7Talks für eine bessere Welt [Teil 1/7] Kultur & Medien

In der ersten Folge unserer experimentellen Talkreihe, 7Talks, haben wir Dominik Brück, den stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur von Mittendrin, dem Nachrichtenmagazin für Hamburg Mitte, zu Gast. Es geht um die Frage: „Wie sollten unsere Medien in Zukunft aussehen?“

1. Runde

Die Momentaufnahme

Seit einigen Jahren hat sich unsere Medienwelt sehr verändert: Einerseits haben wir mit dem Internet ein faszinierendes, effektives Echtzeit-Medium, mit dem wir eigentlich alles machen können – spielen können – das eigentlich allen zugänglich ist – weitgehend… Mit dem wir vollkommen neue Formen interaktiver Kommunikationen finden, alle erdenklichen Sachverhalte diskutieren können. Mit dem wir soziale, politische Prozesse lostreten können. Weltweit! Im Kleinen, unter Bekannten, aber eben auch über große Distanzen.

Wir verfügen über eine Technologie, eigentlich um gemeinsam die Welt zu verbessern, aber irgendwie hakt es noch. Es gibt genügend Schwierigkeiten. Vielleicht einmal deswegen, weil diese Technik sehr filigran ist. Wir können überwacht werden. Wir können manipuliert werden. Es ist alles möglich, um damit auch negative Prozesse anzuschieben. Außerdem sind wir alle sehr eilig, weil es so viele Informationen gibt. Wir befinden uns ständig auf einer Jagd nach den neuesten Informationen. Wir sind unter dem Diktat der Zeitökonomie und das ist eigentlich eines unserer größten Probleme, dass wir eigentlich gar nicht mehr wissen: Was interessiert es? Wie wichtig ist es für uns? Und in welcher Zeit müssen wir es drauf haben, um damit umzugehen?


Die Zielfrage

Sind wir mit der Situation zufrieden, so wie die Medien sind? Ist da noch genügend Spiel? Kann man da noch was verändern? Und wenn ja, wie kann man es verändern? Die Zielfrage für diesen Talk lautet:

„Wie sollten unsere Medien in Zukunft aussehen?“


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Die Themenfelder

In der ersten Runde konnten sowohl unser Talkgast Dominik Brück, als auch die Zuschauer Themenfelder vorschlagen, die sie für besonders wichtig und problematisch halten:

Verlust der Relevanz

Dominik Brück: „Wenn man all die Möglichkeiten die wir heute mit dem Internet haben jemandem in den 50er Jahren erklären sollte und ihm sagen würde: Wir haben dieses kleine Gerät und wir können damit auf das gesamte Wissen der Menschheit zugreifen. Und dann müssten wir ihm erklären: Wir nutzen das Gerät dafür, um uns Bilder von Katzen anzugucken…“ Das ist eines der ersten, großen Probleme der Medienwelt: Wenn man in größere Magazine guckt, wenn man sich umschaut, was gerade im Online-Journalismus passiert… es geht um Katzen-Content. Lustige Videos und irgendwelche skurrilen Geschichten, die voneinander abgeschrieben werden.“

Diktatur der Klickzahlen

Dominik Brück: „Irgendeine amerikanische Seite, wie BuzzFeed hat eine lustige Geschichte: Süßes Baby fällt neben niedlichem Welpen in den Brunnen. Katze trägt es wieder raus. Das wird abgeschrieben, ins Deutsche übersetzt, wird mit lustigen Bildern gespickt – so ein Artikel ist in 5 Minuten produziert. Und dann wird das über soziale Medien viral verteilt. Man freut sich ganz toll, weil sich das Tausende von Menschen angucken. Man bekommt die Klickzahlen hoch und kann das den Werbekunden verkaufen für unseren tollen Journalismus. Schaltet doch Werbung bei uns. Aufgrund der sogenannten Medienkrise mussten viele Verlage dazu übergehen, ihren Geschäftsführern und Aufsichtsräten möglichst hohe Klickzahlen und Auflagen zu verkaufen.“

