Wertewandel, Credit: Jörg Brinckheger, Pixelio

Serie: Was wäre, wenn… wir unsere Werte ändern würden?

Jeden Mon­tag beschäf­ti­gen wir uns mit einer grund­sätz­li­chen Fra­ge. Höchst hypo­the­tisch, sug­ges­tiv und mei­nungs­ma­chend. Die­ses Mal lau­tet sie: Was wäre,… wenn wir unse­re Wer­te ändern wür­den?

Alles was wir tun, alles was wir den­ken, ist das Ergeb­nis unse­rer gelern­ten Sicht auf die Welt. Ob wir von etwas ange­zo­gen wer­den, oder abge­sto­ßen, ist das Resul­tat unse­rer Kon­di­tio­nie­rung, unse­rer Erfah­run­gen, unse­rer Sozia­li­sa­ti­on. Wir sehen auf unser Leben, auf ande­re Men­schen, aber auch auf uns selbst durch einen Fil­ter – den unse­rer gefühl­ten Wer­te.

Reinhard Mey - Das Narrenschiff (live)

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Doch was sind eigent­lich Wer­te? Und wel­che Aus­wir­kun­gen haben sie auf uns? Die Ant­wort fällt gar nicht so ein­fach aus, wenn wir sie wirk­lich tie­fer ergrün­den. Doch es lohnt sich. Und genau des­halb lau­tet die­sen Monat unse­re Fra­ge: „Was wäre, wenn wir unse­re Wer­te ändern wür­den?

Ist unsere Sicht auf die Dinge wirklich subjektiv?

Im ers­ten Moment scheint es ganz ein­fach: Es gibt Din­ge die wir anzie­hend fin­den, bei denen uns warm ums Herz wird, die genau unse­ren Nerv tref­fen. Und es gibt die ande­re, die uns absto­ßen, die wir wider­lich fin­den. Die uns gera­de­zu ekeln und unver­ein­bar mit unse­rer Per­sön­lich­keit erschei­nen. Doch es gibt auch wel­che, die in einem Grau­be­reich lie­gen, in den eigent­lich nichts so rich­tig hin­ein passt – und der unse­re Wer­te all­zu oft in sich ver­schlingt… Und wis­sen wir tat­säch­lich immer, wo wir uns gera­de befin­den?

Also dar­auf allein beruht der Wert des Lebens für den gewöhn­li­chen, all­täg­li­chen Men­schen, dass er sich wich­ti­ger nimmt als die Welt. (Fried­rich Nietz­sche)

Im Grun­de mögen wir – ganz ein­fach gesagt – alles, was uns gut tut, was unser Leben för­dert, was uns eine Zukunft ver­spricht und… kei­ne Angst macht. Alles was uns ver­traut ist, was wir bereits als für uns för­der­lich erkannt haben, was wir viel­leicht sogar genie­ßen kön­nen, fällt dar­un­ter. Na, und natür­lich alles das, wovon wir uns Ange­neh­mes ver­spre­chen. Hier sind unse­re Instink­te gefragt, unse­re Gefühls­welt, die uns wie ein Sen­sor ver­rät: Ja, das hier ist gut für Dich! Nimm Dir davon! Tue es! Wage es – geh den Schritt!

Georg Schramm über den drohenden Zerfall der Gesellschaft

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Etwas lecke­res zu Essen, etwas das unse­rem Kör­per wohl tut, gut für unse­re See­le ist. Haupt­sa­che es wirkt sich posi­tiv auf uns aus, mei­nen wir. Viel­leicht kön­nen wir nicht sagen, was es lang­fris­tig mit uns macht, aber im Moment macht es uns glück­lich, zufrie­den, gibt uns Gebor­gen­heit, Sicher­heit – und ein­fach ein gutes Gefühl.

