Kommunale Intelligenz / Foto von Jürgen Jotzo via Pixelio

Kollektive, kommunale Intelligenz

Gerald Hüt­her ist einer der bekann­tes­ten Gehirn­for­scher Deutsch­lands und bis­lang vor allem auf­grund sei­ner Kri­tik am herr­schen­den Bil­dungs­sys­tem in die Schlag­zei­len gera­ten. Nun befasst er sich mit der Fra­ge, inwie­weit unser Zusam­men­le­ben unse­re Gehirn­struk­tu­ren beein­flus­sen – und umge­kehrt.

Was ist eigentlich eine Kommune?

»Eine Kom­mu­ne, das ist weit mehr als eine Ver­wal­tungs­ein­heit, das sind wir alle«, lau­tet Hüt­hers lapi­da­re Ant­wort. Doch in ihr ver­birgt sich mehr Tie­fe, als so man­chem viel­leicht lieb sein mag. Denn eine Kom­mu­ne ist im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes eine Gemein­schaft. Das kön­ne, so Hüt­her, eine Fami­lie, ein Dorf oder eine Stadt sein. Und sie ist im bes­ten Fall der Lern­ort, an dem wir alle – aber vor allem natür­lich Kin­der und Jugend­li­che – ler­nen: Ler­nen, wer wir sind, wor­auf es im Leben ankommt und wie wir unser Zusam­men­le­ben und unse­re Welt gemein­sam gestal­ten kön­nen.

Kom­mu­nen, das sind heut­zu­ta­ge und hier­zu­lan­de aber vie­ler­orts Gemein­schaf­ten, in denen kei­ne krea­ti­ve, in die Zukunft gerich­te­te, gemein­schaft­li­che Auf­bruch­stim­mung herrscht. Es sind Ver­wal­tungs­ein­hei­ten, in denen es den Men­schen vor allem dar­auf ankommt, das bis­her Erreich­te zu bewah­ren und zu hal­ten. Hier gedeiht kei­ne Inno­va­ti­on, kein Mit­ein­an­der und kei­ne ech­te Wei­ter­ent­wick­lung – ori­en­tiert an den wah­ren Pro­ble­men unse­rer Gemein­schaft. Hier sprießt viel­mehr Besitz­stands­den­ken, Kon­kur­renz­kampf und Miss­gunst.

Warum Kommunen unser Denken prägen

Nun sind Kom­mu­nen – wie bereits gesagt – laut Hüt­her die wich­tigs­ten Lern­or­te für uns und unse­re Kin­der. Denn laut Hüt­her kann man nie­man­den »bil­den«. Man kann nur Umstän­de schaf­fen, in denen bestimm­te Erfah­run­gen mög­lich sind. Doch wel­che Erfah­run­gen machen Kin­der und Her­an­wach­sen­de in einer Gemein­schaft, in der Kon­kur­renz­den­ken, Macht­er­halt und Bewah­rung von Pri­vi­le­gi­en im Vor­der­grund ste­hen? Kin­der und Her­an­wach­sen­de ler­nen natür­lich, dass es nichts bringt, sich in einer Gemein­schaft zu enga­gie­ren, mit ein­an­der etwas zu errei­chen und sich um ein­an­der zu küm­mern – ja, vie­le wer­den viel­leicht sogar bezwei­feln, dass es über­haupt mög­lich ist.

Das Unprak­ti­sche ist nun, dass sich genau die­se Erfah­run­gen in den Gehir­nen von Men­schen in Form neu­ro­na­ler Ver­net­zun­gen mani­fes­tie­ren. Je jün­ger wir sind, des­to tief grei­fen­der sind die­se Ver­schal­tun­gen. Je älter wir sind, des­to schwie­ri­ger ist es, sie umzu­po­len. In jedem Fall aber sor­gen die­se Ver­drah­tun­gen für Über­zeu­gun­gen und eine bestimm­te Wahr­neh­mung der Welt. Das wie­der­um führt dazu, dass sich die Welt auch in eben­die­se Rich­tung ent­wi­ckelt. Wer eine feind­li­che und unwirt­li­che Umwelt erwar­tet, der erschafft sie zugleich auch.