Finanzielle Abhängigkeit

Dominik Brück: „Es geht im Kern darum, dass wir ein Finanzierungsproblem haben. Die meisten Menschen informieren sich online. Online verdient aber nicht genügend Geld. Und deswegen hat man diesen Druck dahinter, Erfolge zu liefern. Unter diesem Druck verlieren wir aber ganz viel von der Unabhängigkeit der Medien. Es gibt Native Advertising, es gibt Sponsored Blogs, ja diesen Drang, den Werbekunden zu gefallen, bei gleichzeitigem Verlust der Relevanz. Dabei entfernen wir uns in den Medien von dem wofür die Medien in einer besseren Welt da sein sollten: Sie sollten informieren, sie sollten kritisch hinterfragen, sie sollten aufdecken. Und müssen dafür auch eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit haben. Wir brauchen also eine Möglichkeit, unsere Leute in den Medien unabhängig zu halten. Es muss keiner reich werden, oder ein Medienimperium begründen, aber er muss von seiner Arbeit seinen Kühlschrank füllen und seine Miete bezahlen können! Und das haben viele, die nicht bei den großen Blättern arbeiten, weil sie nicht diesen Content generieren wollen, nicht.“

Zeitungssterben

Dominik Brück: „Man hat zudem das Problem des sogenannten Zeitungssterbens, dass gerade die Print-Zeitungen zurzeit zurück gehen. Das wird ein Problem sein, weil wir viele Kollegen haben, die noch nicht im Digitalen Zeitalter angekommen sind. Es gab letztens eine Studie, die sagte: Es wird in 10 Jahren in den USA, die sind hier etwas weiter als Europa, keine gedruckte Tageszeitung mehr geben. Das Ganze wird sich nur noch online abspielen. Mit allen Chancen und Risiken die das mit sich bringt. Das ist ein Wandel, den man auch personell stemmen muss.“

Unzeitgemäße Ausbildung

Dominik Brück: „Wir haben das Problem, dass wir viele Leute haben, die auch von der Ausbildung her gar nicht in der Lage sind, diese Medienwelt mitzugestalten. Ein Kollege von mir hat letztens an einer Journalistenschule gefragt: Wer von Euch möchte denn nach seinem Abschluss in den Online-Journalismus gehen? Da haben sich von 25 Kursteilnehmern zwei gemeldet! Und das in einer Zielgruppe von 20 – 29 Jährigen! Das heißt, dieser Wandel den wir gerade messbar durchmachen, ist bei vielen noch gar nicht angekommen. Es ist also auch ein Problem, dass wir die ganze journalistische Ausbildung in Zukunft anders gestalten müssten.“

Meinungsmonopol

Zuschauer: „Mich würde interessieren, was Du von einer Kultur-Flatrate und einer möglichen Entliberalisierung des Medienmarktes hältst. Die eine Sache ist, dass es durch die Liberalisierung viele unterschiedliche Standpunkte gibt, wenn man aber z.B. eine Kultur-Flatrate hätte, hätte der Staat das Meinungsmonopol. Wie sollte es finanziell aufgeteilt werden?“ 

Fehlende Meinungsfreiheit

Zuschauerin: „Ich würde gern noch die fehlende Meinungsfreiheit, die sogenannte Schere im Kopf ansprechen. Das Journalisten oft nicht mehr das schreiben können was sie wollen, weil sie es vorgeschrieben bekommen.“

Verbraucherverhalten

Zuschauerin: „Mir fällt noch das Verbraucherverhalten ein. Das wir das häufig gewohnt sind, dass im Internet alles umsonst ist. Meine Kernaussage ist: Entweder wir bezahlen mit Geld, oder wir bezahlen mit unseren Daten.“

