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Mein Moment der Wut
Letzte Woche war ich bei einem Seminar der Radikalen Töchter. Das ist eine Gruppe von politischen Aktionskünstler*innen, die uns an diesem kalten und grauen Januarnachmittag zeigten, wie das geht – mit der Aktionskunst und dem politischen Protest. Sie nutzen für ihre Arbeit 12 Prinzipien oder Methoden. Und eine davon ist „Wut und Empörung“! Sie forderten uns auf, uns daran zu erinnern, wann wir das letzte Mal so richtig wütend waren. Und ich hatte sofort eine E-Mail im Kopf, die ich an diesem Morgen erhalten hatte:
Die Redaktion von Correctiv teilte darin mit, dass immer mehr Kinder und Jugendliche unter psychischen Erkankungen leiden. „Psychische Erkrankungen sind inzwischen der häufigste Grund für stationäre Krankenhausaufenthalte bei jungen Menschen. Die Zahlen steigen seit Jahren kontinuierlich. Wer heute dringend Hilfe braucht, wartet oft vier bis sechs Monate auf einen stationären Psychiatrieplatz“, las ich da. Die Politik war aktiv geworden und hatte u.a. ein Pilotprojekt mit einem Präventionsprogramm an Schulen gestartet. Das Ergebnis war, dass diese Sache eindeutig erfolgreich war. Doch statt das Programm nun bundesweit auszurollen wurde es … eingestellt. Der Sparwahn der Union hatte zugeschlagen – auf Kosten der nächsten Generation mit unbekannten langfristigen Folgen und Kosten!
Die Wut kocht hoch …
Ich las das und spürte, wie eine Welle der Wut in mir hochstieg. Ich musste an eine meiner Nichten denken, die monatelang warten musste, bis sie überhaupt eine Diagnose bekam. Ein Therapieplatz ließ noch viel länger auf sich warten. Meine Wut war tief, ehrlich und schmerzhaft. Doch trotz dieses starken Gefühls tat ich nichts. Ich klickte weiter, schrieb einen wütenden Post und wartete darauf, dass sich etwas änderte. Doch natürlich geschah nichts. Das Programm war eingestellt. Meine Wut verwandelte sich in ein dumpfes, nagendes Gefühl der Ohnmacht.

Kennst du das auch? Dieses Gefühl, wenn dich etwas so sehr aufregt, dass du am liebsten laut schreien möchtest – aber gleichzeitig spürst, wie diese Energie verpufft, weil du nicht weißt, wo du anfangen sollst? Vielleicht ist es die Klimakrise, die dich nachts wachhält. Vielleicht die Ungerechtigkeit, die du in deinem Alltag erlebst. Oder die Politik, die Menschen wie dich ignoriert. Wut ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir nie gelernt haben, mit ihr umzugehen.
Wut als Signal mit unterschätztem Potenzial
Eigentlich ist Wut in so einer Situation eine angemessene Reaktion. Doch die Wut hat in unserer Kultur ein echtes Imageproblem. Sie gilt als unkontrolliert, destruktiv und etwas, das wir „in den Griff kriegen“ müssen. Dabei ist sie eine der mächtigsten Emotionen, die wir besitzen – weil sie uns zeigt, was uns wirklich wichtig ist und wo wir unbedingt was ändern müssen.
Wut ist kein Zufall. Sie ist ein Alarmsystem, das anspringt, wenn etwas gegen deine Werte verstößt. Wenn du dich ohnmächtig fühlst. Wenn du spürst: Hier stimmt etwas nicht. Psychologisch betrachtet, ist Wut eine Reaktion auf eine Bedrohung – nicht nur für dich selbst, sondern für das, was dir am Herzen liegt. Sie sagt dir: „Das hier ist wichtig. Tu etwas.“
Warum Wut ein Treibstoff für Veränderung ist
Und so geht es nicht nur mir und dir. Die Geschichte zeigt, dass fast jede große ökologische und/oder soziale Veränderung mit Wut begann. Hier drei Beispiele:
- Greta Thunberg setzte sich wutentbrannt mit einem Pappschild vor das schwedische Parlament in Stockholm. Sie hätte damals wohl nicht gedacht, dass sie damit eine weltweite Klimagerechtigkeitsbewegung mit dem Namen „Fridays For Future“ lostreten würde. Sie handelte einfach, weil sie so wütend war über die Ignoranz der Politik gegenüber der ökologischen Krise.
- Tarana Burck arbeitete in einem Camp mit Jugendlichen, als ein Mädchen zu ihr kam und ihr ihr Herz ausschüttete über das, was ihr „Stiefvater“ mit ihrem heranwachsenden Körper tat. Ihre Unfähigkeit, ihr zu helfen, verwandelte sich in Wut. Ihre Wut verwandelte sich in eine Tat: sie dachte sich den Hashtag #MeToo aus. Zehn Jahre später kam für diesen Tag der durchschlagende Erfolg und machte erstmals deutlich, dass sexualisierte Gewalt ein weltweites Problem ist, das wir nicht länger ignorieren können.
