Ilona und Marek machen sich in einem kleinen Raumschiff auf den Weg ins Fediverse.

Digitale Rebellion Teil 1: Unser Leben mit Big Tech

Wir wollen die Welt verbessern – während Big Tech droht unsere Demokratie zu zerstören. In dieser Serie zeigen wir, wie wir Facebook, Google & Co. verlassen – und trotzdem sichtbar bleiben. Sie ist ein Aufruf an alle, die sich engagieren wollen – ohne ihre Seele zu verkaufen. Ein Aufruf zur digitalen Rebellion. (Mit Audio-Version)

Es reicht. Wir haben die Zelte abgebrochen – und uns von (fast) allen großen Social-Media-Plattformen verabschiedet. Jetzt beginnt eine Reise ins Ungewisse. Wir wollen von unserer Arbeit für eine bessere Welt erzählen, von Menschen, Projekten und Organisationen. Brauchen Reichweite und Sichtbarkeit. Aber wie geht das, ohne die großen Big-Tech-Plattformen? Unser Reiseziel: Echte soziale Netzwerke. Unser Plan: Digitale Rebellion. Eine Erzählung in acht Etappen.

Der erste Teil ist eine Bestandsaufnahme. Wenn du gleich zum praktischen Teil willst, springe einfach nach unten zum Status-Quo-Check.

1. Etappe: Status Quo — unser Leben mit Big Tech

Ich weiß, es ist sperrig, nervt und bringt überhaupt keinen Spaß. Aber spätestens seitdem wir alle direkt beobachten können, wie groß der Einfluss nur weniger Tech-Milliardäre auf unsere Kommunikation, unser Verhalten, die Politik und damit sogar unsere Demokratie ist, führt kein Weg mehr daran vorbei. Wir brauchen eine digitale Rebellion. Eine neue ethische Landkarte, neue Wege und neue Ziele auf unserem Weg in die Zukunft. Aber wie genau soll das gehen? Damit beschäftige ich mich in dieser Serie. Und die beginnt mit einem Blick zurück.

Don´t be evil

Seit fast 20 Jahren betreiben Ilona und ich unser Projekt. 2007, als wir mit dem Online-Magazin an den Start gingen, sah alles noch ganz anders anders aus. Die Weltwirtschaft erzitterte, Facebook hatte gerade mal Like-Buttons und Newsfeeds eingeführt und Google warb immer noch mit seinem „Don´t be evil“. Social Media war Neuland und Projektionsfläche für transformative Ideen und weltweit unbegrenzte Kommunikation. Ein bisschen wie Andy Warhols Spruch:


In Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein.

Andy Warhol (US-Künstler, Filmemacher, Verleger) [1]


Ein wirklich süßes Versprechen, das noch heute gut funktioniert. Es beinhalte die Möglichkeit, seine Stimme in die Welt zu senden, Bewunderer, Fans, aber auch, Gleichgesinnte zu finden. Sich zu vernetzten und gute Ideen voranzubringen. Für die gute Sache einzutreten. Genau das Zeitfenster, in dem wir unsere Jobs kündigten, um uns auf das zu konzentrieren, was uns wirklich wichtig war: eine bessere Welt.

Ökologie und Technologie

Für mich gab es schon in den 1980er Jahren zwei große Themen: Ökologie und Technologie. Das eine war der Blick auf das Existenzielle, das Leben selbst, und die Weitung der Wahrnehmung auf die Welt um uns herum. Die Natur, die Wälder, die Meere, die Lüfte, die Tierwelt. Auf die Frage, wie wir es schaffen können, so zu handeln, dass wir unsere Lebensgrundlagen und die anderer Mitgeschöpfe und kommender Generationen nicht zerstören. Das andere war geprägt von einer großen Faszination für die Möglichkeiten, die neue Technologien eröffnen könnten. Ein bisschen Science Fiction, ein bisschen Rettungsanker. Ich hatte den Eindruck, dass diese beiden Themen immer wichtiger, ja, das sie sich positiv stützen und begünstigen würden. Kurz: Ich war nerdiger Trottel.

