Sticken, stricken, nähen, häkeln … Alles langweilige, triviale Hausfrauen-Handarbeit, die kaum einen Wert hat? Anlässlich des internationalen Frauentags widme ich mich in diesem Post dem Sticken. Sticken ist Kunst, Protest und Empowerment!

Bereits in den 1970ern fingen feministische Künstler:innen an, die Geringschätzung der weiblichen Handarbeit im allgemeinem Kunstkontext zu hinterfragen. Künstlerinnen wie Miriam Shapiro erhoben das Nähen, Quilten, Sticken, Stricken und Häkeln zur Kunstform. Dorthin, wo es eigentlich schon lange gewesen wäre – wären dies Männertätigkeiten gewesen.

Die sogenannte Pattern-and-Decoration-Bewegung wollte in den 1970er Jahren das Dekorative wieder in die Kunst zurückholen, nachdem Minimal Art und die Konzeptionkunst vor allem das Rationale feierte. Dabei hinterfragten Künstler:innen wie Joyce Kozloff, Valerie Jaudon, Robert Kushner und Miriam Schapiro nicht nur tradierte Vorstellungen von Kunst. Sie stellten sich auch die Frage, welchen Stellenwert Frauen, (amerikanische) Ureinwohner*innen und andere ethnischen Minderheiten im Kunstbetrieb und in der Gesellschaft haben. Sticken, Kunst, Protest verbanden sich hierbei.

Eine Installation mit Textilkunst von Małgorzata Mirga-Tas

Tradition und Zukunft

Viele Künstler:innen, die ich in diesem Kontext gefunden habe, verbinden durch ihre Stickkunst traditionelle Rollenbilder, Ästhetiken, Geschichten und brechen diese durch die Motive oder neue Formen der Stickerei. So erzählt die Künstlerin Britta Marakatt-Labba in ihrem über 20 Meter langen Stickbild »Historja« über das Leben der Sámi. So heißt eine indigene Bevölkerungsgruppe, die in Nordschweden, Finnland und Russland lebt und der auch die Künstlerin angehört. Den Sámi kämpfen um ihre politische Selbstbestimmung. Deshalb ist die Stickerei, wenn sie auch auf den ersten Blick lieblich und zahm wirkt, ein politisches Statement.

Ähnlich sieht es bei den gestickten Landkarten des philippinischen Künstlers Cian Dayrit aus. Zunächst sehen diese wie historische Landkarten aus. Doch in die Orte sind Berichte von Menschenrechtsverletzungen durch das Regime eingestickt. Hier findest du ein spannendes Interview mit ihm, warum Sticken, Kunst, Protest zusammen passen.

Bilder von Rufina Bazlova.

Wunderschön finde ich auch die Patchwork-Arbeiten der Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas (Bilder von Arbeiten sowie weitere Infos findest du zum Beispiel hier). Deshalb habe ich ihre Arbeit auch hier aufgenommen, auch wenn es streng genommen gar nicht um’s Sticken geht. Die polnische Künstlerin ist Roma und verarbeitet ihre Herkunft nicht nur inhaltlich-thematisch in ihren Arbeiten. Zum Beispiel bei der Documenta sind auch tolle Textilarbeiten von ihr zu sehen, für die sie traditionelle Techniken verwendete.

Die belarussische Künstlerin Rufina Baslowa nutzt die traditionellen roten Kreuzstickereien auf weißem Grund aus ihrem Heimatland. Das nennt sich »Wyschywanka«. Damit zeigt sie zum Beispiel Szenen von Massendemonstrationen. Sie will die Menschen in Belarus so zum Durchhalten und Weitermachen motivieren. Ein Interview mit ihr findest du in der SZ-Online. Ihre Bilder sind auf Instagram zu sehen.

Sticktivism meets artivism

Es gibt noch viele, wirklich viele weitere Künstler:innen, die das Sticken, Stricken, Nähen, Häkeln, Klöppeln und was weiß ich noch alles zur Kunstform erheben. Zu recht, finde ich. Ich jedenfalls habe dies zum Anlass genommen, um meinen eigenen, bescheidenen Beitrag zum Kulturerbe zu leisten: Die Krawattensammlung von meinem Opa werde ich nach und nach zu »Krawall-Krawatten« umsticken. Angefangen habe ich mit zwei Exemplaren anlässlich des internationalen Frauentages heute …

P.S. Hast du auch solche künstlerisch-kritisch-politischen Handarbeiten? Dann melde dich bei uns! Wir teilen sie gerne!