- Rosa Parks weigerte sich am 1. Dezember 1955 ihren Sitzplatz in einem Bus in Montgomery für einen weißen Fahrgast zu räumen, obwohl die Segregationsgesetze es von ihr verlangten. Später sagte sie, sie sei nicht „einfach nur müde“, sondern vor allem müde und wütend darüber gewesen, immer wieder erniedrigt zu werden.
Du siehst: Die Wut ist der Funke. Doch Handeln entfacht das Feuer. Genau hier liegt ein Paradox: Obwohl die Wut dir zeigen kann, was falsch läuft, blockiert sie dich oft genau dann, wenn es darum geht, etwas zu verändern. Warum? Weil die meisten von uns nicht gelernt haben, ihre Wut richtig zu nutzen.
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Die Psychologie der Wut: Warum uns Wut lähmt
Unser Gehirn reagiert auf das Gefühl von Wut wie auf eine äußere Bedrohung. Die Amygdala – das emotionale Zentrum unseres Gehirns – wird aktiv. Es reagiert auf Gefahren und löst schnelle Reaktionen aus. Wenn wir wütend sind, versetzt sie uns in den Kampf-oder-Flucht-Modus. Gleichzeitig wird der präfrontale Cortex – der für Planung, Kontrolle und rationales Denken zuständig ist – gedämpft. Das erklärt, warum wir in Wutsituationen oft so reagieren:
- Wir handeln impulsiv und bereuen es später
- Wir fühlen uns überflutet – und tun gar nichts
- Wir richten die Wut nach innen (Selbstvorwürfe: „Warum reg ich mich überhaupt auf?“)
Dazu kommen drei klassische Wut-Fallen, die uns im Kreis laufen lassen:
- Die Illusion der Ohnmacht: „Was kann ich schon ausrichten?“ Diese Frage ist der Killer jeder Veränderung. Denn sie unterstellt, dass Handeln nur dann sinnvoll ist, wenn es sofort die Welt rettet. Dabei beginnt jeder Wandel mit einem kleinen Schritt (wie dir die Beispiele oben zeigen).
- Die moralische Falle: „Wut ist unproduktiv. Ich sollte lieber sachlich bleiben.“ Als ob Emotionen und Rationalität sich ausschließen. Dabei ist es genau die Kombination aus Leidenschaft und Strategie, die Bewegungen stark und erfolgreich macht!
- Die Zerstreuungsfalle: Du scrollst dich in Wut, teilst wütende Posts, diskutierst stundenlang in Kommentarspalten – und fühlst dich auch irgendwie aktiv. Doch am Ende des Tages hat sich nichts verändert, außer vielleicht dein Blutdruck :-).
Die Lösung: Nutze deine Wut als Kompass!
Und – tappst du auch in eine dieser Fallen hinein? Dann ist es nicht verwunderlich, dass du die Wut als nicht besonders hilfreich empfindest. Mir geht es oft auch so. Doch anstatt Wut zu fürchten und vermeiden zu wollen, könntest du sie auch befragen. Zum Beispiel:
- Was genau löst meine Wut aus? (Benenne die konkrete Ungerechtigkeit, die dich stört)
- Welche Werte werden hier verletzt? (Geht es um Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Freiheit etc.?)
- Wer hat die Macht, etwas zu ändern? (Ist das die Politik, ein Unternehmen oder deine Nachbar:in?)
Du siehst jetzt vielleicht: Wut ist nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist, dass wir unsere Wut oft wie einen Feind behandeln – statt wie einen Verbündeten. Und oft ist uns auch nicht wirklich ganz bewusst, wieso wir eigentlich wütend sind – und was sich ändern müsste, damit wir es nicht mehr sind.
Von der Wut zur Lösung: Von der Emotion zur Aktion
Der erste Schritt, damit du Wut konstruktiv nutzen kannst, ist, dass du dir überhaupt erst einmal bewusst machst, dass du wütend bist und warum genau. Wenn du verstehst, wie deine Emotionen entstehen, kannst du auch lernen, sie zu steuern und gezielt einzusetzen. So, und nun schlage ich dir vor, wie du das konkret machen kannst:
Schritt 1: Verstehe deine Wut!
Zum Zweck der Übung greife ich die Frage von den Radikalen Töchtern auf und frage dich: wann warst du das letzte Mal wütend? Es muss nicht der riesengroße Wutausbruch sein. Es kann auch eine Situation sein, in der du dachtest „das darf doch wohl nicht wahr sein!“. Nimm dir fünf Minuten Zeit und schreibe einen Brief an deine Wut. Keine Zensur, kein „Das klingt albern“. Fang mit den folgenden Sätzen an und schreibe dann mindestens einen halben DIN-A4-Zettel voll:
Liebe Wut, du bist da, weil ich [konkretes Ereignis] nicht länger hinnehmen will. Du zeigst mir, dass mir [Wert, z. B. ‚eine lebenswerte Stadt‘/‚Gerechtigkeit für alle‘/‚der Schutz unserer Wälder‘] wichtig ist. Was willst du, dass ich tue? …
Mein Beispiel von oben:
Liebe Wut, du bist da, weil ich nicht länger hinnehmen will, dass Kinder und Jugendliche mit ihren psychischen Problemen alleine gelassen werden. Mich empört es, dass es in einem so reichen Land kein Geld für die Gesundheit der nächsten Generation geben soll. Und das von einer christlichen Partei! Liebe Wut, du zeigst mir, dass mir Werte wie Menschenwürde, Nächstenliebe und Generationengerechtigkeit wichtig sind. Du willst, dass ich …
Schritt 2: Was ist die Minimum Viable Action (MVA)?