Community Education: Die positive Kraft der Kommune

Umge­kehrt kön­nen gut funk­tio­nie­ren­de Kom­mu­nen aber auch Gehirn­ent­wick­lun­gen ermög­li­chen, die wie­der­um zu einer stär­ke­ren, krea­ti­ve­ren und sta­bi­le­ren Gemein­schaft füh­ren. Wich­tig ist laut Hüt­her dazu vor allem, Kin­dern und Jugend­li­chen die Lern­or­te zu bie­ten, die sie dazu brau­chen. Und das sind Erwach­se­ne, die es Kin­dern ermög­li­chen, eige­ne Erfah­run­gen zu machen. Das setzt vor­aus, dass die Mit­glie­der Kom­mu­ne ihre Fähig­kei­ten wert­schät­zen – und dass sie tat­säch­lich die Mög­lich­keit haben, in der Kom­mu­ne etwas zu bewir­ken, ernst genom­men und gebraucht zu wer­den.

Wenn Kin­der und Jugend­li­che die­se Erfah­run­gen machen kön­nen – und zwar nicht in punk­tu­el­len, zeit­lich befris­te­ten Pro­jek­ten, son­dern als essen­ti­el­les Fun­da­ment der Gemein­schaft –, dann kön­nen sie sich zu Erwach­se­nen ent­wi­ckeln, für die eigen­stän­di­ges, eigen­ver­ant­wort­li­ches und den­noch gemein­schaft­li­ches Han­deln eine selbst­ver­ständ­li­che Freu­de ist – und kei­ne illu­sio­nä­re Uto­pie welt­frem­der Idea­lis­ten.

Fazit zum Buch

Mit sei­nem schma­len Büch­lein »Kom­mu­na­le Intel­li­genz. Poten­ti­a­l­ent­fal­tung in Städ­ten und Gemein­den« gibt Gerald Hüt­her inter­es­san­te Gedan­ken­an­stö­ße, um sich dem The­ma »Kol­lek­ti­ve Intel­li­genz« (teils auch fälsch­li­cher­wei­se als »Schwar­min­tel­li­genz« bezeich­net) anzu­nä­hern. Die Ansät­ze sind inter­es­sant – sie blei­ben aber lei­der auch an der Ober­flä­che. Zu pau­schal und ver­all­ge­mei­nert beschreibt Hüt­hers die Ent­wick­lung unse­rer Kom­mu­nen von ech­ten Gemein­schaf­ten – ent­stan­den um tat­säch­li­che Pro­ble­me und Bedro­hun­gen in der Gemein­schaft zu lösen – hin zu ego­zen­tri­schen, aus­ein­an­der fal­len Ver­wal­tungs­ein­hei­ten.

Obwohl das Taschen­buch nur 125 Sei­ten lang ist, hat man nach der Lek­tü­re doch einer­seits das Gefühl, das Gan­ze hät­te sich auch in wesent­lich weni­ger Sät­zen schrei­ben las­sen. Ande­rer­seits wünscht man sich, Hüt­her hät­te die roten Fäden noch ein biss­chen wei­ter gespon­nen. Hät­te sich in vie­ler­lei Hin­sicht noch ein biss­chen mehr in die Tie­fe gedacht. Den­noch: Alle, die sich mit Gemein­schaf­ten, Kol­lek­ti­ver Intel­li­genz und dem aktu­el­len Wer­te­wan­del beschäf­tigt, dem sei die kurz­wei­li­ge Lek­tü­re wärms­tens emp­foh­len.

Buchtipp für eine bessere Welt: Gerald Hüther Kommunale IntelligenzKom­mu­na­le Intel­li­genz
Poten­zi­a­l­ent­fal­tung in Städ­ten und Gemein­den
Gerald Hüt­her
Edi­ti­on Kör­ber Stif­tung
ISBN 978-3-89684-098-1
12 Euro

Vie­len Dank an Joa­chim Jot­zo für die Illus­tra­ti­on (via Pixelio).

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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Eine Antwort auf "Kollektive, kommunale Intelligenz"

  1. […] Ebe­ne gewählt. Es soll also die eige­ne Kom­mu­ne kri­sen­fes­ter gemacht wer­den. Die Wahl der kom­mu­na­len Ebe­ne folgt nicht zufäl­lig: Es ist die Ebe­ne, in der jedes Indi­vi­du­um ver­gleichs­wei­se gro­ßen […]

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