Heute weiß ich, dass all das Gerede von Zukunft und Forschritt, von Technologie, die irgendwan unsere Welt retten wird, dazu geführt hat, weitreichende Entwicklungen zu akzeptieren. Sie als etwas Positives zu sehen und nicht groß zu hinterfragen. Doch je mehr das ganze Fahrt aufnahm, desto klarer wurde, dass die ökologische Zerstörung durch Technik durch unsere menschlichen Erfindungen, durch unseren Tatendrang und starres Effizienzdenken verheerend sein würden.

Internet als Hoffnungsbringer

Denn während wir uns in einer technologischen Utopie einrichteten und die Vorzüge all der Gadgets und Tools nutzten, das Internet als eine völlig neue, grenzenlose digitale Welt feierten, begann andere bereits damit, sie unter sich aufzuteilen. Am Anfang, in den 1990er Jahren, als das Internet noch jung war – zumindest für die meisten – war es wie ein riesiger, neuer demokratischer Raum, in dem jede Stimme gehört wird. Doch das hielt nicht lange. Kapitalkräftige Unternehmen verwandelten es binnen weniger Jahre in einen Albtraum.

Ehrlich gesagt, war ich anfangs wie der berühmte Frosch auf der heißen Herdplatte. Ich war zwar skeptisch, blieb aber sitzen. Dann fing ich an zu rebellieren. Und wo auch immer, auf die Gefahren der in rasantem Tempo größer werdenden Tech-Konzentration hinzuweisen. Denn es geht hier um mehr als nur Technik – es geht um Demokratie, Transparenz und das Recht auf eine eigene Meinung. Und die darf nun mal nicht in die Hände weniger fallen.

Heute mache ich mir den Vorwurf, das ich nicht lauter und konsequenter war.

Erste Zweifel überhört

Technologie ist immer nur so gut, wie der Mensch der sie nutzt. Deshalb muss sie allen gehören, wie ein essentielles Grundnahrungsmittel oder sauberes Wasser. In den falschen Händen wird sie zu einem Machtinstrument. Das kann gut gehen, aber auch eine gewaltige Schieflage bekommen. Das erste Mal wurde ich auf dieses Missverhältnis aufmerksam, als ich 1989 die Titelstory in einer SPIEGEL-Ausgabe las: “NSA – Amerikas großes Ohr” [2]. Sie berichtete von den weitreichenden Übergriffen auf unser damals noch analoges Kommunikationsnetz. Darin stand:


Die National Security Agency (NSA), der geheimste aller Geheimdienste, lauscht rund um den Erdball und rund um die Uhr – auch in der Bundesrepublik

(Der Spiegel, 19.2.1989) [2]


Das ist 37 Jahre her! Kein Vergleich zu heute. Und doch hatte mich der Gedanke ebenso fasziniert wie abgeschreckt. Aber das alles war noch so weit weg und nicht wirklich greifbar. Wesentlich realer wurde es, als 2013 die Enthüllungen von Edward Snowden herauskamen. Sie zeigten, wie tief die Überwachung in den Alltag eingedrungen war und wie wenig Kontrolle wir darüber hatten. Plötzlich wurde mir klar, dass unsere Daten und unser Verhalten nicht nur gesammelt, sondern systematisch geteilt, ausgewertet und missbraucht werden. Nicht nur von Geheimdiensten, sondern auch von Unternehmen, die mit den Informationen Profite machen. Diese Erkenntnis ließ mich nicht mehr los und führte zu der Frage: Wie können wir als Gesellschaft unsere Privatsphäre und unsere Demokratie schützen, wenn wir gleichzeitig von digitalen Plattformen abhängig sind?

