Jeden Montag beschäftigen wir uns mit einer grundsätzlichen Frage. Höchst hypothetisch, suggestiv und meinungsmachend. Dieses Mal lautet sie: Was wäre,… wenn wir den Fortschritt anhalten würden? Keine Frage. Die meisten von uns lieben Technik und sehen in ihr, wenn nicht die Speerspitze menschlichen Fortschritts, so doch eine Erleichterung für das persönliche Leben und ein ganz kleines bisschen eben auch ein Sinnbild ihrer selbst.

Doch was ist der persönliche Gewinn, die persönliche Erleichterung und der Komfort gegen die Nach- und Nebenwirkungen, die wir uns durch unseren Fortschritt einhandeln. In den letzten 50 Jahren hat sich die Welt so schnell verändert, hat sich die technologische Entwicklung immer weiter potenziert, während sich der Mensch gerade einmal – und höchstens – linear weiter entwickelt hat. Und das lässt den Verdacht aufkommen, dass wir Menschen ihr gar nicht gewachsen sind und die Technik die wir schufen gar nicht im Griff haben.

Surviving Progress – Endstation Fortschritt?

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Digitale Kriegsführung, bedrohliche Perspektiven der Robotik, Gen-Experimente, Ökologischer Raubbau in der Natur, die Massenvernichtung in den Nahrungsmittelindustrien, wild gewordene Finanzmarkt-Algorithmen, … die Liste der Effekte ist lang und jedes Thema ist allein schon bedenkenswert. Doch nun stelle man sich mal die vor, in die wir gerade einmünden, weil alle Entwicklungen zu einem großen Ganzen werden. Die Welt von Morgen scheint kein Spielplatz für unsere Kinder zu sein. Kein Ort, der noch viel mit Bequemlichkeit und der Art Fortschritt zu tun hat, die unseren Forschergeist jahrzehntelang tränkte und animierte.

Also wird sie doch erlaubt sein, die Frage an diesem Montag: Was wäre,… wenn wir den Fortschritt anhalten würden?

Der Himmel ist längst keine Grenze mehr

Ich kann mich erinnern, dass ich – als kleiner Knirps – die Mondlandung am 21. Juli 1969, heimlich hinter dem Sofa liegend, im Fernsehen gesehen habe. Und auch, wenn ich mit gerade einmal fünf Jahren noch nicht so richtig wusste, was das alles sollte. Eins war mir instinktiv klar: Hier geschah gerade etwas Großes. Hier machte der Mensch gerade einen gewaltigen Schritt in Richtung Zukunft. Von da an, interessierte mich alles was mit Technik, mit Weltraum, mit der Erforschung der Welt zu tun hatte. Die Fantasie schoss sprichwörtlich durch die Decke, denn der Himmel war nun keine Grenze mehr. Es war die Zeit der Enterprise Crew, die mich mitnahm, um mit mir Grenzen zu erforschen und dort hin zu gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war.

Mondlandung 1969 – Apollo 11

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Erst in den 70er Jahren, als alle Welt sich in der Hochphase des kalten Krieges mit Themen wie Raketen, Bomben und Erstschlag beschäftigte und tatsächlich eine spürbare Massenangst vor dem großen Knall umging, wurde mir klar, dass die Technik noch ganz andere, zerstörerische Seiten hat. Und meine Begeisterung kühlte ab, machte eine Wendebewegung und wandelte sich in ein tiefe Skepsis, ob all das was hier geschieht wirklich zu der Zukunft führen würde, die ich noch 5 Jahren mit Buntstift zu Papier gebracht hatte. Technik, Fortschritt, das Machbare bekam einen bedrohlichen Beigeschmack, denn nun wurde mir klar, dass diese immer auch in den Händen derer liegen würden, die die Lizenz hatten, sie einzusetzen. Und ob das immer vernünftige Menschen sein würden…?