Journalistenhandwerk

Zuschauerin: „Ich wollte darauf hinweisen, dass das Internet ein visuelles Medium ist. Man guckt gern Bilder an. Man liest nicht mehr. Ich finde das extrem anstrengend im Internet länger als 10 Minuten zu lesen. Ich gehe dann auf YouTube und gucke mir einen Film an. Da müssen die Journalisten etwas finden, dass sie Bild und Sprache so prickelnd und crisp aufbereiten, dass man gehalten wird. Das ist eine handwerkliche Geschichte. Und – das ist an uns alle gerichtet- wir müssen eine Bereitschaft erzeugen, dass die Leute uns zahlen wollen. Und da gibt´s auch schon Ideen.“ 

Medienkompetenz

Zuschauer: „Wir haben ziemlich viele Informationen zur Verfügung. Damit muss die neue Generation erst einmal umgehen können. Da müssen sich intelligente Menschen mal Gedanken machen, wie man das unter einen Hut kriegen kann.“


2. Runde

Szenarien für eine bessere Welt

In der 2. Runde haben wir gemeinsam positive Szenarien und Lösungsansätze gesammelt.

Medienvielfalt

Dominik Brück: „Ein Prozess ist bereits in Gang gekommen und das ist eine größere Medienvielfalt! Wenn man an die 90er Jahre und die großen Tageszeitungsmedien denkt, konnte man diese an einer Hand abzählen. Das sind die Meinungsmacher gewesen die bestimmt haben, was gerade diskutiert wird, was gerade die Themen sind. Durch das Internet haben wir die Chance, dass man relativ leicht eine viel größere Medienvielfalt schaffen kann. Mittendrin ist ein Beispiel aus Hamburg. Es hat sich ein lokales Medium gegründet. Aber das ist nicht nur in Mitte passiert. Es gibt auch die Eimsbüttler Nachrichten, es gibt WilhemsburgOnline, es gibt Elbmelancholie, es gibt ALTONA INFO. Das sind allein schon in Hamburg fünf Online-Magazine, die sich parallel zu den großen Etablierten gegründet haben. Und ich persönlich wünsche mir, dass es noch mehr werden. Denn jeder hat einen anderen Blick auf ein Thema.“

Meinungsvielfalt

Dominik Brück: „Es ist gut für die Meinungsfreiheit, wenn ich verschiedene Medien habe die über das gleiche Thema berichten – und andere Blickwinkel herstellen. So kann sich ein Leser der sich aus unterschiedlichen Quellen informiert wirklich eine Meinung bilden, die auf verschiedenen Faktoren basiert.“

Finanzierung

Dominik Brück: „Wenn wir dieses Problem lösen wollen, dass wir Medienvielfalt und unabhängige Medien brauchen, dann müssen wir uns über die Finanzierung unterhalten. Eine Kulturflatrate haben wir ja im Endeffekt schon. Es gibt ja die Öffentlich Rechtlichen. Deutschland ist einer der wenigen Staaten, der dieses Modell hat. Da bezahlen wir ja alle schon, damit wir unabhängigen Journalismus haben. Das Problem ist, das reicht noch nicht! Weil der Staat da auch mit drinnen hängt – in den Aufsichtsräten. Das ist ergänzungsbedürftig durch andere Medien, um die Unabhängigkeit der gesamten Medienlandschaft zu gewährleisten. wenn man über eine Finanzierung nachdenkt, dann muss das über die Crowd passieren, über die Leser. Wenn wir alle zusammen dort hinein investieren dass unsere Medien unabhängiger sind, dass sie arbeiten können, um größere Projekte umzusetzen, brauche ich Ressourcen.“