Der steile Aufstieg der Tech Bros

Das war vor 13 Jahren. In der digitalen Welt eine Ewigkeit. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Hier nur ein paar Beispiele:

  • 2013 – Snowden-Enthüllungen: NSA-Überwachung durch PRISM-Programm – Tech-Konzerne wie Google, Facebook und Microsoft kooperierten (freiwillig oder erzwungen) mit Geheimdiensten – ein Vertrauensverlust in „sichere“ Plattformen. [3]
  • 2018 – Fake News & Wahlmanipulation: Facebooks Algorithmen begünstigten Desinformation während der US-Wahl – Cambridge Analytica nutzte Daten von 87 Mio. Usern für politische Mikrotargeting-Strategien. [4]
  • 2020 – Big Tech vs. Demokratie: Twitter/Facebook sperrten Trump nach dem Sturm auf das Kapitol – was zeigte: Plattformen entscheiden über Meinungsfreiheit, nicht Staaten. Gleichzeitig: Monopolvorwürfe gegen Google/Facebook (Kartellklagen in USA/und der EU). [5]
  • 2022 – Elon Musks Twitter-Kauf: Musk übernimmt Twitter für 44 Mrd. $, entlässt einen Großteil der Belegschaft, führt Bezahl-Abos für Verifizierung ein – Chaos als Geschäftsmodell, Beschleunigung des Plattform-Niedergangs. [6]
  • 2023 – KI-Wettrüsten & Massentracking: Google/Meta setzen KI-Überwachung ein (z. B. generative KI in Werbung), während der EU-Digital Services Act versucht, Big Tech zu regulieren – erfolglos gegen die geballte Machtkonzentration. [7]
  • 2024 – Meta’s „Pay-to-Play“-Modell: Facebook/Instagram drosseln organische Reichweite auf <2% – User müssen zahlen, um gesehen zu werden. Gleichzeitig eine Hoffnung: Das Fediverse-Wachstum (Mastodon, Bluesky) als Reaktion auf Zensur/Monopole. [8] [9] [10]
  • 2025 – Big Tech als Infrastruktur-Monopole: Google/YouTube kontrollieren 25% des globalen Internetverkehrs, Google/Meta 50% der Umsätze mit digitaler Werbung. EU/USA scheitern an Regulierung – Big Tech wird zu de facto-Staaten mit eigener Währung (z. B. Meta’s „Zuck Bucks“-Pläne). [11] [12]

Und dann kamen auch noch Trump, Peter Thiel, Elon Musk und der Rest der uncoolen Gang.

Die Illusion der Sichtbarkeit

Unser Projekt „Für eine bessere Welt“ begann, weil wir zeigen wollten, wie viele Menschen sich engagieren. Wie viele tolle Ideen, Projekte und Initiativen es gibt. Dass es sich lohnt, sich einzusetzen. Und wir bauten einen Facebook-Kanal auf, machten Videos und luden sie bei YouTube hoch. Sammelten Follower, kamen ins Gespräch. Doch schon währenddessen wurde klar, dass die Kanäle immer weniger die Plattform für echten Austausch und gemeinschaftlichen Aktivismus waren.

Algorithmen bestimmten, was sichtbar wird, was verschwiegen und vor allem, welche Stimmen gehört werden. Die Kontrolle über die Inhalte liegt nicht bei den Usern, sondern bei den Konzernen, die ihre eigenen Interessen verfolgten. Oft ohne Rücksicht auf Gemeinwohl, Demokratie oder soziale Gerechtigkeit. Diese Entwicklung zu erkennen war bitter, denn gerade die digitalen Räume hatten das Potenzial, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Stattdessen wurden sie zu Orten der Polarisierung, Überwachung und des ökonomischen Ausbeutens.

Sichtbarkeit für alle ist auf diesen Plattformen eine Illusion, die zum dem Werbeversprechen gehört, das uns dazu überreden soll, unsere Daten und die unserer Follower und Fans dem System zu überlassen.

Der Moment der Entscheidung

Es ist an der Zeit, den digitalen Raum zurückzuerobern und ihn zu einem Ort zu machen, an dem Vielfalt, Transparenz und Solidarität keine leeren Worte sind, sondern Realität. Gemeinsam müssen wir eine Zukunft schaffen, in der Technik für alle Menschen da ist .