Reagan launches SDI

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Als dann 1983 die Reagan-USA von einem gigantischen Weltall-Abwehrprogramm träumte – der Strategic Defense Initiative (SDI) kühlte auch die letzte Glut der Verheißung fast vollständig ab. Ich malte mir aus, wie eine Reihe von Knallköpfen, durch welche abstrusen Gedanken auch immer getrieben, in einem atomsicheren Raum sitzen, auf dem großen Tisch ein Koffer mit einem roten Schalter. Jede intellektuelle Irritation, jede Fehlinformation, jeder Anflug von Misstrauen, oder auch Allmachtsfantasie würde ausreichen, um den Schalter umzulegen und damit eine Kettenreaktion entsetzlicher Zerstörung in Gang zu setzen. In diesem Fall würde eben jener Himmel, welcher vorher keine Grenzen mehr hatte, in Flammen aufgehen. Das fand ich gar nicht mehr so toll.

Dark Star – Bomb 20

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Eingelullt und abgelenkt

Der Siegeszug der Technik ging weiter und verlieh ihr in der Gesellschaft eine schimmernde Aura. Das Leben wurde modern und man hatte bei jeder neuen Erfindung den Eindruck, man würde tatsächlich selbst zu einem Darsteller in einem Science Fiction-Film. Es war die Zeit, in der alle Träume wahr zu werden schienen.

Zeitreise zurück in die 80er

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Ich kann mich noch genau an meinen ersten Computer erinnern. Grüne, klobige Zeichen auf einem schwarzen Monitor. Wow! Das war er, der Fortschritt. Und nun stand er bei mir zuhause. Mit einem Freund tüftelte ich an einem Programm herum (das heißt, ich sah mehr zu), dass bunte Streifen auf dem Bildschirm produzierte. Einfach mal eben so… Was für ein Erfolg. Nach einem aufregenden Tag kam mir ganz kurz der Gedanke: „Wofür eigentlich?“, aber der verschwand bald.

WarGames Official Trailer

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Computerspiele, Walkman, Rubiks Zauberwürfel, Aerobic, Gettoblaster (was für ein fieses Wort), Mikrowelle, Video-Player, Faxgeräte – wer da nicht andächtig auf die Knie geht ist selber Schuld, so dachte man damals. Denn man wollte nur das Schöne sehen. War immer mal bereit, sich einlullen und ablenken zu lassen. Irgendwann braucht der Kopf so eine Auszeit. Mal findet man diese in der Natur und ein andernmal eben mit dem Kopfhörer auf den Ohren im Großstadtgetümmel.

Die Angst der 70er und frühen 80er Jahre galt als überwunden. Ein Ruck ging durch die Hemisphäre und gab sogar dem globalen Kräfteverhältnis einen Schubs. 1989 fiel die Mauer, die nicht nur Deutschland voneinander trennte, sondern zwei Welten, zwei Konzepte, zwei System… Der Kapitalismus hat gewonnen, so hörte ich ganz häufig.

Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt. (Albert Einstein)

Und die Umweltprobleme, die seit einiger Zeit nun ruchbar wurden, kriegen wir mit der Technik in den Griff. „Dann bauen wir eben eine große Glaskuppel über die großen Städte“ war in jener Zeit das dümmste Argument. Und auf die Frage: „Was machen wir dann mit den Kleinen?“ gab es schon keine Antwort mehr.

In mir wuchs ein fürchterlicher Verdacht: Das Ganze läuft uns aus dem Ruder… Und die bange Frage kam auf: „Was, wir es nicht in den Griff bekommen?“

Die Welt wird reich

Etwa in jener Zeit lernte ich, dass die Zukunft eine sehr zarte Pflanze ist. Eine, die wir gießen müssen, damit sie zunächst in unserer Vorstellung und dann auch vor den Augen aller wachsen kann. Doch wenn zwei an dasselbe nachdenken, so ist es oft nicht dasselbe. Das heißt, während die einen in den aufkommenden 90er Jahren die Welt zu einem großen Spielplatz machen wollten, wurden andere immer nachdenklicher.