Na, und genau­so, nur umge­kehrt, ist es mit den Din­gen die wir nicht mögen… Alle die­je­ni­gen, die etwas Bedroh­li­ches an sich haben, die unse­re Ängs­te in uns auf­stei­gen las­sen, uns nicht ver­traut, unge­wohnt, ja fremd sind. Wir kön­nen nicht sagen, wel­che Kon­se­quen­zen sie für uns haben wer­den, des­halb ver­hal­ten wir uns zumin­dest mal vor­sich­tig. Eine Alarm­glo­cke beginnt in uns zu schel­len und warnt uns, lässt unse­ren Kör­per auf Abwehr schal­ten und unse­re Instink­te täu­schen uns nicht – den­ken wir zumin­dest…

Ein Zyni­ker ist ein Mensch, der von jedem Ding den Preis und von kei­nem den Wert kennt. (Oscar Wil­de)

Unbe­ha­gen, ja sogar rich­ti­ge Angst kann uns alles mög­li­che berei­ten: Dun­kel­heit, ein Mensch den wir nicht ein­ord­nen kön­nen, Unsi­cher­heit am Arbeits­platz, unbe­kann­te Spei­sen, ein Geräusch, dass uns an irgend­et­was erin­nert, was wir nicht mögen. Ein Geschmack, ein Geruch – die Palet­te ist ent­setz­lich lang.

Doch auch wenn wir uns selbst gern Glau­ben machen, dass wir bei­des – das für uns Gute und das für uns Schäd­li­che - sehr gut von­ein­an­der tren­nen kön­nen; wenn wir glau­ben, es wären ganz indi­vi­du­el­le Ein­schät­zun­gen die uns dazu befä­hi­gen. So ein­fach ist eben nicht. Die Welt ist eine Wun­der­kam­mer und am wun­der­sams­ten ist, dass wir gar nicht aus­ein­an­der hal­ten kön­nen, wo wir als Indi­vi­du­um enden und wo die All­ge­mein­heit beginnt. Wo unse­re eige­ne Ein­schät­zung, unse­re Sub­jek­ti­vi­tät kaum mehr eine Rol­le spielt, und die Objek­ti­vi­tät der Gesell­schaft beginnt. Und hier kom­men die Wer­te ins Spiel.

Was sind eigentlich Werte?

Bei Wiki­pe­dia heißt es (etwas ver­schwur­belt): „Wert­vor­stel­lun­gen oder kurz Wer­te bezeich­nen im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch unter ande­rem als erstre­bens­wert, in sich wert­voll oder mora­lisch gut betrach­te­te Eigen­schaf­ten bzw. Qua­li­tä­ten, die Objek­ten, Ide­en, prak­ti­schen bzw. sitt­li­chen Idea­len, Sach­ver­hal­ten, Hand­lungs­mus­tern, Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten und der­glei­chen bei­ge­legt wer­den.“

Hmm. Auch beim drit­ten Lesen des Sat­zes bleibt unklar, ob wir es hier tat­säch­lich mit all­ge­mein gül­ti­gen Stan­dards zu tun haben, oder nur mit den sub­jek­ti­ven Vor­stel­lun­gen man­cher, die auf die All­ge­mein­heit über­tra­gen wer­den… Will wirk­lich die gesam­te Gesell­schaft das­sel­be? Was bedeu­tet wert­voll und mora­lisch gut? Ist es für alle und immer das­sel­be? Doch wohl eher nicht, oder?

Ein gro­ßer Feh­ler: dass man sich mehr dünkt, als man ist, und sich weni­ger schätzt, als man wert ist. (Johann Wolf­gang von Goe­the)

Wenn also Wer­te kei­ne Stan­dards, son­dern höchs­tens mal das Ergeb­nis einer gesell­schaft­li­chen Ver­ein­ba­rung sind… Und, wenn Wer­te nicht per se All­ge­mein­gül­tig­keit besit­zen, son­dern vari­ie­ren, sich ver­än­dern, einem stän­di­gen Wan­del zu unter­lie­gen schei­nen,… wie krie­gen wir sie dann zu fas­sen?

scobel - Früher war alles besser! - Eine Diskussion über den Wertewandel

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Für den einen ist so etwas wie „Fami­lie“ ein eige­ner Wert. Er wür­de alles tun, um sei­ne Fami­lie zu erhal­ten, sie zu stär­ken und gegen die Gefah­ren von Außen zu ver­tei­di­gen. Er hat es so gelernt. Er hat die Gebor­gen­heit der Fami­lie selbst erlebt. Er hat viel­leicht aber auch nur eine gesell­schaft­li­che Tra­di­ti­on über­nom­men und stellt sie nicht infra­ge.

