Hilfe – ich bin ein Mensch, holt mich hier raus!

Wenn man nach einer harten, langen Woche etwas Entspannung sucht, kann man diese im Fernsehen finden. Richtig? Falsch! Denn gegen das, was einem hier geboten wird, waren die Römischen Spiele nur ein harmloser Eierlauf. Ein ultimativer Abgesang auf die Tele-Vision im Jahre 2012.

Unser Fernsehgerät empfängt ungefähr 25 Programme. In den letzten Jahren, haben wir uns immer weiter eingeschränkt und schauen davon gerade einmal fünf etwas regelmäßiger. Doch auch von diesen könnten wir uns in Zeiten von Brot und Spielen wohl getrost verabschieden.

Das einzige Mittel der Überzeugung: Geld
Als ich gestern Abend das Gerät einschaltete, mussten meine Augen mit ansehen, wie in einer viertklassigen Ekel-Show Menschen mit allerlei Ungeziefer übergossen und durch nicht näher zu benennende Flüssigkeiten getaucht wurden. Moderiert von einer grellen, kleinen Christbaumkugel und ihrer zynischen Partnerin, wurden sie aufs Abscheulichste gegängelt, dem Spott preisgegeben und so menschenunwürdig behandelt, wie es nur das Fernsehen dieser Tage zur Unterhaltung aufbereiten kann. Und wofür? Natürlich für das einzige Mittel der Überzeugung, für das Menschen sich freiwillig so erniedrigen lassen: für Geld. Ich fragte mich noch Stunden später, warum es wiederum andere Menschen gibt, die einen Teil ihrer Lebenszeit damit verbringen möchten, diese Art von „Unterhaltung“ zu konsumieren.

Es gibt ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, das lautet: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.“ Und so wie Goethe auch in anderen Dingen des tiefen Verständnisses der menschlichen Seele Recht behält, so sagt er doch hier etwas ganz Elementares. Kein Mensch erfährt die Chance sich zu entwickeln und über sich hinaus wachsen, seine Schwächen und Niederungen zu überwinden, wenn wir ihm dies verhindern. Eine Fernsehshow die darauf ausgelegt ist, Menschen dem Spott preiszugeben und ihre Schwächen zu Markte zu tragen, widerspricht in ihrer Intention nicht nur diesem Gedanken, sondern auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.

Abbild unserer moralisch in den Seilen hängenden Gesellschaft?
Doch auch beim Betrachten der Senderliste, überkam mich Ratlosigkeit. So wurde in einer Talkshow abermals die „Causa Wulff“ wiedergekäut und dabei den abstrusesten Argumenten medialer Raum gewährt. Seit sechs Wochen werden sie nun mit diesem Thema geradezu bombardiert, wodurch nicht nur weitaus wichtigere Themen in den Hintergrund geraten, sondern auf dieses Thema selbst seinen Kern nicht findet. Einerseits mag sich die Frage stellen, ob die hier besprochenen, und nochmals besprochenen, Verfehlungen lediglich ein Abbild unserer, moralisch in den Seilen hängenden Gesellschaft sind – und somit mehr über uns, als über den Bundespräsidenten verraten. Eine Frage, die stets nur am Rande und unzureichend beantwortet wird. Andererseits wirft die Affäre noch eine viel wichtigere Fragestellung auf, deren Gedankenspiel den „Medien“ eine Pflicht sein sollte: Kann hinter alledem eine Absicht, eine Verdrängung, ein Verwirrspiel stecken, welche uns, die Empfänger der Meldungen von tieferliegenden Fragen abhalten soll?

Wir sind gewohnt, uns zunächst mit dem Ekel zu beschäftigen, der uns überkommt – und in gewisser Weise wohl mehr fasziniert, als uns mit den als fragwürdig zu bezeichnenden Hintergründen zu beschäftigen. Wir wollen, dass es kracht, das der Schleim nur so aus Kübeln fließt, das gewimmert wird und gestöhnt – wir wollen, dass uns unsere Unterhaltung ablenkt und Ablenkung unterhält. Dabei stumpfen wir zunehmend ab, nicht nur, wenn es um Ekelformate und Mauscheleien geht. Wir brauchen schon die volle Breitseite, damit unsere Sinne die Informationen aufnehmen und wir (wie gewünscht?) dann doch nur reflexartig reagieren. Wir pöbeln, meckern herum, schleudern unsere Blitze aus der bequemen Couchkuhle gen TV-Gerät, glauben am Ende sogar, wir hätten es „denen“ gegeben. Hätten unsere Meinung kundgetan und somit einen Beitrag geleistet. Das wir dabei nicht einmal an der Oberfläche kratzen, kratzt uns selbst herzlich wenig.

Und so zappte ich eine Weile die Senderliste des Gerätes durch und meine Enttäuschung wuchs mit jedem Sender, der sich mir präsentierte. Ob „Vergangenheitsbewältigung“ zur deutschen Geschichte, mit seltsamen heroischen Bildern unterfüttert. Ob oberflächliche oder brutalste Spielfilmunterhaltung. Ob belanglose Schnarch-Doku. Ob verzerrtes Nachrichtengetue… irgendwann beschlich mich das Gefühl, dass es gar keine Rolle spielt, was ich hier sehe, denn dümmer, werde ich in jedem Fall. So blieb mir immerhin der Griff zur Fernbedienung und zum Buch, welches sich nicht nur herausnimmt, ein Thema so weit zu vertiefen, dass es meiner Beurteilung zugänglich wird, sondern auch herrlich dabei hilft, den erlösenden Schlaf zu finden.

„Hilfe, ich bin ein Mensch…“
Kurz bevor ich in die Traumwelt überging, hatte ich einen Gedanken: „Hilfe! Ich bin ein Mensch, holt mich hier raus!“ Ich stellte fest, dass dieser Ausruf nicht nur wiedergab, was ich in den klebrigen Netzen der Fernsehunterhaltungswelt empfand, sondern auch das, was ich hörte, als ich mit offenem Mund den Niederungen des Dschungel-Ekels folgte. Einen Schrei, den jedoch dort nur die auszustoßen imstande waren, denen die Gesellschaft noch andere Auswege versprach, als den, vollgeschleimt und mit Krabbeltieren überschüttet der Meute zum medialen Fraß vorgeworfen zu werden. Dass es sich hier um Menschen handelt, deren Würde doch als „unantastbar“ gilt, muss die Medienwelt wohl vergessen haben. Und sie wird damit zu einem Symbol für das was in unserer Gesellschaft schief läuft und das, was die Quelle ihres Zerfalls bedeuten kann: Der vollständige Verlust menschlicher Würde Vieler, wenn dies nur Manchen zum Vorteil gereicht.

Und irgendwie mischten sich der Ausruf, das Gesehene und meine tiefsten Wünsche miteinander, als sich das, was wir uns als „Realität“ einreden wollen, mit meinen Träumen vermischte. Und am nächsten Morgen konnte ich mich an meine Träume nicht mehr erinnern. Und ich stand auf in der Überzeug, dass dies gut ist.

Denn bekanntlich möge man ja zum Arzt gehen, so Altkanzler Helmut Schmidt, wenn einen die Visionen plagen. Doch was, so möchte man zurück fragen, empfiehlt sich bei den Tele-Visionen dieser Tage?

Bildquelle: www.pixelio.de Henrik Gerold Vogel
Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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