Es war die Zeit in der jeder Hans und Franz an das große Geld dachte. Die Welt schien nach dem Mauerfall offen. Man zog los und machte sein Glück. Ob nun mit dem Lieferwagen, um im Osten jeden erdenklichen Schund zu verkaufen, ob an den Börsen, um endlich mit einem Satz zum Multitrillionäre zu werden,… man wollte sich seine eigene Zukunft nicht entgehen lassen.

Wie wird man Millionär?

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Die 60er Jahre hatten uns befreit, die 70er hatten uns gelehrt, dass wir alles im Leben erreichen können, die 80er offenbart, dass wir dafür nun mal was leisten müssen, die 90er Jahre nun zeigten uns, dass wir unsere Ellenbogen einsetzen müssen. Die Leistungsgesellschaft war wie eine Maschine, der erst dann richtig auf Touren kommt, wenn wir uns ihr mit Haut und Haaren verschreiben. Man musste sie am Laufen halten und das war gar nicht einfach. Und es war keine Frage der eigenen Kraft mehr.

Denn der Siegeszug der Technik hatte diese Maschine erheblich verändert, hatte ihr einige Upgrades verschafft, an denen viele scheiterten: Du kennst Dich nicht mit Computern aus? Raus! Du passt nicht in die Statistik? Raus! Du machst den Fortschritt schlecht? Raus! Und zwar ganz schnell! Wer bei dem ganzen Spiel, dass jetzt so richtig Fahrt aufnahm, nicht mitmachen wollte, sollte doch in den Wald ziehen und dort von Beeren und Wurzeln leben. Ganz so kam es nicht, aber viele zogen tatsächlich ganz neue Lebensmodelle in Betracht – so wie es in den 60er Jahren schon mal geschehen war – und schufen alternative Gemeinschaften. Sie klinkten sich aus.

Der Fortschritt schlägt zurück

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Ein nicht unerheblicher Rest machte weiter und viele begruben ihre Hoffnungen, wurden zynisch oder noch viel egoistischer als je zuvor – oftmals beides. Die Zukunft schien allenfalls grau. Mehr und mehr wurden aus den positiven Utopien der 80er Jahre dystopische Zukunftsvisionen.

Zäsur 2011

Es gab ein kurzes Aufflackern – am Anfang des Jahrtausends. Die Welt war euphorisch. Wie häufig kommt es schon vor, dass man in ein neues Jahrtausend übergeht? Eine womöglich vollkommen neue Welt. So, als würde man bei Null beginnen und könnte all den Unrat der Vergangenheit abschütteln. Hoffnung war in diesen Tagen ein Wort das eine Konjunktur erlebte. Daran konnte auch das Millenium-Problem nichts ändern.

Von nun an änderte sich nicht nur die Befindlichkeit der Welt – alle Gedanken an ein friedliches neues Zeitalter wurden als naiv abgestraft – nein, auch der Einsatz der technischen „Errungenschaften“ radikalisierte sich. Zwei gefährliche Komponenten trafen aufeinander und bildeten ein giftiges Gemisch: Angst und Gier. Rückwirkend kann man gar nicht so genau sagen, wie viel von dem jeweils einen im anderen steckt, doch eins wurde klar: Die Welt bewegt sich mit rasender Geschwindigkeit auf einen Abgrund zu. Und alle, die dieses vorher noch geleugnet hatten, machten die Bedrohung nun zu einem Hauptargument. Und sie hatte einen Namen: Globalisierung. Ein Fortschritt mit anderen Mitteln.