Der ande­re macht sich rein gar nichts aus der Fami­lie und sucht sei­nen eige­nen Weg. Viel­leicht hat er lie­ber gute Freun­de um sich. Viel­leicht ist er von sei­ner eige­nen Fami­lie ent­täuscht. Viel­leicht hat er sogar schlim­me Erfah­run­gen gemacht und fühlt sich in einem Fami­li­en­ver­bund nicht wohl.

Kön­nen wir sagen, wer von den bei­den Recht hat? Kön­nen wir sagen, was nor­mal ist? Kön­nen wir das eine als „wert­voll“ und das ande­re als „wert­los“ bezeich­nen?

Was sind also Wer­te? Sind sie das, was unse­rem Leben einen Wert zu geben ver­mag? Und ist es nur eine Fra­ge, ob die Mehr­heit in einer Grup­pe die­sen Wert teilt, um ihn anzu­er­ken­nen? Oder kann es auch die Min­der­heit bestim­men? Gibt es Wer­te, die schlicht­weg über den Din­gen ste­hen? Weit über uns? Sozu­sa­gen unbe­greif­lich, unan­tast­bar, da sie über­ge­ord­net sind – ganz gleich, was wir von ihnen hal­ten?

Was ist gut? Und was tut nur gut?

Jeden Tag wer­den wir von Wer­be­bot­schaf­ten, von Ide­en, Visio­nen, Kon­zep­ten, Sprü­chen, Neu­ig­kei­ten, Ver­mu­tun­gen, Gerüch­ten – von Infor­ma­tio­nen – über­häuft, die unse­re Wer­te berüh­ren. Ob es die Wer­te sind, die wir auf das Leben pro­ji­zie­ren, oder sogar die­je­ni­gen, die die Sicht auf uns selbst beein­flus­sen.

Geist & Gehirn 189 Problem Belohnung

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Bis eben haben wir uns noch gut gefühlt. Doch jetzt erzählt uns irgend­je­mand in einem Fern­seh­ge­rät, im Radio, in der Zei­tung oder auch im per­sön­li­chen Gespräch, dass wir dazu eigent­lich kei­nen Grund haben. Nicht, bevor die­ses oder jenes Pro­dukt gekauft, die­se oder jene Idee durch­drun­gen, die­se oder jene Mei­nung ange­nom­men wur­de. Nicht, bevor wir ver­ste­hen, dass unser Leben unsi­cher, unser Cha­rak­ter unvoll­kom­men und unse­re Zukunft mehr als unge­wiss ist. Erst wenn wir unser Ver­hal­ten dar­auf ein­stim­men, wenn wir uns sozu­sa­gen neu jus­tie­ren, ist alles wie­der gut… Ist das nicht para­dox?

Kön­nen wir eigent­lich noch unter­schei­den, was wirk­lich gut für uns ist und was uns eigent­lich nur gut tut? Wir stim­men zu und füh­len uns zuge­hö­rig. Wir kau­fen was uns gesagt wird, den­ken was wir den­ken sol­len und füh­len uns damit einer Grup­pe zuge­hö­rig, von der wir uns erhof­fen, dass wir als Teil von ihr wohl bes­ser durch unser Leben, durch unse­re Zukunft fin­den wer­den. Wir machen nichts wei­ter, als uns mit unse­rer sub­jek­ti­ven Mei­nung irgend­wo anzu­do­cken und dadurch sicher zu füh­len.

Das »Anders-Spiel« - Karriereverweigerer: Wertewandel

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Wir kau­fen spe­zi­el­le Mar­ken und gehö­ren zu einer Grup­pe. Wir kau­fen beson­de­re Klei­dung, fri­sie­ren uns, und imi­tie­ren die ande­ren und sind nun ein Teil von ihr. Wir über­neh­men die Mei­nung – oft sogar wort­wört­lich – plap­pern noch, was die Anfüh­rer, unse­re Hel­den, irgend­wel­che Men­schen behaup­ten, die so sind wie wir gern wären. Wir adap­tie­ren die Atti­tü­de, betrei­ben Mimi­kry, bis ins Kleins­te – und glau­ben am Ende wirk­lich, dass es sich hier um Wer­te han­delt.