Wertigkeit im Netz herstellen

Dominik Brück: „Der Journalismus der Zukunft ist gerade in so kleinen Projekten, die lokal vor Ort sind. Das muss über die Leser kommen. Es muss über eine Zahlungsmoral kommen, die da wieder rein muss. Vielleicht brauchen wir auch andere Bezahlmodelle. Denn ich möchte gar nicht, dass meine Leser mit Daten zahlen müssen. Ich möchte, dass sie mir für ein gutes Produkt Geld geben. Ich gehe zum Bäcker. Der macht mir ein leckeres Brötchen. Ich gebe ihm einen Euro dafür. Genauso muss es im Internet eigentlich auch laufen: Ich habe einen guten Text gelesen und ich muss – ohne mich großartig anmelden zu müssen oder meine Kreditkartennummer einzugeben, in der Lage sein, dass zu bezahlen.“

Alternative Angebote leichter auffindbar machen

Zuschauer: „Es ist relativ schwierig, auf kleine Projekte wie z.B. Mittendrin zu kommen, wenn man sie nicht kennt… Und es gibt im Moment keine wirkliche Meta-Suchmaschine für News, außer Google. Wenn es das geben würde, könnte man sich zu einem Thema aus mehreren Quellen informieren, ohne auf die einzelnen Seiten zu müssen. Oder vielleicht dann doch nur die Großen im Kopf zu haben. Und wenn man dann öfter etwas von Seite liest, dann merkt man sich die!“

Aussuchen, was man unterstützt

Zuschauerin: „Bei den Öffentlichen Rechtlichen zahlen wir ja schon eigentlich alle. Aber das ist eine Zwangsabgabe. Ich würde manchmal aber lieber andere Medien unterstützen. Vielleicht wäre das ein Ansatz: Jeder der das Internet nutzt, muss auch unterstützen, aber ich kann mir das aussuchen, welche Portale ich unterstützen möchte.“

Die Wichtigkeit des Journalismus

Zuschauerin: „Ein Schlüssel wird sein den Leuten klar zu machen, wie wichtig unabhängiger Journalismus ist. Das Bewusstsein dafür ist, glaube ich, weitgehend verloren gegangen. Und den Menschen klar zu machen, was hier eigentlich passiert – und damit muss man in den Schulen bereits anfangen – das wäre super wichtig.“

Internet als Geschenkgut

Zuschauerinnen: „Man müsste Internet verschenken können. Ja, warum nicht gerade solche Sachen zu verschenken, statt Weihnachten irgendetwas anderes zu kaufen verschenke ich z.B. Mittendrin unterstütze. Das finde ich, ist eine tolle Idee.“

Probeabos erweitern

Zuschauerin: „Man könnte Probeabos erweitern und verlängern. Gerade für Personen die keine Zeitung zuhause haben oder die es von den Eltern nicht gewohnt sind, Zeitungen zu lesen. Das man da Rabatte und Probeprogramme erweitert. “


3. Runde

Fazit

„Gerade weil wir so viele Probleme derzeit in diesem Bereich haben, gibt es keine bessere Zeit um Journalist zu werden“ (Dominik Brück)


Mitmachen!

Das waren einige Auszüge aus dem Talk. Wenn Ihr mehr erfahren wollt schaut Euch das Video an. Wir werden demnächst die Themenfelder, Szenarien und Lösungsansätze noch weiter diskutieren und überlegen hierfür ein Plenum einzurichten. Wenn Ihr weitere Themenvorschläge, Meinungen zu den genannten Themenfeldern oder auch Lösungen habt, dann freuen wir uns über einen Kommentar!

Info

7Talks für eine bessere Welt ist eine experimentelle, interaktive Talkshow von 4,5 Stunden anlässlich der Konferenz für eine bessere Welt, am 7. September 2014 in Hamburg. Talkgäste und Zuschauer sammeln und diskutieren gemeinsam Szenarien für eine bessere Welt. Alle Talks werden zeitlich auf einer großen Wand illustriert.

Moderation: Marek Rohde
Co-Moderation: Jonas Laur.
Graphic Recording: Clara Roethe
Video: Erster Sinn.

http://hh-mittendrin.de
http://clararoethe.de
http://www.erstersinn.de

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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