Die Optimisten des 19. Jahrhunderts waren so naiv, von der Technik das Paradies zu erwarten – es ist genau so naiv von den Pessimisten des 20. Jahrhunderts, die Technik zum Sündenbock für so alte Unzulänglichkeiten zu machen wie die menschliche Blindheit, Grausamkeit, Unreife, Habgier und sündhafte Hochnäsigkeit. (Peter F. Drucker (*1909), amerik. Managementlehrer)

Die Zäsur von 9/11 und die Beschleunigung der Globalisierung brachten in der Hauptsache eins mit sich: Sie machten die Welt zu einem Ort in der sich alle erdenklichen Systeme immer mehr gegeneinander stellten. Alles was sich in den Jahrzehnten zuvor bereits abgebildet und die Gesellschaften verändert hatte, bekam nun eine ganz neue, eigene Dynamik. Es ging nicht mehr um Wettbewerb, sondern um den Kampf der Länder und Markwirtschaften gegeneinander. Die Apologeten der Globalisierung warnten zugleich vor ihr und nahmen sie als Grund für erhebliche Einschnitte in allen Lebensbereichen. So wurde der Pessimismus instrumentalisiert und täuschten über zutiefst menschliche Absichten hinweg.

Virtual Revolution

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Die Welt war neu, aber erst nach und nach wurde dies den Menschen klar.

Müssen wir alles machen was wir können?

Angesichts der Entwicklungen im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends bekommen immer mehr Menschen mit, wie sich die lockeren Enden der unterschiedlichen Problembereiche – Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Religionen, Umwelt – zu einem einzigen dicken Knäuel zusammen fanden. Doch im Gegensatz zu früheren Schwierigkeiten in der wir als Weltbevölkerung steckten, gibt es dieses Mal ein zusätzliches Problem: Wir können nicht ohne weiteres von vorne beginnen. In zu vielen der Bereiche ist der Karren bereits an die Wand gefahren.

Und jetzt zeigt sich auch, wohin uns die technische Entwicklung, uns all der Fortschritt geführt hat:

– Wir leiden unter der Rigidität, der Steifheit der Systeme
– Wir haben uns vollkommen abhängig von der Technik gemacht
– Wir sind abhängig von einem Wirtschaftssystem, dass uns alle wie in ein schwarzes Loch saugt
– Wir sind zutiefst zerstritten und misstrauisch
– Wir beschäftigen uns mit Kleinigkeiten und lenken uns von wichtigen Fragen ab
– Wir hadern mit der Welt und suchen ständig Schuldige
– Wir haben der Natur an vielen Stellen einen irreparablen Schaden zugefügt
– Wir lassen Tiere leiden, nur damit sie uns gefügig und gefällig sind
– Wir pervertieren unser eigenes Leben und sind dabei auch noch unglücklich

Man könnte diese Liste noch fortführen, doch man kann es auch zusammenfassen: Unser Fortschritt war gar keiner – sondern ein Rückschritt! Der Glaube an technische Lösungen hat uns verleitet zu glauben, dass wir die Probleme die wir geschaffen haben, technisch lösen können. Dabei entstehen allerdings immer neue Probleme. Probleme die sich noch schlechter bewältigen lassen.

Was ist RFID?

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Die Frage lautet also wirklich: „Müssen wir das alles tun?“ Ist der Gewinn, den wir daraus ziehen, wirklich größer als der Verlust der uns schon jetzt ereilt? Wir haben die Effizienz der Technik vorangetrieben, haben sie zu Produkten, zu Geld gemacht. Wir haben uns an ihr erfreut, wir genießen den technischen Luxus und lassen uns durch Technik davon ablenken, an die Konsequenzen des Handelns zu denken.

Wurde wirklich etwas besser?

Es heißt ja immer, dass die Technik ein Segen sei. Ein beliebtes Beispiel ist die Medizin, in der wir ja durch Technik viel besser heilen und helfen können. Ein weiteres Beispiel der Lebenskomfort und der Hinweis auf die Versorgung. Nahrungsmittelindustrie, Verkehr, Kommunikationstechnik, Internet uswusf.

Claytronics

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Doch man kann sich jeden dieser Bereiche vornehmen und wird entdecken, dass hier die Technik die Situation nicht nur verbessert hat. Denn Technik bedeutet auch Administration, bedeutet Rationalisierung, bedeutet den Verlust der menschlichen Komponente in immer mehr Bereichen unseres Lebens. Pharmazie, Nahrungsproduktion, Nachrichtentechnik, landwirtschaftliche Produktion, Unterhaltung, Sport… In allen Bereichen hat sich die Effizienz eingeschlichen. Überall fand zugleich eine Entfernung vom Menschen, sogar vom Menschen selbst statt.