Dabei tun die­se Hal­tun­gen erst mal nichts wei­ter als uns gut. Denn wie war es noch mal mit der Sicht auf die Welt? Wir erle­ben etwas als Gut, was uns ein ange­neh­mes Gefühl ver­schafft und alles dass was uns unan­ge­nehm ist als Schlecht. Hin­ter­fra­gen tun wir jedoch nur sel­ten.

Nichts ist wertfreier als ein Wert, den wir nicht mehr fühlen können

Wie schon gesagt, eigent­lich ist es ein­fach: Wenn man jeman­den fra­gen wür­de, wel­che ihm wich­tig sei­en, wird man wohl in den meis­ten Fäl­len auf fast iden­ti­sche Wer­te sto­ßen. Wenn wir aller­dings nicht mehr so sehr auf das hören war jemand sagt, son­dern uns mal anschau­en, was er tut… wenn wir uns die Gesell­schaft anse­hen, dann ver­schwim­men sie, die Wer­te, wer­den sie immer weni­ger greif­bar, stel­len sich alles auf den Kopf.

10 Best Talk Show Fights

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- Wenn es etwas wie Mord geht, dann ist es noch recht deut­lich. Jeder wird ihn ver­ur­tei­len, wird sich vehe­ment gegen ihn aus­spre­chen. Doch war­um gibt es dann Krie­ge? War­um gilt der Mord in man­chen Fäl­len als tole­ra­bel? Unser Kör­per soll­te sich eigent­lich dage­gen sträu­ben, doch wenn ein Krieg „sein muss“, aus „gutem Grund“ geführt wird, dann legen wir als Gesell­schaft die­se Beden­ken bei­sei­te. Wir könn­ten sagen, wir blo­ckie­ren ganz ein­fach und ver­wei­gern uns, solan­ge ein Krieg in unse­rem Namen geführt wird. Wir empö­ren uns solan­ge als gan­ze Gesell­schaft, bis er been­det wer­den muss. Doch das geschieht nicht. Es rei­chen nur ein paar Stim­men die behaup­ten, dass der Krieg wich­tig sei, wir kei­ne Ahnung hät­ten, die Din­ge zu ein­fach sähen und nicht begrei­fen wür­den, dass die­ser Krieg Schlim­me­res ver­hin­de­re. Und schon hin­ter­fra­gen vie­le nicht mehr, was tat­säch­lich dahin­ter steckt. Wer­fen einen kar­di­na­len Grund­wert über Bord, oder glau­ben an die Ohn­macht und nicht dar­an, die­sen Wert tat­säch­lich ein­for­dern zu kön­nen.

- Wenn es um die Lüge geht, wird es schon sub­ti­ler. Wir wol­len zwar nicht belo­gen wer­den, doch fin­den wir hier schon einen Weg zu unter­schei­den. Eine Lüge, um jeman­den nicht zu belei­di­gen? Eine Not­lü­ge? Eine Lüge, die weni­ger schmerzt als die Wahr­heit? Eine Lüge, die uns, unse­re Liebs­ten vor dem Schlimms­ten bewahrt. Wer hät­te sich nicht schon mal auf die­se Wei­se eine Begrün­dung geschaf­fen? Und was wol­len dann wir dage­gen sagen, wenn die „Gro­ßen“ uns belü­gen, wenn wir es im Klei­nen genau­so machen – uns sogar selbst belü­gen, weil wir mei­nen, dass es nicht anders gin­ge. Das ist mensch­lich, und des­halb eben nicht greif­bar. Doch wie ist es dann mit den fie­sen Lügen? Denen die unse­re Gesell­schaft zer­set­zen? Denen die uns etwas vor­ma­chen, unse­re Gesund­heit gefähr­den, unse­ren Geld­beu­tel lee­ren, uns nicht für voll neh­men? Haben wir uns gesell­schaft­lich mal dar­auf ver­stän­digt, wo hier die Linie ist? Nein, haben wir nicht.