„So gut, so schön“, denkst du nun vielleicht. Aber was könntest du nun konkret tun? Dein Tag ist voll, du bist ohnehin schon erschöpft – und das, was dich wütend macht ist vielleicht ebenso groß und liegt im Entscheidungsrahmen anderer wie bei meinem Beispiel. Macht nichts!
Die meisten von uns scheitern nämlich nicht daran, dass sie nicht etwas tun möchten. Die meisten sind von der überwältigenden Größe ihrer Ziele eingeschüchtert und verunsichert. Die Lösung? Fang so klein an, dass du nicht „nein“ sagen kannst. Denn auch kleine Taten sind wirklich wichtig und auch du kannst etwas tun! Greta Thunberg, Tarana Burck und Rosa Parks hätten vielleicht auch nie gedacht, dass ihre „kleine“ Aktion so große Folgen haben würden …
Frage dich also:
„Was ist die einfachste, schnellste Handlung, die ich heute tun kann, um das zu verändern, was mich wütend macht – ohne mich zu überfordern?“
Sammele möglichst konkrete Ideen und sortiere sie nach Aufwand (beispielsweise in Minuten) und Wirkung (klein, mittel, groß). Hier ist ein Ausschnitt von dem, was mir so eingefallen ist:
- Einen Post mit einem klaren Appell schreiben (Aufwand: 2 Minuten, Wirkung: mittel)
- Correctiv für ihre Recherchen mit einer Spende unterstützen (Aufwand: 3 Minuten, Wirkung: mittel)
- Eine Petition zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen unterstützen und an drei Freund*innen schicken (Aufwand: 5 Minuten, Wirkung: mittel)
- …
Wichtig: Es geht nicht um Perfektion. Und schon gar nicht geht es darum, dass du alleine die ganze Welt verändern und retten musst. Es geht vor allem darum, den Kreislauf der Ohnmacht zu durchbrechen und dich darin zu üben, deine Wut in eine produktive und konstruktive Aktion zu verwandeln. Je öfter du das machst, desto leichter wird es dir fallen. Im Idealfall ist die automatische Reaktion deines Körpers/Geistes bei Wut: was kann ich tun, um das zu ändern?
Schritt 3: Von der Aktion zur Bewegung – die 5-Minuten-Regel
Wenn dich eine Idee überfordert, reduziere sie auf fünf Minuten. Beispiele:
- Statt „Ich organisiere eine Demo“ → „Ich schreibe heute auf Signal fünf Leute an, die auch sauer sind.“
- Statt „Ich starte eine Kampagne“ → „Ich schreibe einen Protestbrief an die CDU.“
Tipp: Wie du spielerisch und kreativ mit Freude einen Protestbrief schreiben kannst, das zeigen wir dir hier: https://www.fuereinebesserewelt.info/anleitung-protestbriefe-schreiben/
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Das neue Narrativ: Wut ist der Anfang – nicht das Ende
Wut ist also nicht so negativ und destruktiv wir ihr Image. Es liegt an dir, ob du deine Wut zu einem konstruktiven Motor für Veränderungen machst. Deine Wut zeigt dir jedenfalls, wo du die Welt nicht so hinnehmen willst, wie sie derzeit ist. Und genau das macht deine Wut so wertvoll.
Am Ende geht es nicht darum, die Wut loszuwerden oder zu unterdrücken. Das funktioniert meist nicht so gut. Es geht vielmehr darum, deiner Wut einen Raum zu geben – und aus diesem Raum heraus klug und weise zu handeln, anstatt dich lähmen zu lassen.
Wut ist nicht dein Feind. Sie ist dein Weckruf. Die Frage ist nicht, ob du wütend bist oder nicht – sondern was du mit deiner Wut machst.
Vielleicht ist dein erster Schritt, heute Abend eine E-Mail zu schreiben. Vielleicht ist es, morgen mit einer Freundin über deine Idee zu reden. Vielleicht ist es, einfach mal laut zu sagen: „Das akzeptiere ich nicht länger.“
Was macht dich so wütend, dass du heute noch den ersten Schritt gehst?
Ressourcen zum Weiterlesen & Handeln
- Campact – Für Kampagnen zu sozialen und ökologischen Themen.
- Avaaz – Globale Petitionen und Aktionen.
- Change.org – Eigene Petitionen starten.
- Radikale Töchter – Aktionskunst für eine bessere Welt.
Denk daran: Jede große Bewegung begann mit einer Person, die sagte: „Genug.“ Vielleicht bist du die nächste. Fang klein an. Aber fang an.

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