HRP-4C Miim’s Human-like Walking

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Natürlich bringt es keinen Spaß bei der Nutzung des Smartphones, des Computers, des Flugzeugs, des Autos, beim Verzehr des Mittagsmahls, beim Konsum an die Produktionsbedingungen, an Ausbeutung, an Müll, an Umweltverschmutzung, an das leid von Menschen und Tieren zu denken. Nur zu viele von uns winken lieber ab, sagen, dass Leben sei eh schon schwer genug, da wolle man nicht verzichten. Oder, da könne man ja im Kleinen auch nichts ändern. Dach mache dieses eine Mal den Kohl auch nicht fett. Doch weit gefehlt, denn man muss nun mal an die Masse denken. Die Masse der Menschen, die Masse der Produkte, des Mülls, des Leids und der Zerstörung. Man kann es ausblenden, aber – so zeigen Globalisierung und Wirtschaftskrisen – klopfen irgendwann an die Tür.

Die Kinder vom Müllberg

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Man muss sich fragen, in welchem Bereich Technik und Fortschritt den Menschen wirklich voran gebracht haben. Wo gibt es Entwicklungen an denen wirklich alle profitieren? Diese sollt man sich anschauen und aus ihnen Strategien für die Zukunft entwickeln.

Was ist, wenn wir die große Maschine stoppen?

Was wäre also, wenn wir den Fortschritt stoppen würden? Was meint diese seltsam flutschige, sehr zu fassende Wort überhaupt? Würden wir dann alle wie im Mittelalter leben? Würden das Chaos und unsägliches Leid über uns kommen? Davon ist wohl kaum auszugehen.

Was also, wäre… Wir würden uns mit mehr Aufmerksamkeit ansehen, wo eine Entwicklung ihre Folgen hinterlässt. Wo sie schadet, wo sie uns und unser Umwelt gut tut. Wir würden uns nicht mehr davon ablenken lassen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Wir müssten keine Ausreden mehr erfinden und Tausende von PR- und Werbeagenturen beschäftigen, die die Welt so hin biegen, dass wir die Gefahren die mit unserem Handeln einher gehen nicht sehen. Wir würden nicht mehr den Maschinen überlassen, über Wohl und Wehe der Menschheit zu entscheiden.

Wir würden Effizienz infrage stellen und vielleicht erkennen, was uns wirklich glücklich macht. Wir würden zwar einiges verlieren, doch umso mehr gewinnen – denn wir würden uns am Ende womöglich selbst wiederfinden. Wir würden bescheidener und würden das Wir neu entdecken. Wir könnten uns von dem alles erdrückenden Konkurrenzgedanken verabschieden. Wir müssten nicht alles erreichen, alles schaffen, alles tun was möglich ist, da uns nichts dazu drängt.

Wir müssten nicht lautlos Kriegen zustimmen, die immer perverseren, technischen Mitteln geführt werden. Wir müssten nicht mit ansehen, wie alle Lebensgrundlagen nach und nach zerstört werden. Wir müssten nicht für unsere Sicherheit die Freiheit aufgeben. Wir könnten, wir dürften wieder Mensch sein.

An einem schönen Abend nichts weiter tun als den Moment genießen. Nur mal so in der Sonne liegen. Einfach da sein. Und alles das ohne die Sorgen, dass wir den Anschluss verpassen, das wir überrollt, übergangen, überholt werden. Allein diese Ruhe, die Empfindung eines Glücks, dass aus dem Nichts entsteht, lohnt über den Verzicht nachzudenken.

Denn was ist der Fortschritt schon wert, wenn nicht wirklich vom Fleck kommen? Oder wie heißt es so schön: „Gestern standen wir noch am Abgrund. Heute sind wir schon einen Schritt weiter…“

Bildquelle: Martin Schneider (pixelio)