Am Ende des Leids stehen Liebe und Mitgefühl

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- Was ist mit dem Dieb­stahl, den Din­gen die wir ande­ren neh­men? Oft, ohne es zu wis­sen. Wir ahnen viel­leicht, dass über­all dort, wo Armut herrscht, auch der Reich­tum genährt wird… Wir wis­sen, dass wir auf einer „Insel der Glück­see­li­gen leben“ und seit lan­ger Zeit als Nati­on, und damit auch als Gesell­schaft, ande­re Län­der, ande­re Völ­ker, die Natur, die Tier­welt beraubt haben. Doch wie ste­hen wir dazu? Wie ver­än­dert uns die­se Ver­mu­tung, die sich immer mehr zur Erkennt­nis ent­wi­ckelt? Sehen wir die­ser Art Dieb­stahl mit genau­so einer Här­te nach, wie dem Dieb­stahl, der zum Bei­spiel uns geschieht? Wie ste­hen wir zu dem Wert des Eigen­tums, wenn unser Reich­tum zu gro­ßen Tei­len dar­auf grün­det, eben die­ses ande­ren nicht nur zu ver­weh­ren, son­dern aktiv zu neh­men?

- Was ist mit dem was wir Gut und Böse nen­nen? Haben wir eine Rezep­tur die uns ermög­licht, die Din­ge zu durch­schau­en? Sie zu ent­lar­ven und damit genau fest­zu­le­gen, was nun gut ist und was nicht? Oder inter­es­siert es uns viel­leicht schon nicht mehr, weil wir die Welt für einen bösen Ort hal­ten, der uns dazu zwingt, selbst böse zu sein, damit wir an ihm zurecht kom­men? Was ist die Idee dahin­ter? Sind selbst Gut und Böse Din­ge mit denen wir spie­len kön­nen, ein Spiel­zeug für unse­ren Intel­lekt? Eine form­ba­re Ver­hand­lungs­mas­se, die wir uns so zurecht kne­ten, wie wir es brau­chen?

Was glänzt, ist für den Augen­blick gebo­ren,
Das Ech­te bleibt der Nach­welt unver­lo­ren.
(Johann Wolf­gang von Goe­the)

Wir sind schnell bei der Hand, wenn wir ande­ren ihre Ver­feh­lun­gen vor­wer­fen. Wir wer­den selbst in klei­nen Din­gen, zum Bei­spiel bei der genom­me­nen Vor­fahrt auf der Stra­ße in unse­rem Auto wütend, ohne in die­sem Moment an die Kon­se­quen­zen des Han­dels zu den­ken – dar­über nach­zu­den­ken, in wel­cher Rela­ti­on unser stoi­sches Ver­hal­ten gegen­über den gro­ßen Pro­ble­men die­ser Welt, zu unse­rem klei­nen Miss­ge­schick steht. Wir sehen die Din­ge selek­tiv: Des­halb funk­tio­niert das bes­tens. Wir blen­den ein­fach das aus, was wir nicht sehen – und vor allem nicht spü­ren wol­len.

Selbst wenn es Wer­te sind. Wer­te, die unser Mensch­sein defi­nie­ren… Haupt­sa­che, wir grei­fen unser Geflecht aus Selbst­schutz, Unsi­cher­heit, Bes­ser­wis­se­rei, und inne­rer Lebens­ge­rech­tig­keit nicht an.

Doch die Fol­gen sind fatal, denn so haben wir es geschafft, die Wer­te auf den Kopf zu stel­len. Und genau das rächt sich jetzt.

Es läuft aus dem Ruder

Älte­re Men­schen spre­chen gern vorm Wer­te­ver­fall. Doch das ist es gar nicht mal. Der Mensch war schon immer ein Indi­vi­du­um – hin und her geris­sen, zwi­schen den Wer­ten die er pos­tu­liert und denen die er lebt. Es hat nichts mit den guten alten Zeit zu tun, son­dern mit der Art, wie wir unse­re Wirk­lich­keit erle­ben, wie wir uns sel­ber täu­schen und uns selbst betrü­gen. Nur der guten Gefüh­le wegen. Und wenn es eben das Pro­dukt aus dem Wer­be­clip, die zu wäh­len­de Par­tei mit ihrem Grund­satz­pro­gramm oder eben auch nur eine inne­re Lebens­lü­ge ist, solan­ge sie uns gut tun, hal­ten wir dar­an fest. Selbst dann, wenn sie sich auf Dau­er als unser Ver­der­ben dar­stellt…