Wir alle haben uns von den großen sozialen Plattformen ködern lassen. Denn wir wollten uns privat austauschen, wollten gemocht und belohnt werden. Oder unsere Dienstleistungen und Waren anbieten. Wir haben uns auf sie eingelassen, uns bei ihnen eingerichtet und sie als Marktplätze, als Rampen unserer Interessen akzeptiert. Und nun scheint nichts mehr ohne sie zu gehen.

Medienwissenschaftler Martin Andree zeigt in seinem Buch „Der Krieg der Medien“ auf, dass im Gegensatz zu den frei zugänglichen, öffentlichen Medien Bild, Schrift, Theater, Buchdruck oder Telefon die neuen digitalen Mediengattungen den großen Digitalkonzernen gehören. Und das verschafft ihnen so viel Macht, dass sie ihre Machtakkumulation auf die politische Sphäre ausdehnen können. [13] Sie werden mächtiger als Staaten, mächtiger als die Medien. Eine Meinungsmacht, die im Begriff ist, immer mehr Unheil über die Welt zu bringen.

Das kann einem die Hoffnung rauben oder besonders anspornen. Wir empfehlen Letzteres. Und der erste Schritt, den wir auf der Reise gemacht haben, war, uns den Status Quo anszusehen. Und so hoben haben wir das gemacht:

Status-Quo-Check: Reisefertig werden

Bevor es losging, haben wir uns drei Fragen gestellt – die du dir auch stellen kannst, um handlungsfähig zu werden.

  1. Wo bin ich eigentlich abhängig?
    • Nutze ich Facebook, Google & Co. für Kommunikation, Werbung oder Vernetzung?
    • Was würde passieren, wenn ich morgen aufhören würde?
  2. Welche (bessere) Alternativen gibt es?
    • Fediverse (Mastodon/Bluesky) für echte Vernetzung.
    • Eigene Websites und Newsletter für direkte Reichweite – ohne Gatekeeper.
    • PeerTube für Videos – dezentral und werbefrei.
  3. Was riskiere ich wirklich?
    • Sichtbarkeit? Ja – aber nur kurzfristig. Langfristig gewinne ich Kontrolle.
    • Zeit? Ja – aber ich investiere sie in Communities, die mich wirklich hören.
    • Komfort? Ja. Aber ist es die Freiheit nicht wert?

Das war der Ausgangspunkt unserer Reise – und sie hat uns schon jetzt gezeigt: Es geht nicht um Perfektion, sondern um den ersten Schritt. Das Anfangen und Loslegen, das Ausprobieren. Nicht nur um das Ziel, sondern auch den Weg dahin.

Wir werden weiter berichten, wollen uns mit anderen Good Rebels vernetzen – und beweisen, dass es auch ohne Big Tech funktioniert. Vielleicht treffen wir uns ja im Fediverse.

Auf der 2. Etappe schildern wir unsere Erfahrungen, fragen uns, warum es so schwer ist, die großen Plattformen zu verlassen – und erzählen, wie wir es trotzdem geschafft haben.

Quellen & Links


Der in der Audio-Datei verwendete Sound: intro logo by mahdinegari — https://freesound.org/s/798310/ — License: Creative Commons 0

Marek

ist freier Medienmacher und Rebell – ein unbequemer Fragesteller und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Schon als Kind zog er mit Bleistift und Neugier los, um die Wahrheit hinter den Fassaden zu entdecken. Heute kämpft er gegen die Scheinwelten aus Manipulation, Spaltung und Oberflächlichkeit. Mit rebellischem Geist und klarem Blick berichtet er über die Themen, die unsere Zukunft formen: digitale Freiheit, gesellschaftlichen Wandel, echte Gemeinschaft und lebenswerte Zukunft. Sein Antrieb: Menschen zu inspirieren, zu motivieren und gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen.

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