das alles wäre noch vor 15 Jahren undenkbar gewesen, als in weiten Teilen der Stadt nachts Ausgangsperre herrschte. Damals beherrschten Drogenkartelle, Gewalt und Kriminalität die Stadt. Damit ist Medellín ein wunderbar ermutigendes Zeichen dafür, wie groß und umfassend ein Wandel sein kann – wenn wir alle uns dafür einsetzen.

Allen war klar: „So geht es nicht weiter! Die Gewalt muss aufhören!“

Anfang der 90er Jahre hatte der Krieg der Drogenkartelle Medellín an den Rand des Abgrunds gebracht: Jährlich fielen ihm 7.000 Menschen zum Opfer, das öffentliche Leben erstickte. „Wir hatten die Wahl: fliehen oder handeln“, erinnert sich Fernando Rendón, der damals das Poesiefestival gründete, das Alles ins Rollen brachte.

Unter dem Motto „Poesie ist Macht“ zusammen mit einigen Intellektuellen lud er 1991 zu nächtlichen Lesungen von Liebesgedichten in einen öffentlichen Park ein. Trotz Ausgangsperre folgten dem Aufruf 3.000 mutige Menschen, die Polizei ließ sie gewähren, die Gewalt blieb aus. Die Zivilgesellschaft setzte ein Zeichen gegen Hass und Terror.

Das Wunder von Medellín: Bürger*innen verändern ihre Stadt

Poesie und Protest

Was als Protestaktion begann, entwickelte sich zu einem der wichtigsten Literaturfestivals Südamerikas, das 2006 den alternativen Nobelpreis bekam, weil es bewiesen hat, „wie Kreativität, Schönheit, freier Ausdruck und Gemeinschaftssinn selbst unter von Angst und Gewalt geprägten Bedingungen blühen und diese überwinden können“ so die Laudatio.

Doch nicht nur die Zivilgesellschaft erwachte. Auch die nationale Politik unternahm Schritte hin zu Frieden und Stabilität. Konfliktparteien wurden entmilitarisiert, eine verfassungsgebende Versammlung schrieb – erstmals in der Geschichte Kolumbiens – demokratische Prinzipen, Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit fest und die lokalen Regierungen erhielten mehr Macht und Verantwortung.

Demokratische Architektur und urbane Akupunktur

Demokratische Architektur soll die Grundwerte einer demokratischen Gesellschaft sicht- und erlebbar machen. In Medellín schaffte der Aktivist Sergio Fajardo 2004 den Sprung ins Bürgermeisteramt. Gleich zu Beginn setzte er neue Akzente und erarbeitete mit seinem Kabinett den Wertekanon, dem sich alle verpflichteten: Transparenz und Rechtsstaatlichkeit, Null Toleranz gegenüber Korruption, Gewaltfreiheit sowie Beteiligung und Teilhabe für alle Bürgerinnen und Bürger.

Seinen Hauptfokus legte Fajardo darauf, das gesellschaftliche Ungleichgewicht abzuschaffen – und gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Transport, Gesundheitswesen, Kultur und Architektur für alle zu gewährleisten.

Fajardo hatte nicht nur klare Visionen für das Neue Medellín, er hatte auch ein feines Gespür für Menschen und ihre Potentiale. Als der Städteplaner Alejandro Echeverri seine Leuchtturmprojekte öffentlich kritisiert, machte er diesen kurzerhand zum Stadtbaumeister. Gemeinsam entwickelten sie die „Urbane Akupunktur“ – ein feinmaschiges Netz von Infrastruktur, Bildungs- und Betreuungsangeboten. Dabei fingen sie in den schwierigsten Vierteln an und etablierten zwanzig Bibliothekparks und 350 Kindertagesstätten als soziokulturelle Zentren.

Das Wunder von Medellín: Bürger*innen verändern ihre Stadt

Santo Domingo: Bibliothek und Polizei

Auch die drei schwarzen Monolythen der Biblioteca España, die hoch über dem Norden der Stadt, im Barrio Santo Domingo, thronen, zeugen vom Wandel. Sie sind wohl das bekannteste Beispiel der Demokratischen Architektur Medellíns. Entstanden sind sie 2005 bis 2007, also zu einem Zeitpunkt, als kriminelle Banden den Stadtteil terrorisierten und sich die Polizei kaum ins Viertel wagte.

Heute gibt es in dem Viertel moderne Polizeistationen und gut ausgebildete Polizisten, die den Bürger*innen das Vertrauen in den Rechtsstaat wieder zurückgeben. Und so kehrt in Santo Domingo – auch wenn die Situation immer noch fragil ist – zu Normalität zurück. Nur zahlreiche Wandbilder bezeugen die leidvolle Vergangenheit und sollen vor dem Vergessen bewahren. Erinnern um nicht zu Wiederholen – ein Gedanke, dem wir im Casa de la Memoria oder auf der Plaza de San Antonio wieder begegnen.