Und nun? Nun leben wir in einer Welt, die uns zutiefst ver­un­si­chert. Die uns lehrt, dass Geld und Besitz die Wer­te sind, denen wir nach stre­ben soll­ten. Die uns Hel­den zeigt, Men­schen die wir ver­eh­ren sol­len, weil sie genau das sym­bo­li­sie­ren: Die Sicher­heit und Aner­ken­nung die einem wider­fährt, wenn man bei­des erwor­ben hat. Wir stel­len nicht die Fra­ge, ob die Art des Erwerbs selbst sich mit unse­ren Wer­ten deckt. Nein, das ist nicht so wich­tig. Das Ziel ist der Weg.

Mehr noch: Wer Geld hat, hat das Wort. Wer Geld hat, hat Recht. Wer Geld hat, genießt Sym­pa­thie. Des­halb gibt es eine Heer­schar von Men­schen die nichts ande­res als ihre Lebens­auf­ga­be sehen, als die­sen Men­schen nach­zu­ei­fern, oder aber – wenn ihnen das nicht mög­lich ist – sie bei ihrem Leben stell­ver­tre­tend zu beob­ach­ten.

Jemand ist fies und gemein? Egal. Er ist ja berühmt, bekannt, bedeu­tend. Er lügt und betrügt? Macht nichts? Das ist nur ein Zei­chen sei­nes Geschicks. Er lebt in Saus und Braus? Wun­der­bar. Das wol­len wir auch und freu­en uns, dass jemand unse­ren Traum lebt. Uns zeigt, dass es mög­lich ist.

Jemand geht über Lei­chen, küm­mert sich nicht um das was er anrich­tet, ent­lässt Tau­sen­de von Men­schen, um sei­ner Fir­ma mehr Geld zu brin­gen? Pri­ma. Auch wenn es einen Sturm der Ent­rüs­tung gibt – er kommt damit durch. Denn was mehr zählt, als das Gejam­mer ist der Erfolg. Denn Erfolg ist ein Wert an sich. Wer Erfolg hat, hat Nar­ren­frei­heit; wird nicht geäch­tet von der Gesell­schaft, son­dern gilt als eine ver­läss­li­che Säu­le der Wirt­schaft, bekommt eige­ne Fern­seh­sen­dun­gen, wird in Talk-Shows ein­ge­la­den.

Wer lügt und betrügt, wer stiehlt und sich kei­nen Deut um das Gemein­wohl küm­mert, kann also trotz­dem ein Lieb­ling sein. Und solan­ge wir dies tole­rie­ren, läuft es aus dem Ruder. Erst unmerk­lich, so dass man es nur in den klei­nen Din­gen spürt. Dann immer mehr, bis die gesam­te Gesell­schaft sich auf den Kopf gestellt hat. Wenn alles das was wir eigent­lich als eine Gefahr für uns spü­ren soll­ten, tole­ra­bel wird, nur weil es uns ver­meint­lich Sicher­heit ver­schafft, dann wird der Auf­prall am Schluss umso hef­ti­ger wer­den.

WissensWerte: Globalisierung

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Unse­re Wer­te sind, und hier mag man­cher ent­täusch­ter Zyni­ker grin­sen (oder mit den Zäh­nen knir­schen) das ein­zi­ge, was uns letzt­lich aus der Mise­re ret­ten kann. Und hier sind nicht die Wer­te gemeint, die wir der­zeit medi­al, gesell­schaft­lich, poli­tisch fei­ern… Nicht Wachs­tum, nicht Pro­fit, nicht Glo­ba­li­sie­rung wer­den uns letzt­lich zur größ­ten Gefahr, son­dern dass was sie schon längst aus uns gemacht haben. Eine in sich zer­ris­se­ne Gesell­schaft, die kei­nen ande­ren Weg fin­det um den größ­ten Pro­ble­men und Gefah­ren zu begeg­nen, als gegen­ein­an­der, in Kon­kur­renz und mit selbst auf­ge­setz­ten Scheu­klap­pen.

Dr. Kerstin Ullrich zur Studie: Was Menschen morgen bewegt - Trends und Wertewandel in Deutschland

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Wir set­zen sozu­sa­gen auf die fal­schen Pfer­de. Was aber wäre, wenn wir unse­re Wer­te radi­kal ändern wür­den?

Was also wäre, wenn wir unse­re Wer­te ändern wür­den?
Wäre unse­re Welt weni­ger lebens­wert, wenn wir den Erfolg kom­plett anders defi­nie­ren wür­den? Wenn er nicht nur dar­in bestün­de, im Schmelz­tie­gel des Mark­tes ein gutes Bild abzu­ge­ben? Nicht dar­in, sich Sicher­heit durch Besitz aneig­nen zu wol­len? Nicht dar­in, um jeden Preis zu funk­tio­nie­ren? Reich zu wer­den? Sicher­lich nicht. Denn die Fol­gen eines ver­scho­be­nen Wer­te­ver­ständ­nis­ses kön­nen wir jeden Tag beob­ach­ten.

Doll Face

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Wir müss­ten uns nur ein­mal fra­gen, ob es aus­reicht, etwas nur des­halb als Gut zu betrach­ten, da es nicht an unse­ren tie­fen Ängs­ten rührt. Ist die Ent­wick­lung um uns her­um nur des­halb gut, da sie uns belohnt? Da sie uns ein Über­le­ben gewährt? Unse­ren Job? Unser Anse­hen? Unse­re Aner­ken­nung? Uns als Mensch? Kön­nen wir das Mus­ter erken­nen, dass sich hier ein­ge­schli­chen hat? Das uns etwas für Gut ver­kauft, da wir davon pro­fi­tie­ren – auch wenn es für ande­re Men­schen, für unse­re Umwelt und letzt­lich für uns selbst schlecht ist?

Auch wenn es eine Art Renais­sance der Wer­te gibt. Auch wenn sich immer mehr Men­schen für eine bes­se­re Welt ein­set­zen und für das Gute ein­ste­hen. Die Defi­ni­ti­on, die Aus­ein­an­der­set­zung muss tie­fer gehen. Denn sonst lässt sich jede Bewe­gung instru­men­ta­li­sie­ren, poli­ti­sie­ren, umdeu­ten und auf die­se Wei­se neu­tra­li­sie­ren. Der Ein­satz für unse­re Wer­te IST ein Wert als sol­cher.

Der große Diktator Charlie Chaplin Abschlussrede

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Die Welt wäre zumin­dest mal kei­ne schlech­te­re, wenn wir uns dar­auf ver­stän­di­gen wür­den, dass wir nur das als Gut für uns emp­fin­den, was auch für ande­re gut ist. Wenn wir nur das akzep­tier­ten, was an die­ser Fra­ge nicht zer­schellt. Und die Welt wäre auf jeden Fall eine bes­se­re, wenn wir uns dar­auf ver­stän­di­gen wür­den, dass wir alles das als Schlecht emp­fin­den, was in der Kon­se­quenz auch schlecht für ande­re ist – selbst, wenn sie am ande­ren Ende der Welt sit­zen.

Viel­leicht schaf­fen wir es sogar, unser Kon­zept von gut und böse über­all dort zu über­den­ken, wo wir es mit ein­fa­chen Bord­mit­teln nicht mehr aus­ein­an­der hal­ten kön­nen. Denn wenn wir tief in uns gehen, wis­sen wir was Gut ist – so wie wahr­schein­lich jedes Lebe­we­sen in die­sem Uni­ver­sum. Und das Gute beginnt im Klei­nen, dort wo wir ande­ren etwas Gutes tun; und dort, wo wir Schlech­tes ver­hin­dern. Dies for­dert sehr viel Mut von uns, aber genau dafür gibt es die Gemein­sam­keit. Und sobald wir erken­nen, dass der Ego­is­mus, der nur Gutes für uns selbst will, uns nur zum Scha­den gereicht, wer­den wir wie­der erle­ben, das wir eine Gemein­schaft sind. Eine Gemein­schaft, die ihre größ­te Stär­ke dar­in besitzt, dem Indi­vi­du­um gut zu tun.

 

Bildquelle: Jörg Brinckheger (pixelio)
Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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9 Antworten auf "Serie: Was wäre, wenn… wir unsere Werte ändern würden?"

  1. Thomas D.
    Thomas D. 4 Jahren ago .Antworten

    @Sustine N Inter­es­san­ter Web­tipp. Dan­ke! 🙂

  2. Sustine N
    Sustine N 4 Jahren ago .Antworten

    Den Arti­kel über Wer­te auf die­sem Blog hier fin­de ich sehr inspi­rie­rend. Dan­ke dafür, er spricht mir aus dem Her­zen. Auf die­sen Blog bin ich gesto­ßen, weil ich mich für das The­ma »Nach­hal­tig­keit« inter­es­sie­re. Nach­hal­tig­keit ist ja inzwi­schen in aller Mun­de, aber was bedeu­tet Nach­hal­tig­keit genau und was kann man selbst dafür tun, um eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung zu för­dern, die öko­lo­gi­sche, sozia­le und öko­no­mi­sche Nach­hal­tig­keit inte­griert? Wel­che Wer­te unter­stüt­zen eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung auf unse­rem Pla­ne­ten? Ist Nach­hal­tig­keit ein Wert? Natür­lich gibt es in der Öko­no­mie den Wert der Gewinn­ma­xi­mie­rung, ABER: ein Unter­neh­men, wel­ches sei­ne Gewin­ne auf Kos­ten gesell­schaft­li­cher oder natür­li­cher Wer­te maxi­miert, hat nur kurz­fris­tig Erfolg, weil sei­ne Res­sour­cen irgend­wann auf­ge­braucht, Kun­den und Mit­ar­bei­ter ver­schwun­den sind.

    Ich bin weib­lich, aus Ham­burg und blog­ge seit August 2013 unter http://www.nachhaltigkeitstagebuch.de zum The­ma “Nach­hal­tig­keit im All­tag - ein Selbst­ver­such”. Wür­de mich über einen Besuch und Kom­men­ta­re sehr freu­en.
    Herz­li­che Grü­ße aus Ham­burg
    Sus­ti­ne

  3. Gold Price
    Gold Price 5 Jahren ago .Antworten

    Wir ste­hen für eine lang­fris­ti­ge, part­ner­schaft­li­che und ver­trau­ens­vol­le Zusam­men­ar­beit und han­deln ver­ant­wor­tungs­voll im Sin­ne aller Betei­lig­ten. Die Ach­tung ethi­scher und mora­li­scher Wer­te unse­rer Kun­den, Ver­trags­part­ner und Mit­ar­bei­ter ist der Eck­stein unse­res Selbst­ver­ständ­nis­ses.

  4. Thomas D.
    Thomas D. 5 Jahren ago .Antworten

    Wel­che Wer­te? Die Gesell­schaft ist total ver­lo­gen. Jeder macht was er will und wenn er eine Mehr­heit hin­ter sich ver­sam­melt dann sind es plötz­lich Wer­te.

  5. Merlin
    Merlin 5 Jahren ago .Antworten

    Wer­te las­sen sich in alle Rich­tun­gen dre­hen und wen­den. Das macht es doch gera­de so schwie­rig.

  6. uedemek
    uedemek 5 Jahren ago .Antworten

    wow…vielen dank für die­sen inspi­rie­ren­den text. super geschrie­ben - ohne ende stoff zum nach­den­ken und dis­ku­tie­ren. die vide­os habe ich noch nicht ange­schaut - hof­fent­lich sind die genau­so gut.

  7. Nibiru
    Nibiru 5 Jahren ago .Antworten

    Wer­te sind etwas ganz per­sön­li­ches. Und sie sind erst mal nur Theo­rie. Oder gibt es einen Bereich in unse­rer Gesell­schaft, in dem sich alle an die­sel­ben Wer­te hal­ten? Wir müs­sen ler­nen, Wer­te wie­der selbst zu spü­ren, wenn wir han­deln. Zu vie­le las­sen sich von fal­schen Vor­bil­dern lei­ten.

  8. Meise
    Meise 5 Jahren ago .Antworten

    Wir sind mit unse­ren Wer­ten immer schnell bei der Sache. Beson­ders wenn wir etwas/jemanden kri­ti­sie­ren. Aber hin­ter­fra­gen tun wir sie nur sel­ten.

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