Die Metro: Das Rückgrat des neuen Medellíns

Neben der Architektur ist der Öffentliche Personennahverkehr ein wesentlicher Stützpfeiler des Wandels. Wie ein Rückgrat durchzieht die Metro – eine S-Bahn – das Stadtgebiet von Norden nach Süden. Die Metrocables – Gondelbahnen – ergänzen sie und erschließen die Barrios an den Berghängen. Als identitätsstiftende Symbole verbinden sie die Menschen nicht nur geographisch, sondern auch gesellschaftlich.

In unmittelbarer Nähe der Stationen entstanden Parks, Museen und Zentren. Räume der Begegnung, die die Stadtbewohner*innen gerne nutzten. Das Transportsystem eröffnet auch den Bewohnern der Hüttensiedlungen an den Berghängen einen direkten Zugang zu Infrastruktur und Arbeitsplätzen der Innenstadt und damit die Aussicht auf ein geregeltes Einkommen.

Das Wunder von Medellín: Bürger*innen verändern ihre Stadt

Bürger*innen machen’s möglich!

Doch es waren nicht nur die Politiker, die den Wandel herbeiführten. „Ohne die Frauen und Männern an der Basis hätten die Projekte der Regierung niemals Fuß fassen können“, erklärt Elcy, die damals dagegen kämpfte, dass die Vorgängerregierungen die Ärmsten zugunsten lukrativer Bauflächen vertreiben wollten – und heute in der Gärtnerinnen-Kooperative „Manos que siembran vida“ (Hände die Leben säen) ein geregeltes Einkommen gefunden hat.

Damit ist sie einer Meinung mit dem Stadtbaudirektor der 1990er Jahre, Alberto Perez: „Natürlich spielten die Großindustriellen, Politiker und Architekten eine zentrale Rolle. Aber es war vor allem ein riesiges kollektives Experiment. Ohne die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger wären wir nicht weit gekommen.“

Comuna 13: HipHop für eine friedliche Gesellschaft

Den Anteil, den private und kirchliche Initiativen am Wandel haben wird in der ehemals hart umkämpften Comuna 13 augenfällig. Wer in diesem Quartier aufwuchs, hatte früher kaum Alternativen zur Karriere im Drogenkartell. Heute lässt sich diese Vergangenheit nur noch erahnen. Die fröhlich bunt gestrichenen Häuser mit kleinen Vorgärten wirken einladend. Plakate begrüssen die Besucher und bunte Graffitis drängen sich ins Blickfeld. Sichtbare Spuren der „Elite de HIP-HOP“, einem Künstlerkollektiv, das mit einer professionellen Hip-Hop Schule den Jugendlichen Selbstvertrauen vermitteln und Perspektiven aufzeigen will.

Mit Rap, DJing, Break-Dance und Graffitis werden die Werte von Gewaltfreiheit und friedlichem Zusammenleben vermittelt. Einige Hundert Jugendliche haben diese Ausbildung bereits gemacht. Einige davon brachten es zu nationalen Ruhm und einem soliden Einkommen. Sie sind nun die Vorbilder für die nachwachsende Generation. Auch etablierte Unternehmer haben Berührungsängste abgelegt, fördern die Arbeit der Elite de HIP-HOP und geben Jugendlichen aus der Comuna 13 eine Chance – als reale Alternative zur Karriere im Drogennetzwerk.

Das Wunder von Medellín: Bürger*innen verändern ihre Stadt

Der Friede in Medellín: ein fragiles Gut

Die jüngste Geschichte Medellíns grenzt an ein Wunder. Doch solange die Ursachen der Konflikte nicht ausgeräumt sind und die ungelöste Landfrage weiterhin Menschen von ihrem Land in die Hüttensiedlungen am Stadtrand treibt, bleibt der Friede in Medellín – trotz aller Erfolge – ein zerbrechliches Gut. Eine ganze Generation ist mit dem Krieg aufgewachsen. Opfer und Täter gleichermaßen in die Gesellschaft zu integrieren bleibt die größte Herausforderung.

Doch das, was die Menschen bereits erreicht haben, und der Friedensvertrag zwischen Regierung und den FARC-Rebellen, der bald zustande kommen kann, stimmen zuversichtlich. Und eines zeigt die Geschichte von Medellín zeigt uns allen: Ob in Lateinamerika oder hier bei uns – der Wandel ist möglich!

Andreas Koller berät Unternehmen und Menschen, damit sie ihre Zukunft positiv und nachhaltig gestalten können. Er lebt in Engelburg in der Schweiz und war letztes Jahr für fünf Monate in Lateinamerika, um bei einer Entdeckungs- und Forschungsreise Projekte der Hoffnung und des Wandels aufzuspüren. http://artesis.ch

Autor: Andreas Koller
Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar